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Nirgendwo sonst
(Leseprobe aus:
Nirgendwo sonst, Roman,
Auszug aus dem 2. Kapitel, 2008, Luchterhand Literaturverlag).
2
Ein sich verlierender Raum. Ein lang gezogener Schlauch aus vergilbten Wänden. Die Sonne vor den weit geöffneten Fensterflügeln am Ende des Zimmers, Tunneleffekt. Er auf der anderen Seite, totes Ende. Die vielen Gesichter, die ihm zugewandt waren. Die unzähligen Augen, die ihn anstarrten. Mönche, die vor ihm auf dem Boden kauerten, auf Bankreihen, an niedrigen Tischen. Sie drängten nach durch die immer wieder aufschlagende Tür, schoben sich an die Wände, lehnten am Fensterrahmen, ihre gebogenen Körper Schattenrisse im Gegenlicht. Er saß vor ihnen, blickte auf diesen Teppich aus kahl geschorenen Köpfen, Safranfarbenen Roben, halbnackten Schultern. Auf der graugrünen Tafel in seinem Rücken zerfiel sein Name zu Zeichen. Die Kreidespuren schoben sich ein in die verschlungenen Kreislinien der Landesschrift, in aufbrechende Hufeisen, sich verzahnende Zirkel, in die liegende Acht, Symbol für Unendlichkeit. Der Schweiß floss ihm von der Stirn in die Augen, während er sich an dem Mikrophon festhielt, das sie ihm gegeben hatten. Er beugte sich vor, ihren Fragen entgegen. Ihren immer gleichen Fragen, die hinter ihm auf die Tafelfläche zu prallen schienen, die sich aufhängten an seinem zu Kringeln verformten Namen, seinem zu ihnen gekrümmten Rücken, der Ratlosigkeit in seinem nass geschwitzten Gesicht. Wer waren sie, warum hörten sie nicht auf.
Where do you come from. Where do you go. How long will you stay.
Die Worte der Regisseurin fallen ihm ein. Die er einmal gefragt hat, wie sie es schaffe, bei Proben zu einem Theaterstück die fehlerhafte Stelle aufzuspüren. Das sei, antwortete sie, tatsächlich ganz einfach. Sie suche den Augenblick, von dem an die Inszenierung sie zu langweilen beginne. Und dann, sagte sie, gehe ich von dort aus zurück. Das ist wichtig: dieses Rückwärtsgehen, Schritt für Schritt. Denn es sind die Momente ganz kurz vor dem Problem, die geändert werden müssen. Der Fehler, sagte die Regisseurin, entwickelt sich immer im Davor.
Ich muss zurück zum Ausgangspunkt. Es gab da einen Fehler.
Er war hinter dem Mönch durch dieses dunkle Treppenhaus nach oben gestiegen und hatte nicht gefragt. Er hatte sich ansprechen, sich mitnehmen lassen. Es war so angenehm gewesen: neben jemandem zu laufen, der wusste, wohin er ging. Der ihm sagte: this way, turn left. Und er hatte den Mönch nicht gefragt, wer diese Freunde waren, denen er ihn, den Europäer, den Deutschen, vorstellen wollte. Ein paar Freunde, hatte er gedacht, ein paar Mönche vielleicht, das könnte spannend werden. Man könnte mit ihnen an einem Tisch sitzen, vielleicht etwas trinken, sie befragen, reden. Die Mönche könnten von ihrem Alltag erzählen, den Gebeten, dem Land. Und später könnte man von ihrem Tisch aufstehen und beschwingt durch die Stadt laufen, während man in tiefen Zügen die Nachtluft einatmet und sich freut, weil sich nun alles schon weniger fremd anfühlt.
Die vielen Stimmen hatte er erst gehört, als sie schon knapp vor der Tür standen. Ein seltsames Murmeln war das gewesen, ein Durcheinander aus unverständlichen Satzfetzen und abgehackten englischen Wortbrocken, die er in ihrer ungelenk ausgesprochenen Klangfärbung fast nicht wieder erkannte. Der Mönch hatte ihm die Tür aufgestoßen, bevor er hatte reagieren können. Bevor er hatte sagen können: was soll das. Wo sind wir hier.
Sie waren sofort verstummt. Schweigend hatten sie ihm ihre Köpfe zugedreht, hatten ihn mit diesen Blicken angesehen, die er bis heute nicht deuten kann. Er war im Türrahmen stehen geblieben, hatte versucht, die Anzahl der Gesichter zu überschlagen, sie hastig zusammenzurechnen: siebzig, achtzig Leute waren das mindestens. Gerade wollte er sich umdrehen, wollte den Mönch zurück auf die Treppenstiege ziehen, ihm sagen: Entschuldigung, das ist ein Missverständnis, ich kann sowas nicht. Wer sind diese Leute. Aber dann kam der Lehrer. Mit erhobenen Armen war der auf ihn zu gelaufen, hatte sich mit seinem dürren Körper durch die durchbrochenen Linien der Holzpulte geschlängelt, hatte ihn an der Schulter gepackt und nach vorne zur Tafel gezerrt. Hatte ihn auf einen Stuhl auf dem Podest gedrückt, während er sich gleichzeitig die öligen Haare aus dem Gesicht strich und seinen Schülern unverständliche Worte zubellte. Einer der jüngeren Mönche sprang auf und brachte das Mikrophon, überreichte es dem Lehrer. Es gab eine kurze Rückkopplung, als sie den Verstärker zuschalteten, ein Knacken, ein Rauschen. Dann die Frage: where do you come from, wo kommst Du her.
Beim ersten Mal hatte er versucht, zu lächeln. Germany, hatte er gesagt. Und dass er gerade erst angekommen sei, I arrived a few hours ago. Er hatte dabei den Lehrer angesehen. Hatte an ein Gespräch denken müssen, in dem ihm ein Freund von der Beklemmung erzählte, die er fühle, sobald er im Ausland zuzugeben habe, dass er Deutscher sei. Ständig müsse er beweisen, dass er harmlos sei und unpünktlich, unorganisiert und lustig. Ganz anders eben, irgendwie undeutsch. Mit seiner hellen Haarfarbe habe das zu tun, stöhnte der Freund, mit den blauen Augen und der athletischen Figur. Zu arisch also, selbst heute noch. Da komme man ja kaum gegen an. Inzwischen sei er dazu übergangen, sich als Schweizer auszugeben, manchmal als Österreicher. Und, nachdem er ein Jahr in Stockholm verbracht hatte, schließlich als Schwede. „Aber natürlich“, hatte der Freund gesagt und gelacht, „geht sowas nur bei Leuten, die du nie wieder sehen willst.“Germany. Der Lehrer hatte auf seine Antwort kaum reagiert. Er schien mit Deutschland nichts in Verbindung zu bringen, keine drittes Reich, kein zweigeteiltes, wiedervereinigtes Land. Burkina Faso, schoss es ihm durch den Kopf, hätte man antworten müssen, Papua Neuguinea, irgendetwas Exotisches. Der Lehrer war neben ihm gestanden, hatte ihn von oben herab mit diesen wachen Augen angesehen, hatte nicht genickt, nicht nachgefragt, hatte das Wort nicht wiederholt, Germany, Germany, sondern sich vorgebeugt und gesagt: And where do you go.
Wo gehe ich hin.
Als er antwortete, ließ er den Blick schweifen, versuchte, sich Gesichter zu vereinzeln. Von Kin Pun habe er gelesen, sagte er, ein goldener Felsen, das interessiere ihn. So etwas fände man nicht in Europa. Zwar gäbe es Pilgerstätten, Wallfahrtsorte, das schon. Von einem goldenen Felsen aber habe er dort noch nie gehört. Gerade wollte er Luft holen, sich warm sprechen, weiterreden, einfach auf sie einreden, bis sie ihm erklären würden, was sie von ihm wollten. Doch da hatte der Lehrer sich schon in sein Blickfeld gestellt, hatte sich zwischen ihn und die Klasse geschoben, hatte ihm den schmalen Rücken zugedreht und eine Kette fremd klingender Sätze in den Raum gerufen. Bis es in den Gesichtern der Mönche und jungen Männer zu zucken begann. Bis sich die wenigen Frauen, die er erst jetzt im Zimmer entdeckte, gegeneinander lehnten, um ihre lachenden Münder im Haar der anderen zu verstecken.
Er führte ihn vor. Das war der Moment, in dem er das begriff. Der Lehrer führte ihn vor. Sie deuten mich, dachte er. Sie beobachten mich und finden mich komisch. Ich fange an zu sprechen, aber es erreicht sie nicht. Sie sehen mich hier sitzen und verstehen mich nicht. Also macht er etwas aus mir. Aber was.
Legal action will be taken against those who violate or contravene any provision of the existing laws, rules and regulations of the Union of Myanmar.
Er hatte zu schwitzen begonnen. Der Stuhl klebte an seinen Oberschenkeln, scheuerte ihm in den Rücken. Wo war er hier. Das Gebäude konnte keine offizielle Einrichtung sein, soviel glaubte er zu verstehen. Zu verborgen war es gelegen, zu verwinkelt die angrenzende Gasse, zu unruhig der schnelle Blick, mit dem der junge Mönch – jetzt fällt es ihm ein – sich umgesehen hatte, bevor sie das Haus betraten.
Ein Bild blitzte vor seinen Augen auf: die Spitze des Kugelschreibers, den sie ihm im Flugzeug gegeben hatten. Diese Kugelschreiberspitze, die er ansetzte, um das Papier zu unterschreiben, in dem er dem Staat Myanmar zusicherte, keine politischen Gespräche mit Einheimischen zu führen. Er versuchte sich an das Formular zu erinnern, den genauen Wortlaut. Begann sich zu fragen, ob sie überhaupt mit Touristen sprechen durften, egal worüber. Ein militärisch kontrollierter Tourismus sei das, hatte ihm die Frau im Reisebüro gesagt und ihn dabei zweifelnd angesehen: wollen Sie das wirklich. Die wissen immer wo man ist.
How long will you stay.
Der Lehrer hatte ihn das gefragt: wie lang wirst du bleiben. Genickt hatte der Lehrer, als er ihm sagte, dass er nur achtundzwanzig Tage hier sein könne, die von der Militärregierung gewährte Zeit. Und dass er zum ersten Mal in Asien sei. Das hatte den Lehrer interessiert. Wie er denn auf Myanmar gekommen sei, hatte der Lehrer wissen wollen und sich dabei nah an ihn heran geschoben. Wieso nicht Thailand, nicht Vietnam, wieso unser Land.
Er hatte auf den Boden gesehen bei dieser Frage. Hatte die Flasche Star-Cola entdeckt, die ihm jemand hingestellt haben musste, inländisches Erzeugnis. Er nahm die kühle Flasche in die Hand, beäugte den rostigen Hals, Wassertropfen unter den Fingerspitzen. Sagte dann, dass ihm jemand von Burma erzählt habe, a friend of mine told me about your country. Der Lehrer schwieg einen Moment lang. Must have been good friend, sagte er dann.
...und ich zuckte zusammen beim Gedanken an Dich.
Was danach begann, kann er sich bis heute nicht erklären. Es hing mit dem Mikrofon zusammen: wem der Lehrer es gab, wer es in die Hand nahm, stellte ihm die gleichen Fragen wie sein Vorgänger, in der immer gleichen Reihenfolge. Hello, my brother, sagte derjenige dann, where do you come from. Where do you go. How long will you stay. Sie fragten ihn, er antwortete. Sie fragten ihn wieder, er blickte auf, ungläubig, antwortete erneut. Es war, als würden seine Worte sich auflösen, sobald er sie ausgesprochen hatte. Als würde mit dem Weiterreichen des Mikrophons ein kollektives Vergessen einsetzen. Niemand lachte, wenn ihm wieder die gleichen Fragen gestellt wurden. Niemand rief: We know that already. Ask him something else. Sie blieben stumm, ließen den sprechen, der das Mikrophon hielt, und nickten im Takt ihrer Fragen. Where do you come from, where do you go, how long will you stay. Und er sagte: Germany, Kin Pun, twentyeight days.
Er versuchte, sich zu beruhigen. Drehte die Flasche in den feuchten Händen. Sagte: Germany, Germany, Germany. Lauschte auf die eigenen Antworten, wieder und wieder, folgte mit seinem Blick dem weiterwandernden Mikrophon. Dass sie Staatsgegner sein könnten, kam ihn in den Sinn. Dass sie an ihm ihr Englisch trainierten. Für später. Was aber, wenn es anders war. Wenn das hier eine staatliche Schule wäre. Sie waren zu gut gekleidet. Sie waren zu gebildet. Die Stoffe der Roben zu edel. Und wer, wenn nicht die Staatstreuen, bekäme in einer Diktatur das Geld. Verstohlen wischte er seine feuchte Handfläche an seiner Hose ab. Wofür benutzt ihr mich.
Immer schneller sprang das Mikrophon von Hand zu Hand. Immer eifriger prasselten die Fragen auf ihn ein: where do you, where do you, how long will you. Die Klasse wurde selbstsicherer, das konnte er spüren. Niemand zögerte mehr. Sie entrissen sich gegenseitig das Mikrophon, warfen es sich zu, begannen zu fragen, während das Mikrophon sich noch in der Luft befand. Er starrte auf ihre Münder. Rief ihnen die Antworten zu, bevor sie ausgesprochen hatten. Germany, Kin Pun, twentyeight days. Er stieß die Worte in ihre Richtung. Atmete heftig und flach. Seine Stimme klang abgehackt in seinen Ohren. Ein sich beschleunigender Rhythmus war das, ein anschwellendes Stakkato aus Frage, Antwort, Frage. Längst hatte er die Bedeutung seiner Worte vergessen. Sie waren leer, abgeschält, eine sinnlose Verkettung von Buchstaben.
Applicant shall abide by the Laws of the Union of Myanmar and shall not interfere in the internal affairs of the Union of Myanmar.
Der Raum schwarz vor seinen Augen. Die Sonne vor den Fenstern von nachdrängenden Mönchen verdunkelt. Er wusste, dass er trinken müsste. Sein Körper schwitzte, brauchte Flüssigkeit. Das T-shirt klatschnass, die Schuhe schon rutschig, kein Halt mehr unter den Füßen. Die Flasche mit der Star-Cola wollte er nicht an die Lippen setzen. Sie hatten sie ihm geöffnet gebracht. Wer weiß, dachte er, was sie da zufügen, was sie da beisetzen, in Fällen wie meinem. An einen Club in Berlin musste er plötzlich denken, an einen Abend, an dem er seinen Gin Tonic auf einem Mauervorsprung abgestellt hatte, neben einer Kerze mit tropfendem Wachs. Er war auf die Tanzfläche gestürmt, hatte dem Lied nicht widerstehen können. Als er keuchend und durstig zurückgekommen war, hatte er das Glas hochgerissen und in einem Zug leer getrunken. Später im Krankenhaus hatte die Ärztin den Kopf geschüttelt. Wie können Sie Ihr Glas unbeaufsichtigt lassen.
Daran musste er denken, während sein Mund weiter antwortete: Kin Pun. Germany. Während ihm zeitgleich die Artikel einfielen: Myanmar, das Rauschgiftland, Lieferant von Schlafmohn, von synthetischen Drogen. Während sein Körper an die Stuhlkante rutschte, seine Finger sich in die seitliche Verstrebung des Stuhls krallten, seine Füße begannen, den schneller werdenden Takt der Fragen in den Boden zu stampfen. Sein Blick flog zur Tür. Noch immer drängten Mönche in das Zimmer. Ihre Konturen schienen in der feuchten Luft zu verschwimmen. Where, where, how.
I hereby declare that I fully understand the above mentioned conditions, that the particulars given above are true and correct and that I will not engage in any activities irrelevant to the purpose of entry stated herein.
Er gab sich einen Ruck. Bückte sich nach vorn, stellte die Cola-Flasche auf den Boden, ich muss hier weg. Als er sich wieder aufrichtete, sah er die Spiegelung seines eigenen Gesichtes, das sich in der Flaschenwand brach. Ein Doppelgesicht, dachte er, das muss es sein: sie machen einen anderen aus mir.
Schnell stand er auf, trat auf den Lehrer zu. Senkte die Stimme. Dass er gehen müsse, sagte er, es täte ihm leid. Termine, eine Verabredung im Guesthouse, dennoch: danke für diese Erfahrung. I really enjoyed being here.
Der Lehrer lächelte. Zuckte mit den Schultern. Zog dann etwas hinter seinem Rücken hervor, wog es in den Händen. Und da sah er es. Der Stab, den der Lehrer hielt, war kein Zeigestock. Ein breites Lederband baumelte von der zugeschliffenen Spitze des Holzendes: der Lehrer trug eine Peitsche. Immer noch lächelte der Lehrer. Prüfte mit den Fingerspitzen die Verknotung des Bandes. Deutete mit einer kleinen, unmerklichen Bewegung des Kinns in Richtung Tür. Drei der älteren Mönche waren aufgestanden und hatten sich dort zwischen die Novizen gestellt. Mit leeren Gesichtern blickten sie ihn an, schoben ihre Schultern in die Luftlinie zwischen ihm und der Tür, eine synchrone Choreographie. Leise seufzte der Lehrer. Sagte, so gedämpft, dass er es kaum hören konnte: I don`t think you will leave. You will want to stay with us. Du wirst bei uns bleiben wollen.
Rezension I Buchbestellung I home III08 LYRIKwelt © Mit freundlicher Genehmigung Luchterhand Literaturverlag/Chr.N.