Der sizilianische Karren von Leoluca Orlando, 2004, Ammann

Leoluca Orlando

Antimafia
(Leseprobe aus:
Der sizilianische Karren, Geschichten, 2004, Ammann - Übertragung Moshe Kahn/2005, S. Fischer TB).

Montag, 10. Februar. Eine große Menschenmenge an den Gittertoren des wie ein Bunker gesicherten Gerichtssaals am Ucciardone.
Drinnen sahen sogar die Angeklagten aus, als würden sie etwas feiern. Als ich an den Käfigen vorbeiging, war mir, als könnte ich körperlich ein Flüstern wahrnehmen: »Sieh einer an, sieh einer an. Das da ist ja der Bürgermeister.« Ich fühlte mich umgeben von Staunen und Ablehnung. Ein Gefühl, das ich noch zweimal ein paar Monate später erleben sollte, als ich meine Zeugenaussage machte. Da waren die Käfige hinter mir leer: Die Angeklagten hatten sie und damit den Gerichtssaal kurz vor meinem Eintritt verlassen, um damit ihre feindselige Haltung mir gegenüber zum Ausdruck zu bringen. Und dann noch einmal im Jahr 1989, als ich in einem ebenso leeren Gerichtssaal inzwischen war das Interesse an dem Maxiprozeß gegen die Mafia abgeflaut meine Berufungsbegründungen als Vertreter der Stadt Palermo, die als Nebenklägerin auftrat, erneut darzulegen hatte.
An diesem Februartag des Jahres 1986 setzte ich mich jedenfalls neben die Angehörigen der Mafiaopfer: Ihre Stellung war ganz fraglos äußerst prekär. Kurz vor Sitzungsbeginn betrat Signora Rugnetta den Gerichtssaal, ganz in Schwarz gekleidet. Das war wohl einer der bewegendsten Augenblicke dieses verwirrenden Vormittags, an dem es vor Menschen im Gericht nur so wimmelte.
Signora Rugnetta war die Mutter eines jungen Mannes, der in Mafiadinge verwickelt gewesen und einen bestialischen Tod gestorben war. Diese für die Mafia typische Todesart wird »incaprettata« genannt, das heißt, der aus den Reihen der Mafia stammende Verurteilte wird mit einer Schlinge um den Hals rücklings an Armen und Füßen gefesselt und stirbt so einen langsamen und qualvollen Erstickungstod.
Signora Rugnetta fragte etwas verloren: »Wo ist hier Gerechtigkeit, wo?« Auch sie wollte als Nebenklägerin auftreten, und das war ungewöhnlich: Eine Frau, Mutter eines jungen Mannes aus der Mafiaszene von Palermo, suchte, allein und verloren, in diesem Gerichtssaal die Justiz des Staates gegen die Mafia.
Signora Rugnetta ist einer von den Menschen, die von da an regelmäßig meine Tage bestimmten. Ich habe diese Menschen danach ständig getroffen. Wenn sie ein Problem hatten, kamen die Angehörigen der Mafiaopfer und setzten sich ins Vorzimmer des Bürgermeisters von Palermo.
In dem Gerichtssaalbunker hatte man an diesem Tag deutlich das Empfinden, daß sich etwas ändern könnte. Ein Teil der Mafia stand endlich vor Gericht. Das Jahr 1986 verlief ebenfalls im Zeichen der Hoffnung und der Veränderung.
Aber es war auch das Jahr der Rechtsillusion. Dieser Maxiprozeß bestimmte die Zeit in unserer Stadt, er stand aber auch in der Gefahr, zu einem bloßen Alibi für uns alle zu werden, vor allem für den Staat.
Als die Spannung des ersten Augenblicks sich gelegt hatte, tauchten Zweifel auf, und in mir entstand eine Unruhe wegen der Gefahr der Routine, der Prozeßriten. Die Antimafia durfte nicht zum Schutz dessen verkommen, was sich in diesem Maxiprozeß abspielte, und das Jahr 1986 flog außerhalb des Gerichtsbunkers mit der verzweifelten Suche nach einem Ausweg aus der bloßen Zeugenaussage gegen die Mafia dahin.

Der 7. Oktober war einer der dunkelsten Tage in der Geschichte Palermos: Um neun Uhr abends wurde unter einer Laterne in einer Nebenstraße des Viertels von San Lorenzo der kleine elfjährige Claudio Domino von zwei Killern auf einer Kawasaki erschossen.
Dieses Verbrechen hatte uns allen zunächst die Sprache verschlagen. Man konnte sich nicht vorstellen, daß es noch etwas Furchtbareres gab. Eine Todesbotschaft, die endgültig war und sich gerade in einem der hitzigsten Augenblicke der Auseinandersetzung über Mafia und Antimafia an die gesamte Gemeinschaft richtete.
San Lorenzo ist eines der Stadtviertel, in denen die Kontrolle der Mafia beinahe absolut ist, weshalb dort auch ein Mord etwas sehr Seltenes ist: In dieser Zone scheint so etwas wie eine Pax mafiosa zu herrschen. Wieso aber dann dieser Mord?
Wahrscheinlich wollte die Mafia damit eine Botschaft an die gesamte Stadt richten, an die, die Veränderung forderten.

Und so erschien am 10. Januar 1987 Leonardo Sciascias Artikel über die »Profis der Antimafia« im Corriere della Sera, und der Bann war gebrochen. Die Positionen wurden klar abgesteckt, denn sowohl die Stadt als auch das gesamte Land spaltete sich. Die beklemmende Zeit vorgetäuschter Einstimmigkeit in Sachen Antimafia war zu Ende.
Sciascia hatte den Ermittlungsrichter Paolo Borsellino und mich, den Bürgermeister von Palermo, als »Antimafia-Profis« bezeichnet.
Sein Artikel verursachte einen Skandal und rief harsche Kritik sehr vieler Repräsentanten der zivilisierten Gesellschaft hervor, vieler Journalisten und zahlreicher Staatsanwälte gegenüber Leonardo Sciascia, und sie stellten sich vor Paolo Borsellino und vor mich.
Und das kam so: Am 6. Januar 1987 hatte ich mit Blick auf die Erinnerungsfeier für Piersanti Mattarella beschlossen, still zu sein und nichts zu sagen. Es war fast, als hätte ich eine Warnung gespürt. Mattarellas Tod jährte sich zum siebten Mal. Neues Jahr, neue Hoffnung und alte Spannungen. Ich war inzwischen das sichtbare Gesicht des Antimafia-Lagers geworden.
Ich fühlte mich mit meiner Schärpe in den italienischen Staatsfarben dazu verurteilt, den Hanswurst zu spielen, der während der Feierlichkeiten Kränze niederlegt. Am Ende einer jeden dieser Pflichtübungen war ich gezwungen, immer wieder das gleiche zu sagen.
Neben mir stand dann immer jemand, der mir zuflüsterte: »Du mußt jetzt etwas sagen ...« Und ich sagte etwas, einmal, um die Staatsanwaltschaft nicht zu verdrießen, zum anderen, um die Polizei und auch die Politiker nicht unzufrieden zu machen.
»Diesmal rede ich nicht«, versprach ich mir ein paar Tage vor dem 6. Januar. Stille, um des Menschen zu gedenken, mit dem ich gemeinsam in der Politik angefangen habe.
Ich informierte Piersantis Verwandte über meine Absicht. »Keiner wird mir schließlich unterstellen, ich würde mich von ihm distanzieren. Aber den anderen will ich ein Beispiel für Stil geben«, sagte ich.
Der Tag kam, und wir gingen zu der Gedenkfeier, ich mit dem Kranz und der Schärpe.
Eine Minute der Sammlung. Dann wollte ich gehen. Ich drehte mich um und fand mich vor einer unüberwindbaren Mauer von Gesichtern: Sämtliche Amtsträger, regungslos, unerschütterlich, in Erwartung, daß ich etwas sagen würde.
Ich wollte durch sie hindurch. Keiner rührte sich. Erst da begriff ich, daß sie mich nicht so einfach gehen lassen würden. Ich biß mir auf die Zunge, bis sie blutete. Und dann sei es, weil ich mich selbst bestrafen wollte, sei es aus Gefallen, in diesen Gesichtern doch wieder die übliche Grimasse aus Lästigkeit und Mißbilligung zu erblicken begann ich mit den gewohnten, fast schon ritualisierten Worten: »Wir fordern Wahrheit und Gerechtigkeit für die großen politischen Verbrechen ...« Das war Dienstag.
Dann erschien am Samstag, dem 10.Januar, im Corriere della Sera Sciascias Artikel über die Antimafia-Profis. In der Rezension eines Buches über Mafia und Faschismus sagte er am Ende, daß der Faschismus »die Antimafia als Machtinstrument« benutzt habe. Und er vertrat die Ansicht, daß diese Gefahr »auch in einem demokratischen System bei entsprechender Rhetorik und bei Verlust des kritischen Verstandes« bestehe.
Dann machte Sciascia im Untersuchungsrichter Paolo Borsellino und in mir zwei Beispiele für ein derart minderwertiges »Profiwesen« aus. Zwar nannte er meinen Namen nicht ausdrücklich, er sprach von einem »hypothetischen Beispiel« und schrieb: »Nehmen wir, beispielsweise, einen Bürgermeister, der entweder aus Überzeugung oder aus Kalkül beginnt, sich als Antimafioso darzustellen in Fernsehinterviews, in Gesprächen in Schulen, auf Kongressen, bei Demonstrationen und auf Konferenzen. Auch wenn er seine gesamte Zeit auf diese Darstellungen verwendet und niemals die Zeit findet, sich mit den Problemen des Landes zu beschäftigen oder der Stadt, die er verwaltet ... er würde sich in einem eisernen Faß befinden.« Und am Ende kommt Sciascia mit der Behauptung, daß diese Gefahr »innerhalb der Christdemokratischen Partei herumschwirrt«, zu dem Schluß: »Wer würde es denn in einem Stadtrat oder in seiner Partei wagen, einen Mißtrauensantrag gegen ihn einzubringen, eine Aktion, die ihn zur Minderheit macht und seine Absetzung herbeiführen würde? Es mag ja sein, daß sich am Ende jemand dafür findet, aber doch nur mit dem Risiko, als Mafioso gebrandmarkt zu werden, und mit ihm alle diejenigen, die seiner Haltung folgen.«
Samstag nachmittag nahm ich ein Interview für das Telejournal des 1.Programms auf, das am Sonntag vormittag ausgestrahlt wurde. In dem kleinen Wohnzimmer war der Journalist Lino Jannuzzi bei mir. Natürlich sprachen wir auch über Sciascias Äußerung. Noch ganz unter dem Eindruck dieses Artikels stehend, sagte ich: »Sciascia ist die italienische Sprache. Und ich habe den allergrößten Respekt vor der italienischen Sprache.«
Sonntag, den 11. Januar, flog ich nach Moskau. Bei mir war auch Giovanni Falcone. Während des Flugs sprachen wir über Sciascia und die Polemik, die sein Artikel ohne jeden Zweifel auslösen würde.
In unserem Gespräch zitierte ich das sizilianische Sprichwort »Wenn es regnet, strecken die Schnecken ihre Fühler aus«. Falcone lachte über diesen Vergleich. Doch Sciascias Artikel war genau das: Der Regen, der die Fühler von tausend Schnecken ermunterte, sich hervorzustrecken, die bis dahin in der Antimafia unklar und verschwommen aufgehoben waren.

Die politische Lage der Stadt begann sich zu zerfransen. Die aus fünf Parteien bestehende Koalition ging von einer Überprüfung zur nächsten. Viele waren nun der Meinung, daß ein antimafioser Bürgermeister nicht mehr vonnöten sei. Ja, man betrachtete mich als überflüssiges Hindernis.
In den ersten Monaten des Jahres 1987 veränderten ein paar Ereignisse Sitte und Kultur in Palermo. Einige Parteien, insbesondere die Sozialisten und die Radikalen, wurden ganz allmählich zu Bezugspunkten für ein Einvernehmen mit den Seiten, die traditionell Verbrecher- und Mafiaorganisationen nahestanden.
Eine Erklärung dafür war: Die Christdemokratische Partei war in den Augen der Mafia nicht mehr ganz so vertrauenswürdig, weder was ihre Exponenten, noch was ihre Botschaften anging. So fanden hinter der lautstarken Beschwörung der garantierten Rechte und der Achtung vor dem Gesetz, was ja immerhin edle Werte und Ziele sind, Interessen ihren Platz, die nichts mehr mit den zur Schau gestellten Werten zu tun hatten.
Jetzt wurde Sciascias Standpunkt in die Stadtviertel getragen. Seine Aufforderung nachzudenken, seine Forderung, sich nicht von einem Zweckoptimismus vereinnahmen zu lassen, wurden letzten Endes zu Waffen, die den Mafiosi und ihren Freunden in die Hand gegeben wurden.
Ich hatte mit Sciascia keinerlei Nachsicht. Ich glaube, daß sein Fehler in diesem Augenblick besonders schwer wog: Ein Mann wie er, ein Kenner unserer sizilianischen Wirklichkeit wie kaum ein zweiter, hätte auch voraussehen müssen, welchen Gebrauch man von seinen Worten machen würde, und einmal ausgesprochen, hätte er ihren eigentlichen Sinn erklären müssen. Indem sie ihn instrumentalisierten, haben die Sciascianer der Stadtviertel nämlich versucht, auch ihre Macht innerhalb des politischen Lebens von Palermo zu retten.

Samstag, 11. November 1989.
Ich erfuhr, daß es Sciascia sehr schlecht ging. Er hatte nur noch kurze Zeit zu leben. Ich schickte ihm einen Brief, in dem ich ihn um ein Treffen bat. Ich wollte nicht, daß zwischen uns nur das bliebe, was uns getrennt hat.
Der Schriftsteller nannte Sonntag, den 12.November, als Zeitpunkt.
Ich kam zu ihm nach Hause, im Wohnviertel hinter der Villa Sperlinga. Wie üblich, war ich verspätet. Ein typisch sizilianischer Tag: grau, windig, mit einer warmen Sonne, die kommt und geht und durch die Fenster dringt. Sciascia kam mir blaß entgegen, er war sehr abgemagert, nicht wiederzuerkennen.
Er trug einen grauen Pullover, aus seinem Halsausschnitt schaute eine Krawatte hervor: ein kleines Zeichen dafür, daß er – dachte ich – diese Gelegenheit ebenfalls für wichtig hielt.
Wir setzten uns, er mit dem Rücken zum großen Fenster, hinter dem die Bäume der Villa Sperlinga wogten, ich mit einer Wehmut, die mich fast umbrachte.

»Ich bin am Ende ...«, sagte er beinahe schluchzend.
Ich antwortete ihm, wie ich es in diesem Augenblick tun konnte: »Professore, es gibt das Tagesgeschäft, und es gibt die Geschichte. Im Tagesgeschäft sind wir getrennt worden, wir haben uns auf gegensätzlichen und nicht zu vereinbarenden Positionen wiedergefunden. Aber Sie sind Teil der Geschichte, und ich bringe Ihnen daher meine Zuneigung entgegen und die Wertschätzung der Stadt.«
Zwischen ihm und mir lag auf dem Tisch, der uns trennte, mein Brief vom Tag zuvor, noch geöffnet inmitten der Bücher. »Ich bin am Ende. Aber Sie auch, Herr Bürgermeister, Sie sind am Ende ...«
»Professore, beruhigen Sie sich: Auch wenn ich am Ende bin, wird es deutlich werden, daß ich besiegt worden bin.«
»Aber genau das wollen Ihre Feinde ja verhindern. Sie wollen, daß Sie am Ende sind, ohne besiegt zu werden. Sie werden alles tun, daß Sie von der Bühne verschwinden, ohne daß es nach einer Niederlage aussieht.«
Ich verstand, daß er mich vor einer konkreten Gefahr warnen wollte: genau wie vor zwei Jahren, als er, auch wenn er sich im Ton vergriffen und die Instrumentalisierung nicht richtig eingeschätzt hatte, mich wahrscheinlich vor der Gefahr warnen wollte, ein Gefangener von Abwehrparaden und Worten zu werden, indem er den Ermittlungsrichter Paolo Borsellino und mich, den Bürgermeister von Palermo, »Antimafia-Profis« genannt hatte.
Wir sprachen über dieses und jenes, über die Mafia, über Mafia und Politik, über Mafia und Justiz und über die Morde an hochstehenden politischen Persönlichkeiten. Beide waren wir darüber enttäuscht, wie die Dinge im Gericht verliefen.
Seine klarsichtige pessimistische Vision wurde angesichts seines bevorstehenden Todes noch deutlicher. Und mein eifriger Optimismus zu einem Zeichen von Leben. Leben und Tod, die beiden Seiten der Sicilianità, beide untrennbar miteinander verbunden.
Wir sprachen lange miteinander, über eine Stunde.
Seine fragenden, ruhelosen, leidenden Blicke. Seine so hager gewordene, dahinschwindende Gestalt, und hinter dem Fenster das graue, volle Blätterhaupt einer wogenden Palme, die sich wehmütig über die Dächer von Palermo beugte.
In dem Wohnzimmer dieses Hauses fand die Begegnung zwischen zwei Sizilianern statt: Der eine, der die italienische Sprache verkörpert und – darin besteht seine Modernität – die traditionelle Identität der Sicilianità in die italienische Sprache übertragen hat, aber doch nur selten volles Vertrauen in die Geschichte hatte oder – was auch sizilianisch ist – so viel davon hatte, daß er seinen Pessimismus ausleben konnte. Der andere dagegen, der sich, trotz seiner selbst und der Geschichte, Mühe gibt, modern und optimistisch zu sein.
Einer saß dem anderen gegenüber.
Der eine steht vor seinem Tod, der andere steckt bis zum Hals in den Konflikten des Lebens. Zwei Sizilianer und Europäer, die jedoch weiterhin, und zwar tief, unterschiedlicher Meinung sind.
Ich ging nachdenklich und beunruhigt von Leonardo Sciascia fort. Während dieser Begegnung blieben die jeweils unterschiedlichen Meinungen bestehen. Und doch war es uns gelungen, miteinander zu reden, und ich konnte Sciascia die Gründe für diesen Dissens erläutern, die bis dahin unnatürlicherweise Interviews überlassen worden waren.
Ich fühlte mich, als wäre ich von einer Last befreit.
Allerdings gestehe ich auch, daß ich ein bißchen böse war, denn ich bin zu dieser Begegnung in dem Bewußtsein gegangen, daß sie niemals nach Aussöhnung hätte aussehen dürfen. Sciascia und ich waren völlig anderer Meinung über die Bewertung der Geschehnisse in Palermo, und wir waren auch weiterhin anderer Meinung. Unser Dissens hatte die Stadt und auch einen Teil des Landes gespalten.
Aus diesem Grund durfte dieses sehr private Gespräch zwischen dem Bürgermeister von Palermo und dem großen Schriftsteller, der seinen Tod erwartete, mit Blick auf die Auseinandersetzung vor zwei Jahren in keiner Weise instrumentalisiert werden.
Daher wiederholte ich, als diese Begegnung dann doch bekannt geworden war, in einer Presseerklärung noch einmal die Gründe für den Dissens und stellte den Unterschied zwischen meinen Pflichten als Bürgermeister und den menschlichen Gründen gegenüber jeder Vermutung über die »politische« Bedeutung dieses Besuchs klar. Kurz: Weder Sciascia noch Orlando haben bereut.
Ich spürte die Notwendigkeit zur Kohärenz, die in meiner persönlichen Erfahrung oft wiederkehrt. Die vielen Preise, die bezahlt werden mußten, um in den Besitz des Neuen zu kommen, verlangten nach einer Kohärenz, die sich in Fleisch und Blut darstellte. Ich bin auf der Seite jenes Siziliens geblieben, die sich um die Anzeigen und um Sciascias Bücher schart. Sciascia jedoch hat sich um sich selbst geschart, was so weit ging, daß er sich sogar gegen das Sizilien gewandt hat, das er geträumt und dann hervorgebracht hatte.
Wer ist Sciascia ohne das Neue, das er hervorgebracht hat? Als ich die Wohnung des Meisters verließ, beängstigte mich diese Frage. Eine Antwort fand ich nicht. Vielleicht kann ja der Intellektuelle seine Kinder verlassen oder sie sogar töten, aber ein Bürgermeister, ein Politiker konnte und kann sich so etwas nicht erlauben.
Ich dachte mir, daß diese Frage ein Grund für Sciascias Leid sein könnte. Wer weiß. Sicher hat er die letzten Jahre sehr alleine gelebt, und so ist er auch gestorben.
Auf der Treppe erinnerte mich einer der Männer meines Begleitschutzes an einen Rat, den Sciascia mir einige Jahre zuvor öffentlich gegeben hatte, nachdem ich gerade zum Bürgermeister ernannt worden war:
»Lieber Herr Bürgermeister, vergessen Sie nicht, immer Ihre eigene Opposition zu sein«, hatte Sciascia gesagt.
Dieser Satz ist mir oft ins Gedächtnis zurückgekehrt, doch bei unserer Begegnung haben wir nicht darüber gesprochen.
Wie seltsam, dachte ich, ich werde bei meinem nächsten Besuch mit ihm darüber sprechen.
Eine Woche später war Leonardo Sciascia tot.
Zwei Monate nach seinem Tod machte ich meine Niederlage deutlich, indem ich vom Amt des Bürgermeisters von Palermo zurücktrat.

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