Michael Ondaatje

Ein Edler vergleicht...

Ein Edler vergleicht seine Tugend
mit einem Stück Jade

Der Feind wurde in der Kunst stets einem Löwen
gleichgesetzt.

Und wo immer man in unserem Buch der Siege
auf dem Schlachtfeld einen Sonnenschirm sah,
war innerhalb seines Schattens
der König zu erkennen.

Wir begannen mit Mythen und ließen später wirkliche
Begebenheiten mit einfließen.

Es gab neue Berufe. Kormoranmädchen: sie schrien
auf den Garnelenfarmen, um Vögel zu verscheuchen.
Stelzengeher. Seiltänzer.

Es gab immer den "nicht beigebrachten Griff",
mit dem der Lehrer den Schüler besiegte,
der ihn herausforderte.

Sänften trugen die Waffen einer Göttin.

Im Japan des siebzehnten Jahrhunderts geschnittene
Bambusrohre
Benutzten wir als Gedichthalter.

Wir knüpften Glocken an Falken.


Ein verschlammter Wassergarten in Mihintale.
Der Buchstabe M. Das Wort "darob".

Es gab ungestüme Kursivschriften.
Es gab die zweidimensionale Tradition.

Eremiten verbrachten all ihre Jahre damit,
ein einziges gutes Buch zu schreiben. Federico Tassio
beschenkte uns mit der Züchtung des Rennpferds.

In unseren Theatern wurden menschliche Wesen
wundersam zu anderen menschlichen Wesen.

Arm- und Fußspangen von Polonnaruwa.
Eine Lade aus Gampola mit neun Fächern.
Die Archäologie von Kuhglocken.

Wir glaubten an das Leben des Herzens, ein inneres
Selbst.

Ein Wüstling war jemand, der sich vor der Dämmerung
der Liebe hingab
oder ohne das Zimmer zu verdunkeln.

Mit verbundenen Augen die Alhambra durchschreiten,
um das Plätschern des Wassers zu spüren - die Hand
konnte fühlen, wie es die Geländer hinunterrann.

Wir richteten unsere Feiertage nach dem Vollmond.

Drei Uhr nachts in den Tempeln: die Stunde der
Götterwaschung.
Die Kodifizierung der Volkssprache.
Buddhas linker Fuß zuckte im Augenblick des Todes.

Jener große Schriftsteller rief im Sterben
nach dem erfundenen Arzt seiner Romane.

Jener Seiltänzer aus Kurunegala
- Rebellen hatten den Generator abgeschaltet -

stand da
und schwankte hin und her in der Dunkelheit über uns.

Einen Schrei weit entfernt


Wir lebten an der mittelalterlichen Küste
südlich von Kriegerkönigreichen
während der Urzeit der Winde,
als sie alle Dinge vor sich her fegten.

Mönche aus dem Norden trieben
unsere Ströme herab - das war
in dem Jahr, in dem niemand Flußfische aß.

Es gab kein Buch des Waldes,
kein Buch des Meeres, doch dies
sind die Orte, an denen Menschen starben.

Handschrift kam vor auf Wellen,
auf Blättern, den Skripten des Rauchs,
ein Signal auf einer Brücke am Mahaweli-Fluß.

Ein allmähliches Ja zu dieser neuen Sprache.

Begraben


Begraben zu werden in Zeiten des Krieges,
bei rauhem Wetter, im Monsun
der Knüttel und Messer.

Die Stein- und Bronzegötter, die
in einer nächtlichen Kampfpause
an den schlafenden Lagern vorbeigetragen wurden,
trieben in Katamaranen die Küste entlang
an Kalutara vorbei.
Um zur Sicherheit
vergraben zu werden.

Große Steinköpfe vergraben
im Kreis flackernder Feuer
während nächtlicher Fluten.
Aus einem Tempel geschleppt
von den eigenen Priestern,
auf Sänften gehoben,
mit Schlamm und Stroh bedeckt.
Das Heilige geben sie auf
untereinander,
tragen das Credo eines Tempels
in Zeiten des politischen Umbruchs
in ihren Armen fort.
Verbergen
die Gebärden des Buddha.

Droben über Tage Massenmord und Jagd.
Ein Herz zum Schweigen gebracht.
Die Zunge entfernt.
Der Menschenleib verschmolzen mit dem brennenden
Reifen.
Schlamm stiert zurück
in einen erstarrten Blick.


750 AD wurde die Statue eines Samadhi Buddha
sorgfältig versteckt, entging so dem Krieg,
den Schatzjägern, fünfzigjährigen Fehden.
1968 wurde er von Mönchen entdeckt,
aufrecht sitzend,
begraben in der Erde von Anuradhapura,
mit halbgeschlossenen Augen, die Hände
in der Geste der Meditation.

Aus der Erde mit Tauen heraufgehievt
in eine umgebende Welt.
Hinausgehievt in Hitzewelle, Insektengeschwirr,
Badegeplansch in Zisternen.

Bronze wurde zu Bronze
um ihn her,
Farbe wurde zu Farbe.

Rezension III01 LYRIKwelt ©  Hanser-Verlag