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Steine der Erinnerung
(Leseprobe aus: Steine der Erinnerung,
Roman, 2005, DuMont
- Übertragung Sabine Hedinger)
Lust auf einen Spaziergang? fragte
Nell, sobald sich der Himmel aufklärte. Ich glaub nicht. Heute nicht, wenn's
dir nichts ausmacht, sagte Ali. Ach was, natürlich macht mir das nichts aus.
Aber sie wollte ihre Tochter nicht aus den Augen lassen. Laß uns einfach hier
sitzen und nichts tun, sagte Nell. Ja-aah, das klingt nicht schlecht, erwiderte
Ali und warf einen Blick über die Schulter zur Veranda hin.
"Ja, das war sie. Eine Gazelle", sagt Nell. "An dem Tag, als wir
mit Mammy zum Eagle Rock gegangen sind, ist sie wirklich wie eine Gazelle vor
mir hergesprungen. Meine Füße waren viel schwerer; ich kam einfach nicht mit.
Dann hat sich dieser rote Schal von ihrem Hals gewickelt, und ich bin gerannt,
um ihn aufzuheben. Als ich wieder nach oben schaute, hatte ich sie schon aus dem
Blick verloren, war sie schon über den Gipfel hinweggestiegen. Mammy war immer
noch ein gutes Stück hinter uns. Ich hab mir den Schal um den Hals gebunden und
bin bis oben weitergetrottet. Und immer noch keine Spur von Bridget. Warst du
eigentlich schon mal da oben?"
Ali nickt. Hält sich einen Becher mit frisch gekochtem heißem Tee an die
Wange. "Aber das hab ich Granny nie erzählt. Grace ist ein paarmal mit mir
da hochgegangen. Ihr gefällt's, sie findet es gespenstisch."
"Das ist es auch, besonders wenn die Wolken tief hängen. Alles wird in
diesen Nebel, diesen Bühnennebel gehüllt, dann die dunklen Felsbrocken und das
hüfthohe Gras auf dem Weg zu diesem schwarzen, stillen See - ich dachte immer,
es sähe aus, wie die Erde in der Schöpfungsgeschichte ausgesehen haben mag. An
dem Tag gab es weißen Nebel, und ich konnte wirklich keine Menschenseele mehr
sehen. Zuerst dachte ich, sie hätte sich versteckt, hinter einer großen dicken
Felsnase oder sowas. Auch von Mammy hinter uns war nichts zu sehen. Ich ging
also weiter, abwärts, auf den See zu, obwohl ich ziemlich Angst hatte. Und dann
entdeckte ich Bridget. Sie watete im Wasser, das ihr bis zu den Knien ging. Ich
dachte noch: Mammy wird sie umbringen. Schuhe, Hosen, alles klitschnaß. Sie
drehte sich um und sah mich. Ich rief zu ihr raus: Sei nicht blöd, komm zurück,
Bridget, guck mal, ich hab deinen Schal. Den hatte ich immer noch um den Hals.
Aber sie lachte nur. Sah aus wie ein kleiner Geist, der aus dem Wasser kommt,
wie etwas aus Camelot. Das Wasser war wie Tinte, keine Welle, nicht mal ein Kräuseln.
Wie etwas Totes. Sie schwenkte die Arme; ich sollte kommen, zu ihr kommen. Komm
schon, komm schon. Ich dachte noch, das mach ich auf keinen Fall. Mammy wird uns
beide umbringen. Aber Bridgets wildes Lachen - das war so ansteckend. Da wollte
man nur noch bei ihr sein. Egal wo. Kannst du dir vorstellen, daß ich die
Schuhe ausgezogen habe? So ein braves Mädchen. Das Wasser war eiskalt. Ich bin
einen Schritt reingegangen - oh Gott, wie kalt es war. Aber auch aufregend. Sie
wartete, bis ich zu ihr vorgewatet war. Wir zitterten vor Kälte, aber auch,
weil das so aufregend war. Sie streckte die Hand aus, und ich hielt mich daran
fest. Hier ist es noch ewig lang seicht, sagte sie, wie auf einer Sandbank. Ich
schaute zurück. Mammy war jetzt ganz oben, bevor es wieder abwärts geht. Sie
konnte uns nicht gleich sehen, der Nebel war zu dick. Mittlerweile waren wir
mindestens ein Drittel des Sees weit rausgewatet, und das Wasser ging uns gerade
mal über die Knie. Ich legte den Kopf in den Nacken und lachte. Bridget sah
mich an. Das isses, sagte sie, das isses. Auch sie fing an zu lachen. Wir
klammerten uns aneinander, durchnäßt, frierend, und lachten uns schief."
Alis Finger flattern durch die Luft: Weiter.
"Jetzt konnte Mammy uns sehen. Sie fuchtelte wie eine Wilde mit den Armen.
Ich dachte, ich könnte hören, wie sie uns zurückrief. Dann fing sie an zu
rennen, aber es war nicht leicht, auf dem Weg zu rennen, bei den vielen losen
Felsbrocken. Bridget wußte, daß wir so oder so fällig waren, also drückte
sie meine Arme, mit tanzenden Augen, erregt von diesem Abenteuer. Ach, Ali, wie
gut ich mich an diesen Asusdruck erinnere - sie war wirklich die Fee am
Weinhnachtsbaum. Niemand konnte ihr widerstehen. Noch ein bißchen weiter raus,
sagte sie, bloß ein paar Schritte. Nein, Mammy wird uns umbringen. Die bringt
uns sowieso um. Bloß noch ein paar Schritte. Ich ließ mich von ihr
weiterziehen. Und dann sanken wir plötzlich wie Steine."
Nell muß einen Schluck Tee trinken, um sich die Kehle zu befeuchten. Ali sitzt
ganz still da, blinzelt kaum.
"Wir sanken, im nächsten Moment schlug das Wasser über unseren Köpfen
zusammen. Ich versuchte zu schreien, und mein Mund füllte sich mit Wasser. Es
war ein Strudel, der uns hinabriß. Das Wasser war nicht mehr glatt und leblos.
Genau da, wo wir untergingen, war es etwas Lebendiges, Schäumendes, das uns an
den Beinen zog. Bridget war unter mir - ich fühlte ihre Hand um mein Fußgelenk.
Meine Hände flogen über meinen Kopf, ich versuchte, die Felskante zu
erwischen, von der wir abgestürzt waren. Aber ich konnte nichts ertasten, nur
Wasser, pechschwarzes Wasser in jeder Richtung. Ich konnte nicht schwimmen,
Bridget allerdings schon - die wird uns hier gleich rausholen, zwang ich mich zu
denken, wenn ich bloß noch ein bißchen durchhalte, ohne zu atmen. Bridget kann
alles. Aber eigentlich habe ich das nicht geglaubt. Sie klammerte sich immer
noch an mein Fußgelenk, aber der Griff wurde schwächer. Ich konnte das Wasser
keine Sekunde länger draußen halten. Ich holte tief Luft, und es drang mir
sofort bis in die Lungen. Über mir konnte ich gerade mal einen Schimmer Licht
sehen. Wenn ich doch bloß ... wenn ich mich doch bloß ... dahin hochstrampeln
könnte. Aber Bridget zog mich weiter nach unten. Ich bin mir nicht sicher. Ich
werd mir nie sicher sein. Aber ich glaube, in dem Moment hab ich mit dem freien
Fuß ihre Hand weggetreten. Plötzlich schoß ich so schnell dem schimmernden
Licht entgegen, daß ich nicht mal die Zeit hatte zu denken, daß Bridget in die
Dunkelheit hinabsank."
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