Divisadero
(Leseprobe aus: Divisadero,
Roman, 2007, Hanser
- Übertragung Melanie Walz)
Manchmal kam sie zu der Hütte hinauf und sah ihm
nur bei der
Arbeit zu. Sie bot an, mit ihm zusammen Bretter festzunageln, doch
das wollte er nicht. Manchmal brachte sie ein Buch aus der
Leihbücherei mit und saß lesend im Schatten des
Wellblechdachvorsprungs, bis sie sein Sägen und Hämmern nicht
mehr hörte und in einem anderen Land war, im Italien des
Lepoarden, im Frankreich der Musketiere. An manchen Tagen
berührten sie einander kaum, versuchten sich mit Worten aus ihrem
Begehren zu befreien, und an anderen Tagen brachte sie ihr Buch
mit, ohne daß gelesen, ohne daß gesprochen wurde in der nackten
Hütte ohne Farben. Eines Nachmittags brachte sie ein altes
Grammophon mit, das sie im Farmhaus zusammen mit ein paar 78er
Schallplatten gefunden hatte. Sie kurbelten es an wie einen alten Ford
und tanzten zu Begin the Beguine, kurbelten wieder und tanzten
wieder. Die Musik führte sie in eine andere Zeit, fern von dieser
Familie, von diesem Ort.
Anna saß auf der Veranda, sein schwarzes TShirt an ihren Bauch
geschmiegt, und beobachtete ihn. Sie beugte sich vor, öffnete ihren
kleinen Rucksack und entfaltete die buddhistischen Fahnen, die sie
über einen Versandhauskatalog bestellt hatte. Sie zog sein TShirt an
und blickte zu den Stützstreben unter dem Dachvorsprung. »Kannst
du mir helfen, Coop? Ich muß da oben hin. Wir können das an die
Regenrinne über der Tür nageln.« Hammer und Nagel hatte sie schon
in der Hand. Er ging in die Hocke, damit sie auf seinen Schultern
sitzen konnte. »Time for the heart and the mind«, sang sie. »You
need to be wind blessed!« Er spürte ihre Feuchtigkeit im Nacken, als
sie sich aufrichtete und das eine Ende des Fahnenstreifens
festnagelte, so daß die restliche Spirale schwerelos im Wind flatterte.
»Es sind fünf Fahnen«, sagte sie, »Gelb heißt Wasser, Grün Erde, Rot
Feuer – vor der müssen wir uns hüten –, Weiß heißt Luft, und Blau
heißt Weltraum, endloser Raum oder Geist. Coop, ich weiß mir
keinen Rat.« Sie saß aufgerichtet auf seinen Schultern und blickte in
die Luft.
»Meinst du, Claire weiß es?«
»Claire spricht jeden Abend mit mir, und ich sage kein Wort über
dich, und sie fragt sich sicher, warum.«
Rezension I Buchbestellung III07 LYRIKwelt © Hanser-Verlag