Wir
Von außen sehen wir alle gleich
aus. Schwarzer Anzug, Hut, aufrechte Haltung. Wir sind alle bei einem Verein
eingestellt, bei welchem, ist ein Geheimnis. Wir heißen alle gleich. Karl heißen
wir. Einen Nachnamen haben wir nicht. Wir kennen uns alle gegenseitig, aber wir
wissen nicht, wie viele wir sind. Wir dürfen nicht wissen, wie viele wir sind,
das wäre unser Tod. Jeder, der es herausbekommt, wird erledigt und durch einen
anderen ersetzt. Manche legen es darauf an, die Zahl herauszubekommen. Selbstmörder,
die dem Verein entfliehen wollen. Sie flüstern die Zahl in das Ohr ihres
Nachbarn und töten ihn dadurch mit. Ständig leben wir in Angst, daß unser
Nachbar zu den Mitwissern gehören und uns eine Zahl ins Ohr flüstern könnte.
Ich habe meine Ohren mit Stricknadeln zu durchstoßen versucht. Sie wurden mir
weggenommen, Waffen darf hier keiner tragen. Wenn unser Nachbar einen Schritt näher
kommt, gehen wir einen Schritt zurück.
Woher sie den Ersatz für die Selbstmörder nehmen, wissen wir nicht, jeder neue
sieht genauso aus wie wir, er bekommt den Anzug des Toten, er sitzt wie
angegossen.
Im Gleichschritt gehen wir die Straße entlang. Unsere Schritte hallen in
unseren Ohren. Nicht hinhören, die Anzahl der Schritte könnte die Anzahl der Füße
verraten. Wir summen vor uns hin, um das Geräusch zu übertönen. Wir ballen
die Fäuste in unseren Taschen, wir haben einen Auftrag. Welchen, wird uns nicht
verraten. Früher hatten wir einen Nachnamen, er wurde uns weggenommen. Ich habe
ihn verdrängt, ich darf ihn nicht wissen. Er gehört zum Geheimnis.
Mein Nachbar kommt auf mich zu, er spitzt den Mund wie zu einem Flüstern.
Rezension I Buchbestellung 0I03 LYRIKwelt © S.N.