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Unter
Verdacht.
(Leseprobe aus: Unter
Verdacht. Die Geschichte von Big Mouth und Ugly Girl, 2003, Hanser)
1
Es war ein ganz gewöhnlicher Donnerstagnachmittag im Januar, als sie Matt
Donaghy abholten.
Sie kamen in der fünften Stunde, als Matt im Raum 220 der Rocky River High
School im Westchester County Freiarbeit hatte.
Matt und drei seiner Freunde – Russ, Stacey und Skeet – hatten ihre Tische
hinten in der Klasse im Bogen aufgestellt und diskutierten leise über das
Theaterstück, das Matt nach einer Erzählung von Edgar Allan Poe geschrieben
hatte, einen Einakter mit dem Titel William Wilson: Ein Fall falscher Identität.
Nach der Schule sollten die vier den übrigen Mitgliedern ihrer Theater-AG und
deren Leiter, Mr. Weinberg, das Stück vortragen. Mr. Weinberg, der an der Rocky
River High Englisch und Schauspiel unterrichtete, hatte zufällig auch Aufsicht,
als es während der Freiarbeitsstunde an der Tür klopfte. In seiner gut
gelaunten, lässigen Art ging Mr. Weinberg hin und öffnete.
»Ja, bitte? Was kann ich für Sie tun, Gentlemen?«
Nur wenige Schüler, die weit vorn saßen, bekamen überhaupt etwas davon mit.
Sie hätten vielleicht auch die leichte Überraschung bemerken können, die in
Mr. Weinbergs Stimme mitschwang. Doch Mr. Weinberg, der einen struppigen Bart
hatte und sein sandfarbenes, langsam ergrauendes Haar länger trug als die
meisten seiner männlichen Kollegen an der Rocky River High, neigte dazu, auch
ganz alltägliche Sätze ein wenig zu dramatisieren und ihnen, wann immer
es ging, einen leicht ironischen Beiklang zu geben. Unbekannte mit Gentlemen
anzureden war absolut typisch für seine Art von Humor.
Hinten im Raum waren Matt und seine Freunde in das Stück vertieft; Matt hämmerte
noch schnell letzte Änderungen in seinen Laptop. Ängstlich hatte er seine
Freunde gefragt: »Aber funktioniert das auch so? Ist es gruselig genug, ist es
witzig, hat es genug Tempo?« Matt Donaghy galt in der Schule als intelligent
und witzig, aber insgeheim war er auch ein Perfektionist. Er hatte länger an
seinem Einakter gearbeitet, als seine Freunde wussten, und er hoffte, sein Stück
werde für das Kulturfestival der Schule im Frühsommer ausgewählt.
Weil er so mit den Verbesserungen beschäftigt war, hatte Matt nicht gemerkt,
dass Mr. Weinberg vorn in der Klasse mit zwei Männern sprach. Bis er auf einmal
seinen Namen hörte: »Matthew Donaghy?«
Matt sah auf. Was war jetzt los? Er sah, wie Mr. Weinberg in seine Richtung
zeigte und sorgenvoll dreinsah. Matt schluckte schwer. Ihm wurde mulmig. Was
wollten diese Männer von ihm? Er kannte sie überhaupt nicht. Sie trugen dunkle
Anzüge, weiße Hemden, unauffällige Krawatten; und ganz eindeutig lächelten
sie nicht. Während er sie noch anstarrte, kamen sie auf ihn zu, und zwar nicht
nebeneinander, sondern durch unterschiedliche Gänge zwischen den Tischen, so
als wollten sie ihm den Weg abschneiden, falls
er versuchen sollte, ihnen zu entkommen. Erst später sollte Matt begreifen, wie
geschickt und zielsicher – und erfahren – die beiden vorgegangen waren. Wenn
ich versucht hätte, mir meinen Rucksack zu schnappen... Wenn ich die Hand in
die Hosentasche gesteckt hätte...
Der größere der beiden Männer, er trug eine Brille mit dunklem Gestell und grünlich
getönten Gläsern, sagte: »Du bist Matthew Donaghy?«
Völlig perplex hörte Matt sich stottern: »J-ja. Ich bin – Matt.«
Im Klassenraum war es totenstill geworden. Alles starrte auf Matt und die beiden
Fremden. Es war wie eine Filmszene, nur die Kameras fehlten. Die Männer in
ihren dunklen Anzügen strahlten eine Autorität aus, die den zerknitterten,
vertrauten Mr. Weinberg in seinem Cordjackett und den legeren Hosen hilflos
aussehen ließ.
»Ist – ist irgendwas nicht in Ordnung? Was wollen Sie von mir?«
Matts Gedanken überschlugen sich: Etwas war mit seiner Mutter passiert, oder
mit seinem Bruder Alex... der Vater war geschäftlich unterwegs. Ob ihm was
zugestoßen war? Ein Flugzeugabsturz...
Die Männer standen rechts und links von seinem Tisch und beugten sich über
ihn. Unnatürlich dicht für Fremde. Der mit der Brille und dem starren kleinen
Lächeln
stellte sich und seinen Kollegen als Kommissare der Polizeiwache von Rocky River
vor und bat Matt, sie auf den Gang hinauszubegleiten. »Es dauert nicht lange,
nur ein paar Minuten.«
In seiner Verwirrung blickte Matt fragend zu Mr. Weinberg hinüber – so als könnte
die Autorität eines Lehrers über der von Polizisten stehen.
Mr. Weinberg entschuldigte Matt mit einem kurzen Nicken. Auch er schien
verwirrt, gereizt.
Matt entknotete seine Beine unter dem Tisch. Er war ein großer, schlaksiger
Junge mit den geschmeidigen Bewegungen eines Rennhundes. Er wurde schnell rot,
und jetzt, wo so viele Augen auf ihn gerichtet waren, spürte er, wie sein
Gesicht brannte, rote Flecken loderten wie Flammen auf seinen Wangen. Er hörte
sich stottern: »Soll ich – meine Sachen mitnehmen?« Damit meinte er seinen
schwarzen Rucksack, den er neben sich auf den Boden hatte fallen lassen, die
vielen über den Tisch verstreuten Seiten seines Stücks und seinen Laptop.
Was er noch meinte: Komme ich anschließend wieder her?
Die Kommissare machten sich nicht die Mühe, Matt zu antworten; sie warteten
auch nicht, bis er seine Sachen an sich genommen hatte: Der eine kümmerte sich
um den Rucksack, der andere trug den Laptop. Sie ließen Matt nicht hinter sich
aus dem Raum gehen, sondern hielten sich dicht neben ihm, und wenn sie ihn auch
nicht berührten, so erweckten sie doch unmissverständlich den Eindruck, ihn
zu eskortieren. Matt bewegte sich wie ein Mensch in einem Traum. Aus den
Augenwinkeln nahm er die erschrockenen Gesichter seiner Freunde wahr, besonders
das von Stacey. Stacey Flynn gehörte zu den allgemein beliebten Mädchen. Sie
war sehr hübsch, aber auch eine gute Schülerin. Wenn man überhaupt davon
sprechen konnte, dass Matt eine Freundin hatte, dann vielleicht Stacey, doch im
Grunde waren sie einfach befreundet. Beide machten in der Theater-AG mit und das
verband sie. Matt war es furchtbar peinlich,
dass Stacey den Vorfall mitbekam... Später erinnerte er sich daran, wie
sachlich und routiniert die Kommissare offensichtlich handelten, als sie den
Gegenstand ihrer Ermittlungen von diesem öffentlichen Ort entfernten.
Wie weit der Weg schien, durch den ganzen Klassenraum nach vorn und dann bis zur
Tür, unter den Augen der Mitschüler. In Matts Ohren dröhnte es. Ob ihr Haus
in Flammen stand? Nein, sicher ein Flugzeugabsturz. Wo war Dad eigentlich? In
Atlanta? Dallas? Wann wollte er nach Hause kommen? Heute, morgen? Aber war es
denkbar, dass Polizisten in die Schule kamen, um einem Schüler eine so private
Mitteilung zu machen?
Jedenfalls waren es schlechte Nachrichten, so viel war klar.
»Hier lang, mein Junge. Immer geradeaus.«
Im Gang vor der Klasse starrte Matt die Kommissare
an. Beide waren groß, größer als Matt und etliche Kilo schwerer. Er schluckte
angestrengt; langsam spürte er die Symptome einer rein körperlichen Angst.
Matt hörte seine eigene raue, ängstliche Stimme: »Was – was ist passiert?«
Der Kommissar mit der Brille schaute Matt jetzt mit einem Ausdruck unterdrückter
Ungeduld an. »Du weißt ganz gut, mein Junge, weshalb wir hier sind.«
2
An jenem Nachmittag im Januar versagte Ugly Girl auf der ganzen Linie.
Ob es mir wehgetan hat? Mir doch nicht.
Ob es mir was ausgemacht hat? Ach was.
Ob mich jemals einer von euch hat heulen sehen? Bestimmt nicht, noch nie.
Hätte ich warten müssen, bis man mich in eine
Mannschaft wählt, ich wäre in meiner ganzen Schulzeit jedes Mal übrig
geblieben. Ich hätte am Spielfeldrand gestanden mit den anderen Verlierern, den
Dicken, den Brillenschlangen, denen, die ständig über ihre eigenen Füße
stolperten, und den Asthmatikerinnen, die immer gleich außer Puste waren,
sobald sie mal ein paar Schritte rennen mussten. Aber Ugly Girl war eine der
besten Sportlerinnen der Rocky River High. Sogar die Jungen mussten das zugeben,
auch wenn es ihnen schwer fiel. Also benannte mich Ms. Schultz, unsere
Sportlehrerin (auch so etwas wie ein Ugly Girl, großknochig, unbeholfen im
Umgang mit Menschen, mit grober, dunkler Haut und zerzaustem Haar), immer als
Mannschaftsführerin. Sie rief »Ursula Riggs« durch die Halle, als hätte sie
noch nie bemerkt, was für ein hässlicher Name das ist, und selbst wenn sie
mich ermahnte – »Ursula, pass auf!« oder »Ursula, das war ein Foul« –,
merkte doch jeder, dass ich insgeheim ihr Liebling war. Hässliche Mädchen müssen
zusammenhalten, nicht wahr?
In der Siebten und der Achten hatten wir Schwimmen und Tauchen, das war meine glücklichste
Zeit. Aber mit dem Schwimmteam hat es trotzdem nicht geklappt. Ugly Girl war
nicht gebaut fürs Sprungbrett, auch nicht fürs Wasser. Oder für kritische
Blicke. In der High School fing ich dann mit Mannschaftssportarten an – Fußball,
Hockey, Volleyball, Basketball. Darin war Ugly Girl einsame Spitze. In meinem
Juniorjahr wurde ich Spielführerin des Mädchen-Basketballteams unserer Schule.
Wir haben einen Sieg nach dem anderen geholt, auch wenn ich als Teamchefin nicht
gerade beliebt war. Wenn ich meine feuerrote Laune hatte, war ich nicht einmal
das, was man eine gute Mannschaftsspielerin nennt. Ich war auf dem Feld, um
Punkte zu machen, und die habe ich gemacht.
Ms. Schultz schimpfte mit mir, wie Lehrer, die dich gut leiden können, eben
schimpfen – damit du weißt, dass sie mehr von dir erwarten, als du gibst. »Du
bist eine fähige Sportlerin, Ursula, und ich weiß, dass du auch sonst eine
sehr gute Schülerin bist. Zumindest wenn du willst.« Pause. »Ich wünschte
nur, ich könnte mich mehr auf dich verlassen, was den Umgang mit deinen
Mannschaftskameradinnen angeht.« Ich hörte das nicht gern, aber ich habe bloß
mit den Achseln gezuckt und auf den Boden gestarrt, auf meine plumpen Füße.
Als ob Ugly Girl sich nicht selbst wünschte, sie könnte sich mehr auf sich
verlassen.
Ich hatte nicht viele Freunde in Rocky River. (Meine Mom und meine kleine
Schwester dagegen sammeln Freunde.) Aber das gehörte in die Rubrik langweilige
Tatsachen.
Schon merkwürdig, wie Dinge, die mir in der Mittelschule unheimlich viel
ausgemacht haben, die so schlimm für mich waren, dass ich mich in ein Versteck
verzogen und geheult habe, mir von einem Tag auf den anderen nichts mehr
ausmachten. Genau genommen seit dem Tag, als ich aufwachte und wusste, ich war
nicht einfach ein hässliches Mädchen – ich war das hässliche Mädchen. Ugly
Girl.
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