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Der Ball
(Leseprobe aus: Der Ball, Novelle, 2006, Zsolnay
- Übertragung Claudia Kalscheur)
Als Madame Kampf das Studierzimmer betrat, zog sie die Tür
derart schroff hinter sich zu, daß der Kristallüster im Luftzug klingelte wie
reines, leises Glöckchengeläut. Doch Antoinette, die so tief über das Pult
gebeugt saß, daß ihr Haar die Buchseite streifte, hatte nicht aufgehört zu
lesen. Ihre Mutter sah sie einen Augenblick wortlos an; dann baute sie sich vor
ihr auf, die Arme vor der Brust verschränkt.
»Du könntest dir die Mühe machen aufzustehen, wenn du deine Mutter siehst,
mein Kind«, fuhr sie sie an. »Oder vielleicht nicht? Klebt dein Hintern am
Stuhl fest? Wie vornehm... Wo ist Miss Betty?«
Im Nebenzimmer begleitete das Surren einer Nähmaschine ein Lied, What shall I
do, what shall I do when you’ll be gone away, das von einer unbeholfenen,
frischen Stimme geträllert wurde.
»Miss«, rief Madame Kampf, »kommen Sie mal her.«
»Yes, Mrs. Kampf.«
Die kleine Engländerin mit den roten Wangen, den verschreckten, sanften Augen
und einem honigblonden, um das runde Köpfchen geschlungenen Haarkranz schlüpfte
durch den Türspalt herein.
»Ich habe Sie eingestellt«, setzte Madame Kampf streng an, »damit Sie meine
Tochter beaufsichtigen und unterrichten, nicht wahr? Und nicht, damit Sie sich
Kleider nähen... Weiß Antoinette etwa nicht, daß man aufsteht, wenn die
Mutter hereinkommt?«
»Oh! Ann-toinette, how can you?« säuselte die Miss bekümmert.
Antoinette war inzwischen aufgestanden und schaukelte linkisch auf einem Bein.
Sie war ein großes, kaum entwickeltes Mädchen von vierzehn Jahren, mit dem
typischen blassen Gesicht dieses Alters, so blutarm, daß es in den Augen der
Erwachsenen wie ein heller runder Fleck wirkt: unausgeprägte Züge, gesenkte
Lider, Augenringe, ein verschlossener kleiner Mund... Vierzehn Jahre, die Brüste,
die unter dem engen Schülerinnenkleid wachsen und den schwachen, kindlichen Körper
stören und plagen... Die großen Füße und diese langen Röhren mit den roten
Händen, den tintenbefleckten Fingern daran,
die eines Tages vielleicht die schönsten Arme der Welt sein werden, wer weiß?...
Ein zarter Nakken, darüber kurzes, farbloses Haar, trocken und leicht.
»Wirklich, Antoinette, deine Manieren sind zum Verzweifeln, mein armes Kind...
Setz dich. Ich komme jetzt noch einmal herein, und du wirst mir den Gefallen
tun, sofort aufzustehen, verstanden?«
Madame Kampf trat ein paar Schritte zurück und öffnete die Tür ein zweites
Mal. Antoinette erhob sich langsam und so offensichtlich widerwillig, daß ihre
Mutter drohend den Mund zusammenkniff und scharf fragte: »Hat Mademoiselle
vielleicht etwas dagegen?«
»Nein, Maman«, antwortete Antoinette leise.
»Warum ziehst du dann so ein Gesicht?«
Antoinette zwang sich zu einem schwachen Lächeln, das ihre Züge schmerzlich
verzerrte. Manchmal haßte sie die Erwachsenen so sehr, daß sie sie am liebsten
umgebracht oder ihnen das Gesicht zerkratzt hätte, sie hätte aufstampfen und
schreien mögen: »Nein, rutsch mir doch den Buckel runter!« Doch sie fürchtete
ihre Eltern von frühester Kindheit an. Als Antoinette noch kleiner war, da
hatte ihre Mutter sie oft auf den Schoß genommen, an ihr Herz gedrückt,
gestreichelt und geküßt. Aber das hatte Antoinette vergessen. Hingegen hatte
sie tief in ihrem Inneren den Klang einer zornigen Stimme bewahrt, die über
ihren Kopf hinweg zeterte, »daß mir diese Kleine dauernd zwischen den Füßen
herumlaufen muß...«, »schon wieder hast du mit deinen dreckigen Schuhen mein
Kleid beschmutzt! Ab in die Ecke, damit du es endlich lernst, hörst du? Dummes
Balg!«, und eines Tages – damals hätte sie zum ersten Mal sterben mögen –
bei einem Streit an einer Straßenecke jenen wütenden Satz, so laut
herausgeschrien, daß sich die Passanten nach ihnen umgedreht hatten: »Willst
du eine Ohrfeige? Ja?«, und ihre brennende Wange... Mitten auf der Straße...
Sie war elf Jahre alt und groß für ihr Alter... Die Passanten, die
Erwachsenen, das war nicht so schlimm; aber genau in diesem Moment waren ein
paar Jungen aus der Schule gekommen und hatten ihr ins Gesicht gelacht: »Au
Backe...« Oh, dieses Hohngelächter, das sie auf der dunklen, herbstlichen Straße
verfolgte, während sie mit gesenktem Kopf weiterging... Durch ihre Tränen
hindurch tanzten die Lichter. »Kannst du nicht aufhören zu heulen? Was für
ein Dickschädel! Wenn ich dich bestrafe, ist das nur zu deinem Besten! Und hör
jetzt auf, mich auf die Palme zu bringen, das rate ich dir...« Diese
schrecklichen Leute... Und auch jetzt noch ließ man sie nicht in Ruhe – nur
um sie zu quälen, zu martern, zu demütigen, hieß es von morgens bis abends:
»Wie hältst du denn deine Gabel?« (vor dem Diener, lieber Gott), und: »Sitz
gerade. Du siehst ja aus, als hättest du einen Buckel.« Sie war vierzehn, sie
war ein junges Mädchen und in ihren Träumen schon eine Frau, die schön war
und geliebt wurde... Von Männern, die sie liebkosten und bewunderten, so wie in
den Büchern Andrea Sperelli Elena und Maria liebkoste, wie Julien de Suberceaux
Maud de Rouvre... Die Liebe... Sie erschauerte. Madame Kampf fuhr fort: »...
Und wenn du meinst, ich bezahle dir eine Engländerin, damit du mir mit solchen
Manieren aufwartest, täuschst du dich, mein Kind!«
Und leiser, während sie ihrer Tochter eine Haarsträhne aus der Stirn strich:
»Du vergißt immer, daß wir jetzt reich sind, Antoinette...«
Sie wandte sich der Engländerin zu: »Miss, Sie werden diese Woche viel zu
erledigen haben – ich gebe am 15. einen Ball...«
»Einen Ball«, flüsterte Antoinette und riß die Augen weit auf.
»Jawohl«, sagte Madame Kampf lächelnd, »einen Ball...«
Sie sah Antoinette stolzgeschwellt an, dann wies sie mit einem verstohlenen
Blinzeln zu der Engländerin hinüber.
»Du hast ihr doch nichts gesagt, will ich hoffen?«
»Nein, Maman, natürlich nicht«, antwortete Antoinette rasch.
Sie kannte diese ständige Sorge ihrer Mutter. Als sie damals, zwei Jahre war
das her, aus der alten Rue Favart ausgezogen waren – kurz nach Alfred Kampfs
genialem Börsencoup bei der Baisse erst des Franc, dann 1926 des englischen
Pound, die sie reich gemacht hatte –, wurde Antoinette jeden Morgen ins Zimmer
ihrer Eltern gerufen; ihre Mutter lag noch im Bett und polierte sich die Fingernägel;
ihr Vater, ein hagerer kleiner Jude mit feurigen Augen, war nebenan im
Badezimmer und rasierte sich, wusch sich und zog sich in jenem wahnwitzigen
Tempo an, mit dem er alles tat und das ihm früher bei den deutschen Juden unter
seinen Börsenkollegen den Spitznamen »Feuer« eingebracht hatte. Dort, auf den
breiten Stufen der Börse, war er jahrelang auf der Stelle getreten...
Antoinette wußte, daß er zuvor Angestellter bei der Banque de Paris gewesen
war und noch früher ein kleiner Laufbursche neben der Tür der gleichen Bank,
in einer blauen Li-vree... Kurz vor Antoinettes Geburt hatte er seine Geliebte
geheiratet, Mademoiselle Rosine, die Sekretärin des Direktors. Elf Jahre lang
hatten sie in einer dunklen, engen Wohnung hinter der Opéra Comique gehaust.
Antoinette erinnerte sich noch, wie sie abends am Eßzimmertisch ihre
Hausaufgaben ins reine schrieb, während in der Küche das Dienstmädchen laut
klappernd das Geschirr spülte und Madame Kampf unter der großen Hängelampe
mit der trüben Glaskugel saß, in der die Gasflamme flackerte, und auf die
Ellbogen gestützt Romane las. Bisweilen stieß Madame Kampf einen tiefen, mißmutigen
Seufzer aus, so laut und unvermittelt, daß Antoinette von ihrem Stuhl hochfuhr.
Kampf fragte: »Was hast du nun wieder?«, und Rosine antwortete: »Mir wird
ganz schlecht, wenn ich daran denke, daß es Leute gibt, die gut leben, die glücklich
sind, während ich meine besten Jahre in diesem elenden Loch zubringe und dir
die Socken stopfe...«
Kampf zuckte wortlos die Achseln. Meist wandte sich Rosine dann Antoinette zu.
»Und du, was fällt dir ein zu lauschen? Geht es dich etwas an, was die
Erwachsenen reden?« schrie sie übellaunig. Dann ging es weiter: »Tja, mein
Kind, wenn du darauf wartest, daß dein Vater reich wird, wie er es verspricht,
seit wir verheiratet sind, kannst du lange warten, da wird noch viel Was-ser die
Seine hinunterfließen... Du wirst heranwachsen und immer weiter warten, wie
deine arme Mutter, immer nur warten...« Und wenn sie das Wort »warten«
aussprach, zog ein tieftragischer Ausdruck über ihre harten, angespannten Züge,
der Antoinette gegen ihren Willen rührte und oft dazu brachte, instinktiv die
Lippen zum Kuß zu spitzen und dem Gesicht ihrer Mutter zu nähern.
»Meine arme Kleine«, sagte Rosine dann und strich ihr über die Stirn. Aber
einmal hatte sie ausgerufen: »Ach! Laß mich doch in Ruhe, du gehst mir auf die
Nerven; was kannst du aber auch lästig sein...«, und niemals hatte Antoinette
ihrer Mutter je wieder einen anderen Kuß gegeben als den Morgen- oder Abendkuß,
den Eltern und Kinder tauschen, ohne darüber nachzudenken, so wie Fremde einen
Händedruck.
Dann waren sie eines schönen Tages reich geworden, mit einem Schlag, sie hatte
nie recht verstanden, wie. Sie waren in eine große, weiße Wohnung gezogen, und
ihre Mutter hatte sich das Haar in einem schönen, funkelnagelneuen Goldton färben
lassen. Antoinette betrachtete diese flammende Pracht, die sie nicht
wiedererkannte, mit ängstlichem Blick.
»Antoinette«, befahl Madame Kampf, »wiederhole noch einmal. Was antwortest
du, wenn du gefragt wirst, wo wir letztes Jahr gewohnt haben?«
»So ein Quatsch«, rief Kampf aus dem Nebenzimmer, »mit wem soll die Kleine
denn sprechen? Sie kennt doch niemanden.«
»Ich weiß schon, was ich sage«, erwiderte Madame Kampf in lauterem Ton. »Und
was ist mit den Dienstboten?«
»Wenn ich sie auch nur ein Wort mit den Dienstboten wechseln sehe, bekommt sie
es mit mir zu tun – hörst du, Antoinette? Sie weiß, daß sie still zu sein
und ihre Lektionen zu lernen hat, Punktum. Mehr wird von ihr nicht verlangt...«
Und zu seiner Frau: »Sie ist schließlich nicht auf den Kopf gefallen, oder?«
Aber sobald er weg war, fing Madame Kampf wieder an: »Wenn du gefragt wirst,
Antoinette, sagst du, wir hätten das ganze Jahr über im Süden gelebt. Du
brauchst dich nicht festzulegen, ob es Cannes oder Nizza war, sag nur: im Süden...
Es sei denn, es fragt jemand nach; dann sagst du besser Cannes, das ist
vornehmer... Aber natürlich hat dein Vater recht, am besten bist du ganz still.
Ein kleines Mädchen sollte sowenig wie möglich mit Erwachsenen reden.«
Dann schickte sie ihre Tochter hinaus, indem sie mit ihrem schönen, nackten,
etwas dick gewordenen Arm wedelte, an dem das Diamantarmband glitzerte, das sie
gerade von ihrem Mann geschenkt bekommen hatte und nur zum Baden ablegte.
An all das erinnerte sich Antoinette dunkel, während ihre Mutter die Engländerin
fragte: »Hat denn Antoinette wenigstens eine schöne Schrift?«
»Yes, Mrs. Kampf.«
»Warum?« fragte Antoinette schüchtern.
»Du kannst mir heute abend bei meinen Kuverts helfen«, erklärte Madame Kampf.
»Ich verschicke an die zweihundert Einladungen, verstehst du? Das schaffe ich
nicht allein... Miss Betty, ich erlaube Antoinette, heute eine Stunde länger
als sonst aufzubleiben... Du freust dich doch, hoffe ich?« fragte sie an ihre
Tochter gewandt.
Doch Antoinette war wieder in ihre Gedanken versunken und schwieg, und Madame
Kampf zuckte die Achseln.
»Immer am Träumen, diese Kleine«, bemerkte sie halblaut. »Ein Ball – macht
es dich denn kein bißchen stolz, daß deine Eltern einen Ball geben? Ich fürchte,
du hast nicht viel Gefühl, mein armes Kind«, schloß sie mit einem Seufzer,
schon im Hinausgehen.
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