Verteidigung der Himmelsburg von Sebastian Orlac, 2006, Klett-Cotta

Sebastian Orlac

Verteidigung der Himmelsburg
(Leseprobe aus: Verteidigung der Himmelsburg, Roman, 2006, Klett-Cotta)

Sie hätten einander begegnen können.

1971. Klinikum Steglitz. In der Kinderecke der Notaufnahme wartet ein blonder Junge. Er zeigt einer Krankenschwester, die sich über ihn gebeugt hat, mit drei Fingern sein Alter. Seine Mutter steht etwas abseits. Ihre Arme sind mit Mullbinde umwickelt. Ein Arzt spricht ruhig auf sie ein. Hinter dem Jungen, durch eine Glasscheibe getrennt, wird im Laufschritt ein Neugeborenes hereingetragen. Aus der goldenen Wärmefolie im Arm des Sanitäters ragt ein kleiner Kopf mit feinen roten Haaren.

1974. Norderney. Ein Konzert in der Kurmuschel zu Gunsten der Aktion Sorgenkind. Zum Abschluß darf jemand aus dem Publikum den Radetzky-Marsch dirigieren. Das Mädchen mit den roten Haaren wird nach vorne geschickt. Sie weiß nicht, wie sie auf die hohe Bühne gelangen soll. Der Dirigent, durch dessen Gesicht sich eine lange Narbe zieht, hebt sie nach oben und hält sie unter dem Gelächter des Publikums einen Augenblick in der Luft. Zwischen den Zuschauern, versteckt hinter dem Rücken ihrer Großmutter, sitzt ein weiteres Mädchen. Ihre Augen sind dunkel und müde.

1982. Massenproteste gegen die Stationierung von Mittelstreckenraketen. Das Mädchen mit den dunklen Augen trägt einen Atompilz aus Pappmaché auf dem Kopf. Durch den Sehschlitz liest sie ihren ersten englischen Satz: »Make love not war.« Etwas weiter hat sich der blonde Junge in die Menschenkette eingereiht. Er hält die Hand einer Frau, zu der er aufsieht, als wolle er, käme nun der Ernstfall, in ihren Armen liegen.

1988. Die 10b des Graf-Stauffenberg-Gymnasiums hat sich in Ostberlin vor der Neuen Wache aufgebaut. Die Rothaarige fehlt. Sie mußte früher nach Hause, nachdem sie den Abend zuvor ausgebüxt war und in der Diskothek Big Apple überraschend ihrem Sportlehrer begegnete. Hinter der Klasse, im Wachregiment Friedrich Engels, steht ein junger Mann mit schlankem Hals und stiert in die Ferne.

1993. Das Haus am Nordstern. Der Blonde hat von sich und seinen beiden Mitbewohnerinnen ein Polaroid geknipst. Nach und nach können sich die Abgelichteten erkennen. Ihre Gesichter wirken spurlos, ihre Haut ganz weich. Der Blonde in Sachen seines Vaters, eine Strickjacke mit Wildleder an den Schultern, eine Pelzmütze mit Ohrenklappen. Wie er sich ins Bild drängt, die Hand am Auslöser der Kamera, die er auf sich selbst richtet, auf die beiden Frauen neben ihm. Die Rothaarige im karierten Wollmantel steht lachend in der Mitte. Daneben, halb unter einer Kapuze versteckt, die Frau mit den dunklen Augen. Das Haus in ihrem Rücken ist noch unrenoviert. Ein Fries aus verrußtem Sandstein, geschlungenes Blattwerk, Engel ohne Köpfe. An einigen Stellen Einschußlöcher. Unter den Fenstern rostige Fahnenhalter. Das Nachbargebäude ist bereits eingerüstet. Zuletzt erscheint auf dem Bild ein Passant, der – gänzlich unscharf – durch ein leeres Bierglas den Himmel betrachtet.

2003. Das verblichene Sofortbild ist ihr Klingelschild. Unter dem Foto stehen drei Namen: Emma, Fionna, Markus. Daneben in Kinderschrift noch ein weiterer: Julia. So nannte Fionna ihre Tochter.

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