Kirsten Niesler

Die lyrische Ader der Westfälin
Eine kleine Galerie heimischer Dichterinnen-Porträts

(aus: Heimatbuch Hagen und Mark, 1989).

Die lyrische Natur der Westfälin fristete bisher ein kümmerliches Mauerblümchendasein. Nur vereinzelt drang die Kunde von schriftstellernden Westfälinnen an die Öffentlichkeit, - und dann galt die Aufmerksamkeit meist anderen als den schriftstellerischen Taten dieser Frauen.

Der vorliegende Beitrag soll einige westfälische Autorinnen ins Rampenlicht rücken und damit den Ruf der Bodenständigkeit und Wirklichkeitsorientierung der Westfälin um die Facette der Sensibilität, des Humors und der Phantasie erweitern. Außerdem wurde die kleine Dichterinnen-Galerie zusammengestellt, um all diejenigen aufzurufen, die in verstaubten Koffern oder vergilbten Familienarchiven dichterische Zeugnisse ihrer weiblichen Vorfahren, ihrer Mütter oder Gattinnen wissen. Gerade diese vergessenen Papiere könnten das Bild der westfälischen Dichterinnenseele vervollständigen und sollten darum der Vergessenheit entrissen und in das Hagener Heimatarchiv zu Walter K. B. Holz getragen werden. So manches unbeachtete Kleinod westfälischer Dichtkunst könnte auf diese Weise vielleicht doch noch verspätete Lorbeeren erhalten.

Für unsere Forschungsreise durch die heimische Dichterinnenlandschaft wurden die unterschiedlichsten Charaktere ausgewählt. Henriette Davidis, weltberühmt als Autorin des erfolgreichsten Kochbuches überhaupt, doch kaum bekannt als Verfasserin erbaulicher Verse, fand Aufnahme ebenso wie Gertrud Bäumer, die kämpferische Frauenrechtlerin aus Hohenlimburg, die einen großen Teil ihrer Schaffenskraft dem Schreiben von Romanen und Biographien widmete.

Diese beiden Frauen sind wohl die bekanntesten der kleinen Runde, doch hat die Familienchronik "Die Harkorts" von Ellen Soeding nicht minder Furore gemacht. Legt sie doch durch viele Generationen hindurch ein authentisches und spannendes Zeugnis ab von dem zähen, harten Kleinkrieg, den eine Hagener Fabrikantenfamilie im Ringen um Marktanteile, um Preise und Qualitätsverbesserung der Ware führte. Das markanteste Frauenprofil der Familie, die "Märckerin" nimmt in der Familienchronik eine Sonderstellung ein. Ihr Porträt aus der Perspektive einer bewundernden Nachfahrin hat in unsere Sammlung Aufnahme gefunden, denn sowohl die "Märckerin" als auch ihre Biographin leisteten Bedeutendes für den Hagener Raum. Ellen Soeding, geb. Liebe-Harkort (10.8.1904-17.2.1987), veröffentlichte vor ihrer erfolgreichen Familienchronik Romane und Erzählungen in der Deutschen Verlagsanstalt sowie in Zeitschriften und Zeitungen. Ihr Hauptwerk "Die Harkorts" lief den "Mädchenträumereien von Liebe und Glück" jedoch schnell den Rang ab.

Der Nachruhm der "Dichterinnen'' Minna Schmidt-Idar aus Milspe und Ida Hesse aus Hohenlimburg blieb auf den heimischen Raum beschränkt. Doch gerade sie legen Zeugnis ab von der still im Verborgenen blühenden Dichternatur der Westfälin.

Die dichterische Neigung mag ihren Ursprung u. a. in der heimatlichen Landschaft finden. Gertrud von le Fort, die 1876 in Minden geborene große Schriftstellerin, besaß zwar an ihren Geburtsort kaum noch eine Erinnerung, doch besuchte sie häufig ihre Patin, die Baronin von Elberfeld auf Haus Villigst bei Schwerte. Von hier aus wanderte sie dann zur Hohensyburg, die die Phantasie der Dichterin beflügelte. Der Ausflug zur Hohensyburg regte Gertrud von le Fort zu einer ihrer ersten Novellen an. Bis hin zu dem Namen "Ania", den sie auf einem Grabstein in Hohensyburg las, fand dieser Ausflug Eingang in ihr Werk, verknüpfte er sich doch mit Erzählungen über das in Westfalen oft bekundete "zweite Gesicht", von dem sie in Haus Villigst viel vernommen hatte.
Quelle: FAZ Feuilleton, Montag 11. 10. 76, Nr. 228, S. 19

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Aus der Perspektive einer Nachfahrin: Louisa Catharina Harkort-Märcker

Schwergewichtige, in feinstes Leder gebundene Bücher weckten 1946 bei Schichtwechsel das lebhafte Interesse einiger Bergleute. Doch nicht dem Inhalt der im Bergwerk vor den Kriegswirren verborgenen Bände galt das Interesse, sondern den edlen Ledereinbänden. Für Schuhsohlen waren sie allemal geeignet. So kam es, daß das seit 1674 sorgfältig gepflegte Familienarchiv des Hauses Harkort zwar den Krieg unbeschadet überstand, doch dann die Einbände die steinigen Wege frierender Bergarbeiter angenehmer zu gestalten hatten.

Den auf diese Weise dezimierten Chronikbestand luden die Harkort-Nachfahren schaufelweise auf Lastwagen und brachten ihn heim ins Stammhaus. Ellen Soeding, in Düsseldorf geborene Nachfahrin des ehrwürdigen westfälischen Kaufmannsgeschlechts, nahm sich zu Beginn der fünfziger Jahre der Reste des Familienarchivs an und verfaßte nach fünf jähriger Vertiefung in die alten Geschäftsbücher, die Korrespondenz, Zeichnungen, Ahnentafeln und Fotografien eine zweibändige Familienchronik ihrer Vorfahren. Das Werk geht weit über den Anspruch einer reinen Familienchronik hinaus, denn die darin enthaltenen Zeugnisse westfälischer Handelstradition erschließen dem wirtschaftsgeschichtlich Interessierten die Schwierigkeiten und Grundsätze heimischen Handelswesens.

Einer Gestalt ihrer langen Ahnenreihe galt Ellen Soedings besonderes Augenmerk: der "Märckerin", Louisa Catharina Harkort-Märcker (1718 - 1795). Die Tochter eines Hattinger Arztes, dem ."hochfürstlich Essendischen Hof- und Leib-Medicus", dessen Ehefrau vom Gut Schede bei Wetter stammte, genoß am Hofe der Fürstin-Äbtissin zu Essen die denkbar sorgfältigste Erziehung und wurde von heiratswilligen Herren vielfach umworben. Vielleicht bewog sie schon in den jungen Jahren das Wissen um die eigene Persönlichkeitsstärke, sich nicht allzubald in das Ehejoch zu begeben. Jedenfalls reichte sie erst mit dreißig Jahren dem verwitweten Johan Caspar Harkort die Hand und zog 1748 als Herrin in das alte Stammhaus der Harkorts. Acht Jahre später setzte sich die "Märckerin" mit dem auf ihr Betreiben hin errichteten "Herrenhaus" das erste Denkmal ihrer Tatkraft. In den repräsentativen Räumen des neuen Hauses empfing sie ihre "Tafelrunde", Geschäftsfreunde, Verwandte, die Essener Fürstin-Äbtissin oder die Damen des Hagener adligen Stiftes. Gastfreundschaft und Geselligkeit bedeuteten der "Märckerin" viel. Anregende Gespräche, stilvolle Hausmusik und auserlesene Bewirtung ließen eine Einladung nach Haus Harkort als erstrebenswerte Begünstigung erscheinen. Louisa Harkort ging völlig in den Pflichten einer Hausfrau ihres Standes auf, ihrer fünfköpfigen Kinderschar schenkte sie eine fröhliche, unbekümmerte Kindheit, in der Pflichtbewußtsein und Anstand zu den selbstverständlich vermittelten Werten gehörten.

1761, mit dem Tode ihres Mannes Johan Caspar Harkort, nahm das harmonische Familienleben ein jähes Ende. Die "Märckerin" stand mit ihren fünf unmündigen Kindern, deren jüngstes gerade zwei Jahr alt war, plötzlich allein. Aus der Notsituation heraus entwickelte sie Eigenschaften und Fertigkeiten, die mit dem Frauenbild des 18. Jahrhunderts kaum in Einklang zu bringen waren. Die "Märckerin" übernahm in den Kriegswirren der letzten beiden Kriegsjahre das Regiment über das Geschäft ihres verstorbenen Gatten, führte es durch alle Klippen und vergrößerte das Unternehmen beträchtlich. Diplomatie, Geschäftssinn und Zielstrebigkeit halfen ihr bei der Führung des Familienbetriebes. Ihre guten Beziehungen zur Fürstin-Äbtissin von Essen setzte sie erfolgreich ein, um von dem Oberbefehlshaber der französischen Armee in Deutschland, Prinz Soubise, einen Schutzbrief für ihr Haus zu erhalten. Das Dokument verbot den französischen Soldaten unter Androhung der Todesstrafe, dem Anwesen Harkort durch Plünderung oder Zerstörung in irgendeiner Weise Schaden zuzufügen.

Die Witwe wurde von den Geschäftspartnern verstorbenen Mannes ohne Einschränkung als dessen Nachfolgerin anerkannt. Sich selbst erlaubte sie keine Schwäche oder Krankheit und kam ihren Geschäften nach, selbst wenn sie das Bett hätte hüten müssen. Wie viel häusliche Geborgenheit sie trotz ihrer geschäftlichen Verpflichtungen den fünf Kindern geben konnte, zeigt die Tatsache, daß keines der Kinder bestrebt war, Haus Harkort früh zu verlassen. Ihre Fittiche breitete die "Märckerin" auch noch über ihre Kinder aus, als diese längst im Erwachsenenleben standen. Die seit fünf Jahren in Aachen unglücklich verheiratete Tochter holte sie bei Abwesenheit des untreuen Ehemannes heimlich aus Aachen heim in das "Haus Harkort". Mit 76 Jahren starb Louisa Harkort, nachdem sie bis ins hohe Alter aktiv am Geschäfts- und Familienleben beteiligt war.

Ellen Soeding schildert die hier beispielhaft hervorgehobene, wechselvolle Lebensgeschichte ihrer außergewöhnlichen Vorfahrin mit berechtigtem Stolz. War es doch für eine Frau vor zweihundert Jahren ungleich schwerer als für einen Mann, sich im Geschäftsleben Anerkennung und Vertrauen zu erwerben. Der "Märckerin" gelang nicht nur dies, sondern sie wurde auch dem traditionellen Frauenbild von aufopfernder Mutterliebe und eleganter, geistreicher Gesellschafterin gerecht: eine nahezu unmöglich erscheinende Verbindung gegensätzlicher Fähigkeiten waren hier in einer Person vereint. In der Familienchronik erwacht diese starke Persönlichkeit dank der Autorin Ellen Soeding zu unvermindert wirkender Lebenskraft.
Quelle: Ellen Soeding: Die Harkorts, Band 1 + 2, Münster 1957

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Henriette Davidis, Foto: wikipedia.org (hf0711)Henriette Davidis: Ein Lebenswerk zum Wohle der Hausfrau

"Wenn in der Stellung, die dir ward gegeben, Du treulich suchst die Pflichten zu erfüllen: Dann wage nur der Seele Drang zu stillen Aus der Alltäglichkeit dich zu erheben.[l]"

Die erfolgreichste Kochbuchautorin aller Zeiten, Henriette Davidis, trat ebenso als Verfasserin weiterer praktischer Ratgeber hervor. "Der Gemüsegarten", "Die Jungfrau", "Die Hausfrau" vermittelten nützliche Hinweise und Anregungen zur bürgerlichen Haushaltsführung des 19. Jahrhunderts. Daß Henriette Davidis außerdem, zur Entspannung sozusagen, Gedichte wie das oben abgedruckte verfaßte, blieb weitgehend unbekannt. 1848 ließ sie ihre seit 1841 in Sprockhövel entstandenen Gedichte drucken und erreichte gleich im Erscheinungsjahr eine 2. Auflage. Es heißt, Henriette Davidis habe überhaupt nie die Absicht gehabt, ihre Gedichte der Öffentlichkeit preiszugeben, nur aus Mitleid mit einer notleidenden Freundin habe sie die Verse zum Druck freigegeben und das Honorar von 200 Talern dieser geschenkt.

Wie in ihren Ratgebern für junge Frauen suchte Henriette Davidis auch in ihren Gedichten Pflichtbewußtsein und moralisches Empfinden zu stärken. Die künstlerische Gestaltung war ihr gegenüber dem moralisierenden Anspruch weniger wichtig.

Henriette Davidis war keine "Lyrikerin". Ihre Stärke lag im hauswirtschaftlichen und, wie ihre Dispute mit Verlegern zeigen, im lebenspraktischen Bereich. 1801 wurde Henriette Davidis als zehntes von dreizehn Kindern im lutherischen Pfarrhaus Wengern geboren. Die religiöse Umgebung ihrer Kindheit beeinflußte ihr gesamtes Leben, das durch Religiösität und Hilfsbereitschaft geprägt war. Mit 15 Jahren verließ Henriette Davidis das elterliche Pfarrhaus und besuchte eine private Töchterschule in Schwelm. Später folgte die Ausbildung zur Erzieherin. 1841 trat sie als Leiterin in die Mädchenarbeitsschule in Sprockhövel ein, die sie erst verließ, als der Erlös ihres Kochbuches ihr wirtschaftliche Unabhängigkeit ermöglichte.

Das Bemühen, junge Bürgertöchter zur verantwortungsvollen Haushaltsführung zu erziehen, ließ in Henriette Davidis wahrscheinlich den Plan reifen, die eigenen Erfahrungen in verschiedenen Haushalten ihren Zöglingen und darüber hinaus einer großen Zahl junger Frauen zugänglich zu machen. 1844 erfolgte die Drucklegung ihrer Rezeptsammlung, die 1963 unter dem Titel "Praktisches Kochbuch für die einfache und feinere Küche" die 76. Auflage erreichte. Übersetzungen ins Niederländische, Französische, Dänische und Englische machten ihren Namen weit über Deutschlands Grenzen hinaus berühmt. In den USA erschien 1914 eine Bearbeitung schon in der 3. Auflage.

Die 1963 in der Bundesrepublik veröffentlichte 76. Auflage hatte zwar kaum noch etwas mit der Sammlung der Davidis gemeinsam, denn im Laufe der Jahre waren die Rezepte modernisiert und neu ausgewählt worden, doch firmierte auch diese Auflage noch immer unter dem renommierten Markenzeichen der Henriette Davidis. Das Geheimnis des Kochbucherfolgs war die leicht verständliche Sprache der Rezepte und die Praxisnähe des Buches. Henriette Davidis erprobte nahezu jedes einzelne Rezept selbst und veröffentlichte kein Gericht, das nicht ihre Zustimmung gefunden hatte.

Über den Rezeptteil hinaus fanden sich praktische Winke zu Sauberkeit, Sparsamkeit und Wirtschaftlichkeit, sowie die Forderung, stets nur die besten Lebensmittel einzukaufen. Henriette Davidis wurde nicht müde, die jungen Frauen zu einer durchdachten Haushaltsführung zu motivieren. So richtete sie in ihrem Ratgeber "Die Hausfrau" "Ein Wort an junge Frauen" : "Dem Hause würdig vorzustehen, dasselbe nach Möglichkeit zum angenehmsten Aufenthalt des Mannes zu machen, nur ihm gefallen zu wollen, auf alle seine Wünsche, insofern sie zum wahren häuslichen Glücke dienen, die größte Rücksicht zu nehmen, möglichst zu vermeiden suchen, was Sorgen nach sich ziehen könnte, nie zu vergessen, daß der Mann der Versorger der Familie ist - das sei und bleibe die schönste Aufgabe des weiblichen Berufs."[2]

Henriette Davidis blieb eine eigene Familie versagt. Sie verlobte sich zweimal, beide Männer starben vor der Eheschließung. So widmete sie ihre gesamten Aktivitäten ihren Schutzbefohlenen und ihren Büchern.

So freigiebig Henriette Davidis im Privatleben war, so unnachgiebig kämpfte sie mit ihren Verlegern um Honorare und Verträge. Im Verlagsrecht und in der Kalkulation hatte sie sich durch ihren Selbstverlag gründliche Kenntnisse erworben und kannte ihre Rechte. 1876 starb Henriette Davidis in ihrer Wohnung in der Kaiserstraße 30 in Dortmund, die sie erst ein Jahr zuvor bezogen hatte, nachdem sie seit 1856 in Dortmund bei mehreren Familien als Untermieterin gewohnt hatte. Beigesetzt wurde sie auf dem Dortmunder Ostfriedhof. Ihr Heimatort Wengern setzte ihr ein in der Welt wohl einmaliges Denkmal. Die Steinplatten das Kamins, an dem Henriette Davidis einen Großteil ihrer Kochbuch-Rezepte selbst ausprobiert hatte, wurden zur Erinnerung an die Wengerner Pfarrerstochter am Eingang der Eisenbahn-Unterführung Witten-Schwelm eingelassen, als das Pfarrhaus kurz vor dem 1. Weltkrieg für die Eisenbahnstrecke abgerissen werden mußte.
Anmerkungen: [1] Henriette Davidis: Gedenk-Blättchen, Iserlohn und Elberfeld 1848, zitiert nach: Willy Timm: Henriette Davidis, Sonderdruck aus "Westfälische Lebensbilder im Auftrage der Historischen Kommission für Westfalen", hrsg. von Robert Stupperich, Bd. XII, Münster 1979. Dieser Sonderdruck diente dem vorliegenden Beitrag als Hauptquelle der Lebensbeschreibung von Henriette Davidis. [2] Henriette Davidis: Die Hausfrau, Praktische Anleitung zur selbständigen und sparsamen Führung des Haushalts, eine Mitgabe für junge Frauen zur Förderung des häuslichen Wohlstandes und Familienglücks, Essen 1861.

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Gertrud Bäumer, (hf0711)Gertrud Bäumer: Der Kampf um die "neue" Frau

"Der Pflug ist das erste. Die Erde, die Frucht bringen soll, muß aufgerissen werden. .. Die Erde lehrt: Wenn du Früchte bringen willst - das erste ist der Schmerz."

Mit diesen Worten beendete Gertrud Bäumer ihren im Adelsmilieu spielenden Roman "Der Park", der um 1937 eine Auflagenhöhe von immerhin 39 Tausend erreicht hatte. Die Schlußworte des Romans könnten das Lebens-Resümee der Autorin sein, die zeit ihres Lebens keine Mühe und keinen Konflikt scheute, wenn es um die Durchsetzung ihrer Ideale und ihrer politischen Zielsetzungen ging. Gertrud Bäumers Name ist vor allen Dingen durch ihren Einsatz in der Frauenbewegung unvergessen geblieben, doch schuf sie außerdem eine beachtliche Anzahl Romane und romanhaft idealisierende Biographien. Gerade in ihren literarischen Äußerungen formulierte Gertrud Bäumer verschlüsselt die Ideale und Zielsetzungen, die sie als Politikerin zu realisieren suchte. Allen ihren Gestalten ist gemeinsam, daß sie durch vorbildhaftes Denken und Handeln - häufig in Widerstreit zu ihrer Umgebung -, den Zeitgenossen des beginnenden 20. Jahrhunderts Lehrmeister im "Menschentum" sein sollten. Wie die Langobarden in "Der Berg des Königs" zur Wanderung aufbrachen, sollten die modernen Menschen bereit sein, neue geistige Ufer zu beschreiten. Gertrud Bäumers "Dante"-Roman enthält die Botschaft, daß Menschwerdung nur durch die christlich verstandene "Macht der Liebe" möglich sei wie auch ihre biographisch orientierte "Rilke"- Interpretation schon im Titel den christlichen Grundton offenbart: "Ich kreise um Gott - Der Beter Rainer Maria Rilke" (1935).

Zweifellos folgte Gertrud Bäurner mit ihren Biographien und Persönlichkeitsporträts einer Modeerscheinung. Trotz des unverkennbaren Erfolgs ihrer Bücher, der sich u. a. in Auflagenhöhe und Ehrung durch die Deutsche Dante-Gesellschaft ausdrückte, wäre es ihr mit diesen Werken allein wohl kaum gelungen, in die Reihe unvergessener Frauenpersönlichkeiten des beginnenden 20. Jahrhunderts aufzurücken. Genügend Muße für literarische Betätigung fand sie erst nach 1933, nachdem sie aus allen politischen und sozialen Positionen verdrängt worden war.

Gertrud Bäumer wurde 1873 als Tochter des reformierten Pfarrers in Hohenlimburg geboren. Gestorben ist sie 1954 in Bielefeld-Bethel. Nur drei Jahre verbrachte sie in ihrem Geburtsort, dann wurde der Vater nach Cammin in Pommern versetzt, und 1882, nach seinem frühen Tode, zieht Gertrud Bäumers Mutter mit ihren drei Kindern nach Halle an der Saale zur Großmutter, 1888 nach Magdeburg. Mit neunzehn Jahren, nach zweijähriger Ausbildung, wird Gertrud Bäumer Lehrerin in Kamen, anschließend in Magdeburg. Die Begegnung mit dem Geistlichen der Inneren Mission in Frankfurt, dem späteren Gründer der Deutschen Demokratischen Partei, Friedrich Naumann, und mit der Frauenrechtlerin Helene Lange weisen Gertrud Bäumer ihren künftigen Weg. Als eine der ersten Frauen Deutschlands promoviert sie 1904 in Berlin. Mit Helene Lange verbindet sie seit 1899 eine enge Arbeits- und Lebensgemeinschaft. Mit ihr zusammen gibt sie ab 1901 das fünfbändige Standardwerk der deutschen Frauenbewegung heraus, sowie die Zeitschrift "Die Frau". Seit 1912 Mitherausgeberin der Wochenschrift "Die Hilfe" unterstützt sie die Aktivitäten Friedrich Naumanns. Von 1910-1919 steht sie an der Spitze des Bundes deutscher Frauenvereine und hält dessen Entwicklungsgeschichte 1921 für die Nachwelt fest. Die Reform des Mädchenschulwesens und die Erkämpfung des Wahlrechts für Frauen sind zum großen Teil ihrer Kampfbereitschaft zu verdanken wie sie sich auch besonders für die Gleichstellung lediger Mütter einsetzte.

Gertrud Bäume suchte der Vermassung des Menschen, wie sie sich in dem beängstigenden Wachstum der Großstädte und der Veränderung der Arbeitsmethoden vom familiären zum industriellen Betrieb zeigte, entgegenzuwirken, indem sie humanitäre und christliche Ideale als Leitbilder voranstellte. Unter diesem Zeichen standen sowohl ihre politischen als auch ihre schriftstellerischen Arbeiten. Seit 1919 war sie in der Nationalversammlung Abgeordnete der Demokratischen Partei, bis (1932 gehörte sie dem Reichstag an).

Wie eng die Verbindung zwischen literarisch-historischem Rückblick und aktueller Sozialpolitik war, zeigt Gertrud Bäume in dem Vorwort zu ihrem Werk "Gestalt und Wandel", das 1939 in Berlin erschien. Hier stellte sie bedeutende Frauen der älteren und der jüngeren Vergangenheit nebeneinander wie z. B. Heloise, Frau von Humboldt, Caroline Schelling, Bettine von Arnim, Maria Theresia, Louise Otto-Peters, Lou Andrea Salomé oder Eleonore Duse. In dem Vorwort schreibt Gertrud Bäumer: "Die wahre Frau. Es ist merkwürdig, daß dieses Wort, auf die Frau angewendet, etwas anderes bedeutet, als wenn man sagt ,ein wahrer Mann: Auf den Mann angewendet, bezeichnet es die großen, seltenen Persönlichkeiten, die Helden, in denen die Eigenschaften ihres Geschlechtes zugleich in einer großen, menschlichen Form erscheinen. Bei der Frau meint das Wort fast immer den Typus schlechthin, der nicht noch durch eine bedeutende individuelle Prägung abgewandelt ist ... Das Wort wahr' drückt in diesem Gebrauch meist eine Begrenzung aus - rühmend: sie ist nichts als Frau und will nichts als Frau sein. Auf den Mann angewendet, bedeutet es das Gegenteil: eine Steigerung." (S. XI)

Hier einen Bewußtseinswandel zu erreichen, schilderte Gertrud Bäumer Frauen, deren Persönlichkeit und Begabung sich nicht mit dem Frauenklischee vereinbaren ließen und die demzufolge in steter Spannung zwischen eigenen Vorstellungen und dem traditionellen Frauenbild jonglierten. Das Beispiel dieser Persönlichkeiten sollte den Zeitgenossinnen Gertrud Bäumers Mut machen zu eigener Entwicklung. Ihr eigener Werdegang wäre für eine solche Zielsetzung nicht minder geeignet.
Quellen: Gertrud Bäumer: Der Park, Berlin 1937. Dies. : Gestalt und Wandel, Frauenbildnisse, BerIin 1939
Literatur: Wilhelrn Schulte: Westfälische Köpfe, 300 Lebensbilder bedeutender Westfalen, Biographischer Handweiser, Münster 1963. Wilhelrn Bleicher: Gertrud Bäumer - Lebensweg durch eine Zeitenwende, in: Hagener Heimatkalender, 20. Jahrgang, 1979, S. 120 - 124

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Das "bescheidene Veilchen" aus Milspe: Minna Schmidt-Idar

Folgten wir mit Henriette Davidis und Gertrud Bäumer zwei Frauen auf ihrem Lebensweg, die im Schreiben Entspannung fanden bzw. erzieherische Ziele verfolgten, so soll jetzt eine Frau vorgestellt werden, die - wie vielleicht viele andere auch -, nur für sich und ihren Freundeskreis Verse schrieb und daraus Kraft und Zuversicht für ihren Alltag schöpfte.

Minna Schmidt-Idar lebte von 1850 -1912. Sie stammte aus der bekannten Fabrikantenfamilie Dicke in der Firma Altenloh, Brinck + Co., Ennepetal. Aufgewachsen in Idar, heiratete sie nach Milspe. Ihr Mann starb früh und sie mußte ihre vier Kinder allein aufziehen. 1897 ließ sie ihr einziges zu Lebzeiten erschienenes Gedichtbändchen "Aus tiefem Born" in Hagen drucken. Minna Schmidt-Idar war sich der Grenzen ihrer lyrischen Begabung bewußt, erhob auch nicht den Anspruch auf Künstlerturm. Doch rühren ihre schlichten, direkt aus dem Herzen kommenden Verse auch den heutigen Leser noch an. Hier ein Beispiel ihrer Dichtkunst:

Trost

Mach' ein Grab und senk' hinein
Alle deine Leiden;
Willst hinfort du fröhlich sein,
Mußt das Grab du meiden;

Blicke vor dich, nicht zurück,
Ist der Blick auch trübe;
Wein nicht um verlor'nes Glück
Und verrat'ne Liebe!

Denke, daß nicht du allein
Vom Geschick erkoren,
Zu erdulden Qual und Pein,
Und nur du verloren!

1937 erschien noch einmal ein Gedichtbändchen von Minna Schmidt-Idar. August Barth, Milsper Hilfsschulrektor und städtischer Archivar, hatte unter dem Titel "Wilde Rosen und Herbstblüten" zarte Liebesgedichte, geduldige Klagen und idyllisch-bescheidene Hoffnungen der schreibenden Hausfrau gesammelt und im Verlag Adolf Kugel in Milspe drucken lassen. Viele der Gedichte von Minna Schmidt-Idar klingen melancholisch und kreisen um das Todesthema. Hier noch ein kleines Liebesgedicht der Autorin, wie es für ein Poesiealbum nicht inniger hätte verfaßt werden können.

Ob du mich liebst?

Es schauen Mond und Sterne
Mich an so trüb;
Ach, wissen mocht' ich gerne,
Ob ich dir lieb?

Ich fragt mit stummem Flehen
Die Stern lein sacht,
da hat, wie ich gesehen,
der Mond gelacht.

Die Sterne seh ich blinken
Nun nicht mehr trüb'
Sie grüßen mich und winken
"Er hat dich lieb."

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Hohenlimburger Platt: Ida Hesse

Zeit zum Schreiben fand Ida Hesse aus der Hohenlimburger Firma Hesse & Co. selten, war sie doch aktiv in Firma und Gemeinde tätig. Sie lebte von 1890 bis 1972 und widmete sich in ihrer karg bemessenen Freizeit neben der Evangelischen Frauenhilfe und der politischen Arbeit als CDU-Mitglied der Pflege des geliebten heimatlichen "Platt". Seit 1958 gehörte Ida Hesse dem Stadtparlament an, lange Zeit als Alterspräsidentin.

Aufgewachsen in Obernahmer, hatte sie 1913 den Fabrikanten Fritz Hesse geheiratet, der drei Jahre zuvor die Firma Hesse & Co. gegründet hatte. Durch den Besuch der Handelsschule und ihre Büropraxis konnte Ida Hesse ihrem Ehemann eine wertvolle Hilfe in der Firma sein.

Ida Hesse ist Verfasserin einer Vielzahl von "Vertellkes" und des Buches "Rund üm dat Joahr". Diesem Buch, das sie 1965 in Dortmund für ihre Kinder und Enkelkinder veröffentlichte, ist das folgende Gedicht entnommen. Es ist ein Beispiel des hintergründigen, urwüchsigen Humors der Hohenlimburgerin, die als Ehrenmitglied dem Verein für Ortsund Heimatkunde Hohenlimburg e. V. angehörte und so Anerkennung fand für ihre Bemühungen um die plattdeutsche Sprache.

April, April, eck wäit et genau,
Du büs at so 'ne verwüehnte Frau.
Äinmoal, dann schient de Sunne sou
                                                                 wahm,

Me niehmt dän Mantel üöwern Ahm,
Un gäiht spazäiern so hurtig un fien,
Un denket, et könn jo Juli sienl - -
Oawe dann kömmt ne schwatte Wolke
                                                                 heran,

Me tüht dän Mantel schnao wier an!
Dä koalle Wind, dä blöset iähm üm,
me dencket, me wör wier üm Chrisdag
                                                                 rüm!

April eck glöiwe, du büs nit klauk,
Eck maut mi kriegen mien wüllen Dank!
In'ne Stunne, segge'k noch nit,
At me van Wiärmde boalle en Hitzschlag
                                                                 kritt!

April, April, eck wäit et nu genau:
"Du büst at so ne verwüehnte Frau!" - -

Sicher gab und gibt es in Hagen und Umgebung noch viele Frauen, die sich nicht nur mit dem Zubereiten westfälischer Gerichte begnügten, sondern ihre Freizeit der Muse der Dichtkunst weihten. Schade wäre es, wenn alle diese Zeugnisse westfälischer Heimatkunst endgültig in Vergessenheit gerieten. Walter K. B. Holz, Leiter des Literaturarchivs Hagen, wäre deshalb dankbar, wenn solche und ähnliche verborgene Schätze ihren Weg in das Archiv finden könnten. Der Archivar sucht zur Zeit nach dem dichterischen Nachlaß von Frieda Jacke und Else Spelsberg, doch bittet er darüber hinaus jeden, der von der geheimen Dichtkunst einer Vorfahrin Kenntnis hat, diese Werke in das Archiv zu bringen, statt sie auf den Scheiterhaufen zu werfen.
Quelle: Ida Hesse: Rund üm dat Joahr, Füör meine Kinner un Enkelkinner, Dortmund 1965
Literatur: Heimatblätter für Hohenlimburg und Umgebung,33.Jahrgang, Heft Nr.2, März 1972

Rezension I Buchbestellung I home III11 LYRIKwelt © Kirsten Niesler