Dionysos von Jörg Neugebauer, 2005Jörg Neugebauer

Dionysos
(Leseprobe aus: Dionysos, Versdichtung, 2005)

Nacht muß es sein wenn Hermes erscheint
woher er kommt bleibt jeweils ungewiß
unversehens ist er da
wo man ihn niemals erwartet
überraschend durchtrennt er
das Band der Gewohnheit
mit glücklichem Raub stimmt er Seelen froh
die durch Erfahrung und Wissen beschwert
längst weiter nichts wollten als bloß
ein mäßiges Leben und Sterben

Dieses wird nun in Frage gestellt
gefährliche Wunder
in heimlicher Angst bestaunt vor Entdeckung
hält Hermes für alle bereit
mit jener Blindheit
die so empfindend macht
für unerwartete Gelegenheiten
schlägt gern das abgeklärt sinnende Haupt er
dieser Dieb am Gewohnten
ein Glücksfall ist er
unter den himmlischen Göttern

Nicht selten im Reisehut auftretend
steht gern er auch denen zur Seite
die das Unterwegssein lieben
ohne ein vorberechnetes Ziel
in seiner Gesellschaft muß selbst
die Überfahrt ins Schattenreich
wohl etwas Unernstes sein
einer Kahnpartie ähnlich
auf welcher man
von angetrunkenen Musikern lärmend begleitet
scherzt und zweideut’ge Reden führt
die Taschen voll mit gestohlenen Uhren

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