Willkommen neue Träume von Norbert Niemann, Hanser, 2008Norbert Niemann

DER PLATZREGEN
(Leseprobe aus: Willkommen neue Träume, Roman, 6. Kapitel, 2008, Hanser).

Mit mächtigem Schwung fuhr der Wind unters Laken, das Tischtuch

bauschte sich, blähte sich zum Segel, wischte weiß durch den

unteren Sichtkreis, Krawatte, Hemdkragen, Revers des Gegenübers

waren mit einem Mal ausgelöscht, auch der Hals, die Mundpartie,

die krampfhaft ineinander verhakten Hände, auf die gerade

noch der Blick geheftet war. Dann drang Klirren durch das vors Bewußtsein

gezogene Schott, hinein in die Stille der um sich selbst

kreisenden Gedanken, dann das Klirren ein zweites Mal. Die Augen

folgten dem Ton, hinab zu den durchsichtigen Inseln in roten

Seen mit zerklüfteten Ufern und fragilen, ins Leere führenden

Brücken. Dann warfen die nächsten schwankenden Gläser ihre rubinroten

Fahnen aus überschwappendem Wein voraus, die in Bögen

niedergingen, bevor sie am Boden zerrissen und gleich wieder

zusammenschossen, mit den bereits vorhandenen roten Flächen zu

noch größeren roten Flächen verschmolzen und andere Gewässer

mit anderen Küstenlinien bildeten. Dort hinein, ihnen nachfolgend,

stürzten spritzend die in Splitterregen auseinanderstiebenden

Behältnisse, neue Torsi von gläsernen Stielen rollten über die

Seenplatte, blieben liegen als weitere absurde Stege ins Nichts,

während weitere grobe Scherben auf ihren durchscheinenden Bäuchen

im Rot schaukelten. Dann auch die Stille von draußen, mit

der Stille im Kopf verschmelzend. Denn so jäh, wie er aufgekommen

war, hatte der Wind sich wieder gelegt. Dafür klatschten dicke

Tropfen auf die Trümmerlandschaft am Fliesenboden, lauter winzige

Wasserbomben.

Franz schnellte hoch, sein Körper riß seinen Geist mit aus dem

Schacht, in den er gefallen war, sich gerne hatte fallen lassen; zöger-

lich, fast widerstrebend folgte er ins Licht einer Wirklichkeit, auf

die er im Moment nur beschränkt neugierig war. Er blickte sich

um. Überall sprangen Menschen von ihren Plätzen auf, preßten

sich Hände auf verrutschte, zerknitterte Tischdecken, wurden Teller,

Gläser, Flaschen festgehalten. Man suchte über Bänke steigend

sich selbst in Sicherheit zu bringen, verfing, verhakte sich in den

Beinen von Nachbarn, rempelte gegen Hüften, das Gesäß eines

nächsten, übernächsten. Sakkos, Jacken, Blazer wurden über Köpfen

ausgespannt, flatternde bunte Fetzen überlappten sich. Ein

wogender Teppich entstand, unter dessen Schutz man Ausschau

hielt nach Möglichkeiten besseren Unterschlupfs, um dem massiver

werdenden, nun abermals von wuchtigen Böen gepeitschten

Regenguß zu entkommen. Jetzt endlich stellte sich eine Verbindung

her zwischen Wahrnehmung, Verstand, Muskeln, jetzt erst

hörte Franz Rufe, hektische Befehle, schrilles Kreischen, jetzt

setzte Begreifen ein.

Mit einer raschen Drehung um die eigene Achse überblickte

Stegmüller die Lage und wurde im selben Moment wieder Gastgeber.

Er sortierte seine Eindrücke nach der Dringlichkeit des

Zugriffs und schritt dann mit dem Verantwortungsgefühl des Bürgermeisters

zur Tat. Schon war er an der Verandatür, drückte den

Automatikknopf: Die Markise fuhr schnarrend aus. Er hastete weiter

in den hinterenTeil derTerrasse, hievte mit den Catering-Männern,

die dort bereits Hand anlegten, die zum Buffet gehörigen

Utensilien unter das neu geschaffene, im Regen und Sturmwind

knatternde Stoffdach. Frau von Wrangel, die eben angerannt kam,

trug er die Räumung der anderen Tische mit ihrem Serviceteam

auf. Er wies Mascha an, die mit Schaufel und Besen herbeieilte, sich

gleich danach um die Versorgung der Gäste mit Handtüchern und

warmen Decken zu kümmern. Anerkennend registrierte er, daß neben

Spielberg und Petersen auch derFreund von Asger beimUnterstellen

der Gartenmöbel mit anpackte. Wenzel schleppte gerade,

wenn auch torkelnd, Klappstühle aus dem Garten, alsFranz zu dem

unterhalb des Terrassenaufgangs sich drängenden Knäuel ratlos er-

regter Gäste stieß, um sie zum Festzelt zu dirigieren. Jetzt stürmte

er ihnen voran, rollte die Plane vor dem Eingang zurück, betätigte

den Schalter an der Kabeltrommel: Lampen leuchteten auf, der

Heizstrahler erglühte, die Menge strömte ins trockene Innere.

Daneben stand Atem schöpfend Franz und strich sich dasWasser

von der Stirn. Er überprüfte die Straffheit des Vordachs, dann erneut

die Lage: Draußen durch den Regen huschte das Dienstpersonal

samt Helfern, aber imwesentlichen näherten sich die Aufräumarbeiten

schon dem Ende. Zu den Freiwilligen hatten sich noch

Hannah, Arne Behrendt und zum Glück der kräftige, an dasWuchten

schwerer Objekte gewohnte Bildhauer Kuhn gesellt. Bravo,

dachteFranz, so reagierenFreunde. Er sahHermann Kuhn mitdem

schüchternen Spielberg, der ihm einmal gestanden hatte, wie sehr

er den renommierten Kollegen bewundere, einen der klobigen

Stehtische zur Veranda hinaufwuchten und freute sich, die beiden

in gemeinsamer Aktion zu sehen.Und dannwar er selbst schon wieder

auf dem Sprung: Drunten am Felsen nämlich, durch den über

dem Gras dampfenden Regen nur mehr schemenhaft zu erkennen,

hockte wahrhaftig Max Zibulka noch in seinem Sessel, indes Clara

von hinten gegen seine Schultern gestemmt schob und zerrte.

Ganz und gar vergeblich, wie Franz näherkommend rasch

feststellte. Er beobachtete Clara und entdeckte unkontrollierte,

schwerfällige Gebärden, wie er sie ähnlich nie an ihr erlebt, schaute

in Augen, die er selten zuvor so flehentlich gesehen hatte. Das Flattern

ihrer Arme war in ohnmächtiges Rudern übergegangen, Wimperntusche

rann über die Wangen. Sie machte ihm Zeichen. Max

wiederum kam über einige klägliche, von Brummen und Ächzen

begleitete Versuche sich zu erheben nicht hinaus. Das Lachen war

ihm inzwischen vergangen.

Clara Weidenfeldt keuchte:

»… mußt mir helfen, Max schafft es nicht …«

Franz zerrte den Trunkenbold auf die wackeligen Beine, drückte

ihm den Stock in die Hand, stützte auf der anderen Seite Claras fast

ebenso wackeligen Gang und machte sich mit den beiden auf den

Serpentinenweg zum Festzelt. Im Eingang wurden sie von Mascha

bereits mit Handtüchern und Wolldecken erwartet. Franz bugsierte

die schwankend ihr Haar frottierenden Gestalten durch das

Gedränge im Innern ans andere Zeltende bis zu einer Bierbank,

die quer zu allen anderen aufgebaut war. Dort plazierte er sie in

der Mitte unter der Giebelspitze und legte sowohl der zitternden

Freundin als auch dem seltsam versteinerten Max Zibulka eine

Decke über die Schulter. Sie wickelten sich enger darin ein, und so

saßen sie nun: Zibulka mit abstehendem Haar, Clara mit dem

Handtuch als Turban um den Kopf geschlungen, ein abgetakeltes

altes Königspaar, dachte Franz, das auf seinem Thron darauf wartet,

daß sich das Volk wieder um sie schart.

Franz Stegmüller dagegen war in seinem Element. Für den Augenblick

hatte er vergessen, was ihn im Laufe des Tages gequält

hatte. Er fühlte nicht, er handelte.

Auch schien sich die Stimmung im Festzelt zu entspannen. Die

Bänke füllten sich, das Serviceteam verteilte Kanapees und Getränke.

»Was darf es sein? Möchten Sie einen Martini, einen Pernod,

einen Kognak auf diesen … Schock?«

Der sarkastische Unterton in Frau von Wrangels Stimme war

nicht zu überhören: Sie klang wie die Parodie einer Stewardeß, die

nach heftigen Turbulenzen die Passagiere beruhigt. Sie hatte die

Lage im Griff und würde binnen kurzem auch wieder eine lockere

Atmosphäre herbeiführen. Man kann sich auf sie verlassen, dachte

Stegmüller, bahnte sich einen Weg zum Ausgang und verließ das

Zelt, nicht ohne vorher einen prüfenden Blick auf das Dach, die

Spannseile und einen argwöhnischen auf den sich langsam aufwärmenden

König Max samt seiner angeschlagenen Königin geworfen

zu haben. Der Umstand, daß er handelnd wieder aufwachte, bewirkte,

daß ihn sukzessive auch der Beweggrund allen Handelns

einholte: die Sorge. Und weil jede Sorge gewissermaßen alle Sorge

in sich trägt, also sogar Sorgen wie die um Zibulkas Verfassung oder

Claras Seelenlage, sah er sich im Handumdrehen erneut in die ver-

worrenen Probleme verwickelt, die er gerade noch glaubte, losgeworden

zu sein.

Franz’ Hauptsorge aber galt nach wie vor Asger, den er endlich

unter vier Augen sprechen mußte, aber nirgends entdeckte, was ihn

jetzt erst recht beunruhigte. Er war mehr denn je davon überzeugt,

daß der Junge in Gefahr schwebte, hatte aber immer noch keine

Ahnung, wodurch. Die zentrale Bedrohung lag bei seiner Mutter,

dann aber zunehmend bei Asger selbst. Clara war momentan außer

Gefecht gesetzt, ein voraussichtlich sehr kurzlebiges Phänomen.

Welche Gedanken wohl durch ihr alkoholisiertes Gehirn spukten?

Zweifellos war ihr übermäßiges Trinken einschließlich ihrer bizarren

Rolle an Zibulkas Seite bereits die Ouvertüre zu einer Attacke.

Franz versuchte sich die Varianten der Eskalation vor Augen zu

führen: die Hausherrin konnte ausfällig werden, über die von Asger

eingeladenen Gäste, über das Fernsehen, die Jugend herziehen

oder den allgemeinen Sittenverfall anprangern. Sie konnte sich

einzelne Personen vorknöpfen, sie vor den Kopf stoßen, der Lächerlichkeit

preisgeben, oder die Freunde ihres Sohns vor die Tür

setzen. Es war durchaus auch denkbar, daß sie den Abend über sich

ergehen ließ und erst hinterher auf die eine oder andere Art Rache

nahm. Bloß wie?

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