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Niagara
(Leseprobe aus: Niagara, Roman, 2007, S.
Fischer - Übertragung Silvia
Morawetz)
Eine kurze Geschichte der Niagarafälle, 1969
Die Aussage des Bräckenwärters:
12. Juni 1950
Die zu der Zeit namentlich nicht bekannte Person, die sich in die
Hufeisenfälle stürzen sollte, erschien gegen 6.15 Uhr morgens bei
dem Brückenwärter an der Hängebrücke zur Ziegeninsel. Es war an
diesem Tag der erste Fußgänger.
Hätte ich es gleich zu sagen gewusst? Eigentlich nicht. Aber in der Rückschau
... doch, ich hätte es wissen können. Hätte ihm vielleicht das Leben
gerettet, wenn ich es gewusst hätte.
So früh am Tag! Eigentlich hätte der Morgen dämmern müssen,
die Sonne wurde aber von den wandernden Wänden aus Nebel,
Dunst und Gischt verdunkelt, die in ständig blähenden Wolken aus
der 50 Meter tiefen Niagaraschlucht aufstiegen. Wir hatten Sommeranfang,
doch an den Niagarafällen war die Luft geladen und
feucht, war wie feine, die Lunge schmirgelnde Stahlspäne.
Der Brückenwärter vermutete, dass die seltsam dahineilende, in
sich gekehrte Person auf direktem Weg durch den Prospect Park
aus einem der prächtigen alten Hotels in der Prospect Street gekommen
war. Der Brückenwärter registrierte, dass der Mann ein »früh
gealtertes, spitzes Gesicht«, eine »wächserne Haut« und »eingesunkene,
irgendwie stechende Augen« hatte. Seine Nickelbrille verlieh
ihm den Ausdruck eines ungeduldigen Schuljungen. Mit seinen
einsachtzig war er hoch aufgeschossen, schlaksig, und hatte
»leicht herabfallende Schultern, so als hätte er sich sein Leben lang
über einen Schreibtisch gebeugt«. Er hastete zielstrebig vorwürts,
aber ohne etwas wahrzunehmen, so als hätte ihn jemand gerufen.
Seine Kleidung war konservativ, dunkel, nicht wie die eines durch-
schnittlichen Niagara-Touristen: Weißes, am Hals offenes Anzughemd
aus Baumwolle, dunkler Mantel, den er nicht zugeknöpft
hatte, und eine Hose, deren Reißverschluss verklemmt war, »als ob
sich der arme Mann ganz schnell im Dunkeln angezogen hätte«.
Die Schuhe des Mannes waren gute Ausgehschuhe, aus schwarzem,
glänzendem Leder, »wie man sie zu einer Hochzeit oder zu
einer Beerdigung anziehen würde«. An seinen Knöcheln blitzte
wachsweiße bloße Haut.
Ohne Socken! Zu so schicken Schuhen. Sehr verräterisch.
Der Brückenwärter rief »Hallo!«, doch der Mann achtete nicht
auf ihn. Er war nicht nur blind, sondern auch taub. Zumindest hörte
er nicht. Er hatte sich etwas in den Kopf gesetzt und wirkte wie eine
Bombe, die demnächst explodieren würde: Er musste irgendwohin,
und das schnell.
Der Brückenwärter rief mit lauterer Stimme: »Hey, Mister, das
Ticket kostet fünfzig Cent«, doch wieder ließ der Mann nicht
erkennen, dass er ihn gehört hatte. In der Arroganz seiner Verzweiflung
schien er nicht einmal das Zollhäuschen wahrzunehmen.
Er rannte jetzt, nicht sehr schn anzusehen, und schwankte,
so als neige sich die Hängebrücke unter ihm. Die Brücke
spannte sich gute anderthalb Meter oberhalb schnell dahinstürzenden
weißen Wassers, und ihre Planken waren nass, trügerisch;
der Mann umklammerte Halt suchend das Geländer und zog sich
vorwärts. Die glatten Sohlen seiner Schuhe waren rutschig. Er
war körperliche Anstrengung nicht gewöhnt. Seine glänzende
runde Brille rutschte ihm ins Gesicht und wäre heruntergefallen,
wenn er sie nicht schnell wieder auf die Nase hinaufgeschoben
hätte. Das mausgraue, auf dem wächsernen Schädel schon schütter
werdende Haar wehte ihm in fahlen, feuchten Strähnen ins
Gesicht.
Inzwischen hatte sich der Brückenwärter dazu durchgerungen,
sein Zollhäuschen zu verlassen und dem erregten Mann zu folgen.
»Mister! Hey, Mister!«, rief er. »Mister, warten Sie!« Er hatte schon
früher Selbstmörder erlebt. öfter, als es ihm lieb war, sich zu erinnern.
Mit seinen dreißig Dienstjahren war er ein Veteran im Niagara-
fälle-Tourismus. Er war Anfang Sechzig und konnte mit dem Jün-
geren nicht Schritt halten. Rief flehentlich: »Mister! Nicht! Verdammt,
ich bitte Sie: Tun Sie das nicht!«
Er hätte gleich in seinem Zollhäuschen den Notruf anrufen sollen,
jetzt war es zu spät, dahin zurückzugehen.
Auf der Ziegeninsel angekommen, blieb der junge Mann nicht
am Geländer stehen, um über den Fluss hinweg zur kanadischen
Küste zu schauen, er blieb auch nicht stehen, um das Wüten und
Tosen seiner Umgebung zu betrachten, wie es jeder normale Tourist
tat. Er blieb nicht einmal stehen, um sich das nasse Gesicht
abzuwischen oder sich die strähnigen Haare aus den Augen zu
wischen. Im Bann der Niagarafälle. Kein Sterblicher konnte ihn aufhalten.
Aber man muss sich doch einmischen oder es wenigstens versuchen.
Man kann doch nicht zulassen, dass sich ein Mann – oder
eine Frau – vor den eigenen Augen umbringt.
Kurzatmig und schon benommen humpelte der Brückenwärter
hinter dem jüngeren Mann her und rief ihm nach, der unbeirrt
weiter der Südspitze der kleinen Insel zustrebte – Terrapin Point,
oberhalb der Hufeisenfälle. Es war die trügerischste Ecke der Ziegeninsel
und zugleich die bezauberndste und faszinierendste. Hier
geraten die Stromschnellen regelrecht in Raserei. Fünf Meter
schießt das Wasser weiß schumend und tosend in die Höhe. Man
sieht fast nichts mehr. Chaos wie in einem Albtraum. Die Hufeisen-
fälle sind ein riesiger, an seinem höchsten Punkt 800 Meter breiter
Wasserfall, dreitausend Tonnen Wasser schießen pro Sekunde über
den Abgrund. Die Luft donnert, bebt. Als wolle sich die Erde selbst
teilen und in kleinen Partikeln in ihr geschmolzenes Zentrum hinab-
stürzen. Als habe die Zeit zu existieren aufgehört. Die Zeit ist
zersprungen. Als sei man dem strahlenden, pochenden, wahnsinnigen
Innern allen Seins zu nahe gekommen. Hier werden deine
Venen, deine Adern, deine Nerven mit ihrer minutiösen Präzision
und Vollkommenheit sofort zerrissen. Dein Gehirn, in dem du
wohnst, diese einmalige Heimstatt dessen, was du bist, wird in
seine chemischen Bestandteile zerschlagen: Gehirnzellen, Moleküle,
Atome. Noch der Schatten und das Echo aller Erinnerung werden
ausgelöscht.
Vielleicht ist dies das Versprechen der Niagarafälle? Ihr Geheimnis?
Als hätten wir von uns selbst genug. Von der Menschheit. Das ist der
Ausweg, nur wenige verfügen über Weitblick.
Dreißig Meter entfernt sah der Brückenwärter, wie der Jüngere
einen Fuß auf die niedrigste Sprosse des Geländers stellte. Vorsichtig
den Fuß auf das glitschige Gusseisen. Doch der Mann umklammerte
die obere Sprosse mit beiden, fest zu Fäusten geballten Händen.
»Tun Sie das nicht! Mister! Verdammt –«
Die Worte des Brückenwärters wurden vom Wasser übertönt.
Ihm ins Gesicht zurückgeworfen wie kalte Spucke.
Er war nahe dran, seinerseits zusammenzubrechen. Dies sollte
sein letzter Sommer auf der Ziegeninsel sein. Sein Herz tat weh,
hämmerte, um Sauerstoff in seinen perplexen Schädel zu pumpen.
Und er spürte seine Lungen, nicht nur die stechende Gischt des
Flusses, sondern den seltsam metallischen Geschmack in der Luft,
der von der Industriestadt herrührte, die sich im Osten und Norden
der Fälle erstreckte und in der der Brückenwärter sein ganzes Leben
lang gewohnt hatte. Mit dir geht es bergab. Du musst zu viel sehen.
Jeder Atemzug tut weh.
Der Brückenwärter schwor hinterher, er habe den jüngeren
Mann eine Geste des Abschieds machen sehen, bevor er sprang:
einen spöttischen Gruß, einen trotzigen Gruß, wie ihn ein aufgeweckter,
frecher Schuljunge einem anderen gegenüber machen
würde, um ihn zu provozieren; trotzdem auch ein aufrichtiges
Adieu, wie man es vielleicht einem Fremden entbietet, einem Zeugen,
dem man nichts Böses will, den man von dem leisesten Schuldgefühl
freisprechen möchte, das er vielleicht empfindet, weil er
dich hat sterben lassen, obwohl er dich hätte retten können.
Und im nächsten Augenblick war der junge Mann, der die ganze
Aufmerksamkeit des Brückenwärters beansprucht hatte, einfach –
verschwunden.
In einem Herzschlag: verschwunden. über die Hufeisenfälle.
Nicht der erste arme Teufel, bei dem ich dabei war, aber so Gott will, der
letzte.
Als der erschütterte Brückenwärter in sein Zollhäuschen zurückkehrte
und die Nummer des Notrufs von Niagara County wählte,
war es 6.26 Uhr, ungefähr eine Stunde nach Morgengrauen.
Rezension I Buchbestellung I home 0I07 LYRIKwelt © S. Fischer