Die Mittelpassage
(aus: Auf der
Sklavenroute-Meine Reise nach Westindien, 1999, Hoffmann & Campe)
Auszug aus Kapitel 1:
Die Mittelpassage
Mit mir im Wagen saßen mehrere Gentlemen; Offiziere auf dem Weg zu ihren Regimentern;
Pflanzer, die sich geschäftlich in der Heimat auf- gehalten hatten; junge Jäger mit
Gewehren und Patronentaschen, die hofften, Alligatoren zu erle- gen, etc., alle wie ich
unterwegs zum Postdamp- fer nach Westindien. Die Älteren unterhielten sich über Zucker
und Prämien und den finanziellen Ruin der Inseln. James Anthony Froude: The English in
the West Indies (1887) Auf dem Bahnsteig des Schiffszuges in Waterloo Station drängten
sich so viele Westinder - dem Typ nach alles Einwanderer -, daß ich froh war, erster
Klasse zu den westindischen Inseln zu reisen. Es war keine teure erste Klasse.
Vierundneunzig Pfund, für die ich auf einem Dampfer der French Line vielleicht einen
Kajütenplatz bekommen hätte, hatten mir eine Einzelkabine auf dem spanischen
Einwandererschiff Francisco Bobadilla verschafft. Die meisten Leute auf dem Bahnsteig und
viele von den Fahrgästen im Zug fuhren nicht bis Southampton. Aber das Abteil, in das ich
geriet, leerte sich nicht. Ein Mann mit Nat-King- Cole-Frisur schaukelte auf dem Knie ein
dickes Baby mit Haube, das wie ein Geschenk in Schleifchen und Rüschen eingewickelt war
und dem, zugleich Knebel und abschließender Schnörkel, ein Gummischnuller im schlaffen,
triefenden Mund steckte. Zwei Damen mit Filzhüten und rosa Strümpfen saßen
zusammengesunken am Fenster. Sie trugen hauchdünne Kleider über Satinunterröcken von
feurigem Rosa. Ihr Gesichtspuder war stellenweise zerlaufen, und sie knüllten winzige,
bestickte Taschentücher in großen, glänzenden Händen. Sie wirkten verkrampft und
unglücklich. Auf dem Gepäcknetz und auf dem Boden standen Körbe mit Essen und
Babyutensilien. Der Mann mit dem Baby erzählte seinem Gegenüber von den Härten des
Lebens in London. »Das ist wie mit dieser Stork-Margarine im Fernsehen«, sagte er.
»Drei von fünf Leuten können sie nicht von Butter unterscheiden. Drei von fünf Leuten
ist man egal.« Er sprach in schleppendem, lässigem Ton. Die zusammengesunkenen Frauen
starrten aus dem Fenster und schwiegen. Das Baby, dickbäckig und großäugig, sabberte.
Zu beiden Seiten der Eisenbahnschlucht zog London vorüber: verrußte Rückseiten von
Häusern, rote Oberdecks von Bussen, grelle neue Werbeplakate, Schilder an kleinen Läden,
dann Männer in weißen Overalls auf Leitern: Bilder, die schon wie Erinnerungen
anmuteten: das gelobte Land, von dem wir bereits getrennt waren: der Zug nur ein
Morgengeräusch unter vielen. »Eh! Hab ich Ihnen schon das mit dem Vorarbeiter
erzählt?« Seine Stimme war ungezwungen, der Zug war nicht England. »Eines Tages sagt
er: >Blackie, komm mal her.
Rezension I Buchbestellung III02 LYRIKwelt © Hoffmann & Campe