Lennon ist tot von Alexander Osang, S. Fischer, 2007

Alexander Osang

Lennon ist tot
(Leseprobe aus: Lennon ist tot, Roman, 2007, S. Fischer)

Die Küche war leer, aber im Kühlschrank stand mein Essen,
bedeckt mit einer durchsichtigen Frischhaltefolie. Huhn,
Reis und Broccoli. Schon wieder Huhn. Es war kurz nach neun,
von oben hörte ich die hohe Stimme von Teddy, der ins Bett
musste, aber nicht wollte. Ich schaute in den großen weißen
Kühlschrank, ich hätte mir gern eine Flasche Brooklyn Lager
aus dem Bierkarton genommen, aber ich hatte Angst, dass sich
David dann vielleicht auch eine nahm und zu mir in die Küche
setzte, um über Haarausfall oder Deep Purple zu reden. Im
Augenblick saß er neben seiner Frau auf der Eckcouch. Ich
schloss den Kühlschrank und sah durch die Glastür, die Küche
und Wohnzimmer trennte, zu den beiden hinüber. Auf ihren
Gesichtern spiegelte sich das bläuliche Fernsehlicht irgendeines
Schwarzweißfilms wie auf der polierten Schrankwand
meiner Oma in Lichtenberg. Ihre Tochter Rose brachte Teddy
ins Bett, sie hatten eigentlich nichts mehr zu tun in ihrem Leben,
dachte ich. Ein ziemlich deprimierender Gedanke.
Ich nahm mir ein Glas und füllte es mit Leitungswasser.
Die Millers hatten so eine komische Apparatur an ihrem
Hahn, die das Wasser filterte. Das Wasser schmeckte wirklich
ziemlich nach Chlor in New York, und die Apparatur änderte
daran gar nichts, fand ich. Alle waren sehr vorsichtig hier in der
Stadt, jeder Bauarbeiter trug einen Mundschutz, die Fleischverkäufer
im Supermarkt hatten Gummihandschuhe an, und
Kinder, die im Park Fahrrad fuhren, waren gepolstert wie Formel-
1-Piloten. Ich schob das Essen in die Mikrowelle und
stellte die Uhr auf drei Minuten. Nach zwei Minuten kam David,
nahm sich ein Bier aus dem Kühlschrank und lehnte sich
an die Kochinsel in der Mitte der Küche. Er trug ein schlabbriges
T-Shirt der New York Mets aus der Saison ’86, das er sich in
die Hose gestopft hatte. Die Hose war eine graue, markenlose
Jeans, die er, wie alle seine Hosen, sehr weit hochzog. Ich würde
nie verstehen, wie man sich in einer Stadt, in der eine Levi’s nur
30 Dollar kostete, so eine Hose kaufen konnte. Davids Oberkörper
sah seltsam kurz und formlos aus.
»Und wie stehen die Aktien, Robert?«, fragte er.
»Alles schön«, sagte ich und nickte rüber ins Wohnzimmer,
wohin David hoffentlich gleich wieder verschwinden würde.
»Was seht ihr?«
»Debbie hat sich Citizen Kane ausgeliehen. Bisschen ambitioniert
für Montagabend, wenn du mich fragst. Außerdem
haben wir ihn beide schon mindestens dreimal gesehen.«
»Ah«, sagte ich. Ich hatte den Filmtitel nie gehört, wollte das
aber nicht zugeben, weil David mir dann sicher den Inhalt erzählen
würde. Ich hatte keine Lust, einen Schwarzweißfilm erzählt
zu bekommen.
David drehte den Verschluss von seiner Bierflasche, warf ihn
mit einer ziemlich angeberischen Bewegung auf den Tisch und
sagte: »Der gute alte Orson.«
Ich nickte, David redete oft in solchen Andeutungen, die ich
nicht verstand. Ich glaube, dass er mich damit beeindrucken
wollte.
»Und was geht ab in der Schule?«, fragte David und setzte
sich an den Küchentisch. Er hatte ziemlich behaarte Unterarme,
und weil das T-Shirt am Hals schon sehr ausgeleiert war,
sah man auch einen Teil seiner grauen Brusthaare, der Pelz
wuchs auf ihm wie Unkraut, sogar auf den Ohren und Fingern.
Ich würde keinen Bissen runterbekommen, solange er hier
rumsaß.
»In Politikwissenschaft nehmen wir das amerikanische
Wahlsystem durch. Ganz anders als bei uns. Ziemlich interessant
«, sagte ich.
»Es funktioniert bloß nicht. Sonst hätten wir nicht diesen
Idioten als Präsidenten«, sagte David und nahm einen tiefen
Zug aus der Flasche, so als tränke er sein Bier in einem Werbespot.
Aus irgendeinem Grund dachte David, er tue mir mit
diesen ständigen Bush-Beschimpfungen einen Gefallen. Aber
der amerikanische Präsident war mir ziemlich gleichgültig. In
meiner 12. Klasse waren alle gegen Bush gewesen, sogar die absoluten
Idioten. Pausenlos entwarfen sie irgendwelche Anti33
Bush-Petititonen. Selbst meine Eltern waren gegen Bush, vor
allem meine Mutter. Sie nahmen sich alle so wichtig. Ich fand
das langweilig und überflüssig.
»Florida hat gezeigt, was das alles wert ist«, sagte David.
Schon wieder so eine Andeutung, mit der ich nichts anfangen
konnte. Glücklichweise piepte die Mikrowelle. Ich setzte
mich mit meinem Teller zu David an den Tisch. Von oben
schrie Teddy, dahinter hörte man Rose’ sanfte, ernste Stimme.
David schaute zur Zimmerdecke und verdrehte die Augen.
»Lass dir bloß Zeit mit dem Kinderkriegen, Robert«, sagte er
und trank noch einen Schluck Bier. Ich merkte, wie ich eine
Gänsehaut auf den Armen bekam. Ich stopfte schnell ein bisschen
Reis in den Mund. Er war sehr trocken, Debbie Miller war
keine gute Köchin.
Kurz nach Mitternacht rief ich meine Mutter an, weil ich es am
Wochenende vergessen hatte. Es war jetzt sechs Uhr morgens
in Berlin, dienstags. Sie saß vermutlich in unserer Küche, trank
Kaffee und rauchte eine Zigarette, bevor sie zur Schule aufbrach.
Das machte sie jeden Morgen. Meine Mutter war Lehrerin
in Berlin-Weißensee. Es war eine Weltreise von Friedrichshagen
nach Weißensee, aber es ging nicht anders.
Meine Mutter hatte vier Jahre lang in der Praxis meines Vaters
mitgeholfen, nachdem der sich selbständig machte. Mein
Vater war Facharzt für Innere Medizin und hatte sich wohl
ziemlich übernommen mit der eigenen Praxis. Nachts hörte
ich ihn manchmal über den Flur poltern, und morgens standen
immer zwei oder drei leere Weinflaschen neben dem Mülleimer.
Jakob, mein kleiner Bruder, litt in dieser Zeit ziemlich.
Er wachte nachts auf und schrie, er prügelte sich, er schwänzte
die Schule. Jakob nahm sich immer alles sehr zu Herzen.
Meine Mutter kündigte in der Schule in Köpenick, wo sie bis
dahin unterrichtet hatte, und machte die Abrechnungen für
meinen Vater. Sie war eigentlich Erdkunde- und Deutsch-Leh34
rerin, aber sie war auch praktisch veranlagt, und irgendwie
kriegte sie die Praxis meines Vaters wieder hin. Die Weinflaschen
neben dem Mülleimer wurden weniger, mein Vater
wurde ruhiger. Vor zwei Jahren wollte sie dann wieder zurück
in den Schuldienst, und da war nur noch Weißensee im Angebot.
Ich hatte ihr versprochen, jedes Wochenende anzurufen, solange
ich in Amerika war. Das fiel mir in letzter Zeit schwerer,
vor allem weil sie immer nach dem verdammten College
fragte. Sie war eben Lehrerin.
Ich tippte die Ziffern der billigen Vorwahl in das Telefon, die
mir David auf einen Zettel geschrieben hatte. Um diese Zeit
kostete der Anruf nach Berlin bloß zwei Cent in der Minute,
unglaublich eigentlich, wenn man an das riesige Meer dachte,
das zwischen uns lag, und all die Zeit. Es war jetzt ganz ruhig
im Haus. Alle Millers waren im Bett, ich saß mit dem Telefon
auf der Couch im Wohnzimmer wie ein Einbrecher, der es sich
gemütlich macht. Im Fernsehen lief die Late Night Show mit
David Letterman, aber ich hatte den Ton runtergedreht. Ich
horchte auf die klackenden Geräusche in meinem Hörer, und
mit dem ersten Piepton schaltete ich das Diktiergerät ein, dass
ich an das Telefon angeschlossen hatte.
»Robert! Wie spät ist es denn bei euch?«, sagte meine Mutter.
Sie fragte das immer, egal, wann ich anrief. Es klang erstaunt
oder vorwurfsvoll, ich weiß nicht.
»Halb eins, Mama.«
»Nachts?«
»Ja.«
»Klar, sonst wärst du ja jetzt in der Schule.«
»Exakt, Mama.«
»Sehr komisch. Wie läuft’s denn?«
Ich hörte, wie sie den Rauch ihrer Zigarette einzog und
schnell wieder ausstieß. Sie hatte eine Art zu rauchen, die altmodisch
wirkte, nervös, so rauchten die Frauen in französischen
Schwarzweißfilmen.
»Ganz gut. Es ist natürlich nicht einfach, ich muss immer
ziemlich viel Hausaufgaben machen. Deswegen konnte ich am
Wochenende auch nicht anrufen, weißt du.«
»Das hab ich gemerkt«, sagte sie.
»Wie geht’s Jakob?«, fragte ich schnell, damit sich der Vorwurf
in ihrer Stimme nicht weiter ausbreiten konnte.
»Er redet nicht viel.«
Sie zog wieder an ihrer Zigarette. Ich hatte den Eindruck,
dass sie an etwas anderes dachte. Vielleicht war draußen auf
dem Hof irgendwas los. Ich versuchte mir vorzustellen, wie es
dort jetzt aussah. Noch dunkel bestimmt, es war ja November.
Letterman redete mit einem glatzköpfigen Mann im Publikum.
Dann sah man das Bild eines roten, ekligen T-Bone-
Steaks und dann wieder das Publikum, wo jetzt gelacht
wurde.
»Behandeln sie dich gut?«
»Wer?«
»Die Leute.«
»Die Millers?«
»Ja.«
»Sie sind in Ordnung.«
»Hat sie wieder Huhn gekocht?«
»Nein, Fisch«, log ich, weil mir Debbie aus irgendeinem
Grund gerade leidtat, vielleicht weil sie schlief.
»Was für Fisch?«, fragte meine Mutter.
»Schwertfisch«, sagte ich.
»Oh«, sagte sie. »Schwertfisch. Hemingway.«
»Was?«
»Der alte Mann und das Meer.«
»Oh Gott«, sagte ich.
»Gut, gut«, sagte meine Mutter enttäuscht. Sie hatte Schwierigkeiten,
andere Frauen zu akzeptieren.
»Bei uns ist es immer noch ganz warm. Es sind auch noch
ziemlich viele Blätter an den Bäumen«, sagte ich, ein neuer
Anlauf, das Wetter.
»Indian Summer«, sagte meine Mutter schnell. »Das ist der
Indian Summer.«
Das war ein anderer Zug an ihr, den ich nicht mochte. Sie
ließ sich nicht überraschen. Sie hörte mir immer nur zu, um
alles sofort einzuordnen. Sie war noch nie in New York gewesen,
noch nicht mal sonst wo in Amerika, erzählte aber sofort
vom Indian Summer, der schon lange vorbei war, soweit ich
wusste. Ich hatte aber keine Lust, mich mit ihr zu streiten.
»Ja«, sagte ich. »Der Indian Summer.«
»Die Blätter verfärben sich so intensiv, weil sie in den Nächten
von arktischer Kälte getroffen werden. Es ist umso schöner,
je nördlicher du kommst.«
»Interessant«, sagte ich.
»Man findet das Phänomen vor allem in Neuengland oder
auch in Kanada«, sagte sie. Ich sagte nichts mehr.
»New York liegt auch viel weiter südlich als Berlin«, sagte
sie.
»Ich weiß«, sagte ich.
»Auf der Höhe von Madrid etwa.«
»Ja«, sagte ich.
»Fährst du manchmal raus an den Wochenenden?«
»Ja«, log ich. »Ich war schon ein paarmal auf Long Island.«
»Die Hamptons«, sagte meine Mutter.
»Genau«, sagte ich.
»Die Schönen und die Reichen.«
»Ja.«
»Jackson Pollock hat da gelebt.«
Es war nicht zum Aushalten. Sie tat so, als sitze sie in New
York und ich in Friedrichshagen. Wir hatten noch nicht mal
zehn Cent vertelefoniert, und ich war jetzt schon bockig. Ich
hätte lieber mit Jakob geredet, aber ich hätte ihn niemals wecken
lassen. Jakob schlief gern lange, immer schon, aber nach
seinem Unfall schlief er noch mehr. Bei Letterman war Werbepause.
Ein schwarzer, großer Geländewagen fuhr einen sehr
steilen Berg hoch.
»Du kennst doch Jackson Pollock, Robert?«
»Mama!«
»Robert!«
»Ja, Mama. Wir haben den Film zusammen gesehen, erinnerst
du dich?«
»Sie haben seine Bilder im MoMA. Ich war mit Papa im letzten
Sommer da, als sie hier in Berlin waren. Wir haben sechs
Stunden angestanden. Aber es hat sich gelohnt. Berlin verändert
sich. Gehst du manchmal ins Museum?«
»Ja«, sagte ich, wieder eine Lüge. »Manchmal. Ich hab wirklich
viel Hausaufgaben.«
Sie nahm einen Zug von ihrer Zigarette, der so klang wie der
letzte, dann ächzte etwas, vermutlich schob sie einen Keil ins
Fenster, damit es später nicht so nach Qualm roch, wenn mein
Vater und Jakob in die Küche kamen. Sie würde das Gespräch
gleich beenden, weil sie zur Bahn musste, und ich wollte gern
noch etwas Wichtiges fragen, etwas Verbindliches. Aber alles,
was mich interessierte, hatte mit Jakob zu tun, der noch
schlief, und im Fernseher begrüßte Letterman seinen ersten
Gast, Sarah Jessica Parker, was mich ablenkte. Sarah Jessica
Parker trug ein enges rosa Sweatshirt, ausgewaschene Jeans
und hampelte auf dem kurzen Weg zum Sessel herum, als sei
sie sehr nervös. Dann hockte sie sich in den Besuchersessel wie
ein frierendes Kind, zog die Beine an und versteckte ihre
Hände in den langen Ärmeln ihres Sweatshirts. Vielleicht war
es sehr kalt im Studio, dachte ich.
»Robi?«
»Ja?«
»Ich muss dann los. Wir sehen uns am 16. Dezember in New
York. Dann ist fast Weihnachten. Sie laufen Schlittschuh vorm
Rockefeller Center.«
»Ja«, sagte ich.
»Wann bauen sie den großen Baum auf?«, fragte sie.
»Er steht schon«, sagte ich, obwohl ich keine Ahnung hatte.
»Gut«, sagte sie.

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