Das
Taubstummenhaus
(Leseprobe aus: Das Taubstummenhaus,
Erzählungen, 2004, Wiesenburg)
Die Siedensteins sind tot. Der Briefträger hat sie gefunden. Gehangen sind sie im Schuppen gleich hinterm Haus. Und die Fliegen zuhauf. Blankes Schaudern. Das war vor drei Tagen gewesen. Und, obwohl sie ja gar nicht dabei gewesen waren, halten die Leute sich die Nasen zu, wenn sie darüber reden. Oder sie halten sich die Hand vor die Augen. Keiner da, der sich die Haare rauft.
Zunächst hat's niemand bemerkt.
Der Hund hat gebellt. Und weil der dem Bauern gehört hat, hat da erst niemand
drauf geachtet. Die Leine war kurz genug, dass der Briefträger sich dem
Häuschen der Siedensteins ohne Bedenken hatte nähern können.
Der Hund hat gebellt, und niemand hat die Tür geöffnet. Eine Klingel hat es
nicht gegeben. Die wenigen Kunden, die von Zeit zu Zeit das Türchen
aufstießen, brauchten nur mit der Hand durchs Küchenfenster zu greifen
und die Innenklinke runterzudrücken. Und hätte es eine Klingel gegeben, so
hätte die sowieso niemand gehört. Früher einmal hat es eine gegeben, aber die
hat nie einer reparieren wollen, denn wer konnte schon wissen, ob die im Haus
überhaupt Geld hatten zum Bezahlen?
Erst als die Polizei gekommen ist, sind die
Dorfleute zusammengelaufen. Dazu brauchte keiner ein Telefon. Dann der
Leichenwagen. Zwei Bahren und dann diese zwei grobschlächtigen Burschen, die
Söhne des Metzgers, die das im Nebenerwerb ausübten. Man munkelt, sie
täten es nicht so sehr des Geldes, sondern eher des Schnäpschens wegen, das
üblicherweise anfiel bei ähnlichen Gelegenheiten. In anständigen Häusern,
deren Besitzer noch wussten, was sich schickte. Aber hier gab es weder
Hinterbliebene noch gute Nachbarn, die das hätten regeln können.
So haben die Männer ihre Arbeit hastig verrichtet und auch ein wenig
schlampig. Eins, zwei, hopp! Und über jedes der beiden
Bretter eine Decke aus grauem Filz geworfen.
Kinder haben die Siedensteins keine gehabt.
Dafür hat der Adolf schon gesorgt. Glück haben sie gehabt, dass sie da
überhaupt noch rausgekommen sind, aus der Anstalt.
Bald darauf schon haben sie das baufällige Häuschen bezogen im Oberdorf. Und
nicht lange hat es gedauert, bis es sich herumgesprochen hat, dass die beiden
brauchbare Handwerker waren. Der Mann Schumacher und die Frau
Näherin. Zu ihm brachte man die Sandalen, wenn eine Sohle sich gelöst hatte
oder vom Gürtel die Schnalle. Sie ließ für wenig Geld den Saum der Kleider
und Röcke heraus, wenn die Kinder der Dörfler wieder mal ein Stückchen
gewachsen waren. Doch das geschah selten genug, denn nicht jeder traute sich in
das Häuschen. Beide nahmen nicht viel dafür. Und brachte ein Kind die Ware
oder holte sie ab, so verließ es das Haus nicht selten ohne ein paar bunte
Stoffreste oder einen Apfel aus dem Obst- und Gemüsegärtchen, das gleich
hinter dem Haus liebevoll angelegt und gepflegt worden war. Ein kurzes
Streicheln übers Kinderköpfchen oder die blasse Wange. Und dann ein allzu
schnelles Abwenden.
Es hat nur ein paar Wochen gedauert, bis das
Gespräch über die ©Sache mit den Taubstummen verebbt ist. Ein paar Leute
haben wohl bedauert, dass nun keiner mehr war, der die Schuhe so gut und
preiswert repariert hat oder die änderungsbedürftige Kleidung. Aber mit der
Zeit geriet auch dies in Vergessenheit. Spätestens dann, als der Aussiedlerhof
auf der Höhe abgebrannt ist, hat kein Mensch mehr darüber gesprochen.
Lange hat das Häuschen leer gestanden. Dann hat der Bauer seinen Kuhstall
erweitern müssen, und das Taubstummenhaus ist der Spitzhacke zum Opfer
gefallen. Auf dem Gartengrundstück aber hat der Bauer bald einen schmucken
Neubau errichten lassen. Da ist dann sein Sohn eingezogen. Und es hat nicht
lange gedauert, da hat der sich eine Frau genommen und mit ihr gesunde
Kinder gezeugt.
Und so hat alles wieder seine Ordnung bekommen im Dorf.
Rezension I Buchbestellung I home 0I05 LYRIKwelt © Birgit Ohlsen