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Hotel Iris
(Leseprobe
aus: Hotel
Iris, Roman, 2006, Verlagsbuchhandlung
Liebeskind -
Übertragung Ursula Gräfe und Kimiko Nakayama-Ziegler)
Es war kurz vor Beginn der Sommersaison, als der Mann im Hotel Iris übernachtete.
Seit dem Morgen hatte es unablässig geregnet, und gegen Abend wurde der Regen
noch stärker. Das Meer war aufgewühlt und grau. Beim Aus- und Eingehen der Gäste
wehte die Nässe ins Foyer, so daß der Teppich einen unangenehm feuchten Geruch
verströmte. Die umliegenden Geschäfte hatten ihre Leuchtreklamen
ausgeschaltet. Nur wenn gelegentlich ein Wagen durch die menschenleeren Straßen
fuhr, konnte man die Regentropfen im Licht der Scheinwerfer erkennen.
Ich war gerade dabei, die Kasse abzuschließen und das Licht im Foyer
auszuschalten, ehe ich mich wie immer um diese Zeit auf mein Zimmer zurückziehen
wollte, als plötzlich ein Poltern zu hören war, wie wenn etwas Schweres zu
Boden fällt, gefolgt vom Schrei einer Frau. Es war ein lang anhaltender Schrei.
So anhaltend, daß ich mich schon fragte, ob es sich nicht in Wirklichkeit um
Gelächter handelte.
Aus Zimmer 202 kam eine Frau gestürzt. Es handelte sich eindeutig um eine
Prostituierte. Soviel konnte sogar ich erkennen. Und sie war nicht mehr jung.
Ihr Haar hing strähnig und wirr um ihren faltigen Hals, und greller Lippenstift
war über die Hälfte ihres Gesichts verschmiert. Durch Schweiß und Tränen war
ihr die Wimperntusche in die Augenwinkel gelaufen. An ihrer Bluse fehlten
mehrere Knöpfe, so daß ihre linke Brust entblößt war. Ihr Minirock ließ
ihre leicht geröteten Oberschenkel unbedeckt, die in mir die Vorstellung
erweckten, daß sich bis vor einem Augenblick noch die Hände eines Mannes auf
ihrer Haut nach oben getastet hatten.
Als einzige Antwort auf ihr Gezeter wurde aus dem Zimmer ein Kissen
geschleudert, das sie mitten ins Gesicht traf, worauf sie noch einmal wütend
aufschrie. Der Bezug des Kissens, das nun auf dem Treppenabsatz lag, war mit
Lippenstift beschmiert. Durch die Beschwerden der Gäste entstand zusätzlicher
Tumult. Nur Zimmer 202 atmete tiefe Stille. Von dem Mann, der sich offenbar
darin befand, war nichts zu sehen. Er hatte auch noch kein einziges Wort gesagt.
Einzig die bösen Blicke der Frau und die aus dem Zimmer geschleuderten Gegenstände
belegten seine Existenz. Die Frau kreischte weiter in die schweigende Öffnung
hinein. Da geschah es.
»Schweig, Hure!« durchdrang eine Männerstimme den Raum. Alle verstummten. Die
Stimme hatte einen vollen, tiefen Klang, bar jeder Gereiztheit oder Wut, und
einen überlegenen Tonfall. Wie wenn der erste Ton eines Cellos oder Horns sich
aus der Stille erhebt.
Rezension I Buchbestellung I home II07 LYRIKwelt © Verlagsbuchhandlung Liebeskind