Wilfried Öller

Peter Handke läuft Amok
(aus: Traums Zettel)

Mittwoch, 2000-09-20

Eine mittelgroße Stadt in Deutschland. Ich befinde mich mit einigen Freunden in einer Art Uni-Mensa, eleganter als üblich, weil schwarz in grau eingerichtet; sie erstreckt sich über zwei Ebenen, die durch eine Treppe miteinander verbunden sind. Die Anlage erinnert ein wenig an das Wiener Café Stein.

     Ich stehe gerade, wie etliche andere Menschen auch, auf der tieferen Ebene, als plötzlich Peter Handke auftaucht, mit einem Gewehr im Anschlag, entschlossen und bereit, auf willkürlich ausgesuchte Personen zu schießen. Er gibt sich ein wenig zynisch, ist aber sonst ruhig, nicht fanatisiert; er vermittelt den Eindruck, dass er seine Aktion als ein moralisch hochwertiges Unterfangen sieht, zu dem ihn der Zustand zumindest eines Teils der Menschheit berechtigt, ja zwingt.

     Ich hoffe zunächst, dass seine Wahl auf jemand anderen fallen wird, aber nein, kaum wird er meiner ansichtig, legt er auf mich an. Zwar verwickle ich ihn in einen Dialog, habe aber nicht den Eindruck, damit erfolgreich zu sein: der tödliche Schuss scheint knapp bevorzustehen. Ich bewege mich langsam nach links, Handke folgt mir mit dem Gewehrlauf, bis eine näher bei Handke stehende Frau mit einem weißgekleidetes Mädchen in die Schusslinie gerät und ich dadurch abgeschirmt bin. Ich spüre jedoch, dass Handke, wenngleich ich sein bevorzugtes Ziel bin, nicht zögern würde, die beiden an meiner Stelle niederzuschießen. Ich bekomme ein schlechtes Gewissen, dass ich, um mich zu schützen, fast das Leben anderer geopfert hätte, und mache ein paar Schritte in Richtung meiner ursprünglichen Position.

     Schließlich gelingt es mir und meinen Freunden doch, zuerst ins Treppenhaus und dann auf die Straße zu entkommen, ohne dass Handke einen Schuss abgegeben hätte. Wir sind dennoch vorsichtig und bewegen uns gefechtsmäßig, immer wieder Deckung suchend und nach Handke Ausschau haltend. Ich muss mich einiger Suhrkamp-Taschenbücher, die ich mit mir getragen habe, entledigen; ich entschließe mich, Brecht und andere Autoren wegzugeben und nur den orangefarbenen Handke-Titel »Die Angst des Tormanns beim Elfmeter« zu behalten. Ich stecke das Buch gut sichtbar hinten in den Hosenbund, mit dem Hintergedanken, Handke damit mild stimmen zu können; allerdings kommt mir gleich der Verdacht, dass Handke es vielleicht gerade besonders auf seine Leser abgesehen hat.

     Da alles ruhig bleibt, kehren wir in die Mensa zurück. Dort herrscht wieder normaler Betrieb. Am Buffet gibt es kaum noch Mehlspeisen, nur noch Mürbgebäck in zwei Ausführungen: eine größere für zwei Personen und eine kleinere für eine Einzelperson. Ich verlange ein kleines Mürbgebäck, bekomme aber eine ziemlich große Cremeschnitte, die mir im Angebot gar nicht aufgefallen war. Ich bin mir unschlüssig, ob der Kellner sich geirrt hat oder mich mit einer Eigenmächtigkeit gezielt provozieren wollte. Da mir aber die Cremeschnitte ohnehin mehr zusagt, verzichte ich auf das unangenehme Reklamieren. Ich bin mir dann aber nicht sicher, ob ich die Präferenz für die Cremeschnitte nicht nur entwickelt habe, um mir das Reklamieren zu ersparen, und falls nicht, ob ich nicht trotzdem den Ober auf seinen Irrtum hätte ansprechen müssen.

    Meine Freunde weisen mich darauf hin, dass an einem der Tische Handke sitzt, als wäre nichts geschehen; meine Augen sind jedoch nicht gut genug, um ihn auszumachen. Dann, als ich mich gerade auf der Treppe befinde, sehe ich ihn doch, wie er, als letzter einer kleinen Gruppe, die Stufen hinaufgeht; er ist, für ihn ungewöhnlich, in schwarzes Leder gekleidet, seine Haare sind noch länger als gewöhnlich und zu einem Zopf gebunden. Auch seine Statur hat sich verändert: größer, schlanker, schlaksiger, aber auch kräftiger, irgendwo im Schnittbereich von Christian Huber und Max More.

     Ich sitze im oberen Teil der Mensa, als ich Handke das nächste Mal sehe - ohne die eben beschriebenen Veränderungen; er schickt sich zusammen mit einigen Leuten aus dem Verlagswesen an, das Lokal zu verlassen. Seine Begleiter tragen ihm die Aktion von vorhin nicht sonderlich nach, sie billigen ihm als Künstler außergewöhnliche seelische Zustände zu. Ich höre, dass er sich jetzt zum Firmensitz seines Verlages begibt, in einer Stadt, deren Namen nur eine Silbe hat, mit K beginnt und ein I enthält (es ist jedoch nicht Kiel).

     Er entschuldigt sich per Händedruck bei meinen Freunden und anderen Mensabesuchern für das, was er getan hat. Bei mir zögert er zunächst - schließlich war er drauf und dran gewesen, mich umzubringen, das ist nicht so einfach aus der Welt zu schaffen. Endlich tritt er doch auf mich zu, spricht mich zu meiner Überraschung mit meinem Namen an und drückt mir dann wortlos die Hand. Als er sich zum Gehen wendet, sieht er im Profil aus wie Claudia Thomé.

    Der erfolgreiche Vollzug ermuntert ihn offenbar, in seinem Bemühen um Verzeihung weiter fortzuschreiten. Er sieht mich von der Seite nochmals an und sagt »Entschuldigung!«, schuldbewusst lächelnd zwar, zugleich aber mit einem bedeutungsvollen Blick, der eine insgeheime Verbundenheit zwischen uns unterstellt, aufgrund derer er mit meinem Verständnis sicher rechnen könne. Ich antworte betont gelassen, als hätte er mich gefragt, ob er rauchen dürfe: »Gerne!«

     Meine Freunde kritisieren danach dieses »Gerne«; ich hätte meinem potentiellen Mörder zu leichtfertig vergeben. »Was hätte ich denn sagen sollen?« rechtfertige ich mich, mache mir dabei aber selbst Vorwürfe: ich habe mich aus Verlegenheit zu einem Versöhnungsakt drängen lassen, der meinen tatsächlichen Empfindungen nicht wirklich entsprochen hat.

Rezension I Buchbestellung II03 LYRIKwelt © W.Ö.