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Am Abend als ich meine Frau
verließ, briet ich ein Huhn
(Leseprobe aus: Am Abend, als ich
meine Frau verließ, briet ich ein Huhn, Ein kulinarischer Roman, 2006, SchirmerGraf
- Übertragung Rudolf Hermstein)
Als ich fünfzehn war, schickten
mich meine Eltern nach Frankreich auf die Schule. Die französische Familie, bei
der ich lebte, die Rampillons, besaßen ein großes Weingut bei Bordeaux. Aus
den Kolonien waren sie nach der marokkanischen Unabhängigkeit 1956 nach
Frankreich zurückgekehrt, und wie viele Leute aus den früheren Kolonien waren
sie sehr empfindlich, was ihre gesellschaftliche Stellung in Frankreich
anbetraf. Sie waren gebildet. Sie hatten Geld. Aber für die stockkonservativen
alteingesessenen Familien des Weinlandes waren sie Außenseiter. Die Gegend um
Bordeaux gilt in Frankreich als sehr traditionsbewußt. Um ihre Unsicherheit zu
überspielen, nahmen die Rampillons die Anstandsregeln der Großbürger von
Bordeaux so ernst, wie nur wahre Außenseiter es fertigbringen. Die sonntäglichen
Mittagessen bei den Rampillons waren für mich der reinste Horror. Ich hätte
ihnen auch nicht primitiver erscheinen können, wenn ich ihre Schwelle auf allen
vieren überschritten hätte. Ich kam aus Südkalifornien, was für die
Rampillons so weit weg und so exotisch war wie Borneo. Als sie mich aufnahmen,
hatten sie wahrscheinlich denselben Ehrgeiz wie eine Familie, die einen
Schimpansen adoptiert, in der Hoffnung, ihm die Zeichensprache beibringen zu können.
Anfangs fanden sie meine unbeholfenen Verständigungsversuche charmant, doch
bald stellte sich heraus, daß mir auch die simpelsten Voraussetzungen für die
Teilnahme an einem gutbürgerlichen häuslichen Leben fehlten. Einmal kam ich
barfuß ins Fernsehzimmer. Madame Rampillon zog die Augenbrauen hoch, zeigte auf
meine nackten Füße und sagte: »Franchement, je trouve ça très sale.« Ich
finde das, offen gesagt, sehr unappetitlich. Von da an ging ich nur noch barfuß,
wenn ich badete.
Wahrscheinlich lernt man eine Fremdsprache am besten in einer Atmosphäre der
Einschüchterung und Angst. Dann macht man jeden Fehler nur einmal. Die
Rampillons waren fest entschlossen, einen zivilisierten Menschen aus mir zu
machen, und als Franzosen hielten sie korrekten Gebrauch und perfekte Aussprache
des Französischen für den Inbegriff von Zivilisiertheit. Sogar die Hausmädchen
und die Arbeiter wurden eingespannt, obwohl Monsieur Rampillon mich warnte, den
Akzent dieser Leute solle ich besser nicht nachahmen. Im Haus der Rampillons und
auf ihrem weitläufigen Besitz konnte ich nicht den Mund aufmachen, ohne sofort
von fünf bis sechs durchdringenden Stimmen verbessert zu werden. Wenn ich nach
der Schule die Köchin um eine Kleinigkeit zu essen bat und dabei
Grammatikfehler machte, erstattete sie
Madame Rampillon Bericht, die dann später am Abend dafür sorgte, daß keiner
davon unkorrigiert blieb. Sogar Gäste chez Rampillon wurden ermuntert, mir im
meisterlichen Gebrauch des Konjunktivs zu assistieren. Während der Mahlzeiten
gutes Französisch zu sprechen und zugleich an die bürgerlichen Tischsitten zu
denken war ungefähr so einfach wie gleichzeitig Geige und Tuba zu spielen. Die
Rampillons übten sich in Geduld, aber sie hatten es mit jemandem zu tun, der
nicht wußte, daß man, Brot ausgenommen, nichts, was eine Kruste hat, mit dem
Messer schneiden darf. Mein Messer schwebte über einem Stück Quiche, als
Monsieur Rampillon mir einen strafenden Blick zuwarf. »Du beleidigst die Köchin.
Du gibst zu verstehen, daß die Kruste zu hart ist, um sie mit der Gabel zu
durchtrennen.« Meine Tischmanieren besserten sich, während ich bei den
Rampillons lebte. Außerdem nahm ich ab.
Nach Monaten harten Trainings, als man nicht mehr befürchten mußte, daß ich
meine Quiche
mit dem Messer traktieren oder Wörter wie serrurier, Schlosser, auf die
blamabelste Weise falsch aussprechen würde, hielten die Rampillons es für
unbedenklich, einen bedeutenden Gast zum sonntäglichen Mittagessen einzuladen.
Meiner Erinnerung nach war es ein weit gereister ältlicher Professor der
Agrarwissenschaften. Um, so vermute ich, mit ihrem Erfolg in der Domestizierung
eines exotischen Lebewesens zu prahlen, setzten mich die Rampillons neben den
Ehrengast. Vor uns erstreckte sich eindrucksvoll die Sonntagstafel:
Damasttischtuch,
antikes Kristall, Sterlingsilber, die besten Bordeauxweine. Zunächst lief alles
bestens. Ich machte niemandem Schande. Der Professor plauderte mit mir über Südkalifornien.
»Ihr junger Amerikaner«, sagte er zu Madame und Monsieur Rampillon, »spricht
gut Französisch.« Sie strahlten.
Zum Dessert mußte natürlich frisches Obst gereicht werden, und das Hausmädchen
brachte Pfi rsiche. Alle um mich herum hielten ihren Pfirsich mit der Gabel fest
und begannen, ihn routiniert und elegant mit dem Obstmesser zu schälen. Ich
starrte meinen Pfirsich an wie eine scharfe Handgranate. Das Schälen eines
Pfirsichs mit Messer und Gabel war eine Fertigkeit, die mir die Rampillons nicht
beigebracht hatten. Gott mag ja seine schützende Hand über Kinder und
Betrunkene halten, aber junge Amerikaner in Frankreich lassen ihn kalt. Die
Pfirsiche waren ein wenig zu früh geerntet worden. Ich stach die Gabel in
meinen, und ich sehe immer noch vor mir, wie er von meinem Teller springt und
wie von einer unsichtbaren bösen Macht getrieben auf das Rotweinglas des
Professors zusteuert. Es war etwas obszön Unausweichliches an meinem
Volltreffer, daran, wie das Kristallglas zerbarst, als es umfiel, und der dunkle
Wein sich über das weiße Tischtuch ergoß. Im Geist habe ich die Szene seither
tausendmal durchgespielt.
Für mich haben Pfirsich und Weinglas nichts von ihrer makabren Faszination
verloren. Franzosen haben in der Tat oft erlesene Tischmanieren. Niemand lachte.
Niemand starrte. Niemand unterbrach den Gesprächsfluß. Der Professor warf
einfach seine Serviette über die Bescherung. Monsieur Rampillon rief das Hausmädchen
aus der Küche herbei. »Ich glaube, unser junger Amerikaner hätte lieber eine
Banane.«
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