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Meeresrand
(Leseprobe aus: Meeresrand,
Roman, 2003, Kunstmann -
Übertragung Renate Nentwig)
Wir fuhren mit dem Bus ,dem letzten Bus am Abend, damit uns niemand sah. Bevor wir aufbrachen, hatten die Kinder noch etwas gegessen, ich bemerkte, daß sie einen Rest Marmelade im Glas ließen, und ich dachte, diese Marmelade bleibt umsonst stehen, schade drum, aber ich hatte sie gelehrt, nichts zu verschwenden und auch an morgen zu denken.
Auf die Busfahrt freuten sie sich, glaube ich, ein bißchen waren sie auch beunruhigt, weil ich ihnen überhaupt keine Erklärung gegeben hatte. Ich hatte die Regenjacken herausgelegt, weil es am Meer ja oft regnet - so viel zumindest hatte ich verraten: sie würden das Meer sehen.
Begeisterter war Kevin, der Kleine. Neugieriger jedenfalls. Stan warf mir besorgte Blicke zu, wie er es tut, wenn ich in der Küche sitze und er mich verstohlen beobachtet und glaubt, ich sehe nicht, wie er dasteht, barfuß, im Pyjama, ich hab nicht mal die Kraft, ihm zu sagen, Steh doch nicht barfuß rum, Stan ja, manchmal sitze ich stundenlang so da in der Küche und schere mich um nichts.
Allzulang mußten wir zum Glück nicht auf den Bus warten, und niemand hat gesehen, daß wir wegfuhren.
Ein komisches Gefühl war das, die Stadt zu verlassen, abzureisen an einen unbekannten Ort, besonders, weil ja keine Ferien waren, und diese Sache, die ging den Kindern nicht aus dem Schädel, das ist mir schon klar. Wir hatten noch nie Ferien gemacht, waren noch nie über unser Viertel hinausgekommen, und nun war das Leben auf einmal ganz neu, mein Magen krampfte sich zusammen, ich hatte ständig Durst, alles ging mir auf die Nerven, aber ich hab mein Bestes, ja, wirklich mein Bestes getan, damit die Knirpse nichts merkten. Ich wollte, daß wir auf Reisen gehen, ich wollte, daß wir es auch glauben.
Als der Bus kam ,waren wir richtig ergriffen alle drei, fast schüchtern. Scheuer hätten wir nicht sein können, wenn wir an Bord eines Luxusdampfers gegangen wären, erster Klasse. Dabei war es nur eine alte Klapperkiste, laut und ungeheizt. O ja, kalt war’s da drin. Man stieg ein und hatte das Gefühl, in einen Luftzug zu geraten. Ich bezahlte die Karten mit meinem letzten Hunderter, und wir setzten uns ganz nach hinten, die Kinder und ich, mit unseren Sporttaschen, die wir neben uns auf den Boden stellten, ich hatte sie vollgestopft mit warmen Kleidern für die Knirpse, ich weiß, es waren viel zuviele, aber irgendwie war ich in Panik gewesen beim Packen, ich kann das nicht erklären. Ich wollte alles dabei haben, ich wußte, es war unsinnig, aber ich wollte, daß alles uns begleitet, unser Zeug von zu Hause, das uns vertraut war, in dem wir uns auf Anhieb erkennen konnten. Kevin wollte, daß ich auch seine Spielsachen mitnehme, aber das hab ich nicht getan. Ich wußte ja: spielen würden wir nicht.
Es waren viele Leute im Bus, man kann sich gar nicht vorstellen, wieviele Menschen unterwegs sind, und so spät noch, woher kamen die, fuhren sie alle an denselben Ort wie wir, es war ihnen nichts anzusehen, sie wirkten ruhig und versunken in ganz stille Gedanken, während meine Knirpse überquollen vor Fragen, Wie lang fahren wir denn? Wenn wir ankommen, ist es dann schon Tag? - solche Dinge, ich wußte nicht recht, was ich ihnen antworten sollte, mir war schlecht, und ich hatte keine große Lust zu reden, vor allem hatte ich keine Lust, daß die anderen mithören konnten.
Man sitzt hoch in diesen Bussen, die Autos, die sonst etwas so Erschreckendes haben, waren zu lächerlichen Spielzeugautos geschrumpft, man sah die Beine der Fahrer, ihre Hände, die Sachen, die sie auf den Nebensitz gelegt hatten, man konnte sie fast wie in ihren eigenen vier Wänden beobachten, sie wirkten viel ungefährlicher, ja, irgendwie fühlte man sich geschützt in diesem Bus, wenn man auch vor Kälte schlotterte.
Sehr bald mußte Kevin aufs Klo. Das bildest du dir ein, hab ich zu ihm gesagt, aber er wurde unruhiger hatte Angst, in die Hose zu machen, dieses Kind wird so leicht unruhig. Und ich, die nicht auffallen wollte, mußte mich vor allen Leuten durch den ganzen Gang kämpfen,den Fahrer bitten, anzuhalten, und mit meinem Sprößling aussteigen, damit er hinter den Bus pinkeln konnte, im Dunkeln, am Straßenrand, die Autos fuhren haarscharf an uns vorbei mit ihren brutal grellen Scheinwerfern. Stan ist da ganz anders. Der stört nie.
Muß nie aufs Klo. Will nie was essen, was trinken. Er verlangt nie etwas, manchmal belastet mich das schon, es wäre mir lieber, er würde weniger schauen und mehr schimpfen. Heute ist das aber nicht mehr wichtig. Stan war schon der ältere, noch bevor Kevin auf die Welt kam. Man hätte meinen können, er wartete nur darauf, daß der Kleine endlich geboren wurde, damit er seine Stelle als großer Bruder einnehmen konnte. Diese Rolle paßt zu ihm. Ich schaffe es morgens nicht, aufzustehen und zur Schule zu gehen, Stan ist derjenige, der Kevin hinbringt, und dem Kleinen gefällt das, glaube ich, ganz gut, Mit Stan komme ich nie zu spät, hat er mir einmal gesagt. Die Schulen fangen einfach zu früh an. Zehn wäre eine gute Zeit. Vor zehn bringe ich zum Beispiel gar nichts zustande. Ich schlafe nachts nicht gut. Ich habe Angst. Nicht, daß ich wüßte, wovor. Etwas legt sich mir auf die Brust, als würde sich jemand draufsetzen, ja, genau. Ich bin für niemanden vorhanden. Auf ihn kann man sich niederlassen wie auf einer Bank .Ich möchte aufstehen, mich erheben, schlagen, schreien. Es geht nicht. Dieser Jemand bleibt auf mir hocken. Wer kann das verstehen? Nachts nimmt etwas mir die Luft zum Atmen. Deshalb muß ich mich oft tagsüber hinlegen.
Ein bißchen schlafen. Am Tag schlafe ich ohne Angst.
Nicht immer, aber es kommt vor, ein durchsichtiger Schlaf, eine Rast, die keine Erinnerung zurückläßt und auch keinen Schmerz. Das Aufwachen ist dann schlimm - ich weiß nicht mehr, wo ich bin. Wie spät es ist. Was ich zu tun habe. Oft übersehe ich die Zeit, wenn die Schule aus ist. Ich schäme mich. Ich hetze los. Kevin wartet weinend am Schultor. Ständig hat er Angst.
Nicht seinetwegen. Meinetwegen. So zerbrechlich bin ich nicht. Aber ich schäme mich. Die Fahrt dauerte lang, zu lang, es war Nacht, und man konnte nicht in die Landschaft schauen, wir wußten also weder, wo wir waren, noch, wohin es ging. Wir befanden uns einfach nur in der Nacht, im Lärm, wir fuhren durch Lichter, überholten Lastwagen - wir überholten sie, aber mit welchem Ziel eigentlich?
Die Scheiben waren beschlagen, und Kevin zeichnete mit dem Finger kleine, schiefe Häuser darauf, Männchen ohne Arme - die Männchen, die Kevin zeichnet, haben nie Arme, Sie haben die Hände auf den Rücken gelegt, erklärt er, wenn man ihn fragt, wo denn die Männchen ihre Arme hätten.
Sehr bald war kein Platz mehr auf der Scheibe, und Kevin begann sich zu langweilen, er verlangte nach seinem Lulli, er wollte schlafen, den Lulli hatte ich komplett vergessen. Stan warf mir einen bitterbösen Blick zu, Er kann ja Daumen lutschen, sagte ich, früher gab ’s auch keine Lullis, da haben die Kinder eben an ihrem Daumen gelutscht, das war sowieso viel praktischer. Ich hab das so gesagt, aber ich weiß ganz genau, daß Kevin ohne sein großes gelbes Taschentuch nicht einschlafen kann. Sein Mund fing an zu zittern. Nicht weinen, Kevin! sagte Stan, der weiß, wie sich ein Tränenausbruch ankündigt.
Meinen Lulli! raunzte der Kleine. Nimm deinen Daumen, sagte ich. Er verteilte Fußtritte an den Vordersitz, die Person, die dort saß, drehte sich um, es war ein dicker Herr mit Schnurrbart, Kevin erschrak sehr, als er ihm sagte, Hör sofort auf damit, und er hörte sofort auf, er verlangte nicht ehr nach seinem Lulli, ich glaube, er weinte, jedenfalls schniefte er unentwegt, es war nervtötend.
In diesem Bus waren die Leute wirklich bequem untergebracht, und sie wünschten nicht gestört zu werden, das lag auf der Hand. Sie achteten nicht auf die Strecke, sie unterhielten sich ein bißchen, aber ganz leise, die einzigen, die sich benahmen wie Zappelphilipps, laut redeten, aufs Klo mußten oder heulten, waren meine Kinder.
Die anderen wirkten alle ganz entspannt, wirklich, als würden sie diese Busfahrt jeden Abend machen, ich wurde immer unsicherer, wo wir uns befanden, wie lange wir schon unterwegs waren, und sie wurden immer gelassener, manche schliefen sogar, mit offenem Mund, die Hände auf den Bauch gelegt, sie kannten diese Strecke besser als irgend jemand sonst, ich fürchtete so sehr, die Station zu verpassen, daß ich noch einmal aufstand und den Fahrer fragen ging.
Ich wäre fast hingefallen im Gang, weil der Bus zu scharf in eine Kurve fuhr, ich stieß eine alte Dame am Kopf, und sie schrie auf, empört, als hätte ich sie schon die ganze Zeit genervt, aber sie sah mich nicht mal an dabei, vielleicht grauste sie sich vor mir. Trotzdem war es gut, daß ich fragen gegangen war, wir hatten nur noch knapp zehn Minuten, der Fahrer sagte, er würde die Station ausrufen, ich glaube, er hat mir angesehen, daß ich auf Nadeln saß. Ich bedankte mich vielmals, ich war so erleichtert! Dann ging ich vorsichtig auf meinen Platz zurück, hielt mich von Reihe zu Reihe an der Rückenlehne der Sitze fest, die alte Dame würdigte mich keines Blicks, sie redete mit ihrem Nachbarn, vielleicht über mich.
Wir sind bald da, sagte ich zu meinen Jungs, und obwohl er weinte, lächelte ihr Kevin zu mit seinem löchrigen Lächeln, wie ich immer sage, weil ihm drei Zähne fehlen - eigentlich sind wir beide uns ganz ähnlich, mit unseren Lücken im Zahnfleisch, ich traue mich oft nicht zu lächeln oder zu lachen, ohne mir die Hand vor den Mund zu halten, ich weiß nicht, ob Stan und Kevin es bemerkt haben. Später hätten sie sich sicherlich geschämt. Jetzt, wo wir keine Angst mehr haben mußten, konnten wir uns ganz locker geben, als spürten wir die Gefahr nicht, so wenig wie die anderen Fahrgäste. Auf diese Weise verging die Zeit viel schneller, und wir waren richtig überrascht, als der Fahrer den Namen der Stadt ausrief, wir standen schnell auf, es waren viele Leute im Gang.
Gut, daß ich an die Regenjacken gedacht hatte! Es goß nämlich wie mit Eimern, als wir ausstiegen. Es regnet von den Lichtern, sagte Kevin, Stan lachte ihn aus, aber ich fand das süß, Stimmt, Kevin, sagte ich, es regnet von den Straßenlaternen, hoffentlich kommt bald der Tag! Ich war total verloren, irgendwo abgeladen in einer fremden Stadt, aber ich spielte die Ortskundige und folgte den Leuten, die mit uns ausgestiegen waren, es sah so aus, als steuerten sie alle forsch auf dasselbe Ziel zu. Die Jungs hatten sich an mich gehängt, jeder mit einer Hand, mit der anderen schleppten sie die Sporttaschen, sie waren viel zu schwer für sie, aber seit ich mir das Schlüsselbein gebrochen habe, kann ich fast nichts mehr tragen.
Es hatte wohl schon seit einiger Zeit geregnet in dieser Stadt, man kam sich vor, als stapfte man auf einer Baustelle herum statt auf einem Gehsteig, aber vielleicht gab es auch keine Gehsteige in dieser Stadt. Ich fragte mich, ob sie uns überhaupt reinlassen würden im Hotel mit unseren matschigen Schuhen, und wie bloß die Leute das machten, die hier wohnten, ihre Häuser mußten ja voll Wasser und voll Schlamm sein, ganz zu schweigen vom Meeressand. Mensch, das Meer! Es war natürlich nicht zu sehen, klar, aber man hörte es auch nicht, und ich bekam heftige Kopfschmerzen bei der Vorstellung, ich könnte mich geirrt haben,und der Frage, wie ich es anstellen würde in dieser Stadt voll Wasser und voll Schlamm, wenn es hier kein Meer gab, denn ich hatte mir geschworen, die Kinder sollten das Meer sehen. So war es. So mußte es sein.
Wir kamen auf einen Platz, und die Leute verstreuten sich nach und nach in alle möglichen Richtungen, sicher waren wir im Zentrum der Stadt, war es riesig?, war es winzig?, ich konnte es einfach nicht erkennen, die Nacht war so schwarz und der Regen so eisig, man kam sich wie im Niemandsland vor, ich stand fast allein mit meinen Kindern da, und die Stadt wurde zu einem Geheimnis. Ich wußte nicht, in welche Straße ich gehen, wo ich überqueren sollte, was führte uns weg, was brachte uns näher, alles war vollkommen reglos, und je stiller es war, um so fremder waren wir.
Ich mußte jemanden ansprechen. Ich frage nicht gern jemanden, aber ich spürte, bald wäre es tiefe Nacht, und dann wären wir wirklich verloren alle drei. An einer Straßenecke sah ich einen kleinen Herrn, eingemummt in einen Anorak, der einen so winzigen mageren Hund spazieren führte, daß es aussah, als hätte er ihn aus Streichhölzern gebastelt, den habe ich gefragt, wo das Hotel war. Meine Stimme zitterte und blieb mir fast im Hals stecken, Jetzt habe ich wieder diese Beklemmung, dachte ich, und das machte mir angst. Der kleine Herr tat den Mund nicht auf, zeigte nur mit dem Finger: das Hotel war direkt hinter uns, ich hatte es glatt übersehen, direkt hinter uns, aber das Schild war nicht beleuchtet, nicht mal der Eingang war beleuchtet; ich dankte mit einem leichten Kopfnicken, ich fürchtete mich davor, meine Stimme zu hören, und schließlich brachte er ja auch keinen Laut über die Lippen. Als wir weitergingen und unsere Taschen durch den Schlamm schleiften, fing der kleine Zündholzhund zu bellen an, und es klang wie ein Lachen, ein fieses Lachen, es lief mir kalt über den Rücken, dabei fürchte ich mich sonst nicht vor Hunden, und den da hätte ich mit der flachen Hand zerdrücken können. Vielleicht lag es am Regen, dachte ich plötzlich, meine zitternde Stimme, der lachende Hund, vielleicht waren alle Leute heiser in dieser Stadt, und da wurde mir unheimlich zumute, ich wünschte, es wäre bald morgen, damit ich das alles bei Tageslicht besehen könnte und feststellen, wie weit der Horizont uns führte.
Ist das unser Hotel, Mama? fragte Kevin, und auch seine Stimme versagte, aber bei ihm war es die Müdigkeit, ich kannte diese Stimme gut, sie beruhigte mich fast. Geh rein, antwortete ich, und wir mußten uns loslassen, wir drei, weil wir als Menschenkette nicht durch die Tür kamen, ganz zu schweigen von den Sporttaschen. Fast wären wir nicht losgekommen voneinander, wir waren ganz klamm und ganz verfitzt; Kevin blieb mit den Füßen in den Trägern seiner Tasche hängen und stieß mit dem Kopf hart gegen die Tür, und da sah ich, wie naß seine Haare waren, ich erinnere mich …es ist blöd …ich erinnere mich …es war eine Art Reflex, eine alte Angst, die Angst, er könnte sich erkälten. Fieber kriegen. Wer weiß? Vielleicht ist das in jeder Mutter drin, daß sie ihre Kleinen vor dem Fieber schützen will, ein tierischer Instinkt, stärker als wir.
Stan nahm beide Taschen und sagte, Bitte, Mama, nach dir, Stan liebt solche Höflichkeitsfloskeln, ich bin das nicht gewohnt, manchmal frage ich mich schon, wie es möglich ist, daß dieser Bengel so gute Manieren hat, wo lernt er das denn, zu Hause sicher nicht, in der Schule erst recht nicht, die Schule ist eine so herzlose Welt. Ja, er ist ein höflicher Junge, aber er ist auch stark. Das ist das Schöne. Daß er beides hat. Wie oft wollten sie in der Schule etwas aus ihm rauspressen, aber er hat immer dichtgehalten, er hat sich nie kleinkriegen lassen, auch wenn er dafür nachsitzen mußte oder eine Strafe aufgebrummt bekam, immer hat er sich gewehrt mit einer Wut, von der ich nicht weiß, woher er sie hat. Ja, mir gegenüber benimmt sich Stan wie ein Gentleman, das einzige männliche Wesen, das mich so gut behandelt, manchmal muß ich freilich lachen, Ach, spiel dich nicht auf, Stan, sage ich zu ihm, aber ich liebe es, und ich glaube, er weiß das.
Durchgefroren und pitschnaß, wie wir waren, schafften wir es endlich, in dieses verdammte Hotel hineinzukommen. Es war sehr dunkel, nur ein funzeliges Nachtlicht brannte am Empfang, und alles war in Braun gehalten: die Wände, das Linoleum, die Türen, in einem alten Braun, wahrscheinlich war hier seit ein paar hundert Jahren nicht frisch gestrichen worden, es sah so aus, als wäre all der Dreck an den Wänden und auf dem Boden mit der Zeit eingetrocknet, man kam sich wie in einer Schachtel vor, wie in einem Schuhkarton.
Mir war schon klar, daß die Jungs enttäuscht waren, im Fernsehen sind die Hotels ja wirklich ganz anders, es gibt überall Lichter, Blumen, große Spiegel, rote Teppiche, und die Leute sind angezogen wie für eine Hochzeit. Am Empfang saß so ein Junger und starrte in einen winzigen Schwarzweißfernseher, der wie ein Überwachungsmonitor aussah, aber der Mann verfolgte ein Fußballspiel, er blickte kaum auf, als ich meinen Namen sagte, er streckte den Arm nach hinten, angelte einen großen Schlüssel von einem Haken, legte ihn auf die Theke und murmelte, Sechster Stock dritte Tür links. Ich war ganz froh, daß er uns nicht sonderlich beachtete, wir hatten eine Schlammspur hinterlassen, die sogar auf dem braunen Linoleum zu sehen war, lauter kleine Batzen, wie verstreute Kacke. Ich griff nach dem Schlüssel und blickte mich um, der Kerl kannte das wohl schon, denn er sagte, Die Treppe ist hinter Ihnen, mir fehlte eindeutig die Orientierung in dieser Stadt, alles war immer hinter mir, und ich merkte es nicht, alles war da, und ich rannte herum und ging im Kreis, dabei war alles da und wartete auf mich.
Nicht die Treppe hatte ich gesucht, sondern den Lift, aber gut, wir waren fast am Ziel, das war die Hauptsache, Los, Kinder, sagte ich, ein kleines Stück noch, Stan nahm Kevins Tasche, der Kleine nahm meine Hand und fragte noch einmal, Ist das unser Hotel? Du wirst in einem schönen Bett schlafen und ganz neue Bettwäsche haben, sagte ich, aber das schien ihm nicht zu gefallen, Mein Lulli ist nicht da, du hast meinen Lulli vergessen! Seine Stimme war voll Auflehnung, sicher hatte er sich unseren kleinen Ausflug etwas anders vorgestellt. Aber morgen, wenn er erst das Meer sieht, dachte ich, weil das Meer, das konnte keine Enttäuschung sein, das gab ’s einfach nicht, das Meer ist überall für alle gleich, und ich war sehr wohl in der Lage, mit meinen Knirpsen hierher zu fahren, ich war sehr wohl in der Lage, eine Reise zu unternehmen, sogar nachts, es stimmt nicht, daß ich vor lauter Angst nichts zusammenbringe, wie die auf dem Sozialamt immer behaupten.
Das alles sagte ich mir vor, während ich die Stufen hinaufstieg, aber ich glaubte es nicht wirklich, ich wollte mir nur Mut machen. Tief innerlich hätte ich es gern so schnell wie möglich zu Ende gebracht. Aber die Kinder mußten einfach das Meer sehen, das war mir auch klar, und bei dem Gedanken an all die Zeit, die wir für uns hatten, wurde mir schwindlig, ich klammerte mich ans Geländer, mir war, als würde es an mir ziehen, an meinem Arm reißen. Stan hatte Mühe mit den beiden Taschen, er wollte im vierten Stock stehen bleiben, Aber wirklich nicht! sagte ich, wenn wir jetzt stehenbleiben, kommen wir nie rauf. Ich ließ Kevins Hand los und half Stan, eine der Taschen zu tragen, schwer zu sagen, wer hier wem half, wer sich woran festhielt, klar war nur: wir waren ganz schön mutlos, weil wir soviele Stockwerke hinauflaufen mußten, die Stiege war steil und unbeleuchtet, vielleicht, wenn es hell gewesen wäre, hätten wir mehr Kraft gehabt. Ohne Licht war es, als müßten wir durch einen Tunnel oder eine unterirdische Passage, wir konnten uns nicht vorstellen, wie das Zimmer aussehen würde, alles war zu braun, zu dunkel, zu unübersichtlich. Kevin war eifersüchtig, weil er nachtrottete, eifersüchtig, weil ich seinem Bruder half, da bin ich sicher, und er fing an zu weinen, er sagte, er wäre müde, er sagte sogar, er wollte wieder nach Hause! lso, da blieb mir die Spucke weg. Was? hab ich zu ihm gesagt, die Mama macht mit dir eine Reise ans Meer, und du willst wieder nach Hause? Morgen ist Kindergarten, was sollen wir denn Marie-Hélène sagen? Marie-Hélène, antwortete ich, bringen wir eine Muschel mit, und ich dachte, das wäre vielleicht das richtige, eine schöne Muschel zu suchen und sie der Lehrerin zu geben, der ersten Liebe meines Sohnes, ja, sie müßte seine erste Muschel be- kommen. Dieser Einfall brachte Kevin zum Lächeln, ich war stolz auf mich, Ich kann gut it meinen Kindern umgehen, dachte ich, wenn man mich nur machen läßt, wäre vielleicht eine dieser Sozialarbeiterinnen auf so etwas gekommen? Daß man einen Fünfjährigen dazu bringen kann, in den sechsten Stock zu gehen, indem man ihm von Muscheln erzählt? Nicht eine wäre draufgekommen, solche Dinge standen ja nicht mal in ihren Fragebögen. »Sprechen Sie mit Ihren Kindern über Muscheln? - täglich; einmal im Jahr; nie. «Also, ich bin sicher, ganz viele würden »Nie «ankreuzen, und gerade die sollen gute Mütter sein? Nur weil sie nicht irgendwann gegen achtzehn Uhr in der Schule eintrudeln, sondern Punkt sechzehn Uhr fünfundzwanzig mit einem Schokocroissant am Tor stehen ,ihren Knirps schnappen und sich aufregen, Du kommst natürlich wieder mal als letzter raus. Pff! Was war denn eigentlich wichtiger? Natürlich die Muscheln! Und ich war fest entschlossen, eine ganz große zu finden, eine von denen, die rauschen, wenn man sie ans Ohr hält, und die man zur Zierde auf die Anrichte legt.
Der Plan verfehlte seine Wirkung nicht, mit der Aussicht auf die Muschel kamen wir wie durch ein Wunder in den sechsten Stock, ich und die Kinder und die Taschen. Wir hatten keinen Schlamm mehr an den Schuhen, waren schweißgebadet, erschöpft und völlig erhitzt, wir wollten nur noch schlafen gehen, und mich durchströmte ein Glücksgefühl. Ich konnte es kaum er - warten, daß die Knirpse ins Bett kamen und wir ohne weiteres den nächsten Morgen erreichten, wie alle anderen Leute, die abends ins Bett gehen, weil sie müde sind, weil sie jede Stunde ihres Tages auszufüllen wissen, und morgens aufstehen, weil es sich so gehört, man muß aufstehen, also tun sie es - im Unterschied zu mir, ich bringe Tag und Nacht durcheinander, bin wach, wenn alle anderen pennen, und schlafe ein, wenn sie sich abhetzen, übrigens frage ich mich jedesmal, wenn ich unterwegs bin, wohin die Leute alle gehen, sie laufen nach rechts, nach links, klappern die Straßen ab, manche telefonieren sogar im Gehen, wie kann man nur soviel zu tun haben?
Ich steckte den großen Schlüssel in das Schloß der dritten Tür links, das hat er doch gesagt, der Nachtportier, ich habe es schon richtig verstanden, dritte links, und die Tür ging auf –das heißt, nicht ganz, weil sie gegen das Bett stieß, das sehr breit war; wir zwängten uns durch und setzten uns hin, etwas anderes konnten wir nicht tun, es gab keinen Tisch, keinen Stuhl, keinen Schrank, nur dieses Bett, und viel größer als das Bett war das ganze Zimmer nicht.
Ich fürchtete, Kevin würde gleich wieder fragen, Ist das unser Hotel? Deshalb sagte ich rasch im Kommandoton, Los, Kevin, Pipi und ab ins Bett! Wo denn? gab er zur Antwort. Wo denn was? Wo soll ich Pipi machen? Ich streckte die Hand aus, öffnete die Tür, zwängte mich wieder durch und trat auf den Flur, Kevin folgte mir mit mißtrauischem Blick. Die Lampe blinzelte, als würde sie demnächst durchbrennen, aber sie brannte nicht durch. Ich ging den Flur entlang, es gab eine Menge numerierter Türen, und am Ende waren zwei graue Türen mit der Aufschrift »WC « und »Dusche «.Uff!
Ich hatte schon befürchtet, wir müßten noch mal runter in den ersten Stock, das hätte ich nämlich nicht geschafft, eher hätte ich mein Kind aus dem Fenster pinkeln lassen. Bei der Gelegenheit stellte ich übrigens fest, daß dieses Hotel wie ausgestorben war, wir hatten niemanden gesehen, und abgesehen von der Glühbirne kurz vorm Durchbrennen war auch nichts zu hören.
Ich machte die WC-Tür auf und winkte Kevin, es miefte fürchterlich da drin, Mief ist gar kein Ausdruck, es roch nach Abfluß und nach rostigen Rohren, und die Wasserspülung tropfte auf die Klobrille, Kevin wollte sich nicht draufsetzen, er weigerte sich, Pipi zu machen, da habe ich zu ihm gesagt, Jetzt lernst du mal zu pinkeln wie ein Großer, und ich mußte lachen, wie er sich hinstellte, auf Zehenspitzen, und seinen winzigen Zipfel in die Hand nahm, schon komisch, was für einen Stolz kleine Jungs entwickeln, wenn sie lernen, stehend zu pinkeln.
Als wir ins Zimmer zurückkamen, war Stan bereits eingeschlafen, komplett angezogen in dem großen Bett, und plötzlich dachte ich, er ist erst neun …und ich strich ihm mit der Hand über die nassen Haare, und ich hätte ihn in die Arme nehmen mögen, aber ich habe es nicht getan, ich wollte ihn nicht wecken, es ist etwas so Unglaubliches, mit anzusehen, wie jemand in den Schlaf sinkt, wohin gehen die Leute alle, wenn sie schlafen, begegnet man einander im Schlaf, gibt es ein Land der Träume, ein richtiges Land, meine ich, ist es möglich, im Traum eines anderen Menschen zu landen, nein, nein, ich darf gar nicht erst anfangen, solchen Gedanken nachzuhängen, der Psychiater auf dem Sozialamt hat ihr gesagt, es gibt Gedanken, die führen direkt in den Abgrund, und ich weiß, er hat recht. Stan war einfach ein kleiner Junge, der gerade schlief, das mußte ich mir sagen, wie andere Mütter es tun ,bevor sie das Licht ausmachen und wieder in die Küche gehen und das Geschirr abtrocknen.
Schlafen wir alle drei im selben Bett? fragte Kevin und machte große Augen. Das hatte ich natürlich nicht bedacht. Leg dich hin, sagte ich und verkündete, bevor er fragen konnte, Ich gebe dir ein T-Shirt, das kannst du als Lulli nehmen, es riecht zwar anders, aber du bist ja jetzt groß, du kannst schon im Stehen Pipi machen. Aber schlafen wir alle drei im gleichen Bett? wiederholte er, und ich spürte wohl, wie sehr ihn das beunruhigte.
Nein, natürlich nicht, antwortete ich und fragte mich einmal mehr, was ich mit mir anfangen sollte. Leg dich hin, sagte ich sehr leise, das Bett ist für Kevin und Stan. Du gehst aber nicht weg? fragte er panisch mit einer schrillen Kleinmädchenstimme - wie damals, als ich ihn zum ersten Mal im Kindergarten gelassen habe, ich kann mich noch erinnern, Du gehst aber nicht weg? rief er entrüstet, und eine andere Mutter hörte es und lachte, bestimmt hatte ihr Kind sie nicht so lieb wie mein Kind mich. Ich überlegte blitzschnell und sagte, ich würde am Fußende des Bettes schlafen, ich würde ihre Beine schon nicht spüren, da sie ja immer eingerollt schliefen, das wußte ich, ich betrachte sie oft in der Nacht, während sie schlafen, sie liegen da wie zusammengeklappt, als würden sie frieren.
Kevin verlangte seinen Pyjama, »den Pyjama fürs Hotel «,mit einer Micky Maus drauf, und es beruhigte ihn unheimlich, ihn anzuziehen, Er riecht nach zu Hause, sagte er, Es lohnt sich, eine Reise ordentlich zu planen! dachte ich, aber mir hat dieser Geruch auch gut getan, es war der Geruch nach meiner Wäsche, nach Feuchtigkeit, nach meinem kleinen Jungen, ich legte meinen Kopf in seine Halsgrube, der Hals ist das zarteste an einem Kind.
Kevin legte sich hin. Die Bettwäsche ist nicht neu, sagte er, es klang wie ein Vorwurf, o nein, neu war die nicht!, sie war an den Ecken abgewetzt und hatte Löcher, manche waren nicht mal gestopft. Aber frisch gewaschen ist sie, sagte ich, doch Kevin hörte mir nicht zu, er fragte sich, wie er klarkommen sollte mit diesem Unding von Lulli, er begann an einem Ende zu lutschen, ließ los, nahm eine andere Stelle, kostete, Hör auf! sagte ich, du wirst noch total durstig, und wo sollte ich dann etwas zu trinken herkriegen in diesem Hotel, so, wie es auf dem Klo aussah, konnte man sich ja vorstellen, in welchem Zustand die Leitungen waren, und rostiges Wasser sollten meine Knirpse nicht trinken, das wollte ich nicht. Als sie dann beide schliefen, war es schwer für mich. In meinem Kopf fing es zu reden an, das kann ich schon nicht leiden, die Denkerei ist ein heimtückisches Ungeziefer, manchmal wäre ich wirklich lieber ein Hund. Ein Hund, da bin ich sicher, fragt sich nie, wo sein Platz ist oder zu wem er gehört, er schnuppert in die Luft, nimmt mit seiner Schnauze alles auf, und es ist abgespeichert für immer. Danach orientiert er sich. Der Mensch hat keinen Riecher, das ist das Gefährliche. Ich wünschte, ich könnte schnüffelnd herumgehen und alles wäre klar, hätte einen einfachen, eindeutigen Sinn.
Um nicht mehr denken zu müssen, begann ich ein Lied zu summen, Kleiner Matrose, kehrst aus dem Krieg zurück, So sanft, mein Vater hat es gesungen, als ich klein war, früher mußte ich dabei immer weinen, aber jetzt tat es mir gut; ein altes Lied zu singen ist, wie jemanden wiederzusehen nach langer Zeit. Kleiner Matrose, kehrst aus dem Krieg zurück, So sanft, Die Kleider zerrissen, zerschlissen die Schuh, Kleiner Matrose, aus welchem Krieg kehrst du zurück? So sanft. Seit dreißig Jahren ist es derselbe Matrose, ich meine, das Bild, das ich von ihm habe, ist immer dasselbe, seine Kleider sind zerrissen, seine Schuhe durchlöchert, denn das ist das wichtigste an diesem Lied: »zerschlissen die Schuh «,es ist furchtbar, wenn einem die Füße weh tun, und neue Schuhe sind für eine Hausfrau und Mutter der reine Ruin. Das sage ich unheimlich gern: für eine Hausfrau und Mutter! - und dann seufze ich bekümmert, wie die, die um sechzehn Uhr fünfundzwanzig vor der Schule warten, da spürt man, aß wir alle zusammengehören und uns vielleicht verstehen könnten. Für eine Hausfrau und Mutter!
Aber aufgepaßt: danach muß man unbedingt seufzen, nicht etwa losprusten, einmal habe ich vor einer Sozialarbeiterin einen Lachkrampf bekommen, das hat ihr gar nicht gefallen, aber ich konnte nicht ehr aufhören, sie sah drein, als würde sie mich im stillen hassen, mir war schon klar, daß ich nicht ihr Lieblingsschützling war, bestimmt sieht sie es lieber, wenn eine in Tränen ausbricht statt in ein Gelächter.
Wie dem auch sei, Schuhe sind jedenfalls teuer. Morgen würden wir barfuß über den Sand laufen und die Füße ins Wasser tauchen und lachen, und wieso konnte ich trotzdem nicht einschlafen, sogar das Singen war mir vergangen, es gibt Momente, da bin ich wegen jeder Kleinigkeit so niedergeschlagen, weiß nicht, wohin mit mir, wohin mit meinen Träumen, aber es gibt doch bestimmt Wege, denen man folgen kann, ungefährliche Wege, beschildert und begrenzt, ja, mit Schranken überall, das ist wichtig.
Ich hörte Geräusche im Nebenzimmer, Stimmen, einen Schlag gegen die Wand, wie hatte ich mir nur einbilden können, in diesem Hotel wäre kein Mensch? Das ist wieder typisch für mich, wenn ich mich allein fühle, glaube ich, die Leute verschwinden. Wie lange es zum Beispiel gedauert hat, bis ich meine Nachbarn erkannt habe! Jahre, glaube ich. Jetzt, wo ich sie kenne, sehen sie gar nicht ungut aus, trotzdem verlasse ich meine Wohnung lieber nur, wenn es auf dem Flur still ist, wenn ich sicher sein kann, niemandem über den Weg zu laufen.
Es gibt natürlich Leute, die ich treffen muß. Auf dem Sozialamt. In der Schule. Ich mag es gar nicht, wenn mich Marie-Hélène hinbestellt, Kevin ist zwar ihr Liebling, das weiß ich, trotzdem beglückwünscht sie mich nie, sondern kommt andauernd mit allen möglichen Fragen, Warum hat er nie Turnschuhe dabei? Wann geht er denn abends ins Bett, er schläft am Vormittag hier ein! Ach, diese Marie-Hélène! Manchmal, wenn ich Kevin einen Schrecken einjagen will, drohe ich ihm mit ihr,ich sage, Das werde ich aber Marie-Hélène erzählen, daß du dein Püree nicht aufessen willst und daß du schon wieder ins Bett gemacht hast. Natürlich werde ich ihr kein Wort davon erzählen, aber wenn man als alleinerziehende Mutter zwei Knirpse aufzuziehen hat, muß man sich ja irgendwie ein bißchen Autorität verschaffen.
Meine Jungs schliefen. Eingerollt. Wie kleine Kätzchen. Kevin war der Ersatzlulli aus dem Mund gerutscht, immer schlief er mit offenem Mund, wegen seiner Polypen, so oft hatte ich mir vorgenommen, wenn ich einmal genug Geld hätte, würde ich ihn operieren lassen, und jetzt … und jetzt …
Ich schaute zum Fenster hinaus, man sah nichts. Ich habe normalerweise ein Haus gegenüber, und ich seh das gern, wie die Leute sich in ihren Wohnungen bewegen, hinter den Vorhängen, und wie überall die kleinen Lichter angehen, wenn es dunkel wird, das ist schön, dann sind wir alle vereint, wie es sein soll, in unsere Schachteln geschlichtet, das ist die Ordnung der Dinge, das gefällt mir. Hier sah man gar nichts, nicht mal einen Autoscheinwerfer oder eine Straßenlaterne, nichts. Wie würde das erst bei Tageslicht aussehen? Was war hinter diesem Fenster? Das Meer? Nein, ich hörte nichts, und außerdem …ein Hotel direkt am Meer hätte viel zuviel gekostet, da wäre ich gleich stutzig geworden. Aber was dann? Was lag vor mir, das ich nicht sehen konnte? Der Busbahnhof? Eine Baustelle mit Kränen, schweren Lastern und dem ganzen Getöse, wurde etwas gebaut oder abgerissen? Ich hasse das, halb abgetragene Häuser, ich halte es nicht aus, wenn bei Abbruchhäusern die Farbe der Tapeten an den Wänden zum Vorschein kommt, etwas Trostloseres gibt es für mich nicht. Ich durfte gar nicht erst anfangen, mir das auszumalen, hinter diesem Fenster war alles vorstellbar, man konnte sich auf alles gefaßt machen, ich mußte aufhören, sofort aufhören, bevor ich mich in einen Alptraum steigerte.
Ich zog mich aus, meine Kleider waren ganz naß vom Regen, vom Schweiß, sie klebten mir am Leib, es roch ziemlich unangenehm, aber ich hatte nicht die Kraft, mich waschen zu gehen am Ende dieses elendslangen Flurs. Ich schlüpfte in mein Nachthemd und legte mich ans Fußende, als Decke nahm ich den Bettüberwurf, es war ganz schön eng, wir müssen hübsch ausgesehen haben, wie wir so dalagen, zusammengekauert alle drei!
Alle drei …Aber ich muß sagen, es war schön. Die Kinder lagen ganz ruhig, ich hörte sie atmen, ich schlief zum ersten Mal bei ihnen, und dieser Atem, den ich hörte, den hatte ich ihnen geschenkt. Ich.Was für eine Schufterei das Leben doch ist,was für eine fürchterliche Schufterei …
Das dachte ich, und dann schlief ich ein. Ich hatte meine Medikamente nicht genommen, und trotzdem setzte sich in dieser Nacht niemand auf mich. In dieser Nacht war ich wie alle anderen. Die Müdigkeit von der Reise, die ganze Aufregung, und sicher auch das Bedürfnis, nicht daran zu denken, was ihr bevorstand. Ich schlief wie am hellichten Tag. Ich träumte nichts. Ich stellte mir nichts vor. Ich fühlte mich weder gut noch schlecht, vielleicht nicht mal lebendig, ja, ich schlief wie eine Tote in dieser unbekannten Stadt, aber eins wußte ich noch: am nächsten Tag würden meine Knirpse das Meer sehen.
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