Marcus Neuert

[gestaltetes Gespräch Nummer eins]

in dem weißgekachelten Raum stehen drei weiße Plastikstühle. Auf einem davon sitze ich, auf den anderen Bannleitner und der Dialogdesigner. Eine indirekte Lichtquelle spendet Helligkeit. Mein Kopf ist teilweise bandagiert und dröhnt wie nach einem Rausch. Ich kann mich nicht erinnern, was geschehen ist. Ich umarme mich selbst. Nie war ich mir so nah. Der Dialogdesigner gibt Bannleitner ein Zeichen, zu beginnen.

         Glaubst du an die Kraft der Kunst, fragt Bannleitner. Nicht wenn sie mehr als dreihundert Wörter gebraucht oder mehr als ein, vielleicht zwei Farben, gebe ich zurück. Und was ist mit Tönen, will er wissen. Kann was werden, erwidere ich, solange keine menschliche Stimme beteiligt ist. Und nicht so lang, so bedeutungsschwanger.

         Also Jingles und Gedichte, bemerkt Bannleitner lakonisch. Und monochrome Fotos, ergänze ich, alles, was offen ist, was weiterdenken läßt.

         Und hat das mit Gott zu tun, fragt Bannleitner. Der Dialogdesigner runzelt die Stirn. Ich denke schon, antworte ich, Er setzt den Rahmen. Liefert die Fläche, den Raum für unsere Projektionen.

         Aha, sagt Bannleitner, und weiter. Alles, was Ihn kleiner macht, füge ich hinzu, ist keine Kunst, sondern reine Behauptung. Der Dialogdesigner blinzelt irritiert.

         Sollten wir ihm nicht die Jacke ausziehen, fragt ihn Bannleitner. Nein, erwidert der Dialogdesigner, Sie müssen etwas anderes fragen.

         Weißt du, weshalb du hier bist, wendet sich Bannleitner wieder an mich. Weil ich einen blauen Himmel einen blauen Himmel und ein Stück Scheiße ein Stück Scheiße nenne. Nein, wirft der Dialogdesigner ein, Sie müssen etwas anderes sagen.

         Weil ich die Wirklichkeit anders interpretiere als ihr, versuche ich es erneut.

         Weil du sie falsch interpretierst, sagt Bannleitner. Vielleicht reden wir morgen weiter, schlägt der Dialogdesigner vor. Bannleitner nickt, legt den kleinen Schalter an meiner Schläfe um. Augenblicklich sind die beiden verschwunden. In ein paar Sekunden werde auch ich verschwunden sein.

Rezension I Buchbestellung I home II10 LYRIKwelt © Marcus Neuert, September 2009