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Verfängliche Liebe
(Leseprobe aus:
Verfängliche Liebe, Roman, 1999, dtv-
Übertragung Uli
Wittmann)
Omovo hatte eine lange Zeit der Dürre
hinter sich, Als er sich im Spiegel betrachtete und sah, daß er sich das Haar
schneiden lassen mußte, wußte er noch nicht, daß die Zeit der Dürre überwunden
war, Der Friseurladen war gleich nebenan, und als er dorthin kam, sagte ihm ein
Lehrling, daß sein Chef für ein paar Tage nach Hause gefahren war, nach
Abeokuta. Omovo fragte, ob er sich trotzdem das Haar schneiden lassen könne,
und der Lehrling antwortete begeistert: »Was ist das denn für ne Frage? Ich
hab heut schon fünf Köpfe geschnitten. Ich schneide gut.«
Omovo döste während des Haareschneidens ein. Als er aufwachte, stellte er
fest, daß er wie ein Polizeirekrut aussah, Er sagte dem Lehrling, er solle das
Haar kürzer schneiden, Und als sein Haar immer kürzer wurde, hatte er das Gefühl,
immer schlechter auszusehen. Verärgert sagte er dem Lehrling, das ganze
verdammte Zeug abzuschneiden, Als der Friseur fertig war, wirkte Omovos Kopf in
dem großen Spiegel knochig und kantig. Zuerst war Omovo entsetzt. Dann gewöhnte
er sich allmählich an diese neue Erfahrung. Nachdem er den Lehrling bezahlt
hatte, hob er die dunklen Büschel seiner auf dem Boden verstreuten Haare auf,
steckte sie in eine Zellophanhülle und ging unter dem Spottgesang »Afaricorodo,
Glanz-Glanz-Glatzkopf« der Kinder ringsumher nach Hause.
Am nächsten Morgen machte er einen Spaziergang durch das Getto von Alaba. Er
war erst wenige hundert Meter von zu Hause entfernt, als es plötzlich leicht zu
regnen begann. Seine Kopfhaut kribbelte. Er beschloß, nicht zu rennen, um sich
unterzustellen, sondern ging weiter. Er kam an einem Gebäude vorbei, das in der
letzten Nacht niedergebrannt war. Nicht weit von diesem Gebäude schlugen ein
paar Männer von einem vertrockneten Baum die Äste ab, um sie als Brennholz zu
verwenden, In der Nähe des Baumes prügelten ärmlich gekleidete Kinder mit Stöcken
auf eine Ziege ein, Er blieb stehen und starrte die Kinder an, gleichzeitig spürte
er, wie ihm ein Schauer von oben nach unten durch den Körper lief. Irgend etwas
ließ ihn erstarren und durchzuckte ihn dann. Irgend etwas flimmerte am Himmel.
Plötzlich schrie er; »Laßt die Ziege in Ruhe!«
Die Kinder hielten inne. Sie starrten auf seinen knochigen, kantigen Schädel.
Die Ziege, auf die sie eingeschlagen hatten, trottete langsam auf den Baum zu.
Die Männer sahen sich an; einer von ihnen warf einen Ast mit vertrockneten Blättern
auf den Boden, und der andere rief; »Was ist los?«
Omovo war verlegen. Er konnte es nicht erklären. »Tut mir leid«, murmelte er.
Dann eilte er nach Hause, holte seinen Zeichenblock hervor und zeichnete wie
besessen. Immer wieder veränderte er die Linien, Krümmungen und
Schattierungen, Dutzende von Malen. Und dann kam ihm der Gedanke, einen
Kohlestift zu benutzen. Er spürte, daß das ursprünglich Erlebte dadurch einen
noch seltsameren, realistischeren Charakter bekam, und er freute sich.
Als die Zeichnung fertig war, legte er den Kohlestift aus der Hand und ging
durch den Gang zum Hinterhof. Er ging an den Wohnungen des Compounds vorbei, der
aus einer Doppelreihe von ebenerdigen Gebäuden bestand. Er fühlte sich von der
stehenden, stickigen Hitze, den muffigen Gerüchen und der lärmenden Geschäftigkeit
ringsumher bedrängt. Der Zementboden war grau, schmutzig und voller tiefer Löcher.
Zwischen den Rändern der Wellblechdächer sah man den Himmel.
Im Hinterhof diskutierten ein paar Männer aus dem Compound lautstark über
irgend etwas in den Schlagzeilen. Nasenflügel blähten sich wütend auf, Arme
fuchtelten in der Luft, Stimmen prallten aufeinander. Als Omovo vorbeikam,
wandte sich einer von ihnen nach ihm um und rief: »He, Malerknirps . . . «
Omovo antwortete gereizt. »Bitte, nenn mich nicht »Malerknirps«.
»Okay. Omovo... «
»Ja?«
»Ich sehe, du hast wieder angefangen zu zeichnen.«
Omovos Gesicht hellte sich auf.
»Ja«, sagte er. »Ja.«
Der Mann nickte und starrte auf Omovos glänzenden Kopf. Omovo ging zur
Gemeinschaftstoilette. Der Gestank war überwältigend. Beim Urinieren blickte
er auf den Schmutz, der sich vor der Abflußrinne angesammelt hatte. Sobald er
fertig war, lief er schnell hinaus.
Auf dem Rückweg kam er wieder an den diskutierenden Männern vorbei. Die
Auseinandersetzung war noch heftiger geworden, als sei sie nicht nur durch die
Hitze entfacht worden. Er wußte, worüber sie sich stritten. Es hatte in allen
Zeitungen gestanden. Er wollte mit dieser Angelegenheit nichts zu tun haben. Er
durfte seine Gefühle nicht vergeuden.
Ein paar Leute hatten sich vor der Veranda versammelt, auf der er gearbeitet
hatte. Sie starrten auf die Zeichnung und flüsterten sich gegenseitig etwas zu.
Omovo blieb stehen. Während er noch unentschlossen verharrte, ging einer der Männer
aus dem Compound an ihm vorbei, machte kehrt, kam zurück und klopfte ihm auf
die Schulter. Es war Tuwo. Er war tiefschwarz, kräftig, eher untersetzt und sah
trotz seiner vielleicht vierzig Jahre noch gut aus. Er sprach mit einem gekünstelten
britischen Akzent, an dem er schon Gott weiß wie lange gearbeitet hatte. Das
brachte ihm eine gewisse Anerkennung ein und bestätigte neben all den anderen
Dingen, für die er berüchtigt war, seinen Ruf.
»Schön, daß man dich mal wieder beim Pinseln sieht. Ehrlich. Das ist ja ein
seltsames Bild, ehrlich. Erinnert mich an den Krieg.« Er hielt inne. »Gute
Arbeit«, fuhr er fort und fügte dann hinzu, »aber sei vorsichtig mit den Mädchen.
Vor allem, wenn sie verheiratet sind.«
Er lächelte, und seine behaarten Nasenlöcher weiteten sich. Während Omovo
Tuwos Nasenlöcher betrachtete, sah er aus den Augenwinkeln, wie sich die Vorhänge
bewegten. Er nahm an, daß es die Frau seines Vaters war. Tuwo blickte auf den
zur Seite geschobenen Vorhang, und sein Gesicht hellte sich unmerklich auf.
Anscheinend ohne es zu merken, steckte er die Hand tief in die Tasche, kratzte
sich beiläufig und ging aus dem Compound zur Vorderseite des Hauses, um mit den
kleinen Mädchen zu schwatzen, die dort Wasser kauften. Als er
weiterschlenderte, fiel der Vorhang zurück, und die Falten bewegten sich bald
nicht mehr.
Omovo stand vor seiner Zeichnung. Er ging langsam Schritt für Schritt zurück,
um sie aus unterschiedlichen Entfernungen zu begutachten. Dann stolperte er über
einen Hocker. Als er das Gleichgewicht wiederfand, betrachtete er mit
zusammengekniffenen Augen die Figuren, an denen er so gewissenhaft gearbeitet
hatte. Die Zeichnung stellte Kinder dar, die unter einem Baum spielten. Der Baum
hatte einen dicken, alten Stamm. Seine Äste waren nah am Stamm willkürlich
abgehackt worden. Die Kinder waren nackt, gekrümmt und hatten aufgeblähte Bäuche.
Ihre Beine waren spindeldürr. Der Himmel über dem Baum und den Dächern war
durch unterschiedlich schattierte Wolken angedeutet, die einem Haufen lebloser Körper
glichen. Die Zeichnung war streng und elementar. Sie hatte etwas Grausames, das
tief in ihr bebte.
Er sagte in Gedanken: »Ja. Ja. Seltsam.«
Er hob die Hand, faßte sich an den Schädel und spürte wieder, wie klamm seine
Handfläche war. Er sagte ruhig zu der Zeichnung: »Ich habe dich noch nie
gesehen. Doch es ist wunderbar, daß du da bist.«
Dann merkte er plötzlich, welche Auseinandersetzung seine Arbeit hervorgerufen
hatte.
»Omovo, was hast du da gemalt?« fragte einer der Jungen aus dem Compound.
»Das ist ein Baum«, sagte ein anderer.
»Das ist kein Baum.«
»Was dann?«
»Das sieht aus wie ein großer Pilz.«
»Das sieht nicht aus wie ein großer Pilz.«
Als Omovo seinen Blick über die vielen schwitzenden, aufmerksamen Gesichter
schweifen ließ, stieg plötzlich eine unbestimmte Angst in ihm auf. »Hört zu,«
sagte er laut. »Warum geht ihr nicht einfach weg und laßt mich in Ruhe!«
Es wurde still, doch nichts geschah. Die Leute rührten sich nicht von der
Stelle. Dann kam von einem unbekannten Gesicht in der Menge die Frage, ob Omovo
die Zeichnung verkaufen wolle. Der Junge sagte, er kenne ein paar »Europäer«,
die ganze zwanzig Naira für so ein Bild zahlten, wenn es richtig gerahmt war.
Omovo betrachtete eingehend das ältliche Gesicht des Jungen. Es war hager und
trotz seiner Jugend bereits faltig. Die Augen funkelten wie frisch geprägte Münzen.
Omovo hatte hier schon viele solcher Augen gesehen. Doch dieser Junge schien den
Weg zur Unabhängigkeit gerade erst betreten zu haben.
»Nun sag schon was«, sagte der Junge gereizt. Er war größer als Omovo,
dunkel, schlank und keck. Er trug verwaschene Jeans und ein weißes T-Shirt mit
dem in Rot aufgedruckten Namen Yamaha. Omovo schüttelte den Kopf. »Da gibt's
nichts zu sagen.«
Lautlose Spannung entstand, während der Junge Omovo finster anstarrte, so daß
eine Schlägerei unvermeidlich schien. Doch dann grinste er albern, zuckte die
Achseln und sagte: »Is doch nur Spiel.« Unmittelbar darauf drehte er sich um,
bahnte sich einen Weg durch die Menge und verschwand. Omovo nahm einen
Bleistift. Er signierte die Zeichnung am unteren Rand und schrieb daneben:
»Verwandte Verluste.«
Er trat ein paar Schritte zurück. Er fühlte, wie in ihm alles wunderbar klar
wurde. Eine uneingeschränkte Klarheit. Er wußte, daß es nicht so bleiben würde.
Er ging in sein Zimmer und nahm die Zeichnung mit. Er beachtete seinen Vater
kaum, der voller Erwartung am Eßtisch saß.
Das Zimmer bedrückte ihn. Auf seinem Bett spürte er die Anwesenheit eines
Geistes, und über dem Tisch schwebte ein Schatten, der hastig ein Gedicht zu
schreiben schien. Seine beiden Brüder. Der Schatten machte eine unruhige
Bewegung, und der Geist hob den Kopf.
»Hallo, Brüder.«
Er machte das Licht an. Auf dem Bett war eine leichte Kuhle, und auf dem Tisch
lag ein offenes Notizbuch. Alles war noch so, wie 0movo es zurückgelassen
hatte. Seine Phantasie hatte den leeren Raum ausgefüllt. Der Raum war einst für
alle drei zu klein gewesen, und jetzt, nachdem sie fortgegangen waren, war er
gelegentlich noch immer übervoll.
Er legte das Zeichenbrett vorsichtig, fast ehrfürchtig auf den Tisch, mitten in
das Durcheinander. Und dann lehnte er das Zeichenbrett gegen die Wand. Er stand
da und sagte sich: »Ich kann jetzt nicht in diesem Zimmer bleiben. Hier sind zu
viele Dinge.«
Die dunklen Schatten und Halbwesen tauchten wieder auf, als er das Licht
ausmachte. Er verließ den Raum. Sein Vater aß jetzt am Tisch Yamswurzeln und
Ragout. Blackie, die ihm gegenüber saß, sah ihm zu, machte ein paar persönliche
Bemerkungen und lachte über seine Antworten. Der Anblick der beiden in einem so
innigen Verhältnis steigerte noch Omovos Gleichgültigkeit. Er ging so schnell
er konnte durch das Wohnzimmer.
Draußen setzte er sich auf eine Mauer der Wohnung gegenüber und sah den Männern
beim Diskutieren zu. Der Anblick faszinierte ihn. Der amtierende Vizejunggeselle
aus dem Compound sagte etwas über einen großen Sack Würmer. Tuwo sagte mit
seinem gekünstelten Akzent etwas darüber, daß Korruption die neue Moral sei.
Und ein Mann, den Omovo nicht sehen konnte, schrie: »Die pissen uns auf den
Kopf. Wir sind wie die Gosse.«
Sie foppten sich, zogen sich gegenseitig auf und machten theatralische Gesten.
Sie scherzten, und zugleich waren sie ernst. Nacheinander gingen einige weg, bis
einer der Männer den übrigen vorschlug, sie sollten alle auf sein Zimmer
kommen und sich betrinken. Es wurde geklatscht, und sie zogen gemeinsam zu dem
Raum des Mannes, scherzten dabei und waren zugleich ernst.
Als die Männer gingen, überkam Omovo ein Gefühl der Ruhelosigkeit. Auf dem
Hinterhof spielten die Kinder oder waren auf Botengängen unterwegs. Die Frauen
flochten sich gegenseitig das Haar oder wuschen am Brunnen die Wäsche. Vor dem
Compound kochten kleine Mädchen in leeren Tomatendosen auf Scheinfeuern
Phantasiesuppen. Zwei Männer, die auf dem Kopf einen Eimer Wasser balancierten,
gingen an ihnen vorbei. Omovos Gefühl der Ruhelosigkeit verwandelte sich in das
Bewußtsein, daß vertraute Dinge neue Bilder in ihm hervorriefen.
Die Freude, die er empfunden hatte, war inzwischen verflogen. Er sprang von der
Mauer herunter und ging zur Vorderseite des Compounds. Dann machte er sich
wieder einmal zu einem Spaziergang auf.
Dieser Spaziergang sollte sein Leben unmerklich ändern.
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