|
|
Tiefe Liebe,
freier Fall
(Leseprobe aus: Tiefe
Liebe,freier Fall, Roman, 2006, Konkursbuch
Verlag).
1
Der Wind blies so kräftig, dass er sie beinahe
vom Felsen warf. Johanna hatte es vorhergesagt.
Johanna kümmerte sich immer um das
Wetter. Sie hatte sich gegen diesen Ausflug
ausgesprochen, Isabel aber durch nichts davon
abbringen können. Isabel hatte zu diesem
Aussichtspunkt gewollt, unbedingt, und es
musste heute sein, als hinge ihr Leben davon
ab. Der Blick von hier oben war als atemberaubend
beschrieben. Seit ihrer Ankunft brauchte
Isabel ihn täglich, den Blick auf das Wasser.
Sie wurde unglücklich, wenn er ihr verwehrt
wurde.
Das Gelände war schroff und unwegsam
und sie musste sorgsam auf ihre Schritte achten.
Zu ihrer Freude gebärdete sich das Meer
dort unten viel wilder als an den Tagen zuvor.
Aufbrausend und zornig. Ihr Meer – denn
Isabel betrachtete es als ihres – gefiel ihr am
besten mit kleinen Schaumkrönchen, in einem
dunklen Türkis. Manchmal war es tiefblau,
fast schwarz. Anfangs hatte Isabel sich beklagt,
denn es gab sich nicht so entfesselt und gewaltig,
wie sie es von einer Atlantikinsel mit
Steilküsten erwartet hatte. „Sieht ja aus wie
das Mittelmeer“, hatte sie enttäuscht bemerkt.
„Na ja, nicht so blau wie das Mittelmeer. Aber
genauso langweilig und ruhig.“ Heute jedoch
wurde sie entschädigt.
Die drei kleinen, unbewohnten Inseln, auf
denen eine endemische Wolfsspinnenart beheimatet
war, waren heute viel deutlicher zu
erkennen als sonst. Das bedeutete schlechtes
Wetter, soviel hatte sie inzwischen gelernt.
Über die Wolfsspinne hatte Johanna sie morgens
beim Frühstück auf der Terrasse aufgeklärt.
Johanna hatte auch genussvoll erwähnt,
dass jene Spinne mit anderem Namen Tarantel
genannt werde. Wie gut, dass das Meer zwischen
der giftigen Wolfsspinne dort drüben
und Isabel dreitausend Meter tief war.
Das richtige Schuhwerk war hier unerlässlich,
und obgleich Isabel den Eindruck
hatte, an ihren Füßen hingen tonnenschwere
Gewichte und sich zuerst mit der Begründung,
sie fahre doch nicht in die Alpen, gegen
sie gewehrt hatte, war sie nun froh über ihre
robusten, roten Bergstiefel. Sie belächelte die
Touristen, die Sandalen oder Turnschuhe
trugen und sich deswegen wahrscheinlich irgendwann,
wenn sie vom Fels rutschten, den
Hals brechen würden. Ihr täten sie dann kein
bisschen leid.
Inzwischen war sicher mehr als eine Stunde
vergangen und sie hätte längst wieder umkehren
müssen. Johanna würde schon warten. Sie
hatte zwar gesagt „lass dir ruhig Zeit“, doch
nun würde sie sich bestimmt fragen, wo Isabel
so lange blieb. Vielleicht würde sie sich sogar
Sorgen machen? Johanna kannte ihr kleines,
wohlgehütetes Geheimnis: Isabel war nicht
schwindelfrei. Eine Schwäche, die sie seit
nunmehr sieben Tagen mit allen Mitteln zu
verbergen suchte, denn vor Johanna war sie
ihr unangenehm. Sie wollte, wenn sich der
schwindelerregende Abgrund neben ihr auftat,
auf keinen Fall nach Johanna rufen und sie
um Hilfe bitten, sie wollte nicht zugeben, dass
sie nicht in die Schlucht hinunterblicken und,
schlimmer noch, womöglich keinen Schritt
mehr weitergehen konnte. Sie wollte Johanna
gefallen. Johanna zu gefallen, war lebensnotwendig.
Überlebenswichtig. Außerdem passte
diese Schwäche ihrer Meinung nach überhaupt
nicht zu ihr. Isabel wäre gern großartig gewesen
und ganz ohne Angst. Ihre Bemühun
gen waren allerdings vergeblich, denn Johanna
entging nichts. Gleich bei der ersten Wanderung
war ihr aufgefallen, was mit Isabel los war.
Wie viel Zeit war vergangen? Eine Stunde?
Mehr als eine Stunde? Dieser Ort raubte ihr jedes
Zeitgefühl. Johanna würde auf sie warten,
das wusste sie, und ungeduldig werden. Doch
Isabel wollte nicht zurück. Noch nicht. Sie
wollte einfach hier oben sitzen bleiben, mitten
im Wind, der so kräftig wehte, dass man
ihn zu Hause Sturm nennen würde. Sie wollte
hinunterblicken und an nichts denken. Dass es
möglich war, an nichts zu denken, erschien ihr
wie ein Wunder. Johanna verstand nicht, dass
Isabel so oft aufs Meer sehen musste, belächelte
sie sogar, und das versetzte Isabel jedes Mal
einen kleinen Stich.
Isabel hatte lange nach dem richtigen Wort
gesucht, dem passenden, nach dem einzigen,
das diesen Zustand beschreiben konnte. Sie
hatte dringend ein Wort gebraucht! Und dann
war es ihr endlich eingefallen. Es war so einfach
wie wahr. Das richtige Wort, es hieß: Glück.
Plötzlich war es da. An diesem windigen Ort,
mit Blick auf das türkisfarbene Meer, dachte
sie nicht an Widrigkeiten und Kümmernisse.
Sie dachte nicht an ihre dunkle Wohnung
daheim, in der sie wie ein Grottenolm hauste,
die sie seit fast einem Jahr nicht mehr geputzt
hatte und die allmählich in den Zustand der
Verwahrlosung überging. Was sich inzwischen
wohl alles in den breiten Fugen zwischen den
Dielen auf dem Fußboden tummelte? In zwei
Wochen würde Isabel dorthin zurückkehren
müssen. Doch zwei Wochen erschienen ihr im
Augenblick endlos, und bis es so weit war, bis
der Tag der Abreise käme, würde sie einfach
nicht daran denken. Sie dachte an nichts. An
gar nichts. Hier dachte sie nicht darüber nach,
was künftig sein würde, und ebenso wenig
dachte sie an die dunkle, schwere Trauer, die
hinter ihr lag und die sie in einen ganz besonderen
Abgrund gezogen hatte, aus dem sie lange
Zeit nicht hatte emporklettern können. An
diesem Ort war ihr Kopf vollkommen leer und
es war ihm noch nie so gut gegangen.
Ein wenig getrübt wurde Isabels Glück nur
durch die unzähligen Touristen. Nach Johannas
begeisterten Schilderungen am Abend
zuvor hatte Isabel sich eine Einöde ausgemalt
und nicht Heerscharen von Wanderern, die
sich wie sie vom starken Wind nicht hatten
abschrecken lassen. Isabel wollte allein sein,
nur für sich. Allein genießen. Sie wollte sogar
für einen kurzen Moment ein bisschen einsam
sein, nur ein kleines bisschen, dabei hatte sie die
Einsamkeit immer gefürchtet. Doch stattdessen
klackten nun unentwegt Wanderstöcke rings
um sie herum. Das Geräusch, das sie erzeugten,
bohrte sich empfindlich in Isabels Kopf,
und sie wünschte sich, dass all diese Menschen
samt ihrer modernen Freizeitausrüstung einfach
verschwänden.
Sie hob einen rotbraunen Stein vom Boden
auf, Lavaschlacke, staunte darüber, dass er
sich ganz leicht in ihren Händen anfühlte und
bemerkte zu spät, wie scharfkantig er war. Er
verletzte sie an der Hand. Ihre Hände waren
fast immer zu trocken, die Haut riss schnell ein
und noch heute Morgen hatte sie kurz daran
gedacht, Johannas teure Handcreme zu benutzen,
es aber wie meistens vergessen. Johanna
besaß ein ganzes Arsenal teurer Cremes, für
jede Körperpartie eine eigene. „Warte nur,
bis du in mein Alter kommst“, sagte Johanna,
„dann wirst du es verstehen.“ Mit überraschend
großer Kraft, die sich ihrer Empörung
über die geritzte Haut verdankte, warf Isabel
den Stein weit weg, traf dabei beinahe einen
Wanderer, der daraufhin mit österreichischem
Akzent schimpfte und mit seinem Stock in der
Luft herumfuchtelte, und rieb vorsichtig über
die Abschürfung an ihrer Hand.
Seit sieben Tagen waren sie nun auf Madeira.
An diesen sieben Tagen hatte Johanna Isabels
nahezu unstillbare Sehnsucht, auf das Meer zu
blicken, zuerst mit Erstaunen zur Kenntnis
genommen, dann mit leichter Belustigung.
Der Stein aus Basalt, den sie danach aufhob,
war wesentlich schwerer, hart und glatt.
Ganz vorsichtig trat Isabel an den Abgrund
heran und blickte nach unten. Immerhin, sie
konnte es jetzt und fand sich ungeheuer mutig.
Wurde es nicht von Tag zu Tag besser?
Sie zögerte kurz und warf den Stein dann
mit einer gewissen Befriedigung hinunter,
stellvertretend für den, der ihre Hand verletzt
hatte. Ihre Erwartung, seinen Weg verfolgen
zu können, bis er unten aufschlüge, wurde
enttäuscht, denn sie hörte ihn nicht. Sie hörte
nur das anhaltende Klacken der Wanderstöcke
im Hintergrund und die Wellen, die hundert
Meter unter ihr laut gegen den Fels schlugen.
Oder waren es zweihundert Meter oder noch
mehr? So nah, wie sie gewünscht hätte, wagte
sie sich nicht an den Rand, obwohl sie sich
gleichzeitig unerklärlich nach der Tiefe sehnte.
Aber es könnte jemand da sein. Jemand könnte
plötzlich viel zu dicht hinter ihr stehen, ohne
dass sie es bemerkte.
Johanna wartete weiter unten auf sie, an dem
Haus mit den Palmen, das dem Parkwächter
der Halbinsel Ponta de São Lourenço gehörte.
Der Weg sei ihr heute zu beschwerlich und
außerdem sei es viel zu windig. „Aber geh du
nur“, hatte sie gesagt, „du hast das alles ja noch
nie gesehen. Nimm den Fotoapparat mit, dann
kannst du dein Meer fotografieren. Ich lese
hier und warte auf dich. Mir geht es gut.“
„Wirklich?“, hatte Isabel gefragt.
„Ja, wirklich.“
Isabel und Johanna kannten sich seit vier
Monaten. Seit einhundertneunzehn Tagen, um
genau zu sein. War das lang oder kurz? War
das bereits eine kleine Ewigkeit oder so flüchtig
wie ein Windhauch, der nicht blieb, der
nichts auszurichten vermochte, höchstens ein
Blatt über die Straße fegte? Isabel führte im
Geist über die Anzahl der Tage und Wochen
Buch. Auch über diese Marotte amüsierte sich
Johanna manchmal, und deshalb würde Isabel
ihr morgen früh beim Aufwachen gewiss nicht
mitteilen, dass nun der einhundertzwanzigste
Tag ihrer Bekanntschaft angebrochen sei, ob
wohl sie es gern täte. Am liebsten hätte sie der
ganzen Welt verkündet: Seht her! Ich kenne
diese wundervolle Frau seit einhundertzwanzig
Tagen! Stattdessen würde sie es für sich
behalten und die runde Zahl im Stillen feiern.
Seit sieben Tagen waren sie nun hier und
an jedem dieser sieben Tage hatte Isabel dem
Moment entgegengefiebert, in dem sie endlich
aufs Meer würde blicken können, aus nächster
Nähe, nicht aus der Entfernung. Und wenn es
dann endlich so weit war, starrte sie schweigend
auf das Wasser, mit großen Augen und
leicht geöffnetem Mund. Johanna nahm es
mit Belustigung zur Kenntnis. Immer lächelte
sie auf diese bestimmte Art, die tief innen
einen leichten, bis dahin unbekannten Groll in
Isabel hervorrief, auf eine Art, die sie als herablassend
empfand, obgleich sie ganz genau
wusste, dass Johanna es liebevoll meinte.
Doch ihr Ärger währte immer nur kurz und
war im nächsten Augenblick wieder verflogen.
Ihre Zuneigung für Johanna war viel stärker,
als es jeder Zorn hätte sein können. Ihre
Zuneigung war grenzenlos. Auch die Tatsache,
dass es von den sieben Tagen an dreien geregnet
hatte, konnte sie nicht erschüttern. Für
den ersten Regen, der in der Nacht begonnen
und den ganzen nächsten Tag angehalten
hatte, so dass sie sich draußen nur in wetterfester
Kleidung bewegen konnten, hatte sie
im Scherz Johanna verantwortlich gemacht.
Schließlich war sie es, die Isabel Ende Oktober
nach Madeira verschleppt hatte. Nein, es war
sogar schon Anfang November. Isabel hatte
die Uhrzeit vergessen, die Wochentage, den
Kalender, doch jetzt fiel es ihr wieder ein.
November. Zu Hause hatte längst der Herbst
begonnen, hier herrschten tagsüber um die
zwanzig Grad. Wäre Isabel jetzt zu Hause in
ihrer Eineinhalb-Zimmer-Wohnung in Berlin-
Neukölln, liefe die Gasetagenheizung auf
Hochtouren, weil sie so schnell fror, und das
Geräusch der anspringenden Therme, das verbrennende
Gas, würden ihr ein vertrautes, ungutes
Gefühl im Magen bereiten. Es würde sie
an die Gasrechnung erinnern, an das schwierige
Leben mit all den übrigen Rechnungen und
an Einkäufe in trostlosen Billig-Supermärkten,
die ihr die Laune restlos verdarben. Der Blick
zu Hause aus den ungeputzten Fenstern in den
dunklen Hinterhof zeigte Isabel einen kranken
Baum und die Mülltonnen.
Johanna hatte sie vor Reiseantritt gewarnt:
„Nimm einen warmen Pullover mit und vor
allem Regenkleidung!“ Natürlich hatte Isabel
sie nicht im Ernst für den Regen auf Madeira
verantwortlich gemacht. Auch nicht für den
dichten Nebel, der wie aus dem Nichts kam und
in Schwaden den Berg hochkroch, ohne sich
vorher anzukündigen. In Sekundenschnelle
wurde er undurchdringlich. Der Nebel war
Isabel unheimlich, so sehr, dass sie nachts sogar
manchmal von ihm träumte. Johanna erzählte
ihr dann am nächsten Morgen, sie habe
im Schlaf um sich geschlagen und sei durch
nichts zu beruhigen gewesen. Isabel hasste
Berichte darüber, wie sie sich im Schlaf verhalten
hatte. Sie fühlte sich dann hilflos. Wehrlos.
Blöße zu zeigen, war ihr unangenehm und sie
schämte sich.
Nach jeder Beschwerde über das Wetter hatte
Isabel Johanna sofort in den Arm genommen
und ihr unzählige Küsse auf Wangen,
Augenlider und Stirn gehaucht, so als fiele
ihr zu spät auf, dass sie mit dem Scherz möglicherweise
zu weit gegangen war und sich
wie ein ungezogenes Kind benommen hatte.
Mit Johanna war alles so neu, so zerbrechlich
und Isabel wollte behutsam sein. Kannte
sie Johanna schon nach nur vier Monaten?
Konnte überhaupt jemals die Rede davon sein,
einen anderen Menschen zu kennen, wirklich
zu wissen, was er im nächsten Moment täte,
ganz gleich nach welcher Zeit?
Was war das Besondere am Meer? Warum
musste Isabel immerzu auf das Wasser blicken,
seit sie hier waren, jeden Tag? Dachte sie dabei
wirklich an gar nichts? Ging ihr nichts
im Kopf herum? Das Leben. Ihr bisheriges
und ihr zukünftiges. Ihr Dasein zu Hause als
lichtscheues Höhlentier, dessen Augen langsam
verkümmerten und das im ersten Stock,
Seitenflügel, niemals das Sonnenlicht und den
Himmel sah. Die Liebe. Der Tod. Nur ein
kleiner Schritt nach vorn und sie würde die
Steilküste hinunterfallen, wie zuvor der Stein.
Ohne ein Geräusch, das Meer war zu laut. Die
klackenden Wanderstöcke jedoch wären immer
noch zu hören, und wahrscheinlich würde
niemandem auffallen, wenn sie plötzlich nicht
mehr da wäre. Würde sie beim Fallen eigentlich
mehr Zeit benötigen als der Stein, oder
ginge es schneller? Spielte das eine Rolle?
Wenn sie sich irgendwann vom Wasser abwandte
und befand, es sei im Grunde eintönig,
in jeder Minute tat dieses Meer dasselbe, tagaus,
tagein, seit Jahrhunderten, seit Millionen
von Jahren, seit Anbeginn der Welt, dann
vermisste sie es im nächsten Moment bereits;
und abends im Bett, wenn sie Johannas gleichmäßigen
Atem neben sich hörte, sehnte sie
voller Ungeduld den kommenden Tag herbei,
an dem sie es endlich wieder würde anschauen
können.
Sie musste zurückgehen. Johanna würde
schon auf sie warten.
Rezension I Buchbestellung I home IV06 LYRIKwelt © Konkursbuch