Andreas Okopenko

aus: Der Greis
(aus: Die Belege des Michael Cetus, Erzählungen, 2002, Ritter-Verlag)

Und schließlich sind da die Kinder, die anders sind als die Märzkinder, weil Kinder einen feinen Sinn für Jahreszeiten haben und wissen, daß sie im September Septemberkinder sein müssen. Der Vierjährige des Hauses, seine fünfjährige Freundin und der Sechsjährige, der zahmer ist als beide, weil er den schalen Geschmack der Schule, den Kopfdruck kompakter Unfreiheit schon eingekrüppelt trägt. Sie halten sich an den Händen und umgeben einen kleinen Hydranten, aus dem der Garten besprüht wird. Der Greis möchte Kontakt mit ihnen aufnehmen. Na, gefällts euch? oder sonst ein Sprüchel, das man sagt, wenn Marsbewohner aus dem UFO steigen. Hast du ein schönes Kleid heute an! wählt er, zur Fünfjährigen gesprochen. Das Mädel wird rot, überlegt, wie man auf ein Kompliment zu danken hat, und streckt schließlich die Zunge heraus. Der Greis überlegt, wie man auf ein Kompliment zu danken hat, und sagt: Und eine schöne Zunge! – Du bist dumm! sagt der Vierjährige zu ihm. Der Greis will spielen und tappt nach dem Buben. Der Vierjährige spuckt ihn an. Das Mädchen lacht und streckt, nun zum Selbstzweck, die Zunge heraus. Der Sechsjährige sagt gelangweilt: Geh, lassen wir den alten Tatter. Die Kinder ziehen ab. Die Mutter des Hauses ist irgendwo im Bild und ruft heraus: Kinder, laßt den Herrn Wanner in Ruh, er hat euch nichts getan. Hat sie gesehen, daß er mich angespuckt hat? denkt der Greis ....

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