Der bessere Mann von Meera Anita Nair, dtv

Anita Nair

Ein Grund zu sein
(aus: Ein besserer Mann, Roman, dtv)

I. Ein Grund zu sein

Vielleicht hast du mich sehon gesehen. Vielleicht auch nicht. An den meisten Tagen findest du mich an die Seite einer sonnengetüpfelten, altersfleckigen Mauer gepreßt. Eine menschliche Eidechse mit Pinseln als Klauen und einem Eimer als Schwanz.

Siehst du diese Leiter; Mukundan? Tu sie nicht als morsches Gestell ab, das rnir eines Tages den Rücken brechen wird. Wenn du sie besteigst, wirst du selbst merken, wieviel Leben die Bambusstangen und -sprossen noch in sich bergen. Ich habe sie mir nach genauen Vorgaben bauen lassen, als ich vor vielen Jahren beschloß, in dieses Dorf zu ziehen und mir eine neue Rolle zuzulegen. Die eines Malers.

Sieh dir die Sprossen an. Sie sind schmal genug, daß meine Füße Halt finden, und zugleich ausreichend breit genug, daß sie mir nicht nach einiger Zeit weh tun. Ich ziehe das Sitzen auf einer Leiter dem Stehen auf dem Boden vor. Wenn ich drei Meter über allen anderen stehe, muß ich mir keine Gedanken machen, wie ich mich verhalten soll. Ich kann mir den kleinen Finger ins Ohr stecken und hin und her drehen, bis mich das schiere Wohlgefühl durchläuft. Ich kann seufzen. Schmunzeln. Summen. Grimassen ziehen. Vorträge halten. Keiner stellt Fragen. Erklärungen sind überflüssig. Und solange meine Hände einen gleichmäßigen Arbeitsrhythmus beibehalten, kümmert sich niemand um mich.

Es gibt keinen Grund, weshalb du mich kennen solltest. Ich besitze weder herausragende Tugenden noch einzigartiges Talent. Hier in Kaikurussi gibt es einige, deren Fähigkeiten meine weit übertreffen. Wie Vishnu, den Priester, der morgens und abends beim Pantheon der Götter ein Wort für dich einlegen kann und ein andermal dein rauschendes Radio dazu überredet, in lauten, krächzenden Gesang auszubrechen.

Dann ist da Powerhouse Ramakrishnan. In diesem Dorf mit seinen Bambuszäunen und provisorischen Toren werden Verwandte auf Besuch mindestens einmal von ihren Gastgebern zur Besichtigung der hohen Ziegelsteinmauer und der stattlichen Eisentore geführt. Aber noch bezeichnender als das Haus ist der Mann selbst. »Er war ein ganz normaler Mensch wie du und ich. Bis ihm eines Tages ein Lotterielbs in die Hand gedrückt wurde. Er wollte es nicht; konnte sich kaum leisten, es zu bezahlen: Aber seht euch an, wie es sein Schicksal verändert hat«, erzählt man den Verwandten.

Powerhouse Ramakrishnans Handfläche weist angeblich recht ungewöhnliche Kreuzundquerlinien auf. Wie läßt sich sonst die über Nacht erfolgte Veränderung des Schicksals eines Mannes erklären? Vom unbedeutenden Ladenbesitzer zum mächtigsten Mann im Ort. Von Armut zu sichtbarem Wohlstand. Obwohl mittlerweile über zehn Jahre vergangen sind, seit ein Lotterielos Powerhouse Ramakrishnans Metamorphose herbeiführte, staunen die Leute noch heute über seinen unglaublichen Glücksfall.

Ich kann mich auch nicht mit Shankar messen, dem Teeladenbesitzer, dessen Mischung aus einem Glas dampfenden Tees und einem wohlriechenden Beedi die Wirkung einer Wahrheitsdroge hat. Während die meisten von uns in einem Sumpf aus Spekulationen zappeln, weiß nur er genau, was tatsächlich hinter den geschlossenen Türen in diesern Dorf passiert.

Und ich bin auch nicht wie Unni; der Briefträger, oder Nanu, der Barbier, oder der Dorfausrufer Pavitran. Wer wollte behaupten, er kenne nicht den Mann, der die Post austrägt - Zahlungsanweisungen, Briefe, Steuerbescheide und Hochzeitseinladungen? Oder den Mann, der ihnen alle drei Wochen die Haare stutzt? Oder den Mann, der Trommel schlagend durch den Ort zieht und die Erlasse des hiesigen Panchayat verkündet sowie alle anderen angeordneten Ereignisse, angefangen von der vorübergehenden Errichtung von Zahlstellen zur Eintreibung der Haussteuer bis hin zu Impfterminen.

Selbst traurige Berühmtheit bleibt mir versagt. Das ist eine Ehre, die dem Arzt in der Krankenstation gebührt. Denn kaum betritt man sein Zimmer, nachdem man den ganzen Vormittag geduldig in der Schlange gestanden hat, begrüßt er einen mit taxierendem Blick und schätzt rasch die Zahlungsfähigkeit ein: Sobald er das Herz abgehört; den Puls gefühlt und den Blutdruck gemessen hat, wird er auf die zwei Glasfläschchen zeigen; die auf einem Tablett stehen, und sagen: »Das linke Medikament liefert die Regierung. Es ist umsonst, aber ich kann nicht mit Bestimmtheit sagen; wie lange es dauert, bis Sie gesund sind. Ich würde das rechte Medikament empfehlen, aber das kostet Sie eine Kleinigkeit. Welches darf es sein?«

Dann ist da noch Che Kutty Seine Heilmethode ist flüssige Vergeßlichkeit. Er wirbt dafür auf seiner Ladenveranda mit einer vollen Flasche Palmwein; die ein roter Frauenschuh ziert. Che Kutty hieß nicht immer Che Kutty, aber als junger Mann war er ein großer Bewunderer Che Guevaras; und so war jeder Gedanke, den er dachte, und jeder Satz, den er von sich gab; ein Destillat aus der Philosophie seines Idols. Bald fingen seine Freunde an, ihn Che Sivan Kutty zu nennen. Und irgendwann legte er seinen richtigen Namen ab und wurde Che Kutty.

In einem anderen Land und in einer anderen Zeit hätte er eine Revolution angezettelt, wäre vermutlich sogar ein hochbezahlter Guerillakämpfer gewesen. Aber hier in Malabar konnte Che Kutty nichts weiter tun, als das Familiengeschäft weiterzuführen: Vielleicht suchte er Trost in dem Gedanken, daß die Ware, mit der er handelte; das Getränk des einfachen Mannes war, und daß er, indem er es ausschenkte, dazu beitrug. den Gewinn zu schmälern, den die Bourgeoisie durch den Verkauf von aus dem Westen stammenden, imperialistischen Spirituosen wie Whiskey Brandy und Rum erzielte. Inzwischen ist das einzige Überbleibsel seiner linksgerichteten Neigungen und militanten Jugend ein Bart, der dem schäbigen Gestrüpp des Guerillaführers ähnelt, und eine einsame Haarlocke, die ihm respektlos in die Stirn fällt ...

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