Lolita
lesen in Teheran
(Leseprobe aus: Lolita
lesen in Teheran, Buch, 2005,
DVA - Übertragung Maja Ueberle)
Nachdem ich meine letzte Stelle an
der Universität aufgegeben hatte, wollte ich mir im Herbst 1995 etwas Gutes tun
und mir einen Traum erfüllen. Ich wählte sieben meiner besten und
engagiertesten Studentinnen aus und lud sie jeden Donnerstagmorgen zu mir nach
Hause ein, um dort über Literatur zu diskutieren. Die Gruppe bestand nur aus
Frauen - es wäre zu riskant gewesen, eine gemischte Klasse in der privaten Sphäre
meines Hauses zu unterrichten, auch wenn wir nur harmlose Romane gelesen hätten.
Ein Student, der von unserem Unterricht ausgeschlossen war, ließ allerdings
nicht locker. Also erhielt auch Nima die Texte, die gerade verteilt wurden, und
an bestimmten Tagen kam er zu mir nach Hause, um über die Bücher zu sprechen,
die wir gerade lasen.
Ich erinnerte meine Studentinnen oft scherzhaft an Die Blütezeit der Miss Jean
Brodie von Muriel Spark und fragte: Wer von euch wird mich schließlich
verraten? Denn ich bin von Natur aus pessimistisch und war sicher, daß sich
zumindest eine mit mir überwerfen würde. Nassrin bemerkte darauf einmal spitz,
ich hätte ihnen doch gesagt, daß letztlich wir selbst es seien, die uns
verraten und uns wie Judas gegenüber Christus verhalten würden. Manna wies
darauf hin, daß ich nicht Miss Brodie sei, und sie, nun, sie seien eben, was
sie seien. Sie erinnerte mich an eine Warnung, die ich oft und gern wiederholte:
Versuchen Sie nie, unter keinen Umständen, ein dichterisches Werk zu
verharmlosen, indem Sie es in einen Abklatsch des wirklichen Lebens verwandeln.
Was wir in der Literatur suchen, ist nicht so sehr die Wirklichkeit als vielmehr
das Aufscheinen der Wahrheit. Aber wenn ich, was ich ungern täte, das
literarische Werk aussuchen müßte, in dem sich die meisten Anklänge an unser
Leben in der Islamischen Republik Iran finden, dann wäre es wahrscheinlich
nicht Die Blütezeit der Miss Jean Brodie oder 1984, sondern Nabokovs Einladung
zur Enthauptung oder noch besser: Lolita.
An meinem letzten Abend in Teheran, zwei Jahre nach unserem ersten
Donnerstagmorgen-Seminar, kamen einige Freunde und Studentinnen, um mir beim
Packen zu helfen und sich von mir zu verabschieden. Als wir das Haus vollkommen
leer geräumt hatten, alle Sachen verstaut und die bunten Farben wie
herumirrende Geister, die sich wieder in ihre Flaschen verziehen, in acht grauen
Koffern verschwunden waren, stellten meine Studentinnen und ich uns vor die
nackte weiße Wand des Eßzimmers und machten zwei Fotos.
Diese beiden Fotos liegen jetzt vor mir. Auf dem ersten stehen sieben Frauen vor
einer weißen Wand. Sie tragen, dem Gesetz des Landes entsprechend, schwarze
Kleider und Kopftücher und sind bis auf das Oval des Gesichts und die Hände
vollkommen verhüllt. Auf dem zweiten Bild dieselbe Gruppe, die gleiche Haltung,
vor derselben Wand. Nur daß die Frauen ihre Verhüllung abgelegt haben. Die
Farbtupfen springen sofort ins Auge. Durch die Farben und den Stil ihrer
Kleidung, die Farbe und Länge ihrer Haare bekommt jede etwas
Charakteristisches. Nicht einmal die beiden, die auch hier ihr Kopftuch tragen,
sehen gleich aus.
Ganz rechts außen auf dem zweiten Bild steht unsere Dichterin, Manna, in weißem
T-Shirt und Jeans. Sie machte aus Dingen, die die meisten nicht weiter beachten,
Poesie. Auf dem Foto ist jedoch nichts von ihren eigenartig stumpfen, dunklen
Augen zu sehen, die Mannas in sich gekehrtem, verschlossenem Charakter
entsprechen.
Gleich neben ihr steht Mahshid, deren langes schwarzes Kopftuch nicht recht zu
ihren feinen Gesichtszügen und dem vorsichtigen Lächeln paßt. Mahshid kannte
sich in vielen Dingen gut aus, aber sie benahm sich auch gerne etwas geziert, so
daß wir sie schließlich mit "Mylady" anredeten. Nassrin meinte dazu
immer, wir würden damit allerdings weniger über Mahshid aussagen als vielmehr
dem Wort Lady eine neue Dimension verleihen. Mahshid ist sehr sensibel. Sie sei
wie Porzellan, sagte Yassi einmal zu mir, sehr zerbrechlich. Darum wirkt sie
auch auf jemanden, der sie nicht gut kennt, so schwach. Aber wehe dem, der ihr
zu nahe kommt. Was mich angeht, so fuhr Yassi gutmütig fort, ich bin wie gutes
altes Plastik: Egal, was man mit mir anstellt, ich geh nicht kaputt.
Yassi war die Jüngste in unserer Gruppe. Sie ist die in Gelb, die sich nach
vorne beugt und sich vor Lachen kaum halten kann. Manchmal zogen wir sie auf und
nannten sie unsere Comedy-Queen. Yassi war von Natur aus schüchtern, aber bei
bestimmten Dingen erwachte ihr Temperament, und sie verlor jegliche Hemmungen.
Mit ihrem sanften Spott konnte sie nicht nur andere, sondern auch sich selbst in
Frage stellen.
Ich bin die in Braun, direkt neben Yassi, der ich einen Arm um die Schulter
lege. Gleich hinter mir steht Azin, die größte meiner Studentinnen, mit ihrem
langen blonden Haar und einem rosa T-Shirt. Wie wir anderen lacht auch sie. Aber
Azins Lächeln sah nie wie ein Lächeln aus, es wirkte mehr wie der Vorbote
einer unbezähmbaren, nervösen Heiterkeit. Sie strahlte auf eine ganz eigene
Art, selbst wenn sie von den jüngsten Problemen mit ihrem Ehemann erzählte.
Azin, immer leidenschaftlich und unverblümt, genoß es, wenn sie die anderen
mit dem, was sie sagte und tat, schockieren konnte, und geriet oft mit Mahshid
und Manna aneinander, was ihr schließlich bei uns den Spitznamen "die
Wilde" einbrachte.
Auf der anderen Seite neben mir erkennt man Mitra, die vielleicht Ruhigste von
uns allen. Wie die Pastellfarben in ihren Gemälden schien auch sie sich uns
immer mehr zu entziehen und in diffusere Gefilde zu entschweben. Zwei wunderbare
Wangengrübchen verliehen ihrer Schönheit eine ganz eigene Note, die sie, wenn
sie sich jemanden gefügig machen wollte, durchaus einzusetzen wußte.
Sanaz, die sich immer von Familie und Gesellschaft unter Druck gesetzt fühlte
und zwischen ihrem Wunsch nach Unabhängigkeit und dem Bedürfnis nach
Anerkennung schwankte, hält sich an Mitras Arm fest. Alle lachen wir. Unser
unsichtbarer Teilnehmer, der Fotograf, ist Nima, Mannas Ehemann und der einzige
wirkliche Literaturtheoretiker unter meinen Studenten - hätte er nur die
Ausdauer gehabt, die brillanten Essays, die er begonnen hatte, auch
fertigzustellen.
Es gab noch eine Studentin, die aber nicht auf den Fotos ist: Nassrin, die nicht
bis zum Ende dabei war. Aber meine Geschichte wäre unvollständig ohne die, die
nicht bei uns bleiben wollten oder konnten. Ihre Abwesenheit wirkt immer noch
nach, wie ein akuter Schmerz, der keine physische Ursache mehr zu haben scheint.
Das ist Teheran für mich: Das, was fehlte, war realer als das, was da war.
Wenn ich mir Nassrin heute vorstelle, dann ist ihr Bild leicht verschwommen,
unscharf, irgendwie weit weg. Ich bin die Fotos durchgegangen, die von meinen
Studenten und mir im Lauf der Zeit gemacht wurden, und Nassrin ist auf vielen
davon zu sehen, aber immer versteckt hinter etwas - einer Person oder einem
Baum. Auf einer Aufnahme stehe ich mit acht Studentinnen in dem kleinen Garten
vor unserem Fakultätsgebäude, der Kulisse so vieler Abschiedsbilder in all den
Jahren. Im Hintergrund eine schattenspendende Weide. Wir lächeln, und in einer
Ecke, hinter der größten Studentin, guckt Nassrin hervor, wie ein kleiner
Kobold, der spitzbübisch in einer Szenerie auftaucht, in der er eigentlich
nichts zu suchen hat. Auf einem anderen Bild ist in dem engen V, das die
Schultern zweier anderer Mädchen bilden, kaum ihr Gesicht zu erkennen. Sie
sieht merkwürdig geistesabwesend aus und schaut so finster drein, als ob sie
nicht bemerken würde, daß sie gerade fotografiert wird.
Wie läßt sich Nassrin beschreiben? Ich habe sie einmal in Anspielung auf Alice
im Wunderland die "Grinsekatze" genannt, die an unerwarteten
Wendepunkten meines akademischen Lebens auftauchte und wieder verschwand. Die
Wahrheit ist: Ich kann sie nicht beschreiben, nicht in Worte fassen. Man kann
nicht mehr sagen, als daß Nassrin eben Nassrin war.
Beinahe zwei Jahre lang, fast jeden Donnerstagmorgen, bei Sonne oder Regen kamen
sie zu mir nach Hause, und beinahe jedes Mal traf es mich wieder wie ein Schock,
wenn sie die vorgeschriebenen Schleier und Umhänge ablegten und die Farben förmlich
aus ihnen herausplatzten. Wenn meine Studentinnen diesen Raum betraten, legten
sie mehr ab als nur ihre Kopftücher und Mäntel. Schritt für Schritt gewann
jede von ihnen an Kontur und Gestalt und wurde so ein eigenständiges,
einzigartiges Wesen. Unsere Welt in diesem Wohnzimmer mit seinem Ausblick auf
mein geliebtes Elbursgebirge wurde zu unserem Zufluchtsort, einem geschlossenen
Universum, das der Realität voller schwarz verschleierter, ängstlich
dreinblickender Gesichter in der unter uns liegenden Stadt trotzte.
Das Thema des Seminars war der Zusammenhang zwischen Fiktion und Realität. Wir
lasen klassische persische Literatur, wie die Erzählungen unserer eigenen
Grande Dame der Literatur, Scheherazade, aus Tausendundeiner Nacht und parallel
dazu westliche Klassiker wie Stolz und Vorurteil, Madame Bovary, Daisy Miller,
Der Dezember des Dekan und, ja tatsächlich, Lolita. Während ich die Titel der
einzelnen Bücher hinschreibe, vertreiben die mit dem Wind hereinwirbelnden
Erinnerungen die Ruhe dieses Herbsttages, den ich in einem anderen Zimmer, in
einem anderen Land verbringe.
In dieser anderen Welt, die so oft in unseren Diskussionen eine Rolle spielte,
sitze ich hier und heute und stelle sie mir wieder vor, meine Mädchen, wie ich
sie bald nannte, stelle mir vor, wie wir Lolita lasen, in einem trügerisch
sonnigen Raum in Teheran. Aber, um es mit den Worten von Humbert, dem
Dichter/Verbrecher aus Lolita, auszudrücken: "Ich brauche Sie, die Leser,
in deren Phantasie wir leben, und ohne die wir nicht wirklich existieren
werden." Versuchen Sie uns vor dem Hintergrund der Tyrannei von Zeit und
Politik zu sehen, wie wir uns manchmal selbst nicht sehen konnten: in unseren
intimsten und geheimsten Momenten, in den außergewöhnlichsten gewöhnlichen
Lebenslagen, beim Musikhören, wenn wir uns verliebten, düstere Straßen
entlanggingen oder in Teheran Lolita lasen. Und dann stellen Sie sich vor, wie
wir lebten, nachdem all das verboten, in den Untergrund gedrängt und uns
weggenommen worden war.
Ich schreibe heute über Nabokov, weil ich damit die Tatsache würdigen will, daß
wir trotz aller Hindernisse in Teheran Nabokov gelesen haben. Von all seinen
Romanen wähle ich den, den ich zuletzt im Unterricht behandelt habe und der mit
so vielen Erinnerungen verknüpft ist. Ich will zwar über Lolita schreiben,
aber ich kann zumindest jetzt nicht über diesen Roman schreiben, ohne auch über
Teheran zu schreiben. Dies also ist die Geschichte von Lolita in Teheran. Sie
handelt davon, wie Lolita Teheran eine neue Farbe verlieh und wie Teheran mit
daran beteiligt war, daß wir Nabokovs Roman neu lasen und er damit zu dieser
Lolita, unserer Lolita wurde.
Und so versammelten wir uns an einem Donnerstag Anfang September zu unserem
ersten Treffen in meinem Wohnzimmer. Hier kommen sie, noch einmal. Zuerst höre
ich die Klingel, eine Pause, und das Schließen der Haustür. Dann Schritte, die
die Wendeltreppe heraufkommen, vorbei am Apartment meiner Mutter. Während ich
zur Wohnungstür gehe, erspähe ich durch das Seitenfenster ein Stück Himmel.
Sobald sie an der Tür sind, nehmen alle Mädchen Umhang und Kopftuch ab,
manchmal schütteln sie dabei die Haare. Sie warten einen Moment, bevor sie das
Zimmer betreten. Aber: Dieses Zimmer gibt es nicht mehr, nur die quälende Leere
der Erinnerung.
Das Wohnzimmer war mehr als jeder andere Ort in unserem Haus ein Symbol für
mein nomadisches und unstetes Leben. Ein Sammelsurium an ausgefallenen Möbelstücken,
die aus den unterschiedlichsten Zeiten und Orten stammten, teils aus
finanziellen Gründen, teils wegen meines eklektischen Geschmacks. Diese an sich
unvereinbaren Elemente ergaben zusammen eine merkwürdige Harmonie, die den
anderen, einheitlicher eingerichteten Räumen der Wohnung fehlte.
Meine Mutter machte es jedes Mal ganz verrückt, wenn sie die an die Wand
gelehnten Bilder, die Blumenvasen auf dem Boden oder die Fenster ohne Vorhänge
sah, die ich mich weigerte zuzuhängen, bis ich schließlich ermahnt wurde, daß
Fenster in einem islamischen Land zu verhüllen seien. "Ich weiß nicht,
bist du wirklich meine Tochter?" jammerte sie immer. "Habe ich dir
nicht beigebracht, wie man Ordnung hält?" Ihre Stimme klang ernst, aber
sie beklagte sich nun seit so vielen Jahren darüber, daß es fast schon zu
einem zärtlichen Ritual geworden war. "Azi" - das war mein Kosename -
"Azi", sagte sie, "du bist jetzt eine erwachsene Frau, also
benimm dich auch so." Aber ihr Tonfall hatte auch etwas, das mich jung,
verletzlich und eigensinnig werden ließ, und noch heute, wenn ich mir ihre
Stimme ins Gedächtnis rufe, weiß ich, daß ich ihre Erwartungen nie ganz erfüllt
habe. Ich bin nie die Dame geworden, die sie aus mir machen wollte.
Dieser Raum, um den ich mich damals nie sehr gekümmert habe, hat heute für
mich, da er zu einem wertvollen Objekt meiner Erinnerung geworden ist, eine ganz
andere Bedeutung. Er war ziemlich groß, aber nur spärlich möbliert. In einer
Ecke befand sich der Kamin, eine phantasievolle Kreation meines Mannes Bijan. An
einer Wand stand ein kleines Sofa, über das ich eine Spitzendecke gelegt hatte,
ein Geschenk meiner Mutter aus grauer Vorzeit. Gegenüber dem Fenster eine
pfirsichfarbene Couch, dazu zwei passende Stühle und ein großer quadratischer
Tisch mit Glasplatte.
Mein Platz war immer der Stuhl, der mit dem Rücken zum Fenster stand, das sich
auf eine breite Sackgasse namens Azar hin öffnete. Direkt gegenüber befand
sich das einstige Amerikanische Krankenhaus, früher klein und exklusiv, jetzt
eine laute, überbelegte Klinik für verwundete und invalide Kriegsopfer. An den
Wochenenden - im Iran Donnerstag und Freitag - war die kurze Straße voller
Krankenhausbesucher, die wie zu einem Picknick Sandwiches und Kinder
mitbrachten. Der Garten vor dem Haus des Nachbarn, der sein ganzer Stolz und
seine ganze Freude war, war ihr Hauptangriffsziel, besonders im Sommer, wenn sie
sich bei seinen geliebten Rosen bedienten. Wir hörten die Kinder schreien,
weinen und lachen und dazwischen das Geplärr ihrer Mütter, wenn sie nach ihnen
riefen und mit Strafen drohten. Manchmal drückte eines der Kinder unsere Türklingel
und rannte weg, um diesen "gefährlichen" Streich in bestimmten Abständen
zu wiederholen.
Von unserer Wohnung im ersten Stock - meine Mutter bewohnte das Erdgeschoß, die
Wohnung meines Bruders im zweiten Stock stand oft leer, seit er nach England
gegangen war - konnten wir die oberen Zweige eines Baumes mit ausladender Krone
sehen, und in der Ferne über den Dächern das Elbursgebirge. Der Blick auf die
Straße, das Krankenhaus und seine Besucher aber war uns durch eine Art Zensur
versperrt, sie lebten in unserer Wahrnehmung nur durch die körperlosen Stimmen,
die zu uns heraufdrangen.
Von meinem Platz aus konnte ich meine Lieblingsberge nicht sehen, aber direkt
gegenüber von meinem Stuhl hing an der Wand des Eßzimmers ein antiker ovaler
Spiegel, ein Geschenk meines Vaters, und darin sah ich die Berge, die selbst im
Sommer schneebedeckt waren, und die Bäume mit ihrem sich wandelnden
Farbenspiel. Dieser zensierte Blick verstärkte bei mir den Eindruck, daß der Lärm
nicht von der Straße käme, sondern von einem weit entfernten Ort, einem Ort,
dessen ständiges Summen unsere einzige Verbindung war zu einer Welt, die wir, für
diese wenigen Stunden, nicht zur Kenntnis nehmen wollten.
Dieser Raum wurde für uns alle ein Ort der Grenzüberschreitung. Was für ein Märchenland!
Wir saßen um den großen, mit Blumensträußen bedeckten Couchtisch und lebten
in und aus den Romanen, die wir lasen. Im Rückblick bin ich verblüfft, wieviel
wir, ohne es recht zu merken, lernten. Um es mit Nabokov zu sagen: Wir spürten
an uns selbst, wie aus einem ganz gewöhnlichen Kiesel ein Edelstein werden kann
- durch das magische Auge der Literatur.
Sechs Uhr früh: der erste Kurstag. Ich war schon auf. Zu aufgeregt für ein
richtiges Frühstück, setzte ich Wasser auf und nahm erst einmal eine
ausgiebige Dusche. Das Wasser streichelte meinen Hals, meinen Rücken, meine
Beine, und ich fühlte mich gleichzeitig fest verwurzelt und leicht. Zum ersten
Mal seit vielen Jahren empfand ich eine Vorfreude, die nicht durch Anspannung
getrübt war: keine quälenden Rituale wie in der Zeit, in der ich an der
Universität gelehrt hatte - Rituale, die meine Kleidung und mein Verhalten
bestimmten und mich zur Selbstkontrolle nötigten. Auf diese Unterrichtsstunde würde
ich mich anders vorbereiten.
Das Leben in der Islamischen Republik war unbeständig wie der April. Auf
Sonnenschein folgten plötzlich Regenschauer und Sturm. Es war unberechenbar: In
diesem Regime folgten Zeiten der Toleranz und Zeiten drastischer Maßregelung
fast zyklisch aufeinander. Nach einer Phase relativer Ruhe und sogenannter
Liberalisierung waren jetzt wieder härtere Zeiten eingekehrt. Wieder einmal
hatten die Kulturpuristen sich auf die Universitäten eingeschossen und erließen
immer strengere Vorschriften. Das ging sogar so weit, daß Männer und Frauen in
den Seminaren getrennt wurden und ungehorsame Professoren mit Bestrafung zu
rechnen hatten.
Die Universität von Allameh Tabatabai, an der ich seit 1987 unterrichtete, galt
als eine der liberalsten Universitäten des Iran. Man munkelte, daß jemand im
Bildungsministerium die rhetorische Frage gestellt habe, ob die Fakultäten von
Allameh denn meinten, sie befänden sich in der Schweiz! Die Schweiz war eine
Art Synonym für westliche Laxheit geworden. Jeder Plan und jedes Vorgehen, die
als unislamisch galten, wurden mit der höhnisch-vorwurfsvollen Bemerkung
kommentiert, der Iran sei schließlich nicht die Schweiz.
Die Studenten litten am meisten darunter. Hilflos hörte ich mir ihre endlosen
Klagen an. Studentinnen wurden bestraft, weil sie die Treppen hoch rannten, wenn
sie spät dran waren, weil sie in den Fluren lachten, weil sie mit männlichen
Studenten sprachen. Eines Tages war Sanaz am Ende der Vorlesung tränenüberströmt
in den Hörsaal geplatzt. Schluchzend hatte sie erzählt, daß sie zu spät kam,
weil eine Wächterin am Tor in ihrer Handtasche Rouge entdeckt hatte und sie mit
einer Rüge hatte nach Hause schicken wollen.
Warum hatte ich so plötzlich aufgehört zu lehren? Diese Frage hatte ich mir
schon oft gestellt. Lag es an der nachlassenden Qualität der Universität? An
der immer größer werdenden Gleichgültigkeit der Fakultätsmitglieder und
Studenten? Dem täglichen Kampf gegen Willkürregeln und Restriktionen?
Lächelnd erinnerte ich mich, während ich mir mit einem rauen Luffaschwamm den
Körper abrieb, an die Reaktion der Universitätsverwaltung auf mein Kündigungsschreiben.
Die Beamten hatten mich auf alle erdenklichen Arten schikaniert und eingeengt,
kontrolliert, mit wem ich Umgang hatte, mein Tun und Lassen überwacht, eine längst
fällige Festanstellung torpediert, doch als ich kündigte, hatten sie plötzlich
Mitleid mit mir und weigerten sich, die Kündigung zu akzeptieren. Das versetzte
mich nun auch wieder in Wut. Die Studenten hatten angedroht, den Unterricht zu
boykottieren, und später fand ich zu meiner Genugtuung heraus, daß sie in der
Tat trotz Strafandrohungen meinen Nachfolger boykottiert hatten. Jeder glaubte,
ich würde letzten Endes doch noch weich werden und zurückkommen.
"Was wirst du denn jetzt machen?" fragten mich meine Freunde.
"Wirst du einfach zu Hause bleiben?" Ich könnte ja wieder ein Buch
schreiben, erklärte ich ihnen. Aber in Wahrheit hatte ich keine konkreten Pläne.
Ich war immer noch mit den Schockwellen beschäftigt, die die Veröffentlichung
meines Nabokov-Buches ausgelöst hatte. Für ein neues Buch hatte ich bislang
nicht mehr als ein paar vage Ideen im Kopf. Ich konnte natürlich die Zeit auf
angenehme Weise mit dem Studium persischer Klassiker füllen. Aber es gab doch
ein bestimmtes Projekt, eine Idee, die ich seit Jahren heimlich hegte. Lange
hatte ich davon geträumt, einen speziellen Kurs abzuhalten, einen, der mir die
Freiheit ließ, die mir beim offiziellen Unterricht verwehrt war. Ich wollte
einige ausgewählte Studentinnen unterrichten, die sich ganz dem Studium der
Literatur verschrieben hatten, Studentinnen, die nicht von der Regierung ausgewählt
worden waren und sich nicht deshalb für Englische Literatur entschieden hatten,
weil sie in anderen Fächern nicht zugelassen worden waren oder weil es ihrer
Karriere nützte.Die Lehrtätigkeit in der Islamischen Republik war, wie jeder
andere Beruf, der Politik untergeordnet und willkürlichen Regeln unterworfen.
Die Freude am Unterrichten wurde von Schikanen des Regimes getrübt - wie gut
kann Unterricht sein, wenn es der Universitätsverwaltung nicht um die Qualität
der Arbeit, sondern um die Farbe der Lippen und das subversive Potential einer
einzelnen Haarsträhne geht?
Rezension I Buchbestellung I home III07 LYRIKwelt © DVA