Ein Weg in der Welt von V.S. Naipaul, 1995, Hoffmann & CampeV.S. Naipaul

1. Auftakt - Ein Vermächtnis
(aus: Ein Weg in der Welt, Roman, 1995, Hoffmann & Campe)

Auszug aus „1. Auftakt - Ein Vermächtnis"

Vor über vierzig Jahren verließ ich meine Heimat. Ich war achtzehn. Als ich sechs Jahre später zurückkehrte - ich tat es langsam: die Reise mit dem Dampfer dauerte zwei Wochen -, war mir alles fremd und doch nicht fremd: die Plötzlichkeit, mit der die Nacht hereinbrach, die sehr großen Blätter mancher Bäume, die geschrumpften Straßen, die Wellblechdächer. Man konnte eine Straße entlanggehen und die Melodien der amerikanischen Werbespots hören, die aus den Rundfunkempfängern in den kleinen offenen Häusern kamen. Sechs Jahre zuvor hatte ich die Werbemelodien gekannt, die im Radio gespielt wurden, doch diese hier waren mir völlig neu und klangen für mich wie Folksongs von Fremden. Alle Leute auf der Straße waren dunkler, als ich sie in Erinnerung hatte: Afrikaner, Inder, Weiße, Portugiesen, chinesische Mischlinge. In ihren Häusern wirkten sie nicht so dunkel. Ich nehme an, das lag daran, daß ich auf der Straße eher ein Betrachter war, ein halber Tourist, während ich, wenn ich in ein Haus trat, Menschen besuchte, die ich vor Jahren gekannt hatte. Darum fiel es mir leichter, sie zu sehen. So spielte ich bei meiner Heimkehr mit Eindrücken, wie ich mit meiner ersten Brille gespielt hatte - mal sah die Welt klein, scharf konturiert und nicht ganz wirklich aus, und dann wieder war sie normal groß und wirklich, aber verschwommen; wie ich mit meiner ersten Sonnenbrille gespielt hatte, mit der ich zwischen Kühle und gleißender Helligkeit wechselte, oder wie ich, bei dieser ersten Rückkehr, die mich mit Klimaanlagen bekannt machte, gern von der Kühle eines klimatisierten Raumes in die draußen herrschende Hitze wechselte, und wieder zurück. Im Lauf der Zeit und nachdem ich oftmals zurückgekehrt war, gewöhnte ich mich an all das Neue, doch diese Verschiebungen der Wirklichkeit hörten eigentlich nie auf. Ich konnte sie heraufbeschwören, wann immer ich wollte. Bis vor etwa zwanzig Jahren konnte ich mir bei jeder Rückkehr von Zeit zu Zeit einreden, daß ich halb träumte, etwas wußte und doch nicht wußte. Es war ein angenehmes Gefühl; es erinnerte mich an die Empfindungen, die ich als Kind kennengelernt hatte, wenn ich, einmal in jeder Regenzeit, »Fieber« hatte. Es war in einer solchen Zeit, einer Zeit des »Fiebers«, bei einer Rückkehr, daß ich von Leonard Side hörte, einem Mann, der Kuchen verzierte und Blumen arrangierte. Eine Lehrerin erzählte mir von ihm. Die Schule, in der sie unterrichtete, war neu und lag außerhalb der Vororte der Stadt, in einer Gegend, in der es bis zum Ende des Krieges nur Plantagen und plattes Land gegeben hatte. Das Schulgebäude sah noch immer aus wie ein Stück gerodete Zuckerrohr- oder Kokosnußplantage. Es gab dort nicht einmal einen Baum. Das schlichte, zweistöckige Gebäude - grünes Dach, cremefarbene Mauern - stand für sich allein in der offenen Landschaft, im gleißenden Licht. Die Lehrerin sagte: »Damals, als wir anfingen, war unsere Arbeit ein bißchen wie Sozialarbeit. Wir hatten Mädchen aus Arbeiterfamilien. Einige von ihnen hatten Brüder oder Väter oder andere Verwandte, die im Gefängnis saßen, und sie sprachen darüber, als wäre das die natürlichste Sache der Welt. Eines Tages - es war glutheiß in der Schule, und ringsum war nichts als greller Sonnenschein - hatten wir eine Lehrerkonferenz, und eine der älteren Lehrerinnen, eine indische Presbyterianerin, schlug vor, am ersten Mai eine Feier zu veranstalten, um die Mädchen mit dieser Tradition bekannt zu machen. Alle waren einverstanden, und es wurde beschlossen, die Mädchen zu bitten, Blumengestecke anzufertigen, und einen Preis für das schönste Gesteck auszusetzen. Wenn man einen Preis vergab, mußte man auch einen Preisrichter haben. Ohne einen guten Richter würde das Ganze nicht funktionieren. Aber wer sollte der Preisrichter sein? Die Mädchen, die wir unterrichteten, waren sehr zynisch. Das kam von ihren Familien. Oh, sie waren sehr höflich und so, aber sie waren auch überzeugt, daß alle immer nur auf Betrug aus sind, und im Grunde ihres Herzens sahen sie auf die Leute, die über ihnen standen, herab. Darum konnten wir niemanden vom Ministerium oder von der Schulbehörde bitten, unser Preisrichter zu sein, und auch niemanden, der allzu berühmt war. Damit war die Auswahl sehr eingeschränkt. Da sagte eine der jüngeren Lehrerinnen - sie war sehr jung, war selbst auf dem Land aufgewachsen und kam frisch vom Lehrerseminar -, daß Leonard Side der ideale Preisrichter wäre. Aber wer war Leonard Side? Die junge Lehrerin mußte nachdenken. Dann sagte sie: „Er hat sein Leben lang was mit Blumen gemacht." Tja. Aber dann fiel einer anderen Lehrerin noch etwas ein. Sie sagte, daß Leonard Side Kurse bei der WAA, der Women's Auxiliary Association, veranstalte und bei den Leuten dort beliebt sei. Da könne man ihn also finden. Die Women's Auxiliary Association war im Krieg nach dem Vorbild des britischen Women's Voluntary Service gegründet worden. Ihre Räumlichkeiten befanden sich in der Innenstadt, in Parry's Corner. In Parry's Corner gab es alles mögliche: eine Garage für Busse, eine Garage für Taxis, ein Bestattungsinstitut, zwei Cafés, einen Laden für Stoffe und Kurzwaren und ein paar kleine Büro- und Wohnhäuser; und alles gehörte der bekannten Familie Parry. Ich hatte es nicht weit nach Parry's Corner, und darum bot ich an, hinzugehen und mit Leonard Side zu sprechen. Die WAA befand sich in einem kleinen Gebäude aus der Zeit der Spanier. Die glatte Vorderfront - es war eine dicke, verputzte und getünchte Mauer aus Feldsteinen, mit roh behauenen Quadern an beiden Enden - stand direkt an der Straße, so daß man vom schmalen Bürgersteig gleich ins Vorzimmer trat. Die Eingangstür lag genau in der Mitte der vorderen Hauswand, und rechts und links davon waren zwei kleine Fenster mit Gardinen. Die Tür und die Fenster hatten gelb-braune Jalousien aus waagerechten, miteinander verbundenen Holzleisten, die man hochschieben und mit einem eisernen Haken wieder herunterziehen konnte. Eine dunkelhäutige Frau saß an einem Tisch, und an der staubigen Wand - der Staub hatte sich auf den Unebenheiten der verputzten Feldsteine festgesetzt - hingen englische Fremdenverkehrsplakate: der Tower, englische Landschaften. Ich sagte: „Man hat mir gesagt, ich könnte Mr. Side hier finden." „Er ist drüben, auf der anderen Straßenseite", sagte die Frau an dem Tisch. Ich ging über die Straße. Wie immer um diese Tageszeit war der Asphalt weich und schwarz, so schwarz wie der ölverschmierte Betonboden in Parry's großer Busgarage. Das Gebäude, das ich betrat, war modern, aus grau getünchten, verzierten Betonblöcken, die so aussehen sollten wie behauener Stein. Drinnen war es sehr schlicht und sauber, wie in einer Arztpraxis. „Mr. Side?" sagte ich zu der jungen Frau am Empfangstisch. Sie sagte: „Gehen Sie einfach rein." Ich ging in den nächsten Raum und konnte kaum glauben, was ich sah: Ein dunkelhäutiger Inder machte sich mit den Fingern an einem Leichnam zu schaffen, der auf einem Tisch oder Sockel lag. Ich war in „Parry's Funeral Parlour". Das war ein bekanntes Bestattungsinstitut, sie machten jeden Tag Werbung im Radio, mit Orgelmusik. Ich nehme an, Leonard Side richtete den Leichnam her. „Herrichten" - ich kannte wohl das Wort, hatte aber keine Ahnung, was es bedeutete. Ich war zu verängstigt und entsetzt, um etwas zu sagen. Ich rannte hinaus, durch den Empfangsraum, auf die Straße. Der Mann lief mir nach und rief mit weicher Stimme: „Miss, Miss." Und tatsächlich war er ein ziemlich gutaussehender Mann, trotz der behaarten Finger, die ich den Leichnam auf dem Tisch hatte herrichten sehen. Er war sehr erfreut, daß man ihn darum bat, der Preisrichter beim Blumenwettbewerb der Mädchen zu sein. Er sagte, er wolle den Preis auch gerne überreichen, und wenn wir nichts dagegen hätten, würde er ein kleines Gesteck anfertigen. Und das tat er dann auch: Es war ein kleines Gesteck aus rosafarbenen Rosenknospen. Unsere Maifeier war ein voller Erfolg.

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