DER PLATZREGEN
(Leseprobe aus: Willkommen neue Träume, Roman, 6.
Kapitel, 2008, Hanser).
Mit mächtigem Schwung fuhr der Wind unters Laken, das Tischtuch
bauschte sich, blähte sich zum Segel, wischte weiß durch den
unteren Sichtkreis, Krawatte, Hemdkragen, Revers des Gegenübers
waren mit einem Mal ausgelöscht, auch der Hals, die Mundpartie,
die krampfhaft ineinander verhakten Hände, auf die gerade
noch der Blick geheftet war. Dann drang Klirren durch das vors Bewußtsein
gezogene Schott, hinein in die Stille der um sich selbst
kreisenden Gedanken, dann das Klirren ein zweites Mal. Die Augen
folgten dem Ton, hinab zu den durchsichtigen Inseln in roten
Seen mit zerklüfteten Ufern und fragilen, ins Leere führenden
Brücken. Dann warfen die nächsten schwankenden Gläser ihre rubinroten
Fahnen aus überschwappendem Wein voraus, die in Bögen
niedergingen, bevor sie am Boden zerrissen und gleich wieder
zusammenschossen, mit den bereits vorhandenen roten Flächen zu
noch größeren roten Flächen verschmolzen und andere Gewässer
mit anderen Küstenlinien bildeten. Dort hinein, ihnen nachfolgend,
stürzten spritzend die in Splitterregen auseinanderstiebenden
Behältnisse, neue Torsi von gläsernen Stielen rollten über die
Seenplatte, blieben liegen als weitere absurde Stege ins Nichts,
während weitere grobe Scherben auf ihren durchscheinenden Bäuchen
im Rot schaukelten. Dann auch die Stille von draußen, mit
der Stille im Kopf verschmelzend. Denn so jäh, wie er aufgekommen
war, hatte der Wind sich wieder gelegt. Dafür klatschten dicke
Tropfen auf die Trümmerlandschaft am Fliesenboden, lauter winzige
Wasserbomben.
Franz schnellte hoch, sein Körper riß seinen Geist mit aus dem
Schacht, in den er gefallen war, sich gerne hatte fallen lassen; zöger-
lich, fast widerstrebend folgte er ins Licht einer Wirklichkeit, auf
die er im Moment nur beschränkt neugierig war. Er blickte sich
um. Überall sprangen Menschen von ihren Plätzen auf, preßten
sich Hände auf verrutschte, zerknitterte Tischdecken, wurden Teller,
Gläser, Flaschen festgehalten. Man suchte über Bänke steigend
sich selbst in Sicherheit zu bringen, verfing, verhakte sich in den
Beinen von Nachbarn, rempelte gegen Hüften, das Gesäß eines
nächsten, übernächsten. Sakkos, Jacken, Blazer wurden über Köpfen
ausgespannt, flatternde bunte Fetzen überlappten sich. Ein
wogender Teppich entstand, unter dessen Schutz man Ausschau
hielt nach Möglichkeiten besseren Unterschlupfs, um dem massiver
werdenden, nun abermals von wuchtigen Böen gepeitschten
Regenguß zu entkommen. Jetzt endlich stellte sich eine Verbindung
her zwischen Wahrnehmung, Verstand, Muskeln, jetzt erst
hörte Franz Rufe, hektische Befehle, schrilles Kreischen, jetzt
setzte Begreifen ein.
Mit einer raschen Drehung um die eigene Achse überblickte
Stegmüller die Lage und wurde im selben Moment wieder Gastgeber.
Er sortierte seine Eindrücke nach der Dringlichkeit des
Zugriffs und schritt dann mit dem Verantwortungsgefühl des Bürgermeisters
zur Tat. Schon war er an der Verandatür, drückte den
Automatikknopf: Die Markise fuhr schnarrend aus. Er hastete weiter
in den hinterenTeil derTerrasse, hievte mit den Catering-Männern,
die dort bereits Hand anlegten, die zum Buffet gehörigen
Utensilien unter das neu geschaffene, im Regen und Sturmwind
knatternde Stoffdach. Frau von Wrangel, die eben angerannt kam,
trug er die Räumung der anderen Tische mit ihrem Serviceteam
auf. Er wies Mascha an, die mit Schaufel und Besen herbeieilte, sich
gleich danach um die Versorgung der Gäste mit Handtüchern und
warmen Decken zu kümmern. Anerkennend registrierte er, daß neben
Spielberg und Petersen auch derFreund von Asger beimUnterstellen
der Gartenmöbel mit anpackte. Wenzel schleppte gerade,
wenn auch torkelnd, Klappstühle aus dem Garten, alsFranz zu dem
unterhalb des Terrassenaufgangs sich drängenden Knäuel ratlos er-
regter Gäste stieß, um sie zum Festzelt zu dirigieren. Jetzt stürmte
er ihnen voran, rollte die Plane vor dem Eingang zurück, betätigte
den Schalter an der Kabeltrommel: Lampen leuchteten auf, der
Heizstrahler erglühte, die Menge strömte ins trockene Innere.
Daneben stand Atem schöpfend Franz und strich sich dasWasser
von der Stirn. Er überprüfte die Straffheit des Vordachs, dann erneut
die Lage: Draußen durch den Regen huschte das Dienstpersonal
samt Helfern, aber imwesentlichen näherten sich die Aufräumarbeiten
schon dem Ende. Zu den Freiwilligen hatten sich noch
Hannah, Arne Behrendt und zum Glück der kräftige, an dasWuchten
schwerer Objekte gewohnte Bildhauer Kuhn gesellt. Bravo,
dachteFranz, so reagierenFreunde. Er sahHermann Kuhn mitdem
schüchternen Spielberg, der ihm einmal gestanden hatte, wie sehr
er den renommierten Kollegen bewundere, einen der klobigen
Stehtische zur Veranda hinaufwuchten und freute sich, die beiden
in gemeinsamer Aktion zu sehen.Und dannwar er selbst schon wieder
auf dem Sprung: Drunten am Felsen nämlich, durch den über
dem Gras dampfenden Regen nur mehr schemenhaft zu erkennen,
hockte wahrhaftig Max Zibulka noch in seinem Sessel, indes Clara
von hinten gegen seine Schultern gestemmt schob und zerrte.
Ganz und gar vergeblich, wie Franz näherkommend rasch
feststellte. Er beobachtete Clara und entdeckte unkontrollierte,
schwerfällige Gebärden, wie er sie ähnlich nie an ihr erlebt, schaute
in Augen, die er selten zuvor so flehentlich gesehen hatte. Das Flattern
ihrer Arme war in ohnmächtiges Rudern übergegangen, Wimperntusche
rann über die Wangen. Sie machte ihm Zeichen. Max
wiederum kam über einige klägliche, von Brummen und Ächzen
begleitete Versuche sich zu erheben nicht hinaus. Das Lachen war
ihm inzwischen vergangen.
Clara Weidenfeldt keuchte:
»… mußt mir helfen, Max schafft es nicht …«
Franz zerrte den Trunkenbold auf die wackeligen Beine, drückte
ihm den Stock in die Hand, stützte auf der anderen Seite Claras fast
ebenso wackeligen Gang und machte sich mit den beiden auf den
Serpentinenweg zum Festzelt. Im Eingang wurden sie von Mascha
bereits mit Handtüchern und Wolldecken erwartet. Franz bugsierte
die schwankend ihr Haar frottierenden Gestalten durch das
Gedränge im Innern ans andere Zeltende bis zu einer Bierbank,
die quer zu allen anderen aufgebaut war. Dort plazierte er sie in
der Mitte unter der Giebelspitze und legte sowohl der zitternden
Freundin als auch dem seltsam versteinerten Max Zibulka eine
Decke über die Schulter. Sie wickelten sich enger darin ein, und so
saßen sie nun: Zibulka mit abstehendem Haar, Clara mit dem
Handtuch als Turban um den Kopf geschlungen, ein abgetakeltes
altes Königspaar, dachte Franz, das auf seinem Thron darauf wartet,
daß sich das Volk wieder um sie schart.
Franz Stegmüller dagegen war in seinem Element. Für den Augenblick
hatte er vergessen, was ihn im Laufe des Tages gequält
hatte. Er fühlte nicht, er handelte.
Auch schien sich die Stimmung im Festzelt zu entspannen. Die
Bänke füllten sich, das Serviceteam verteilte Kanapees und Getränke.
»Was darf es sein? Möchten Sie einen Martini, einen Pernod,
einen Kognak auf diesen … Schock?«
Der sarkastische Unterton in Frau von Wrangels Stimme war
nicht zu überhören: Sie klang wie die Parodie einer Stewardeß, die
nach heftigen Turbulenzen die Passagiere beruhigt. Sie hatte die
Lage im Griff und würde binnen kurzem auch wieder eine lockere
Atmosphäre herbeiführen. Man kann sich auf sie verlassen, dachte
Stegmüller, bahnte sich einen Weg zum Ausgang und verließ das
Zelt, nicht ohne vorher einen prüfenden Blick auf das Dach, die
Spannseile und einen argwöhnischen auf den sich langsam aufwärmenden
König Max samt seiner angeschlagenen Königin geworfen
zu haben. Der Umstand, daß er handelnd wieder aufwachte, bewirkte,
daß ihn sukzessive auch der Beweggrund allen Handelns
einholte: die Sorge. Und weil jede Sorge gewissermaßen alle Sorge
in sich trägt, also sogar Sorgen wie die um Zibulkas Verfassung oder
Claras Seelenlage, sah er sich im Handumdrehen erneut in die ver-
worrenen Probleme verwickelt, die er gerade noch glaubte, losgeworden
zu sein.
Franz’ Hauptsorge aber galt nach wie vor Asger, den er endlich
unter vier Augen sprechen mußte, aber nirgends entdeckte, was ihn
jetzt erst recht beunruhigte. Er war mehr denn je davon überzeugt,
daß der Junge in Gefahr schwebte, hatte aber immer noch keine
Ahnung, wodurch. Die zentrale Bedrohung lag bei seiner Mutter,
dann aber zunehmend bei Asger selbst. Clara war momentan außer
Gefecht gesetzt, ein voraussichtlich sehr kurzlebiges Phänomen.
Welche Gedanken wohl durch ihr alkoholisiertes Gehirn spukten?
Zweifellos war ihr übermäßiges Trinken einschließlich ihrer bizarren
Rolle an Zibulkas Seite bereits die Ouvertüre zu einer Attacke.
Franz versuchte sich die Varianten der Eskalation vor Augen zu
führen: die Hausherrin konnte ausfällig werden, über die von Asger
eingeladenen Gäste, über das Fernsehen, die Jugend herziehen
oder den allgemeinen Sittenverfall anprangern. Sie konnte sich
einzelne Personen vorknöpfen, sie vor den Kopf stoßen, der Lächerlichkeit
preisgeben, oder die Freunde ihres Sohns vor die Tür
setzen. Es war durchaus auch denkbar, daß sie den Abend über sich
ergehen ließ und erst hinterher auf die eine oder andere Art Rache
nahm. Bloß wie?
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