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Wellenjagd
(Leseprobe aus: Wellenjagd,
Roman, 2002, DuMont - Übertragung
Herbert
Schuster)
Ike Tucker war gerade dabei, die
Kette der Harley Davidson nachzustellen, als der Fremde nach ihm fragte. Es war
ein sonniger Tag, und der Boden hinter der Tankstelle war heiß unter seinen Füßen.
Die Sonne stand im Zenit und tanzte in dem glänzenden Metall.
»Besuch für dich«, rief Gordon ihm zu.
Ike legte den Schraubenschlüssel hin und sah seinen Onkel an. Gordon trug einen
verschmierten Overall und hatte eine Baseballmütze mit dem Schriftzug der
Giants auf dem Kopf. Er lehnte am Türrahmen und blickte über den Hof zu ihm
herüber. »Bist du jetzt auch taub geworden?« fragte er. Er meinte stumm
ebenso wie taub. »Ich sagte, Besuch für dich. Jemand will mit dir über Ellen
reden.«
Ike wischte sich die Hände an der Hose ab und ging die Treppe hinauf, an Gordon
vorbei und in das Gebäude, das eine Tankstelle und ein kleiner Laden in einem
war. Er spürte Gordon in seinem Rücken, groß, rund und hart wie ein
Baumstumpf, wie er ihm an den Regalen mit den Konservendosen und dem Tresen
vorbei folgte. Ein halbes Dutzend alter Männer drehten sich auf ihren Hockern
um und blickten ihm nach, und er wußte, daß sie, wenn er draußen war, weiter
hinter ihm herstarren würden, ihre traurigen Gesichter der Drahtgittertür und
der kühlen durchhängenden Veranda zugewandt, wo sich die Fliegen vor der Hitze
verkrochen.
Auf dem Schotterweg bei den Zapfsäulen wartete, an einen weißen Camaro
gelehnt, ein Junge auf ihn. Ike schätzte, daß der Junge ungefähr in seinem
Alter war, siebzehn vielleicht oder achtzehn. Ike selbst war achtzehn. Noch in
diesem Sommer würde er neunzehn werden, doch die Leute hielten ihn oft für jünger.
Er war nicht besonders groß, eins zweiundsiebzig vielleicht, und schmächtig.
Erst vor einem Monat war er auf dem Weg nach King City von einer Highway-Streife
gestoppt und nach seinem Führerschein gefragt worden. Seit seiner Kindheit war
er nicht mehr aus der Wüste herausgekommen, und Leute von außerhalb machten
ihn verlegen. Der Junge auf der Auffahrt war von außerhalb. Er trug hellblaue
Cordjeans und ein weißes Hemd. Seine teuer aussehende Sonnenbrille saß
zwischen dichten blonden Locken in seiner Stirn. Auf dem Dach des Camaro waren
zwei Surfbretter befestigt.
Ike nahm einen Stoffetzen von dem Zeitungsständer bei der Tür und wischte sich
die Hände sauber. Der Fremde hatte bereits einen kleinen Auflauf verursacht.
Ein paar kleine Jungs, Hanks Kinder von der Straßenseite gegenüber, sahen sich
den Wagen an, und Gordons Hunde, zwei große rostfarbene Promenadenmischungen,
waren gekommen, um an den Reifen zu schnuppern. Ein paar der alten Männer vom
Tresen waren Ike nach draußen gefolgt, stellten sich in einer Reihe auf die
Veranda und starrten in die Hitze.
Der Junge schien sich nicht sehr wohl in seiner Haut zu fühlen. Er löste sich
von dem Wagen, als Ike, gefolgt von Gordon, die Treppe herunterkam. »Ich suche
die Familie von Ellen Tucker«, sagte er.
»Da bist du richtig hier. Da steht er, der ganze Clan versammelt.« Es war
Gordon, der das sagte.
Ike hörte ein paar der alten Männer in seinem Rücken leise lachen. Ein
anderer räusperte sich und spuckte in den Schotter.
Ike und der Junge blickten einander an. Der Junge hatte einen spärlichen
blonden Schnurrbart und trug eine dünne Goldkette um den Hals. »Ellen hat
etwas von einem Bruder gesagt.«
»Ich bin ihr Bruder.« Ike hielt immer noch den Stoffetzen in der Hand. Er
bemerkte, daß seine Hände feucht geworden waren. Ellen war jetzt fast zwei
Jahre fort, und seit dem Tag, als sie weggegangen war, hatte Ike sie weder
gesehen noch von ihr gehört. Es war nicht das erstemal gewesen, daß sie
fortgelaufen war, aber jetzt war sie volljährig, ein Jahr älter als Ike; es
war nicht zu erwarten gewesen, daß sie nach San Arco zurückkehrte.
Der Junge blickte Ike an, als brächte ihn irgend etwas in Verwirrung. »Sie
sagte, ihr Bruder hätte mit Motorrädern zu tun, daß er selbst einen Chopper hätte.«
Gordon lachte lauthals darüber. »Klar hat er ein Motorrad«, sagte er. »Gleich
da drüben hinterm Haus; das blitzblankeste scheiß Motorrad in der ganzen
Gegend.« Er hielt inne und lachte vergnügt über seinen Witz. »Allerdings ist
erst einmal damit gefahren worden. Los, erzähl ihm davon, Jungchen.« Er wandte
sich an Ike.
Gordons jüngerer Bruder hatte ein Motorradgeschäft in King City, wo Ike am
Wochenende arbeitete. Ikes Motorrad war eine '36er Harley Knucklehead, die er
alleine aus Schrott wieder aufgemöbelt hatte. Allerdings war er bei seinem
einzigen Versuch, sie zu fahren, auf dem Schotterplatz damit umgefallen und
hatte sich eine Fußraste halb durch den Knöchel gebohrt.
Ike ignorierte Gordons Aufforderung. Er blickte weiter den Jungen an und dachte,
daß es Ellen ähnlich sah, irgendeine scheiß Story zu erfinden. Sie konnte nie
etwas wahrheitsgemäß erzählen, es war ihr einfach zu langweilig, hatte sie
gesagt. Und sie hatte gute Lügengeschichten erzählt, aber schließlich war sie
in so ziemlich allem gut gewesen außer darin, sich Ärger vom Leib zu halten.
»Bist du ihr einziger Bruder?« fragte der Junge, der noch immer reichlich bestürzt
aussah. Er schaute zu, wie einer von Gordons Hunden das Bein hob und an das
Hinterrad seines Wagens pißte, dann blickte er wieder zu Ike.
»Ich sagte doch, er ist alles, was von dem Clan übrig ist«, sagte Gordon. »Wenn
du was über Ellen Tucker zu sagen hast, dann laß hören.«
Der Junge stützte die Hände in die Hüften. Er schaute einen Moment lang zurück
auf die zweispurige Straße, die von der Stadt weg und zurück auf den
Interstate-Highway führte. In dieselbe Richtung hatte Ike an dem Tag geblickt,
als seine Schwester weggegangen war, und er schaute jetzt in die Richtung, als könne
Ellen Tucker plötzlich aus dem Staub und dem Flirren der Sonne auftauchen und,
einen Koffer am Arm, vom Stadtrand her auf ihn zukommen.
»Deine Schwester war in Huntington Beach«, sagte der Junge schließlich, als hätte
er soeben einen Entschluß gefaßt. »Letzten Sommer ist sie nach Mexiko
gefahren. Sie fuhr zusammen mit ein paar Typen aus Huntington. Die Typen sind
zurückgekommen, deine Schwester nicht. Ich hab versucht herauszufinden, was
passiert ist.« Er machte eine Pause und blickte Ike an. »Ich hab's nicht
geschafft. Ich will sagen, vor den Typen, mit denen deine Schwester gefahren
ist, nimmt man sich besser in acht. Ich fing langsam an, ein schlechtes Feeling
zu kriegen.«
»Was genau meinst du mit schlechtes Feeling?« fragte Gordon.
Der Junge machte wieder eine Pause, ließ Gordons Frage aber unbeantwortet. »Ich
bin abgehauen«, sagte er. »Ich hatte Angst, noch länger abzuwarten, aber ich
wußte, daß Ellen hier draußen Familie hat. Ich hatte sie von einem Bruder
reden hören, der Motorrad fährt, und ich dachte . . .« Seine Stimme verlor
sich, und er endete mit einem Achselzucken.
»Shit.« Der Ausruf kam von Gordon, in den Staub gespuckt. »Und du dachtest,
ihr böser großer Bruder würde die Sache in die Hand nehmen. Du bist hier
falsch, Partner. Vielleicht solltest du deine Geschichte den Cops erzählen.«
Der Junge schüttelte den Kopf. »Wohl kaum.« Er setzte sich die Sonnenbrille
auf und stieg in den Wagen. Einer der Hunde sprang hinauf und legte die Pfoten
auf die Tür, und der Junge scheuchte ihn weg.
Ike ließ Gordon stehen und ging über den Schotter zu dem offenen Wagenfenster.
Die Sonne brannte ihm heiß auf Schultern und Rücken. Er stand am Fenster und
sah sein Spiegelbild in der Sonnenbrille des Jungen. »Ist das alles ?« fragte
er. »Ist das alles, was du sagen wolltest?«
Die Brille schwenkte weg, und der Junge blickte auf das Armaturenbrett. Dann
griff er ins Handschuhfach und holte ein Stück Papier heraus. »Ich wollte das
hier jemandem geben«, sagte er. »Die Namen der Typen, mit denen sie gefahren
ist.« Er sah den Zettel einen Moment lang an und schüttelte den Kopf, dann
reichte er ihn Ike. »Schätze, du kannst ihn genausogut haben.«
Ike warf einen Blick auf den Zettel. Es war schwierig, ihn im gleißenden
Sonnenlicht zu lesen. »Und wie finde ich diese Leute?«
»Sie surfen am Pier, morgens. Aber hör zu, Mann, es wäre dumm von dir,
alleine hinzufahren. Ich meine, wenn du rumläufst und einen Haufen Fragen
stellst, wirst du Ärger kriegen. Mit diesen Leuten ist nicht zu spaßen, okay?
Und was du auch tust, laß dich nicht von dem Alten da überreden, zur Polizei
zu gehen. Sie werden einen Dreck deswegen tun, und du würdest es bereuen.« Er
hielt inne, und Ike sah die dünnen Rinnsale von Schweiß unter der dunklen
Brille. »Hör zu«, sagte der Junge noch einmal, »es tut mir leid. Ich meine,
wahrscheinlich hätte ich gar nicht herkommen sollen. Ich dachte bloß, nach
dem, was deine Schwester gesagt hatte . . .« Seine Stimme verlor sich.
»Du dachtest, die Sache liege anders.«
Der Junge ließ den Motor an. »Wahrscheinlich besser für dich, wenn du einfach
abwartest. Vielleicht taucht sie wieder auf.«
»Glaubst du?«
»Wer weiß? Aber solange du dir keine echte Hilfe beschaffen kannst . . .« Er
zuckte wieder die Achseln. Und dann war er fort, und Ike stand in dem Staub des
Camaro da und sah zu, wie die weißen Umrisse des Wagens im Flirren der Hitze
kleiner wurden. Und als nichts zurückgeblieben war als dieser Fleck aus Staub
und Sonnenlicht, die allgegenwärtige Fata Morgana, die die Stadtgrenze
markierte, wandte er sich um und ging über den Schotter zurück in den Laden.
Die alten Männer standen jetzt alle draußen auf der Veranda, flüsterten im
Schatten und suckelten an ihren Budweiser-Flaschen. Gordon hielt Ike am Arm
fest, als er an ihm vorbei wollte. »Ich hab die ganze Zeit gewußt, daß es so
kommen würde«, sagte er. »Das Mädchen war auf dem Weg, ein schlechtes Ende
zu nehmen, kaum daß sie laufen konnte. Shit, schon die Art, wie sie hier
abgehauen ist, per Anhalter und in diesen engen Jeans bis rauf zum Arsch. Was
zum Teufel erwartest du? Wir werden sie nicht wiedersehen, Junge, finde dich
damit ab.«
Gordon ließ seinen Arm los, und Ike wandte sich mit einem Ruck ab. Er ging
durch den Laden, und dann stand er hinten auf der Veranda und blickte hinunter
in den Hof, wo er und seine Schwester früher einmal ihre Namen in den Boden
gekratzt hatten. Sie hatten die Buchstaben mit Stöcken ausgehoben, und dann
hatte Ellen Benzin in die Buchstaben gegossen und sie angesteckt, und das Feuer
war außer Kontrolle geraten und hatte Gordons Pfefferstrauch und die Rückwand
des Ladens angesengt, bevor es gelöscht werden konnte. Aber seine Schwester
hatte gesagt, daß es nicht weiter schade sei und daß es ihr bloß leid tue, daß
der Laden und der Rest der scheiß Stadt nicht gleich mit verbrannt seien. Er hörte
sie es noch sagen, als wäre es gestern gewesen, und als er die Augen schloß,
konnte er noch die Hitze der Flammen auf der Haut spüren. Er ging die Treppe
hinunter in den ölverschmierten Hof und fing an, sein Werkzeug einzusammeln.
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