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Geheimnisse
3
Eine Stimme in Rebeccas Ohr, barsch und dringlich: »Himmel, pass doch auf!«
Sie erwachte aus ihrer Benommenheit. Lachte nervös. Ihre rechte Hand, massig in dem Schutzhandschuh, war der Stanzmaschine gefährlich nahe gekommen.
Sie bedankte sich, bei wem auch immer. Wurde rot vor Verlegenheit und Unwillen. Verdammt, so ging das schon fast den ganzen Vormittag: Ihre Gedanken schweiften ab, sie verlor die Konzentration. Sie ging Risiken ein, so als sei sie neu in dem Job und wisse nicht, wie gefährlich der sein konnte.
Lärmende Maschinen. Stickige Luft. Heiß, nach verbranntem Gummi schmeckend. Unter der Arbeitskleidung, auf der Haut, Schweiß. Und in das Stampfen mischten sich neue, aufdringliche Laute, bei denen sie sich nicht darüber schlüssig wurde, ob sie hoffnungsvoll waren, verführerisch oder spöttisch: hazel jones hazel jones hazel jones.
Der Vorarbeiter kam vorbei. Nicht um mit Rebecca zu sprechen, sondern um sich ihr zu zeigen. Der Mistkerl, sie sah ihn.
Ihre Kollegen in der Fabrik wussten nicht viel von ihr. Nicht einmal Rita, die ihre Freundin war. Allerdings wussten sie womöglich, dass sie verheiratet war, manche vielleicht sogar, mit wem, denn der Name Niles Tignor war in einigen Vierteln von Chautauqua Falls durchaus bekannt. Doch von Rebecca wussten sie nur, dass die für sich blieb. Sie hatte eine eigensinnige Art, eine gewisse steife Würde. Sie ließ sich von niemandem etwas vormachen.
Auch dann nicht, wenn sie müde war bis zur Benommenheit, wacklig auf den Beinen und dringend auf die Toilette musste, sich lauwarmes Wasser ins Gesicht schaufeln. Es waren nicht nur die Frauen, denen in der Fabrik schwindlig wurde; das passierte auch Männern. Alten Hasen, die schon viele Jahre am Band standen.
In ihrer ersten Woche in der Fertigungshalle war Rebecca übel geworden von dem Geruch, dem schnellen Takt, dem Lärm. Lärm-Lärm-Lärm. In solchen Dezibel ist Lärm nicht mehr lediglich ein Geräusch, sondern etwas Körperliches und geht in die Eingeweide, als würde elektrischer Strom durch den Körper geleitet. Das macht Angst, das greift die Nerven an, immer stärker. Das Herz rast, um Schritt zu halten. Das Denken rast, kommt aber nirgendwohin. Man kann keinen zusammenhängenden Gedanken mehr fassen. Die Gedanken purzeln herum wie Perlen von einer zerrissenen Kette.
Sie hatte Angst gehabt, sie könnte verrückt werden. Ihr Kopf würde zerspringen. Man musste schreien, um gehört zu werden, anderen ins Ohr schreien, und die schrien einem auch ins Ohr, ins Gesicht. Es war das rohe, pulsierende Ur-Leben. Persönlichkeiten oder seelische Feinheiten gab es hier nicht. Die zarte Seele eines Kindes wie Niley würde hier zerstört werden. An den Maschinen, in der Hölle der Fabrik befand man sich in einem seltsamen Urzustand des Lebens, der dem Herzschlag des natürlichen Lebens hohnsprach. Die Maschinen hatten ihren eigenen Rhythmus, ihr Wumm-wumm-wumm. Ihre Geräusche überlagerten sich mit den Geräuschen anderer Maschinen und löschten alle natürlichen Klänge aus. Die Maschinen kannten keine Worte, nur Lärm. Und dieser Lärm überwältigte. Seine Zusammensetzung war chaotisch, obwohl sich die Geräusche mechanisch wiederholten, in scheinbarer Regelmäßigkeit und Rhythmus. Es war die Nachahmung eines natürlichen Herzschlags. Und einige Maschinen, die komplizierteren, ahmten ein krudes menschliches Denken nach.
Das hielt sie nicht aus, sagte sich Rebecca.
Etwas anderes blieb ihr nicht übrig, sagte sie sich gefasster. Tignor hatte Rebecca versprochen, sie würde als seine Frau nicht zu arbeiten brauchen. Er war ein stolzer Mann, schnell zu kränken.
Er billigte es einerseits nicht, dass seine Frau in einer Fabrik arbeitete, gab ihr andererseits aber nicht mehr genug Geld, so dass ihr nichts anderes übrig blieb.
(...)
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