Land der Finsternis von V.S. Naipaul, 1997, Hoffmann & CampeV.S. Naipaul

Ein Ruhepunkt für die Phantasie
(aus: Land der Finsternis, 1997, Hoffmann & Campe)

Aus Kapitel 1: Ein Ruhepunkt für die Phantasie

Diese Antipoden rufen alte Erinnerungen an die Zwei- fel und die Verwunderung der Kindheit wach. Vor kur- zem noch habe ich mich auf diese ungreifbare Grenze als einen klar definierten Punkt auf unserer Heimfahrt gefreut; doch nun muß ich feststellen, daß er, wie alle Ruhepunkte für die Phantasie, einem Schatten gleicht, den man voranschreitend nicht erreichen kann. Charles Darwin: Voyage of the Beagle Ihr habt die falschen Bücher gelesen, hatte der Geschäftsmann gesagt. Doch er hatte mir Unrecht getan. Ich hatte viele Bücher gelesen, die er gutgeheißen hätte. Und Indien war auf ganz besondere Art der Hintergrund meiner Kindheit gewesen. Es war das Land, aus dem mein Großvater stammte, ein Land, das mir nie beschrieben wurde und das daher auch nicht real war, ein Land irgendwo draußen im Nichts, jenseits des Pünktchens, das Trinidad war, ein Land, in das wir nie zurückkehren würden und in dem die Zeit stillstand; ich konnte keine Verbindung zwischen ihm und dem Land herstellen, das ich später entdeckte, dem Land, das Gegenstand zahlreicher untadeliger Bücher aus den Verlagen Gollancz und Allen and Unwin war, Ursprungsort von Agenturmeldungen, die in der Redaktion des Trinidad Guardian eingingen. Es blieb ein besonderes, gesondertes Land, das meinen Großvater und andere, die ich kannte, hervorgebracht hatte. Sie hatten sich in Indien verdingt und waren als Kontraktarbeiter nach Trinidad gekommen - obgleich diese Vergangenheit in dasselbe Nichts gefallen war wie Indien, denn man sah es ihnen nicht an, daß sie sich hatten verdingen müssen, ja man sah es ihnen nicht einmal an, daß sie jemals Arbeiter gewesen waren. Es gab eine alte Dame, eine Freundin der Familie meiner Mutter. Sie trug Schmuck und hatte helle Haut und weiße Haare. Sie war sehr imposant. Sie sprach nur Hindi. Ihr elegantes, würdevolles Auftreten und die ernste Stattlichkeit ihres Mannes mit seinem dicken weißen Schnurrbart, seiner makellosen indischen Kleidung und seinem Schweigen, mit dem er ein Gegengewicht zu der beredsamen Bestimmtheit seiner Frau schuf, beeindruckten mich schon früh und machten die beiden für mich zu Menschen, die mir immer fremd blieben, obgleich sie so freundlich waren und uns so nahe standen - sie hatten einen winzigen Laden ganz in der Nähe des Hauses meiner Großmutter -, daß man sie fast als Verwandte hätte betrachten können. Sie stammten aus Indien; das verlieh ihnen einen gewissen Glanz, doch gerade dieser Glanz bildete ein Hindernis. Sie ignorierten Trinidad nicht, sondern leugneten es nachgerade; sie unternahmen nicht einmal den Versuch, Englisch zu lernen, die Sprache, die wir Kinder sprachen. Diese Dame hatte zwei oder drei Goldzähne und wurde von allen Gold Teeth Nanee - »Großmutter Goldzahn« - genannt. Die Mischung aus Englisch und Hindi zeigte, in welchem Maß die Welt, zu der sie gehörte, in den Hintergrund trat. Gold Teeth Nanee hatte keine Kinder, daher vermutlich ihre Frische und ihr Drang, dieselbe Autorität über uns Kinder auszuüben wie meine Großmutter. Das machte sie nicht beliebter. Doch sie hatte einen schwachen Punkt: Sie war gierig wie ein Kind, ein häufiger ungeladener Essensgast, und es war nicht schwer, ihr mit einem Riegel Abführschokolade einen Streich zu spielen. Eines Tages entdeckte sie einen Krug mit etwas, das wie Kokosmilch aussah. Sie probierte und trank den ganzen Krug aus. Dann wurde ihr übel. In ihrer Not legte sie ein Geständnis ab, das mehr wie ein Vorwurf klang. Sie hatte einen Krug Färbemittel für Gamaschen getrunken. Es war erstaunlich, daß sie ihn ausgetrunken hatte, doch was Nahrungsmittel anging, war sie - ganz untypisch für eine Inderin - experimentierfreudig und beharrlich. Die Schande dieses Fehlgriffs mußte sie bis an ihr Lebensende tragen. So zerbrach ein Indien; als wir älter waren und in der Stadt wohnten, schrumpfte Gold Teeth Nanee zu einem ländlichen Original, einem Menschen, mit dem uns nichts verband. Ihre Welt erschien uns so weit entrückt, so tot - und doch: Wie wenig Zeit lag zwischen ihr und uns! Und es gab Babu. Er war so ernst und schweigsam wie Gold Teeth Nanees Mann und hatte ebenfalls einen Schnurrbart, und er bekleidete im Haushalt meiner Großmutter eine eigenartige Stellung. Auch er war in Indien geboren; ich verstand nie, warum er allein in einem Zimmer hinter der Küche wohnte. Es ist ein Indiz für die Beschränktheit der Welt, in der wir Kinder lebten, daß ich von Babu nur eines wußte: Dieser einsame Mann, der abends in seinem dunklen Zimmer kauerte und seine einfachen Mahlzeiten zubereitete, Teig knetete, Gemüse schnitt und andere Dinge tat, die ich immer für Frauenarbeit gehalten hatte, war ein kshatriya, ein Angehöriger der Kriegerkaste. Konnte dieser Krieger wirklich ein Arbeiter sein ? Es erschien mir unvorstellbar, doch später, als der Verlust solcher Illusionen keine große Rolle mehr spielte, erwies es sich als wahr. Wir waren umgezogen. Meine Großmutter brauchte jemanden, der einen Brunnen grub. Es war Babu, der aus dem Hinterzimmer, in dem er noch immer lebte, kam und sich an die Arbeit machte. Das Loch wurde immer tiefer; Babu wurde in einer Hängematte hinabgelassen, mit der auch die Erde nach oben befördert wurde. Dann kam keine Erde mehr. Babu war auf Fels gestoßen. Er ließ sich ein letztes Mal mit der Hängematte hinaufziehen und verschwand wieder in dem Nichts, aus dem er gekommen war. Ich habe ihn nie wiedergesehen, und das einzige Andenken an ihn war das tiefe Loch am Rand des Kricketfeldes. Es war mit Brettern abgedeckt, doch in meiner Vorstellung blieb es eine ständige alptraumhafte Gefahr für eifrige Fänger, die einem Außenlinienball nachjagten. Indien war für uns nicht so sehr in Menschen als vielmehr in Dingen gegenwärtig: in den mit Schnüren bespannten Bettgestellen, schmutzig und beschädigt, die keinem Zweck mehr dienten und, weil es in Trinidad niemanden gab, der diese besondere, einer bestimmten Kaste eigene Fertigkeit besaß, nicht repariert wurden und dennoch ihren Platz einnahmen; in geflochtenen Strohmatten; in unzähligen Messinggefäßen; in hölzernen Druckmodeln, die nie benutzt wurden, weil das Angebot an billigen, bedruckten Stoffen groß und das Geheimnis der Farbmischungen verlorengegangen war, denn es gab keine Färber mehr; in Büchern, deren Seiten groß, rauh und spröde waren, beschrieben mit dicker, öliger Tinte; in Trommeln und einem kaputten Harmonium; in grellen Bildern von Gottheiten, die in rosafarbenen Lotosblüten thronten oder in einem Strahlenkranz vor dem weißen Schnee des Himalaya schwebten; und in den Gerätschaften, die es im Gebetsraum gab: den Messingglöckchen und - gongs, den Räucherwerkhaltern, die aussahen wie römische Lampen, dem langen, schlanken Löffel, mit dem der heilige »Nektar« ausgeteilt wurde (ein bäuerlicher Nektar: an gewöhnlichen Tagen bestand er aus braunem Zucker, Wasser und ein paar Tulsi-Blättchen, an Feiertagen war es süße Milch), den Bildern, den glatten Kieselsteinen, den Sandelholzräucherstäbchen. Es war ein Land, in das wir nie zurückkehren würden. Und erst auf dieser Reise nach Indien sollte ich erkennen, wie vollständig die Verpflanzung vom Osten des Bundesstaates Uttar Pradesh nach Trinidad gelungen war, und das zu einer Zeit, in der die nächste Bahnstation einen stundenlangen Fußmarsch entfernt lag, in der man mit dem Zug mehr als einen Tag lang fahren mußte, bis man in einer Hafenstadt war, und in der eine Schiffsreise nach Trinidad bis zu drei Monaten dauern konnte. In seinen Artefakten war Indien in Trinidad intakt. Es war unsere scheinbar so geschlossene Gemeinschaft, die unvollkommen war. Wir hatten schnell gelernt, ohne Putzer auszukommen. Es gab Zimmerer, Maurer, Schuster, doch wir hatten keine Weber und Färber, keine Messingschmiede, keine Schnurbettenmacher. Darum waren viele Dinge im Haus meiner Großmutter unersetzlich. Sie wurden mit Sorgfalt behandelt, weil sie aus Indien stammten, aber sie waren weiter in Gebrauch, und wenn etwas kaputtging, nahm man es ohne großes Bedauern zur Kenntnis. Das war, wie ich später feststellen würde, eine sehr indische Einstellung. Bräuche müssen eingehalten werden, weil man spürt, daß sie uralt sind.

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