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Gottes kleiner Krieger
(Leseprobe aus: Gottes kleine Krieger, Roman,
2006, A 1 Verlag - Übertragung
Giovanni
und Ditte Bandini)
Eines der eindrucksvollsten
Kindheitserlebnisse, an das sich Zia genau erinnern konnte, war ein Konzert in
Firdaus, dem Haus der Familie. Seine Tante Zubeida deutete mit dem Kinn auf das
Podium und sagte: »Der da, das ist der Satan.«
Zia hätte im Bett liegen sollen. Er konnte die Augen kaum offen halten, aber er
war fest entschlossen, nicht einzuschlafen. Seine Eltern hatten seinem Bruder
Amanat - mit der schäbigen Begründung, dieser sei älter - erlaubt, die ganze
Nacht aufzubleiben. Zia würde es ihnen schon zeigen. Nicht nur Amanat, auch
sein Vater, seine Mutter und sämtliche Gäste würden spätestens um drei oder
vier völlig weggetreten sein, aber er würde immer noch durchhalten.
»Schau sich das einer an: Männer und Frauen schamlos durcheinander gemischt«,
brummelte Zubeida, während sie versuchte, Zia mit energischen Klapsen auf Kopf
und Brust zum Einschlafen zu bringen. »Anständige Frauen lassen ihren Sari
nicht von der Schulter rutschen, so dass man ihre Brüste sieht. Sie sollten gar
nicht hier sein. Oder eine Burka tragen, wenn sie in Gesellschaft sind.«
An jedem anderen Tag hätte Zia, dermaßen traktiert, binnen weniger Minuten das
Bewusstsein verloren. Aber nicht heute.
»Ich bin nicht müde«, sagte er und setzte sich in seinem Bett auf, »bestimmt
nicht.«
»Du bist ein eigensinniges Kind, Zia. Ich sollte dich bestrafen, aber ich habe
ein weiches Herz, und du nutzt das aus.« Tante Zubeida seufzte und biss die Zähne
zusammen, fest entschlossen, nein zu sagen. »Na gut. Fünf Minuten darfst du
dir das schändliche Spektakel da draußen ansehen. Dann geht es wieder ins
Bett, und zur Strafe werde ich dir heute Abend kein Schlaflied singen.«
Zia warf die leichte Baumwollsteppdecke beiseite und rannte hinaus. Er lehnte
die Tür hinter sich nur an und ließ sich auf den Teppich plumpsen. Seine Tante
gab sich betont uninteressiert, während sie Kissen und Überdecke glatt strich,
ließ sich aber dann schnell hinter ihm nieder. Der berühmte Sänger Rehmat
Khan dröhnte von der Mitte einer improvisierten Bühne aus wie ein sich
zusammenbrauendes Gewitter. Zu seiner Linken saß der Tabla-Spieler, kaute pan
und machte ein gelangweiltes Gesicht, während auf der rechten Seite der
Sarangi-Spieler dem Gesang mit minimaler Verzögerung folgte und ihn Ton für
Ton auf seinem Streichinstrument nachspielte. Hinter dem Sänger saß ein Mann,
der wie dessen kleinere und dürftigere Kopie wirkte. Er zupfte die vier Saiten
seines Instruments und tat dabei so, als wäre er gar nicht da, in der Hoffnung,
dass sein Vater ihn nicht auffordern würde, in seinen Gesang einzustimmen. Doch
von Zeit zu Zeit stieß der ehrwürdige Sänger einen Grunzlaut aus, und der
junge Mann gab ein paar kraftlose Töne von sich.
Zia hätte es vorgezogen, Rehmat Khan nicht anzusehen, aber die schiere Masse
des Mannes übte eine Anziehungskraft aus, der man sich nicht entziehen konnte.
Er war kein Mensch, er war ein Berg, ein Kangchenjunga mit gezwirbeltem
Schnauzbart. Bis an den Himmel reichte er zwar nicht ganz, aber das war egal.
Man hatte das Gefühl, dass seine spannenhohe kaschmirische Mütze ihn streifte.
Er trug eine knielange mitternachtsblaue Jacke. Die drei obersten Knöpfe samt
Kragenschnalle sowie die drei untersten Knöpfe waren offen. Unter seinen
Achseln waren dunkle Schweißflecken zu sehen, und er wischte sich in einem fort
das Gesicht mit einem riesigen grünseidenen Tuch ab. Er saß mit gekreuzten
Beinen da. Unter seiner Hose sahen magentarote Socken hervor. Ihre Elastikbündchen
waren ausgeleiert und hingen wie welke Blütenblätter nach außen. Der Mann
hatte eine Stimme wie eine gigantische Bohrmaschine, die gut hundert Meter unter
der Erde einen Tunnel grub; nichts konnte ihr widerstehen. Wenn er gewollt hätte,
wäre es ihm ein Leichtes gewesen, den Erdboden unter ihnen wegzuschieben und
sie in die feurigen Abgründe des jehannam stürzen zu lassen, die laut
Zias Tante Zubeida den Sündern und Ungläubigen vorbehalten waren.
Selbst mit geschlossenem Mund hätte der Sänger furchteinflößend ausgesehen.
Aber was er mit Augen, Mund, Zunge und Händen veranstaltete, erfüllte Zias
Herz mit purem Entsetzen. Der Zeigefinger von Rehmat Khan schoss plötzlich in
die Höhe und wies auf die Mitte des riesigen flammenden Kronleuchters. Seine
linke Augenbraue wölbte sich bedrohlich, und von den Augen war nur noch das Weiße
zu sehen. Sein Mund, die Lippen weiter geöffnet als seine ausgeleierten Socken,
kreiste wild um sich selbst, während seine Zunge im Inneren der Mundhöhle wie
ein nach Luft schnappender roter Fisch zappelte. Die andere Hand griff nach oben
und holte die erste zurück. Von der Disharmonie und Heftigkeit des Schauspiels
gebannt, rollten auch Zias Pupillen nach außen, sein Mund stand weit offen, und
seine Zunge flatterte im Gleichtakt mit der des Sängers. Jetzt tauchte ustad
Rehmats Kopf hinab, während seine rechte Hand die fünf Töne, mit denen
er spielte, zu einer verschlungenen, hin und her schlingernden, funkelnden und
Purzelbäume schlagenden Koloratur klein hackte. Mindestens hundertfünfzig,
vielleicht zweihundert Leute, die auf Teppichen um das Podium, an den Türen und
auf der gesamten Länge der vorderen Veranda des Hauses saßen, starrten ihn
gebannt an.
Es war Dezember. Wahrscheinlich stieg die Flut gerade, denn es war eine frische
Brise aufgekommen. Die feuchten Flecke in den Achselhöhlen des Ustad trockneten
allmählich und hinterließen dabei einen hellen Rand, der die Grenze ihrer größten
Ausbreitung anzeigte.
Das Tempo nahm zu. Die Stimme des Ustad grollte mal wie Donner, zirpte bald im
Falsett. Sie sprang von Register zu Register, dass den Zuhörern schwindlig
wurde. Auch der Tabla-Spieler war mittlerweile voll eingestiegen. Er drosch mit
flachen Händen auf seine zwei Trommeln ein. Noch ein paar Prügel dieser Art,
und das straffe Leder würde zerreißen und seine Hände würden in den Dingern
verschwinden. Jetzt verlor der Ustad jegliche Beherrschung. Es war nicht mehr zu
erkennen, ob er lächelte oder weinte oder beides gleichzeitig tat. Seine Hände
wirbelten, seine Augen rollten, seine Ohren zuckten und sein Unterkiefer schien
aus dem Gelenk gesprungen zu sein, aber er wütete unverdrossen weiter.
Das war der Moment, als Zubeida-khala den Namen des Verhassten in den
Mund nahm: »Der da, das ist der Satan.«
»Ist Singen verboten, Khalajan?«
»Ja«, fauchte Zubeida. »Außer, es ist zum Lobe Allahs.«
»Vielleicht lobt er ja den Allmächtigen.«
»Nein, tut er nicht.«
»Woher wissen Sie das? Man versteht doch kein Wort von dem, was er sagt.«
»Lästere nicht! Ich weiß es tief in meinem Herzen.«
»Dann ist Satan also das, was der Ustad macht?«
»Nicht der Ustad, du Dummkopf. Der ist nur der Handlanger des Satans.«
»Wer ist dann der Satan?«
»Dein Vater. Ja, dein Vater. Er ist der leibhaftige Böse. Seinetwegen werden
wir alle in Ewigkeit in der Hölle schmoren.«
Und da wusste Zia, dass er seinen Abba für immer und ewig verloren
hatte. Seine Tante hatte Recht: Abbajan war Satan, denn nur er war imstande,
sich so sanft, lustig, liebevoll und zärtlich zu geben, so zu tun, als rackerte
er sich für das Wohl seiner Familie ab, während er unentwegt ihren Untergang
plante. Doch er, Zia Khan, würde sich vor seiner Pflicht nicht drücken. War er
nicht der Gesalbte? Zubeida-Khala hatte ihm das schon immer gesagt. Und jetzt
war es seine Pflicht, diesen Teufel, der sich als sein Vater ausgab,
erbarmungslos zu entlarven und bloßzustellen. Mochte Abbajan es nur wieder mit
seinen Tricks versuchen, sollte er ihm ruhig zu seinem Geburtstag, der nächsten
Monat war, ein Geschenk kaufen, er würde es ablehnen. Aber das würde nicht
ausreichen. Teuflisch wie Abbajan war, kaufte er Geschenke für die ganze
Familie, einschließlich Zubeida-Khala, selbst wenn keiner Geburtstag hatte. Nur
wegen des Vergnügens, die Freude in ihren Gesichtern zu sehen, sagte er. Vergnügen,
das war das entscheidende Wort. Vergnügen ist die Schlinge, mit der der Satan
leichtgläubige Dummköpfe verführt und einfängt. Abbajan würde heute Nacht
zusammen mit Ammi in sein Zimmer kommen, um ihm einen Gutenachtkuss zu
geben, doch er, Zia, würde sich abwenden. Das würde Ammijan verletzen, aber da
konnte man nichts machen. Schließlich tat er es für eine gute Sache, für die
allergrößte Sache überhaupt. Der Allmächtige würde es schon verstehen und
stolz auf ihn sein.
Zia würde sich eine Liste all der Dinge machen, die seinem Vater Freude
bereiteten, und sich ihrer von nun an enthalten. Das würde schwierig werden.
Sein Vater freute sich über kleine Dinge, mittelgroße Dinge, große Dinge. Er
war ein solcher Schurke, dass es ihm sogar Freude machte, absolut gar nichts zu
tun. Er fand es unterhaltsam zuzusehen, wie sich sein beginnendes Bäuchlein auf
und ab bewegte, wenn er im Bett auf dem Rücken lag. Er legte sich eine Murmel
in den Nabel und schloss mit den Söhnen und seiner Frau Wetten ab, ob sie nach
links oder rechts, zurück oder nach vorn in Richtung seines Kinns rollen würde.
Er hatte besondere Kosenamen für sie alle: Ammijan war die »Liebe« seines
Lebens, Amanat war die »Freude« seines Lebens, und Zia - ganz der Bedeutung
seines Namens entsprechend - war das »Licht« seines Lebens.
Da saß er, der Satan. Seine Augen waren geschlossen, und er ging vollkommen in Ustad Rehmats Gesang auf. Neben ihm saß Satans Sohn, Zias Todfeind, Amanat. Die »Freude« würde bald aus ihrem Leben verschwinden, dafür würde Zia schon sorgen.
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