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Von Geisterhand
(Leseprobe aus:
Die
Zwillinge von Highgate, Roman, 2009, S.
Fischer - Übertragung Brigitte Jakobeit).
Elspeth arbeitete gerade mit Staub. Sie konnte nicht verstehen, wie ihr die kommunikativen Kräfte von Staub bisher entgehen konnten. Staubpartikel waren klein und ließen sich mühelos handhaben. Staub war das ideale Medium für Botschaften.
Kurz nach der Ankunft der Zwillinge in der Wohnung war Julia mit dem Finger geistesabwesend durch den Staub auf dem Klavier gefahren und hatte eine glänzende Spur hinterlassen. Elspeth hatte sich darüber geärgert und den Staub mühevoll wieder zurückgeschoben, um Julias leichtfertige Verschandelung zu tilgen, als ihr mit einem Mal dämmerte, dass sie soeben über eine Tabula rasa gestolpert war. Staub war ein Megaphon, das ihre Notrufe verstärken konnte. Sie war so aufgeregt, dass sie sofort zu ihrer Schublade ging, um die Möglichkeiten zu überdenken.
Was sollte sie sagen, nachdem sie jetzt einen Weg gefunden hatte?
»Hilfe, ich bin tot.« Nein, daran können sie nichts ändern. Es ist besser, nicht so mitleiderregend daherzukommen. Aber ich möchte sie nicht ängstigen. Sie sollen nur wissen, dass ich es bin und kein Trick. Sie dachte an Robert. Sie könnte ihm schreiben, dann würde er wissen, dass sie da war.Am nächsten Morgen war Sonntag. Es regnete, das vordere Zimmer war von einem gleichmäßigen, schwachen Licht durchdrungen. Elspeth schwebte über dem Klavier. Wäre sie sichtbar gewesen, dann nur als Gesicht und rechte Hand.
Die Zwillinge waren im Esszimmer und saßen bei Kaffee und den Überbleibseln von Toast und Marmelade. Elspeth konnte ihre freundliche sporadische Unterhaltung hören, die vormittägliche Diskussion darüber, welcher Art von Vergnügung sie heute nachgehen sollten. Sie schloss die beiden aus und konzentrierte sich auf die stumpfe staubige Fläche.
Elspeth legte zögernd eine Fingerspitze aufs Klavier. Sie erinnerte sich, irgendwo gelesen zu haben, dass Haushaltsstaub größtenteils aus abgeworfenen menschlichen Hautzellen bestand.
Vielleicht schreibe ich also mit Teilchen meines früheren Körpers.
Der Staub gab nach, und die weichen Teilchen verschwanden, als sie einen glänzenden Pfad zog. Sie freute sich, wie einfach es war, und achtete dabei auf ihre Schrift, damit Robert sie als ihre erkannte. Sie brauchte fast eine Stunde, um ein paar Zeilen zu schreiben. Die Zwillinge waren ausgegangen, als sie endlich fertig war. Elspeth beugte sich summend über ihr Werk und bewunderte ihre schwungvolle Unterschrift, die Genauigkeit ihrer Zeichensetzung. Unter großer Anstrengung schaltete sie die Bodenlampe ein, die sie einst zur Beleuchtung ihrer Notenblätter benutzt hatte.
Das können sie nicht übersehen, dachte sie stolz und begab sich auf einen feierlichen Rundflug durch die Wohnung, schoss durch Türen und streifte Decken. Es gelang ihr, einen Zuckerwürfel auf den Kopf des Kätzchens fallen zu lassen, das auf einem halb unter den Küchentisch geschobenen Stuhl schlief. Was für ein herrlicher Morgen!Robert verbrachte den Tag – es war der erste Mai – am Eingang des Ostfriedhofs und wies ziemlich viele Besucher, die meisten davon Chinesen, auf Karl Marx’ Grab hin. Am Abend saß er erschöpft an seinem Schreibtisch. Er starrte auf seinen Computer und versuchte herauszufinden, was genau ihn an Kapitel
III so irritierte. Etwas stimmte nicht mit dem Ton der Geschichte: Es war ein ausgelassenes, fast heiteres Kapitel über Cholera und Typhus. Das ging nicht. Er konnte nicht begreifen, dass er Epidemien vor einiger Zeit erfreulich gefunden hatte. Er markierte gerade alle wichtigen Stellen in Rot, als jemand an die Tür klopfte.Die Zwillinge standen mit ernstem Blick im Flur. »Komm mit nach oben«, sagte Valentina.
»Stimmt was nicht?«
»Wir müssen dir was zeigen.«
Julia folgte Valentina und Robert nach oben. Sie merkte, dass sie Hoffnung schöpfte. Die Wohnung lag in gleißendem Licht. Die Zwillinge geleiteten Robert zum Klavier und traten zurück. Er sah Elspeths Handschrift:
grüsse, valentina und julia ich bin hier. in liebe, elspeth und: robert 22. juni 1992 eRobert stand da wie vom Donner gerührt. Er streckte die Hand aus, um die Schrift zu berühren, aber Valentina packte sein Handgelenk.
»Was bedeutet das Datum?«, fragte Julia.
»Das ist etwas … das nur sie und ich wissen.«
»Sie hat die Lampe eingeschaltet«, sagte Valentina.
»Was ist an dem Tag passiert?«, fragte Julia.
Valentina sagte: »Die Schrift sieht genauso aus wie die von Mom.«
»Was ist an dem Tag …«
»Das geht euch nichts an, okay? Das bleibt zwischen Elspeth und mir«, erwiderte Robert schroff. Die Zwillinge schauten sich an und setzten sich mit gefalteten Händen aufs Sofa. Robert las die Nachricht immer wieder von vorn. Er dachte an jenen ersten Tag: Er stand im Vorgarten und schrieb sich die Telefonnummer des Maklers auf, die auf dem
Zu-Vermieten-Schild stand. Elspeth schaute durch ihr vorderes Fenster. Sie winkte, und er winkte zurück, dann verschwand sie und erschien fast unverzüglich wieder, offenbar war sie die Treppe heruntergerannt. Sie trug ein weißes leichtes Sommerkleid, die Haare waren mit einer Klammer nach hinten gesteckt. An den Füßen trug sie diese billigen Gummi-Dinger, wie hießen die noch mal? Sie klatschten gegen die Unterseite ihrer Füße, als sie vor ihm die Treppe hochstieg und in die Wohnung ging. An diesem Tag war seine Wohnung vollkommen leer. Sie führte ihn durch die Räume, aber sie redeten über andere Dinge. Was hatten sie damals zueinander gesagt?Er konnte sich nicht mehr entsinnen. Er erinnerte sich nur, dass er ihr folgte und an die Art, wie das Kleid ihre Schulterflügel entblößte, an die zarten Knubbel, die in der Mulde ihres Rückens verschwanden, den Reißverschluss am Kleid, an die enge Taille und den weiten Rock. In jenem Sommer war sie leicht gebräunt. Später waren sie nach oben gegangen, in ihre Wohnung, und hatten in genau diesem Zimmer Alsterwasser getrunken, und noch später waren sie in ihr Schlafzimmer gegangen, und er hatte den Reißverschluss an ihrem Kleid geöffnet, es war von ihr abgefallen wie eine Hülle. Sie war warm unter seinen Händen. Später mietete er die Wohnung, doch an jenem Nachmittag vergaß er den Grund seiner Anwesenheit, vergaß alles außer ihren bloßen Füßen, ihrem immer wieder aus der Klammer rutschendem Haar, ihrem ungeschminkten Gesicht, den Bewegungen ihrer Hände.
Ich halte das nicht aus, Elspeth. Ich kann nicht … ich weiß nicht, was ich fühlen soll.Er starrte auf die Schrift. Valentina dachte:
Für mich empfindet er nicht so. Julia wartete. Sie fragte sich, ob Elspeth im Zimmer war. Das Kätzchen sprang aufs Sofa, hockte sich auf eine Lehne, legte seine Pfoten unter die Brust und beobachtete sie, ohne ersichtliches Interesse an Geistern, die vielleicht anwesend waren.»Elspeth?«, sagte Robert schließlich.
Alle drei spürten ihren Körper für einen kurzen Moment eiskalt werden.
»Würdest du uns etwas schreiben?«
Die Zwillinge erhoben sich, und sie standen zu dritt am Klavier, beobachteten die Oberfläche. Es war wie ein langsamer Stop-Action-Trickfilm. Der Staub schien sich zu verschieben, die Buchstaben erschienen von unsichtbarer Hand:
ja.Elspeth sah, wie Robert sich bemühte, Vergangenheit und Gegenwart unter einen Hut zu bringen, wie aufgeregt und irritiert er war. Valentina beobachtete ihn, und Julia beobachtete Valentina.
So ist es nun mal,
dachte Elspeth. Hart für jeden von uns. Sie fing an, im Raum umherzuwandern und Dinge zu verrücken. Türen schwangen, Gardinen flatterten. Robert sah vom Klavier hoch, als sie eine Tischlampe mehrmals ein- und ausschaltete.»Komm her, Liebling«, sagte er und sie flog zu ihm, mit einem Mal glücklich. Er spürte sie als Nähe, eine kalte Präsenz.
Wie konnte ich das vorher nicht begreifen? Sie war hier, und ich hab sie alleingelassen. Robert dachte an die vielen Besuche an ihrem Grab, dachte daran, wie er stundenlang auf den Stufen des Noblin- Mausoleums gesessen und sinnlos geplaudert hatte, erinnerte sich an den Abend am Fluss mit Valentina und kam sich idiotisch und leicht benommen vor. Aber ich habe nicht wirklich geglaubt, dass sie dort war. Oder doch? Er stand da und schüttelte den Kopf. Als er merkte, was er tat, hielt er inne.»Sag uns, wie das ist … Wie fühlst du dich? Wie geht es dir?«
Robert hätte gern Dinge gesagt, die er in Anwesenheit der Zwillinge nicht äußern konnte. Elspeth platzierte sich über dem Klavier und dachte über die Frage nach. Wie ich mich fühle? Nun ja, tot. Nein, lieber positiv angehen. Hmm … Sie zeichnete eine kleine Spirale in den Staub, während sie nachdachte. Robert erinnerte sich an die vielen Seiten, die sie beim Telefonieren mit Spiralen vollgekritzelt hatte. Du bist da, wirklich da.
Valentina und Julia sahen die glänzende Spirale erscheinen.
Wir sind so was wie die Schafe bei der Geburt Jesu,
dachte Julia.Valentina fragte sich, ob Elspeth sie ständig beobachtete. Was weiß sie von uns? Ob sie uns mag? Sie fand das alles sehr unangenehm. Valentina versuchte sich zu erinnern, ob eine von ihnen jemals etwas Unfreundliches über Elspeth gesagt hatte. Als die Zwillinge klein waren, hatten sie sich gegenseitig Angst eingejagt, indem sie sich vorstellten, Gott beobachte sie jede Minute am Tag. Man konnte nie gut genug sein … Sie beobachtete Roberts Gesicht. Er hatte sie vergessen. Wartete darauf, dass Elspeth etwas schrieb.
Die ersten Buchstaben erschienen: einsam. gefangen in wohnung. froh v&j zu sehen. vermisse dich.
»Möchtest du etwas Bestimmtes?«, fragte Julia.
bücher
. spielen. aufmerksamkeit.»Wir sollen dir Aufmerksamkeit schenken?«
ja redet mit mir, spielt mit mir
. Elspeth schrieb so schnell sie konnte. Ihre Schrift war unkontrolliert und groß, und sie sah, dass die Klavieroberfläche keine unbeschränkte Unterhaltung zuließ.Im selben Moment sprang das Kätzchen mit einem musikalischen Krach auf die Tasten und weiter aufs Klavier, wobei es Elspeths Geschriebenes so wirksam verwischte wie ein Staubwedel.
»Grrr«, sagte Valentina und hob es hoch. »Böses Mädchen.«
Sie warf das Kätzchen aufs Sofa. Das Kätzchen, derart zurückgewiesen, schlich unter das Klavier und schmollte.
Die Hälfte des Staubs war jetzt vom Klavier verschwunden.
Elspeth schrieb am Rand des Notenständers:
r-seancen-ouija?»Stimmt, die Viktorianer haben Ouija-Tafeln benutzt. Und automatisches
Schreiben. Geister haben dann vom Medium Besitz ergriffen und durch es gesprochen. Jedenfalls haben die Medien vorgeschützt, dass es so war. Aber sie waren Schwindler, Elspeth.«
vielleicht
.»Na schön, okay. Möchtest du es probieren?«
ouija?
»Dann muss ich eine Tafel besorgen.« Er wandte sich den Zwillingen zu. »Habt ihr ein großes Blatt Papier? Wir brauchen einen Block, einen Stift und ein Trinkglas als Planchette.« Julia ging in die Küche und kam mit einem Saftglas und einem Stift zurück. Valentina brachte den Block samt ein paar Blättern weißes Papier aus dem Computerdrucker und klebte sie zusammen. Robert schrieb die Buchstaben des Alphabets in drei Reihen. Dann schrieb er die Wörter ja und nein in die oberen Ecken des Papiers, legte das Papier auf den Couchtisch und stellte das Glas verkehrt herum in die Mitte.
Elspeth dachte: Dieses Glas ist zu schwer. Es gelang ihr zwar, es zu rütteln wie bei einem kleinen Erdbeben, aber sie konnte es nicht einen Zentimeter fortbewegen.
Robert sagte: »Wir brauchen etwas ganz Leichtes. Vielleicht einen Kronkorken?«
Julia rannte wieder in die Küche und kam mit dem runden blauen Plastikstreifen zurück, den sie am Morgen von der Milchflasche gepuhlt hatte. »Ja, perfekt«, sagte Robert. Er tauschte das Glas gegen den Ring aus, und schon rutschte er auf dem Papier herum, als wäre er froh, aus dem Mülleimer geflohen zu sein, wie ein glücklicher Wasserkäfer, dachte Julia. Man konnte sich Elspeth mühelos im Zimmer vorstellen, wenn sie auf dem Klavier schrieb; als sie jetzt den Plastikstreifen bewegte, schien es, als wäre er selbst ein Geschöpf geworden, das sich aus eigenem Antrieb bewegte. Julia und Valentina setzten sich auf den Boden neben den Couchtisch. Robert nahm auf dem Sofa Platz und beugte sich über die Tafel. Der Plastikring verharrte erwartungsvoll, als würde er horchen. Das Kätzchen kam herüber, stellte sich auf die Hinterbeine und setzte zum Sprung an. Schafft das Tier hier raus, dachte Elspeth. Und als hätte sie es laut gesagt, stand Valentina auf, brachte das Kätzchen ins Esszimmer und schloss die Tür.
Als sie wieder saß, fragte Valentina: »Was meinst du damit, du bist in der Wohnung gefangen? Bist du die ganze Zeit hier gewesen?« Sie sagte nicht: Beobachtest du uns die ganze Zeit?, auch wenn sie es gern getan hätte.
Der Plastikring buchstabierte langsam. Niemand berührte ihn, er bewegte sich zielstrebig über kurze gerade Strecken. ja immer hier kann nicht fort Robert übertrug die Buchstaben auf den Notizblock, wenn der Plastikring über ihnen liegen blieb. Er dachte, dass er Satzzeichen auf die Tafel hätte aufnehmen sollen.
»Was ist mit dem Himmel?«, fragte Julia. »Oder, du weißt schon, das ganze Zeug, das sie einem in der Kirche erzählen?« kein beweis für oder gg bin einfach hier warte
»Wie furchtbar«, sagte Julia. »Für immer? Verändert sich etwas?«
ich werde stärker
.»Passiert das jedem, der stirbt?«
weiss nicht nur ich hier Elspeth wollte Fragen stellen, nicht nur welche beantworten. wie gehts edie buchstabierte sie, bevor Julia etwas anderes fragen konnte.Die Zwillinge wechselten einen Blick. »Gut«, antwortete Valentina.
»Sie war traurig, weil du bestimmt hast, dass sie uns hier nicht besuchen darf«, sagte Julia.
Der Plastikring drehte sich ziellos auf dem Papier. Schließlich buchstabierte Elspeth:
sagt es edie nicht»Was sollen wir ihr nicht sagen?«, fragte Robert.
sagt keinem dass ich geist bin
.»Das würde uns sowieso keiner glauben«, erwiderte Valentina.
»Du kennst Mom, sie würde denken, dass wir lügen. Und sie würde denken, es wäre, na ja, gemein.«
ja gemein sprecht ihr französisch?
»Ja«, sagte Julia.
latein
»Hm, nein.«
veni huc cras r ut tecum ex solo colloquar
.Robert lächelte. Julia sagte: »Geheimniskrämerei ist unfair.«
Valentina dachte:
Sie haben doch Jahre von Geheimnissen. Am liebsten hätte sie sich übergeben. Robert streckte die Hand aus und streichelte ihr Haar. Sie sah ihn zweifelnd an. Ein Anflug von Eifersucht überkam Julia und Elspeth, was beide aus eigenen Gründen seltsam fanden.Elspeth buchstabierte
müde»In Ordnung«, sagte Robert.
gute nacht
.»Gute Nacht, Liebes.«
»Gute Nacht, Tante Elspeth.«
Robert und die Zwillinge standen auf. Es folgte ein verlegenes Schweigen, denn vor Elspeth hatten sie sich nichts zu sagen. Jeder wäre am liebsten irgendwohin gegangen und hätte seiner Verwunderung über die seltsame und verwirrende Situation lautstark Luft gemacht. Was sollte das Ganze?
»Na dann, gute Nacht«, sagte Robert und ging nach unten in seine Wohnung.
»Gute Nacht«, sagten die Zwillinge und sahen ihm hinterher. Er schloss die Tür, blieb stehen und schaute völlig fassungslos zur Decke. Dann fing er zu lachen an und konnte nicht mehr aufhören. Die Zwillinge hörten ihn. Sie setzten sich an den kleinen Couchtisch, schnipsten die Planchette hin und her, sagten nichts, starrten sich an und dann wieder auf die Ouija-Tafel. Elspeth lag eine Weile auf dem Boden im Flur, hörte Robert lachen und machte sich Sorgen um ihn.
Als er sich beruhigte, ging sie zurück ins vordere Zimmer. Sie berührte jeden Zwilling an der Stirn.
Gute Nacht, gute Nacht.
Dann glitt sie in ihre Schublade und rollte sich verzückt und zufrieden ein.
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