VERKÜNDIGUNG
(Leseprobe aus:
Bombel, Roman, 2004/2008,
Weissbooks - Übertragung
Renate Schmidgall).
Halli-hallo und hi! Ich bin Bombel von der Haltestelle, hier sitze ich nämlich, deshalb von der Haltestelle. Ich rede mit mir selber, wahrscheinlich bin ich schon total übergeschnappt, aber es ist weit und breit niemand da, weil diese Penner noch schlafen; die kuscheln sich in Federn und Decken oder gegenseitig ineinander, wenn sie schlafen, ist ihnen das ja völlig egal. Also: Das soll eine Art Einleitung sein, das heißt, etwas über mich, wie im Fernsehquiz: Ich bin fünfundfünfzig, pensionierter Elektriker, zwei Töchter und eine Frau, ich grüße sie herzlich und winke in die Kamera. Aber im Ernst, ohne Quatsch: Ich bin nicht fünfundfünfzig, sicher habt ihr kapiert, daß ich das bloß gesagt habe, damit´s nicht langweilig wird. Es ist sogar ganz schön, so mit sich zu reden, ich muß dann nicht so viel rauchen, denn normalerweise rauche ich furchtbar viel, irgendwas saugt an mir, als hätte ich nichts gegessen, nichts getrunken, als würde mir ein zweites Ich im Bauch sitzen und die Luft wegnehmen. Aber beim Reden, wie schon gesagt, saugt es bißchen weniger. Um aufs Thema zurückzukommen, nach dem Motto: Hallo, ich bin dein bester Freund – in diesem Rahmen sage ich also: Ich bin achtunddreißig, habe einen Sohn, eine Tochter und ein Haus in gutem Zustand, von meinem Vater geerbt, der vor etwa einem Jahr gestorben ist, Gott hab ihn selig. Ich muß hinzufügen, im Moment sehe ich keinerlei Perspektive, auf mindestens zwei Tage nicht, denn heute ist der sechzehnte, und der Briefträger mit dem Schnurrbart kommt mit seinem vom Geld der Steuerzahler gesponserten kleinen Fiat etwa am achtzehnten zu mir, dann wird sich die Sache klären. Denn ich hab da irgendwelche Schikanen, was mit dem Kopf, irgendwas haben die festgestellt, das heißt, auf den ersten Blick ist alles in Ordnung, aber wenn man genauer hinsieht, stellt sich raus, daß ich dafür Rente kriege, und die ganze polnische Bevölkerung legt jeden Monat zusammen, damit ich, für den sich kein Mensch interessiert, Geld vom Briefträger kriege, von dem mit dem Schnurrbart, denn seiner Frau gefällt er nur mit Schnurrbart, und einmal, als ich sie danach gefragt hab, hat sie sogar gesagt, daß sie ihn auf der Stelle rausschmeißt, wenn er ihn abrasiert. Ja, manchmal tröste ich mich damit, daß ich echt wichtig bin, und wenn mir einer nicht paßt oder wenn einer meint, ich bin ja die totale Null, mit mir muß man erst gar nicht reden, dann denke ich, du Arschloch, du kannst mich vielleicht nicht ausstehen, du meinst vielleicht, ich bin nicht mehr wert als Hundescheiße, aber wenn du den ganzen Monat arbeitest, dann tust du das auch für mich, und wenn du am ersten deinen Lohn kriegst, dann hast du keine Ahnung, daß da der Teil des Geldes fehlt, den der Staat aufgrund des allgemeinen Rentenanspruchs an mich abtritt.
Zuerst vielleicht etwas über die Verhältnisse in der Natur, denn es ist Nacht, das heißt, eigentlich nicht mehr ganz, es sieht nämlich aus, als hätte der berühmte orthodoxe Gott eine Riesenspritze voller Milch in den Himmel gestoßen und würde sie jetzt ganz langsam ausdrücken, denn es wird heller und klebriger. Jetzt rede ich schon so lang mit mir, daß meine Zunge ganz steif ist und meine Stimme gar nicht mehr wie meine klingt. Aber ich weiß, daß es meine ist, wo soll sie auch sonst herkommen, wenn kein Mensch da ist, alle schlafen noch in ihren Häusern, und das noch etwa zwanzig Minuten, und dann wachen sie ein paar Minuten vor dem Wecker auf, und das erste, was sie tun, ist ihn abschalten, damit er nicht klingelt. Denn die brauchen nichts Mechanisches zum Wecken. Seit zig Jahren stehen sie immer um die gleiche Zeit auf, und schließlich haben sie sich dran gewöhnt. Aber das Schlimmste ist der Durst, und heute wird nichts zu machen sein, weder Pietrek wird was haben noch der Hauptmann, der ist zwar alt ist und hat mehr meinen Vater als mich gekannt, aber an mich erinnert er sich, sagt er, wie ich mit einem Stock rumgerannt bin und Pietrek angeschrieen hab, er sei tot, erschossen. Und überhaupt sagt der Hauptmann, er hätte in der Armee gekämpft, als der Krieg an der polnisch-slowakischen Grenze war, er hätte sich mit den Deutschen geschlagen, und deshalb, wegen dem, was er da erlebt hat, sei er jetzt sein Leben lang Soldat. Und wenn er aus dem Haus geht, dann unbedingt mit Umhang und grünem Hemd, an dem er alle Auszeichnungen stecken hat, auch die größten, obwohl die zivil sind, „Erbauer der Volksrepublik Polen“ zum Beispiel, denn es ist egal, von wem, wichtig ist, daß es eine Medaille ist. Und der Hauptmann will nicht, daß wir einfach „Guten Tag“ sagen, er läßt uns salutieren und rufen: „Seid gegrüßt, Herr Hauptmann!“, und er schreit dann zurück: „Seid gegrüßt, Soldaten!“ – denn Disziplin muß sein, ohne Disziplin geht die Gesellschaft unter, wie der Hauptmann sagt, ohne Armee ist alles einen Dreck wert. Der Hauptmann hat das höchste Einkommen von uns, alle möglichen Renten und Pensionen, alle Zulagen plus Heiterer Herbst und Ampliko Laif, Veteranenzulage, Familien- und Schulzulage und Zuschuß zu Medikamenten. Der Hauptmann sprengt einfach die Bank, der faßt die Bürokraten nicht mit Samthandschuhen an, der hat einen Brief an die Frau des Präsidenten und ihren Mann geschrieben, daß er die polnisch-slowakische Grenze gegen die Deutschen verteidigt und dabei sogar eine wichtige Rolle gespielt hat, und jetzt zieht´s ihm im Kreuz und in den Beinen; daß er Polen nach dem Krieg wiederaufgebaut und den ganzen Saustall in die Reihe gebracht hat, den die angeblich so ordnungsliebenden Deutschen hinterlassen haben – und was hat er jetzt davon? Wahrscheinlich kriegt er deshalb alle möglichen Zulagen und muß sich nicht mühsam vom achtzehnten zum achtzehnten schleppen, weil ihm die Mittel fehlen, die leeren Löcher in Bauch und Seele zu stopfen. Aber heute wird der Hauptmann wohl nicht kommen, er kommt ja nur manchmal, und wieso sollte das ausgerechnet heute sein? Es könnte genausogut morgen sein, aber das tröstet mich kein bißchen, das hilft mir nichts, ich will heute trinken; morgen und übermorgen wahrscheinlich auch, aber im Moment zählt nur heute, denn daß ich nach einiger Zeit wieder Durst haben werde, juckt mich jetzt nicht, und überhaupt – scheiß der Hund drauf.
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