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Roula Rouge
(Leseprobe aus: Roula Rouge, Roman, 2007, Deuticke)
Warum ausgerechnet Berlin? Ich hätte überall
hingehen können –
nach Paris oder Hamburg, nach New York, Palm Beach oder Zürich.
Ich hätte auch in München bleiben können. Warum also, ohne Not,
Berlin?
Vielleicht, weil ich gerade mal wieder Billy Wilders Eins, zwei, drei
gesehen hatte und sehr viel lachen musste.
Vielleicht, weil ich die Stadt kaum kannte und vor allem sie mich
nicht.
Vielleicht aber auch, weil in Berlin Verlierer weniger auffallen als an
irgendeinem anderen Ort der westlichen Hemisphäre.
Ich heiße Schotter, Jonathan Schotter. Mein Nachname passt nicht zu
mir, ich weiß … Er klingt rücksichtslos. Eigentlich bin ich das
genaue Gegenteil von meinem Namen: einszweiundachtzig groß,
schlank, gepflegt und sehr zuvorkommend. Meine Frau hat sich
seinerzeit geweigert den Namen Schotter anzunehmen. Er klinge ihr
zu sehr nach Schrotthändler, hatte sie gesagt, während sie den
vorsichtigen Versuch unternahm, mich zu überreden, ihren Namen zu
tragen. Aber soweit ging die Liebe dann doch nicht. Zum Glück,
möchte ich heute sagen. Jonathan von Lilienthal passt wirklich noch
weniger zu mir als Schotter. Und das hat nichts damit zu tun, dass
meine Frau und ich bereits seit knapp einem Jahr wieder geschieden
sind.
Das hatte übrigens dieselben Gründe, die Susanne von Lilienthal
bewogen haben, sich in mich zu verlieben. Was am Anfang unserer
Beziehung zärtlich mit »Jonathans Feingefühl« und »seine
Ordnungsliebe« umschrieben wurde, war an deren Ende Pedanterie,
ein Wort, das mir immer wieder wie ein nasses Handtuch um die
Ohren geschlagen wurde. Ich war nur noch ein »erbärmlicher
Pedant«.
Wurde ich am Anfang für meine gepflegten Hände geliebt, machte sie
sich am Ende darüber lustig, dass ich einmal in der Woche zur
Maniküre ging. Sicher, ich lege Wert auf mein Äußeres. Ohne
Krawatte fühle ich mich nackt. Ich besitze mindestens ein Dutzend
Anzüge aus feinstem Zwirn, und ich trage fast ausschließlich
Alden-Schuhe aus weichem Pferdeleder, die ich, wie der Hersteller es
empfiehlt, alternierend mit brauner und schwarzer Wichse putze. (Ja,
ich putze selbst.) Meine Socken gehen bis zu den Knien, damit man
meine weißen Waden nicht bemerkt, wenn ich die Beine
übereinander schlage. Die Klasse eines Mannes erkennt man an der
Länge seiner Socken. Dieser Satz hat sich mir eingebrannt, seit eine
ältere Freundin ihn mir vor einem Vierteljahrhundert mit auf den
Weg gegeben hat.
Ich bin seit ein paar Tagen achtundvierzig Jahre alt und habe schwere
Zeiten hinter mir. Ich habe nicht nur meine Frau an einen
argentinischen Dichter und Polospieler verloren, sondern auch
meinen lukrativen Job an einen siebzehn Jahre jüngeren Kollegen aus
Zürich. Ich war Senior Vice President einer großen amerikanischen
Werbeagentur in München und darf ohne Übertreibung behaupten,
die Werbung sähe ohne mich in Deutschland heute anders aus.
Pünktlich zu Weihnachten im vergangenen Jahr bekam ich meine
Kündigung, mit einem goldenen Handschlag zwar – aber wie viel
Mammon braucht es, das Gefühl der eigenen Nutzlosigkeit
aufzuwiegen?
Zu allem Überfluss erlitt ich einen Monat später einen
Schwächeanfall beim Tennisspielen. Ich wurde ohnmächtig, und als
ich wieder zu mir kam, machten mir zwei Ärzte unmissverständlich
klar, dass ich eine neue Herzklappe brauchte. Und zwar so schnell
wie möglich. Ich hatte mich zwischen einer künstlichen und einer
biologischen zu entscheiden. Ich entschied mich für die biologische,
und zwar eine vom Stier. Ich hätte auch eine Schweineklappe wählen
können, aber das war mir dann doch zu unappetitlich. Die biologische
Klappe hat den Vorteil, dass man kein Macromar schlucken muss.
Macromar kann fürchterliche Nebenwirkungen haben. Tägliches
Blutspucken gehört noch zu den harmloseren, hat man mir gesagt.
Aber lassen wir das. Ich will niemanden mit meiner
Krankengeschichte belästigen, auch nicht mit dem letzten
Schicksalsschlag Anfang März dieses Jahres: Paulas Freitod. Paula
war meine vorletzte Freundin. Wenn ich an sie denke, kommen mir
die Tränen, und das will ich im Augenblick nicht.
Ich sitze auf der Terrasse des Dressler am Kurfürstendamm, an einem
der letzten Oktobertage, die Sonne scheint. Auf dem runden Tisch
vor mir steht ein Glas Latte Macchiato. Die Zuckertüte auf der
Untertasse schmückt ein Spruch von Cäsar Flaischlen (wer immer
das ist): Und wenn es kommt und wenn’s dich fasst und über dir
zusammenschlägt, Streit und Neid und Hast und Last … vergiss
nicht, dass du Flügel hast.
Mir gegenüber sitzt eine junge Frau. Sie liest ein Buch mit dem Titel
Ich werd auf eure Gräber spucken. Während der letzten halben
Stunde hat ihr Blick nicht für einen Moment die Seiten verlassen.
Ich lebe jetzt genau seit einem halben Jahr in Berlin.
Warum?
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