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Ein Grund zu sein
(aus: Ein besserer Mann,
Roman, dtv)
I. Ein Grund zu sein
Vielleicht hast du mich sehon gesehen. Vielleicht auch nicht. An den meisten
Tagen findest du mich an die Seite einer sonnengetüpfelten, altersfleckigen
Mauer gepreßt. Eine menschliche Eidechse mit Pinseln als Klauen und einem Eimer
als Schwanz.
Siehst du diese Leiter; Mukundan? Tu sie nicht als morsches Gestell ab, das rnir
eines Tages den Rücken brechen wird. Wenn du sie besteigst, wirst du selbst
merken, wieviel Leben die Bambusstangen und -sprossen noch in sich bergen. Ich
habe sie mir nach genauen Vorgaben bauen lassen, als ich vor vielen Jahren
beschloß, in dieses Dorf zu ziehen und mir eine neue Rolle zuzulegen. Die eines
Malers.
Sieh dir die Sprossen an. Sie sind schmal genug, daß meine Füße Halt finden,
und zugleich ausreichend breit genug, daß sie mir nicht nach einiger Zeit weh
tun. Ich ziehe das Sitzen auf einer Leiter dem Stehen auf dem Boden vor. Wenn
ich drei Meter über allen anderen stehe, muß ich mir keine Gedanken machen,
wie ich mich verhalten soll. Ich kann mir den kleinen Finger ins Ohr stecken und
hin und her drehen, bis mich das schiere Wohlgefühl durchläuft. Ich kann
seufzen. Schmunzeln. Summen. Grimassen ziehen. Vorträge halten. Keiner stellt
Fragen. Erklärungen sind überflüssig. Und solange meine Hände einen gleichmäßigen
Arbeitsrhythmus beibehalten, kümmert sich niemand um mich.
Es gibt keinen Grund, weshalb du mich kennen solltest. Ich besitze weder
herausragende Tugenden noch einzigartiges Talent. Hier in Kaikurussi gibt es
einige, deren Fähigkeiten meine weit übertreffen. Wie Vishnu, den Priester,
der morgens und abends beim Pantheon der Götter ein Wort für dich einlegen
kann und ein andermal dein rauschendes Radio dazu überredet, in lauten, krächzenden
Gesang auszubrechen.
Dann ist da Powerhouse Ramakrishnan. In diesem Dorf mit seinen Bambuszäunen und
provisorischen Toren werden Verwandte auf Besuch mindestens einmal von ihren
Gastgebern zur Besichtigung der hohen Ziegelsteinmauer und der stattlichen
Eisentore geführt. Aber noch bezeichnender als das Haus ist der Mann selbst. »Er
war ein ganz normaler Mensch wie du und ich. Bis ihm eines Tages ein Lotterielbs
in die Hand gedrückt wurde. Er wollte es nicht; konnte sich kaum leisten, es zu
bezahlen: Aber seht euch an, wie es sein Schicksal verändert hat«, erzählt
man den Verwandten.
Powerhouse Ramakrishnans Handfläche weist angeblich recht ungewöhnliche
Kreuzundquerlinien auf. Wie läßt sich sonst die über Nacht erfolgte Veränderung
des Schicksals eines Mannes erklären? Vom unbedeutenden Ladenbesitzer zum mächtigsten
Mann im Ort. Von Armut zu sichtbarem Wohlstand. Obwohl mittlerweile über zehn
Jahre vergangen sind, seit ein Lotterielos Powerhouse Ramakrishnans Metamorphose
herbeiführte, staunen die Leute noch heute über seinen unglaublichen Glücksfall.
Ich kann mich auch nicht mit Shankar messen, dem Teeladenbesitzer, dessen
Mischung aus einem Glas dampfenden Tees und einem wohlriechenden Beedi die
Wirkung einer Wahrheitsdroge hat. Während die meisten von uns in einem Sumpf
aus Spekulationen zappeln, weiß nur er genau, was tatsächlich hinter den
geschlossenen Türen in diesern Dorf passiert.
Und ich bin auch nicht wie Unni; der Briefträger, oder Nanu, der Barbier, oder
der Dorfausrufer Pavitran. Wer wollte behaupten, er kenne nicht den Mann, der
die Post austrägt - Zahlungsanweisungen, Briefe, Steuerbescheide und
Hochzeitseinladungen? Oder den Mann, der ihnen alle drei Wochen die Haare
stutzt? Oder den Mann, der Trommel schlagend durch den Ort zieht und die Erlasse
des hiesigen Panchayat verkündet sowie alle anderen angeordneten Ereignisse,
angefangen von der vorübergehenden Errichtung von Zahlstellen zur Eintreibung
der Haussteuer bis hin zu Impfterminen.
Selbst traurige Berühmtheit bleibt mir versagt. Das ist eine Ehre, die dem Arzt
in der Krankenstation gebührt. Denn kaum betritt man sein Zimmer, nachdem man
den ganzen Vormittag geduldig in der Schlange gestanden hat, begrüßt er einen
mit taxierendem Blick und schätzt rasch die Zahlungsfähigkeit ein: Sobald er
das Herz abgehört; den Puls gefühlt und den Blutdruck gemessen hat, wird er
auf die zwei Glasfläschchen zeigen; die auf einem Tablett stehen, und sagen: »Das
linke Medikament liefert die Regierung. Es ist umsonst, aber ich kann nicht mit
Bestimmtheit sagen; wie lange es dauert, bis Sie gesund sind. Ich würde das
rechte Medikament empfehlen, aber das kostet Sie eine Kleinigkeit. Welches darf
es sein?«
Dann ist da noch Che Kutty Seine Heilmethode ist flüssige Vergeßlichkeit. Er
wirbt dafür auf seiner Ladenveranda mit einer vollen Flasche Palmwein; die ein
roter Frauenschuh ziert. Che Kutty hieß nicht immer Che Kutty, aber als junger
Mann war er ein großer Bewunderer Che Guevaras; und so war jeder Gedanke, den
er dachte, und jeder Satz, den er von sich gab; ein Destillat aus der
Philosophie seines Idols. Bald fingen seine Freunde an, ihn Che Sivan Kutty zu
nennen. Und irgendwann legte er seinen richtigen Namen ab und wurde Che Kutty.
In einem anderen Land und in einer anderen Zeit hätte er eine Revolution
angezettelt, wäre vermutlich sogar ein hochbezahlter Guerillakämpfer gewesen.
Aber hier in Malabar konnte Che Kutty nichts weiter tun, als das Familiengeschäft
weiterzuführen: Vielleicht suchte er Trost in dem Gedanken, daß die Ware, mit
der er handelte; das Getränk des einfachen Mannes war, und daß er, indem er es
ausschenkte, dazu beitrug. den Gewinn zu schmälern, den die Bourgeoisie durch
den Verkauf von aus dem Westen stammenden, imperialistischen Spirituosen wie
Whiskey Brandy und Rum erzielte. Inzwischen ist das einzige Überbleibsel seiner
linksgerichteten Neigungen und militanten Jugend ein Bart, der dem schäbigen
Gestrüpp des Guerillaführers ähnelt, und eine einsame Haarlocke, die ihm
respektlos in die Stirn fällt ...
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