Der Büchermörder von Detlef Opitz, 2005, Eichborn

Detlef Opitz

Der Büchermörder
(Leseprobe aus: Der Büchermörder, Roman, 2005, Eichborn)

Der Magister wälzte sich nach rechts, nach links; immer wieder. Noch tief in der Nacht – riß ihn schließlich ein Hustenanfall aus dem Schlaf, da hing bereits dicker, schwefliger Rauch in der Kammer, kaum daß man die eigene Hand vor den Augen noch sah. Wie blind vor Angst, sprang er in seinen Nachthabitern ins Freie, die Scheune brannte schon lichterloh, auch das Haus hatte längst Feuer gefangen, in tausend Richtungen stoben Funken davon. Er war allein, alle anderen standen oben auf dem Kirchhof im Schnee und schauten nur, die drei Stiefsöhne in ihren Ausgehkleidern, der stolze Stiefsohn ihm Gockelornat, Benjamin Wiedlich, hager, dürr, mit einer länglichen Pfeife im Mund, der gute Kuhnhardt winkte mit pressanten Briefen, Herr Bröse hielt ein paar Louise’dor bereit, die Schmidtin hatte den blauen Reitermantel über, der war ihr viel zu groß, sie fror dort hinten bei den Gräbern, er schwitzte so nahe hier am Feuer, lief hilflos mit leeren Wassereinern umher und konnte nicht rufen, besaß keine Stimme, es fiel ihm kein Wort ein für das, was er sah: den Büchern waren Flügel gewachsen, sobald die ersten Fenster zerbarsten, flogen sie, erst nur eines nach dem anderen, dann in immer größeren Schwärmen in die Nacht. Er sprang hierhin, dahin, war wie besessen, wild vor Verzweiflung: keines konnten seine Eimer fangen, die größten Folianten, die winzigsten Miniaturen, unsortiert nach ihren Gebieten flogen sie einfach fort, suchten nach einem trockenen Plätzchen, mach einem warmen Nest zum studieren...; erst allmählich fiel dem solchermaßen Gehetzten der gestrige Besuch seines Freundes Stimmel wieder in den Sinn, die zweite Nacht im Verwahr des Creisamts lag hinter ihm, er atmete tief durch und schöpfte gleichsam erste Zuversicht für den beginnenden Tag.; dann beugte er sich über das Wasserbecken und löschte sein brennendes Gesicht. Er lag nichts vor, nichts hatte man gegen ihn in der Hand! Er mußte sich dessen nur immer gewärtig seyn und bleiben! Er sprach sich Muth zu, er sprach schon mit sich selbst – indeß die Halbenstunden verflossen. Schlag sechs schaute der Aufwärter herein und war erstaunt, den Arrestenanten schon wach und gekleidet vorzufinden. Gegen acht wurde der Kübel geleert. Halb neun Frühstück. Seit zehn stand er unablässig am Fenster. Sein Blick erfaßte zur Linken einen Theil der Klostergasse, rechterhand reichte er bis in den Sack vor St. Thomas, doch kaum, daß der Magister das Treiben unten wahrnahm, er wartete nur, kannte schon die Reihenfolge, in der die Glocken der Stadt die Stunden anschlugen, das vorlaute Fürstenhaus immer, immer St Nicolai zuletzt, gegen Mittag wurde er in die Amtsstube geführt. Und läugnete durchaus.

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