Kirsten Niesler

Ansprache zur Verleihung des Alfred Müller-Felsenburg-Preises für aufrechte Literatur 2011 am 9. November 2011 im Ratssaal der Stadt Gevelsberg

Liebe Gäste,

ich bin nun die letzte in der langen Liste der Redner, und ich habe mich gefragt, ob das nun Glück ist oder Pech. Ich habe mich für Glück entschieden.

Denn Sie,  verehrte Gäste, haben jetzt schon so lange so vielen guten Rednern zugehört, dass ich vertrauensvoll davon ausgehen darf, dass Sie mir jetzt nicht mehr allzu  kritisch zuhören. Es ist  nämlich keine leichte Bürde, anlässlich eines Preises für „aufrechte Literatur“ die richtigen und dazu noch möglichst kluge Worte zu finden. Ob mir das gelingt, weiß ich erst in einigen Minuten.

Ihre Resonanz wird aufrichtig sein, da bin ich sicher, doch wünschenswert wäre für mich schon auch Ihr Wohlwollen. Bedanken möchte mich schon jetzt bei Ihnen allen für Ihre Anwesenheit, denn allein Ihr Kommen ist schon eine große Ehre, und ich glaube ich darf hier auch für Herrn Dörken sprechen.

Jetzt habe ich schon so ganz nebenbei zwei wesentliche Bestandteile „aufrechter Literatur“ eingebracht. Denn die engsten Verwandten von „Aufrecht“  heißen „Richtig“ und „Aufrichtig“. „Richtig“ steht für die Kompetenz in der Sache. Sie ist das Fundament und nicht ohne Mühe zu haben. „Aufrichtig“ ist eine Haltung, ein Anspruch an sich selbst. Gerade ein „Gebrauchsliterat“ - und als solchen verstehe ich mich - darf in seinem Streben nach aufrechter Gesinnung nie nachlassen. Denn seine Worte beeinflussen, haben Wirkung, bilden Meinung und Klima. (Siehe auch Lilienthal, Volker: „Kritik und Verantwortung – Zur journalistischen Haltungsgeschichte nebst einiger subjektiver Exkurse“, Antrittsvorlesung, Hamburg, 2009).

Wer dem Anspruch einer aufrichtigen Haltung, und ich füge jetzt auch noch „verantwortungsbewussten Haltung“ hinzu - wer diesem Anspruch genügen will, muss bereit sein, sich  selbst immer neu zu überprüfen. Wie gehe ich mit den Fakten um? Was lasse ich weg, was hebe ich hervor? Lasse ich mich dabei von Interessen anderer leiten? Spielt Sympathie oder Antipathie eine Rolle bei der Beurteilung von Sachverhalten? Welche oder wessen Wertmaßstäbe lege ich an? Wo folge ich aus Bequemlichkeit der Meinung anderer, umso eher, wenn diese laut verkündet wird?

Ich zitiere einen der bedeutendsten, politischen Spiegel-Reporter der letzten Jahrzehnte, Jürgen Leinemann. Er erinnerte 2009 in seinem Buch „Das Leben ist der Ernstfall“: „Wer sich als Journalist den aufrechten Gang erhalten will, habe ich gelernt, der braucht ein reflektiertes Verhältnis zu sich selbst und seinem Beruf, einen verantwortlichen, bewussten Umgang mit der eigenen Subjektivität.“ (Leinemann, Jürgen: „Das Leben ist der Ernstfall“, Goldmann-TB, München 2011, S. 206.)

Jetzt würde der Redakteur einer Tageszeitung keine Zeile mehr zustande bringen, wenn er jedem Artikel eine so umfangreiche Selbstanalyse voranstellen wollte. Das wäre also nicht zu empfehlen. Nein, im Idealfall hat er diesen Check verinnerlicht und ist trotzdem immer wieder neu bereit, sich selbst zu hinterfragen. „Hege eine gute Meinung von dir selbst, aber bleib dabei vorsichtig.“ sagt Buddha in den „Worten der Weisheit“. (Kapitel 12, Selbst, Vers 157).

Wie sehr der Weg nach innen mit dem Begriff „aufrecht“ zusammenhängt, möchte ich an einem Verkehrsschild verbildlichen. Sie kennen sicher alle das Männchen, das auf eine Unterführung hinweist. Es steigt eine Treppe hinunter. Und es geht dabei vollkommen aufrecht. Eine Treppe hinunterzusteigen bedeutet in der Traum-  und Symbolanalyse sehr häufig, in das eigene Unterbewusstsein einzutauchen, wozu ein hohes Maß an Mut und Aufrichtigkeit notwendig ist.

Noch einen weiteren Hinweis kann das Unterführungsmännchen geben: Wer einer tieferen Wahrheit oder Wirklichkeit auf den Grund gehen will, muss den aufrechten Gang beherrschen. Sonst wird er große Mühe haben, an sein Ziel zu gelangen.

Beobachten Sie dagegen einmal Menschen, die nach oben wollen. Sie alle beugen sich nach vorn.

Das treffende Symbol vom Tunnel-Männchen entdeckten die Initiatoren des Alfred-Müller-Felsenburg-Preises in den ersten Jahren seiner Vergabe. In geselliger Runde warfen sich Hans-Werner Gey und seine Freunde damals Gedankenspiele um den Begriff „aufrecht“ zu. Ich habe das Männchen heute lediglich ein wenig tiefer ausgelotet.

Was heißt das alles jetzt für „aufrechte Literatur“, gleichgültig ob Berichterstattung oder Kunstfeder? Es bedeutet, dass der Schreibende auf gutem Wege ist, der seine Schriften in den Dienst größtmöglicher Aufrichtigkeit stellt, und dies im Wissen um die eigene, naturbedingt begrenzte Sichtweise.

Die zweite große Instanz „aufrechter Literatur“ ist das Gewissen, das aber bekanntlich - wir haben den 9. November – manipulierbar ist. Nun gibt es ein kollektives Gewissen, das dem Zeitgeist, der Kultur, der Gruppenzugehörigkeit  verpflichtet ist, und ein persönliches Gewissen, erwachsen unter anderem aus den Wertevorstellungen der Herkunftsfamilie und gereift an eigenem Erleben und Reflektieren. Wenn beide im guten Sinne zusammenwirken, sind sie im glücklichen Fall ein hochsensibler Sensor - und gepaart mit dem Begriff „aufrecht“ ein zuverlässiger Wegweiser.

Der „aufrechte Gang“ entsteht durch eine gesunde Haltung und nicht mit Hilfe eines Korsetts, das andere gefertigt haben und das seinem Träger eine nur scheinbare Standfestigkeit verleiht. Hier denke ich an Gedankenkorsetts durch Ideologien, Vorurteile und Egoismen. „Aufrecht“ darf auch nicht missverstanden werden als unnachgiebig, weil uneinsichtig. Es geht nicht darum, eine Meinung stramm durchzuziehen und Einwände nicht zuzulassen. Es geht vielmehr um eine zutiefst dem Leben zugewandte Haltung, die aufmerksam bleibt für neue Erkenntnisse. Ein Schreibender, der die Konsequenzen seiner Schriften im Blick behält, der also Verantwortung für sein Schreiben übernimmt, wird nicht so leicht das rechte Maß verlieren. Arbeiten wir daran, jeden Tag neu.

Ich bedanke mich bei Dir, lieber Hans-Werner, als Initiator des Preises, und bei Dir Michael, dass Ihr bei den Überlegungen zur Preisvergabe an mich gedacht und für mich gesprochen habt. Das ehrt mich sehr, der Alfred-Müller-Felsenburg-Preis wird mir ein Ansporn sein. Vielen Dank für  Ihre Geduld.

Rezension I Buchbestellung I home IV11 LYRIKwelt © Kirsten Niesler