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aus: ZehnEins
Franz verfügte über einen ausgeprägten, vielleicht ins Hundertfache gesteigerten Geschmackssinn. Er kannte die Ursachen nicht, denn er hatte sich ja keinem Menschen mehr anvertraut, auch keinem Arzt. Aber vielleicht hatte er auf seiner Zunge eben zwei Millionen Geschmacksknospen statt der üblichen zwei Tausend, oder seine Rezeptoren waren ungewöhnlich ausgeprägt. Möglicherweise waren auch seine Nervenfasern, die die Impulse in sein Gehirn leiteten, besonders sensibel. Franz wusste all das nicht, aber er wusste sicher, dass er geringste Spuren von Geschmacksstoffen erkennen und zuordnen konnte, auch wenn die Substanzen, die nur er allein zu schmecken vermochte, in unwägbar kleinen Mengen den Speisen anhafteten, die er zu sich nahm. Es war manchmal schwierig, mit dieser Fähigkeit zu leben. Nicht die Hauptbestandteile eines Gerichts waren das Problem für Franz, sondern jene wenigen Moleküle, die eigentlich nicht dazu gehörten, die hineingerutscht waren beim Ernten des Gemüses, beim Melken der Kuh, die die Milch für den Käse geliefert hatte, oder beim Abwiegen des Mehls für das Brot. Wenn Franz, der oft kochte, ein Stück Butter in der Pfanne zerließ, dann wusste er, dass er danach am Tisch schmecken würde, aus welchem Metall sein Buttermesser erzeugt worden war. Trank er Most, so schmeckte er den Farbstoff des Tuchs, in dem der Bauer die Birnen eingesammelt hatte, und aß er ein Kalbsschnitzel, dann fand er darin die Gräser der Weide wieder, auf die das Tier getrieben worden war. Verwirrende Geschichten begannen danach in seinem Kopf abzurollen. Vom Metall des Messers flogen seine Gedanken in die Besteckfabrik mit ihren müden Fließbandarbeiterinnen. Der Farbstoff des Birnentuchs erinnerte ihn an ein Kleid von ähnlicher Farbe, das Hilde als junge Frau getragen hatte, und die Gräser der Kuhweide, die er im Schnitzel erkannte, erfüllten ihn mit Wehmut. Er hatte, als er noch klein war, seine Katze auf solch einer Weide tot im hohen Gras gefunden. Franz verlor sich in diesen Abschweifungen und Erinnerungen, und manchmal war er nahe daran, nichts mehr an seine Zunge zu lassen. Noch lebte er aber gern. Und auch wenn es vorkam, dass er bei einem Schluck Kaffee den Schweiß der Plantagenarbeiter herausschmeckte, genoss er das Trinken, das Essen und sein altgewordenes Leben.
Rezension I Buchbestellung II03 © Edition Garamond