Horst Nägele

Der reale Grund
Eine Bestätigung von N. F. S. Grundtvigs Modell eines ‚Grund-Realen‘ durch Peirce

ZUSAMMENFASSUNG:

Die Setzungen und Anschauungsformen des deutschen Idealismus seien ohne ‚etwas ganz und gar Grund-Reales‘ (Udsigt over Verdens Krøniken: 659), also ohne einen realen Grund, nicht denkbar. So der dänische Theologe Nicolai Frederik Severin Grundtvig (1783-1872), dem zufolge ‚die Vernunft ohne den Maßstab für die Wahrheit in der Zeit nichts in sich selber findet [...] der Mensch sich in der Zeit entwickelt und nur in ihr begriffen werden kann‘ (Dannevirke 1: 120). Nachstehend wird aufzuzeigen versucht, wie sich Grundtvigs These mit dem berührt, was einige Jahrzehnte später durch Peirce in seiner Lehre von einer Zeichenprogression vertreten wird, mit dem postulierten would be, bezogen auf ein als normal habit sich legitimierendes final habit als Wahrheitskriterium (CP 8.184, 8.343).

 

SUMMARY:

From the point of view of the Danish theologian Nicolai Frederik Severin Grundtvig (1783-1872) the principles of the German idealistic approach to cognition presupposes fundamental reality to act upon. What Grundtvig looks at as being ultimate reality („noget aldeles Grund-Realt“ – Udsigt over Verdens Krøniken: 659) will according to him be realized on historical or quasi-historical grounds. There is a striking similarity of Grundtvig’s approach to what later on has been put forward by Peirce, the criterion of truth being final habit based on the notion of would be: “effect that would be produced on the mind by the Sign after sufficient development of thought [...] because it is that which would finally be decided to be the true interpretation if consideration of the matter were carried so far that an ultimate opinion were reached”, which is the equivalent of the ultimate interpretant, since 1906 described by Peirce as “normal habit” and as “normal interpretant” representing ultimate reality (CP 8.184, 8.343).

 

 

GRUNDTVIGS KANTKRITIK

 

Keine der Setzungen des deutschen Idealismus habe „den festen Grund und Boden, auf dem man fassen und bauen kann“, pointiert der dänische Theologe Nicolai Frederik Severin Grundtvig in seiner auf 1817/18 zu datierenden ungedruckten Abhandlung „Von der jetzigen Sprach-Verwirrung“, und er fährt fort, solche Setzungen seien vielmehr Luftgespinste, auch die Postulate der praktischen Vernunft, allem fehle die reale Grundlage, „etwas unerschütterliches“, die Voraussetzung dafür, dass ein Satz wahr ist und dass ein Satz Gültigkeit hat. Die relevante Stelle lautet:

[...] und dasz überhaupt die Vernunft nur auf das Formelle gehet, so dasz bei jedem Schlusse die Frage noch Übrig bleibt, ob auch der Vordersatz oder die Voraussetzung unwiderlegbar sey. Auch hier müssen wir indessen gestehen, dasz wir den festen Grund und Boden, auf dem man fassen // und bauen kann, schmerzlich vermissen, indem das bündigste Schliessen zu nichts führt, wenn [das] erste Glied der Schlusskette nicht an etwas unerschütterliches haftet. Es haben Einige unter euch dieses Unerschütterliche in gewissen sogenannten Postulaten oder practischen Vernunft-Ideen gesucht, aber, wie uns dünckt haben sie nur geträumt in der Luft ein festes Land entdeckt zu haben, das jedoch, sobald man etwas stark an die Ketten ziehet, als ein Wolcken in die Luft zerfliesst hinterlässt [sic!] uns nur die Kette unbefestiget wie zuvor. Sie zerlegten nemlich den [ganzen] Menschen in zwei Haupttheilen: den sinnlichen und nicht-sinnlichen, oder vernünftigen, und in dem vernünftigen, seiner selbst bewussten Theile unterschieden sie wieder die eigentliche Vernunft als etwas Formelles als das ordnende Princip, von den vernunftmässigen Fo[r]derungen denen Genüge [ge]leistet werden müsste, und die das gesetzgebende Princip ausmachte, das in sich selbst einen Zweck entdeckte, den der Mensch mit allen den Mitteln die ihm zu Gebote stünden erreichen sich bestre[ben sollte] (deutschsprachig verfasst von Grundtvig; zitiert aus dem durch William Michelsen transskribierten Text, Grundtvig-arkivet, fasc. 168: pp. 53r und 53v).

   Die Anspielungen auf zwei der Kritiken Immanuel Kants, auf Die Kritik der reinen Vernunft (1781) und auf Die Kritik der praktischen Vernunft (1788) sind deutlich.

 

‚ETWAS GANZ UND GAR GRUND-REALES‘

 

Idealistisch zu verstehende Normen fürs Leben sind Grundtvig zufolge nur auf dem Grund eines ‚Realen‘ denkbar (forudsætter nødvendig noget aldeles Grund-Realt), ‚dessen Bild und Inbegriff [...] das Ideale ist‘, wie in dem gleichfalls in den Jahren um 1815 entstandenen Entwurf zu einer Weltchronik, publiziert als Udsigt over Verdens-Krøniken 1817, auf der Seite 659 erklärt wird:

Det er imidlertid aldeles klart, at enten er det Ideale i Grunden slet intet, og altsaa bestemt Løgn, eller det er den evige Sandhed selv, som ikke i al Evighed kan paa noget Vilkaar forlige sig med Løgnen, og forudsætter nødvendig noget aldeles Grund-Realt, hvis Billede og Indbegreb det er. Heraf følger da, at det Ideale er i Sandhed noget aldeles Realt, og Aarsagen til al timelig Realitet, man give den saa hvad Navn man vil (dokumentiert und diskutiert in Nägele 1992, 1995: 210).

[Meine Übersetzung: ‚Ganz klar ist indessen, dass das Ideale entweder im Grunde gar nichts und also bestimmt Lüge ist, oder aber es ist die ewige Wahrheit selbst, die in aller Ewigkeit sich nicht unter irgendeiner Bedingung mit der Lüge vertragen kann, und dass das Ideale notwendigerweise etwas ganz und gar Grund-Reales voraussetzt, dessen Bild und Inbegriff es ist. Hieraus folgt, dass das Ideale in Wahrheit etwas ganz und gar Reales und die Ursache aller in der Zeit existierenden Realität ist, man gebe dieser Ursache dann welchen Namen man will.‘]

Was hier als ‚etwas ganz und gar Grund-Reales‘ (noget aldeles Grund-Realt) herausgestellt ist kann als Grundtvigs Alternative gelten zu dem, was er in denselben Jahren in seiner (in der deutschen Sprache abgefassten) Abhandlung „Grenzen der Menschheit“ (ediert in Grundtvig Studier 1984:12 f.) in Bezug auf Erscheinungen des deutschen Idealismus anprangert:

So lösete da das Ich den gordischen, so vielfach verschlungenen Knoten des Menschen-Daseins, dadurch dass es erstlich den Körper und die ganze Sinnlichkeit, als etwas neben sich Vorgefundenes, Fremdartiges in Gedanken rein von sich absonderte, vernichtete, das heisst verschlang und dann wieder aus sich selbst ganz wie es gewesen hervorbrachte. So war es denn entdeckt geworden und nachgewiesen, dasz der Mensch an und für sich selbst ein Gott wäre, der sich ein Gesetz gab, dem er widerstrebte und sich einen Körper schuf, der ihn beschränkte und ihm [sic!] aneckelte, Alles [sic!] freilich nur in Gedanken, um sich an sich selbst zu ergözen, und zu rächen, um sich auf einmal anbetungswürdig und verwerflich zu Allem und zu Nichts zu machen, sich auf einmal zu vergöttern und zu vernichten, zu bejahen und zu verneinen.

 

PEIRCE ALS MÖGLICHE ALTERNATIVE ZU KANT

 

   Zu dem Modell eines ‚Grund-Realen‘, umrissen in dem vorher zitierten Text Udsigt over Verdens-Krøniken 1817: 659, kann man den Einspruch erwarten, Grundtvigs Entwurf sei so etwas wie dogmatischer Metaphysik verpflichtet, sei unvereinbar mit dem apriori der Kant‘schen transzendentalen Synthesis, hinter der nicht (mehr) mit ‚absolut vorhandenen Dingen‘ (zu solchen kann übrigens auch nicht Kants als ein Darstellungsbehelf zu verstehende metaphysische Metapher „Das Ding an sich“ gerechnet werden) zu operieren ist. In solcher Argumentationslage bietet sich das pragmatische System von Peirce an, mit seiner Hypothese von ‚zu Erkennendem, das es zu erkennen gilt‘ in einer offenen Gesellschaft (open society) bei dauernder Fehlbarkeit („eminently fallible“ - CP 2.227) ganz im Sinne von Karl Raimund Popper und das mittels eines wissenschaftlichen Zeichensystems, „signs used by a ‚scientific‘ intelligence“ (hierzu unten), in the long run - in der Bedeutung einer mit der mathematischen Chiffre unendlich zu definierenden Dauer - an den Tag kommen wird (CP 2.227, 2.303):

A sign, or representemen, is something which stands to somebody or something in some respect or capacity. It addresses somebody, that is, creates in the mind of that person an equivalent sign or perhaps a more developed sign. That sign which it creates I call the interpretant of the first sign. The sign stands for something, its object. It stands for that object, not in all repects, but in reference to a sort of idea, which I have sometimes called the ground of the representemen. [...A sign is] anything which determines something else (its interpretant) to refer to an object to which itself refers (its object) in the same way, the interpretant becoming in turn a sign, and so ad infinitum (CP 2.228, 2.303).

 

GRUNDTVIGS KRITERIUM

 

   Die Peirce‘schen Grundforderungen korrespondieren mit Grundtvigs Kommentaren zu Größen der Geschichte der Menschheit (siehe seine Weltchroniken, insbesondere die oben zitierte Udsigt over Verdens-Krøniken 1817). Was Grundtvig vornehmlich in den Jahren um 1815 unter seinen Begriff ‚historisch‘ (historisk) zu ordnen weiß gilt ihm als Gegenstand ‚wahren Wissens‘ (sand Vidskab) innerhalb eines Systems (auch wenn er expressis verbis ‚jedes philosophische System als ganzes als eine große Lüge‘ abtut), mit der ‚Aussicht‘, Humanität zu entwickeln, wofür dezidiert die Terminologie in seiner programmatischen Schrift Danne-Virke 1 (1816): 120 f. steht:

Holde vi nu fast ved den klare Sandhed [meine Hervorhebung, H. N.] at det er det timelige Menneske vor Fornunft kan og skal begribe [meine Hervorhebung, H. N.], da indsee vi let at al sand Vidskab [meine Hervorhebung, H. N.] maae i alle Maader være historisk; historisk fordi Fornuften finder intet i sig selv uden Maalestokken for timelig Sandhed [meine Hervorhebung, H. N.], og maae udenfor sig søge Vidskabens Indhold [meine Hervorhebung, H. N.], historisk, fordi Mennesket udvikler sig i Tiden og kan kun begribes [meine Hervorhebung, H. N.] i den, historisk, fordi den maae være stykkevis og kan kun sluttes med Tiden. Heraf følger først at enhver Vidskabs-Lære [meine Hervorhebung, H. N.] som ei forklarer Krøniken er falsk, og dernæst at enhver saadan der udgiver sig for at være færdig, ethvert philosophisk System er som Heelt en stor Løgn, hvormegen Sandhed [meine Hervorhebung, H. N.] det end i det Enkelte kan have, thi er det Mennesket som skal begribes  [meine Hervorhebung, H. N.], udvikler Mennesket sig i Tiden, og er Fornuften Udtrykket for det sig giennem Tiden udviklende menneskelige Begreb [meine Hervorhebung, H. N.], da kan vi jo under Tidens Løb ei have noget sandt Begreb [meine Hervorhebung, H. N.] om Menneske eller menneskelig Vidskab [meine Hervorhebung, H. N.] uden som om noget der er i Begreb [meine Hervorhebung, H. N.] med at udvikle sig, og ei i Sandhed begribe [meine Hervorhebung, H. N.] mere end hvad der alt er udviklet, eftersom Begrebet [meine Hervorhebung, H. N.] er just det eneste som udvikler sig. Heraf følger endelig, at dersom det ogsaa var muligt at Fornuften kunde udvikle sig i Sandhed [meine Hervorhebung, H. N.] uden foreløbig Sandheds-Kundskab [meine Hervorhebung, H. N.], saa var den dog ikke nogensinde under Tidens Løb istand til at fyldestgiøre Mennesket, give ham et fuldstændigt og klart Begreb [meine Hervorhebung, H. N.] om Mennesket i sin hele Fylde.

[Meine Übersetzung: ‚Halten wir an der klaren Wahrheit fest, dass es der in der Zeit lebende Mensch ist, den unsere Vernunft begreifen kann und muss, dann sehen wir leicht ein, dass alles wahre Wissen in jeder Weise historisch sein muss; historisch, weil die Vernunft ohne den Maßstab für die Wahrheit in der Zeit nichts in sich selber findet und somit außerhalb ihrer selbst den Inhalt des Wissens suchen muss; historisch, weil der Mensch sich in der Zeit entwickelt und nur in ihr begriffen werden kann; historisch, weil alles wahre Wissen stückweise sein muss und nur mit der Zeit abgeschlossen werden kann. Hieraus folgt, dass erstens jede Wissens-Lehre (sic!), die nicht die Chronik erklärt, falsch ist, und dass zweitens alles, was den Anspruch erhebt, etwas Fertiges zu sein, ein jedes philosophische System als ganzes eine große Lüge ist, wie viel Wahrheit auch im einzelnen enthalten sein mag. Denn begriffen werden muss der Mensch, und da sich der Mensch in der Zeit entwickelt und die Vernunft der Ausdruck ist für den sich durch die Zeit entwickelnden auf den Menschen bezogenen Begriff, können wir während des Zeit(ab)laufs nicht einen wahren Begriff vom Menschen oder vom menschlichen Wissen haben, sondern einzig und allein von etwas, das im Begriffe ist, sich zu entwickeln, und (können wir) in Wahrheit nicht mehr begreifen als was schon entwickelt ist, zumal das einzige, das sich entwickelt eben der auf den Menschen bezogene Begriff ist. Hieraus folgt schließlich, dass, wenn es auch möglich wäre, dass sich die Vernunft in Wahrheit ohne vorherige Wahrheits-Kenntnis (sic!) entwickeln könnte (sic!), diese Vernunft doch niemals während des Zeit(ab)laufs im Stande wäre, dem Menschen zu genügen, einen vollständigen und klaren Begriff vom Menschen in seiner ganzen Fülle (in allem, was er ist) zu geben.‘]

Die (sich meist mehrfach wiederholenden) Schlüsselwörter in dem Zitat sind Sandhed (‚Wahrheit‘), sand (‚wahr‘), den klare Sandhed (‚die klare Wahrheit‘), Vidskab (‚Wissen‘), sand Vidskab (‚wahres Wissen‘) historisk (‚historisch‘), Tiden (‚die Zeit‘), timelig (‚zeitlich, in der Zeit, in der Zeit lebend‘), begribe (‚begreifen‘), Begreb (‚Begriff‘), Fornuft (‚Vernunft‘), Menneske (‚Mensch‘), menneskelig (‚menschlich‘), Fylde (‚Fülle‘) - hierzu auch Jonas: 245 ff.).

 

PEIRCE‘ WOULD BE

 

   In auffallender Übereinstimmung mit Grundtvigs Betrachtung der Menschheitsgeschichte als Heilsgeschichte in einem weiten Sinne ergibt sich bei Peirce das Wahrheitskriterium aus einem would be, mit den hiermit verbundenen Erwartungen von Einsichten nach ‚zureichender kognitiver Entwicklung‘ (after sufficient development of thought):

[...] effect that would be produced on the mind by the Sign [zu der Chiffre Sign siehe unten, in Verbindung mit Peirce‘ ‚Semiotik‘] after sufficient development of thought [meine Hervorhebung, H. N.], [...] because it is that which would finally be decided to be the true interpretation if consideration of the matter were carried so far that an ultimate opinion [meine Hervorhebung, H. N.] were reached (CP 8.184, 8.343).

Die Frage bleibt, ob und wie weit unsere Erkenntnisfähigkeit universal sein kann, oder ob katexochen „wir nur das zu erkennen fähig sind, was wir tun oder machen können“, wie dies recht eindrucksvoll Bertrand Russell in seiner Beschreibung der Gedankenzüge des italienischen Philosophen Giambattista Vico (1668 – 1744) illustriert:

Die leibnizsche Konzeption [von einer Allmacht Gottes], die jeder gottesfürchtige Christ, Vico inbegriffen, annähme, führt den Italiener [also Vico] zu einer neuen Begründung der Erkenntnistheorie. Danach hat Gott vollkommene Erkenntnis der Welt, weil sie von ihm erschaffen ist. Der Mensch aber, da selbst erschaffen, kennt die Welt nur unvollkommen. Für Vico ist die Bedingung der Erkenntnis einer Sache die Erschaffung dieser Sache. Die Grundformel lautet, dass wir nur das zu kennen fähig sind, was wir tun oder machen können. (Wahrheit ist ‚Tat-Sache‘) [...] (Russell).

Entsprechendes lässt sich mutatis mutandis auf die Peirce‘sche heuristische Apparatur anwenden, wo die erkenntnistheoretische Fragestellung Kants, auf die Peirce immer wieder zurückgreift, zu einer - gleichfalls transzendental zu verstehenden – ‚sinnkritischen‘ wird und das Existieren von ‚Wirklichkeit‘ (reality) im Wahrnehmungs- und Erfahrungsurteil (perceptual judgment) aufgehoben ist. In Peirce‘ ausgearbeitetem System einer Zeichenverweisung – „we think only in signs“ (CP 2.302)¹, seiner ‚Semiotik‘ (Nägele 1966) kommt man in der Begegnung mit dem ‚anderen‘, mit der „otherness“ (CP 2.296) zu dem - wie von Peirce vorausgesetzt - in einer Kommunikationsgesellschaft schon immer vermittelten ultimate interpretant, das Peirce seit 1906 behaviouristisch als final habit, als normatives habit definiert, welches als das normal interpretant gilt und für eine ultimate reality steht (CP 8.314, 8.343). In der semiotischen Terminologie heißt dies auch:

It is likewise requisite to distinguish the Immediate Interpretant, the Interpretant represented or signified in the Sign, from the Dynamic Interpretant, or effect actually produced on the mind by the Sign; and both of these from the Normal Interpretant, or effect that would be [meine Hervorhebung, H. N.] produced on the mind by the Sign after sufficient development of thought [meine Hervorhebung, H. N.] (CP 8.343).

 

AUSBLICK

 

   Mit dieser Peirce’schen Planlegung sind wir zu den für Grundtvig gültigen Maximen zurückgekehrt, auf dem Hintergrund eines Grund-Realen, das weitgehend mit Peirce’ ultimate reality, mit dem ultimate interpretant als normativem final habit übereinstimmt. Grundtvigs Anliegen war, Klärung zu bewirken und ein gedeihliches Leben zu ermöglichen (Nägele 1971c; 1992; 1995), eine umsichtige allgemeine Bildungspolitik zu initiieren. Die Impulse, die Grundtvig gegeben hat, verdienten in unseren Tagen vermehrte Beachtung, erst recht mit Blick auf ein demokratisch überschaubares, menschenwürdiges Europa, ungeachtet dessen prospektiver administrativen Gestalt, insbesondere solange es darum geht, Humanität zu entwickeln.

 

 

ANMERKUNGEN

1Ansätze zu solcher Terminologie finden sich auffallend ausgeprägt bereits bei Jens Baggesen, in seinem handschriftlichen Entwurf (in der Königlichen Bibliothek in Kopenhagen. Additamenta 2, 2°) zu einem Kompendium „URDA oder Historisch-kritisches Mythologisches Wörterbuch. Hauptsächlich zum Behuf der Erforschung Nordischer Urkunden und alter dänischer Sprache und Geschichte. [N]ebst einigen allgemeinen philosophisch-critischen Untersuchungen. Angefangen von J. J. Baggesen. Kiel, 1812“, p. 136 (unter der Rubrik ‚Dialectik‘), wo es heißt:

Alles menschliche Denken ist inneres und äußeres Reden – Wahrnehmen oder Mittheilen mittelst irgend einer Sprache.

   Sprache ist eine logische Organisation von an sich unbedeutenden Sinnenfälligkeiten, die unwandelbar als Symbole bestimmt, Zeichen genannt werden.

  Zeichen ist ein sinnenfälliges unwandelbar bestimmtes Merkmal des Wandelbaren für den Verstand.

   Der Verstand, als solcher, beschäftigt sich weder mit dem Übersinnlichen noch mit dem Sinnlichen – weder mit dem An Sich unveränderlichen, noch mit dem An Sich veränderlichen – weder mit dem Seyenden, noch mit dem Erscheinenden – sondern einzig und allein mit den Zeichen, d. h. mit den unwandelbaren Merkmalen beider – mit dem logisch organisirten Schein, d. h. mit dem Unwandelbaren am Wandelbaren.

   Der Schein als solcher ist das Vermittelnde des Seyns mit der Erscheinung.

   Sprache ist die Organisation des vermittelnden Scheins. Der Verstand äußert sich nur mittelst derselben – die Vernunft denkt; der Verstand spricht [...]

(zitiert, ediert und diskutiert in Nägele 1974a:327 und Nägele 1974b; zu Jens Baggesen im übrigen Nägele 1971a; 1971b).

 

ZITIERTE ODER REFERIERTE TEXTE

Baggesen, Jens (1812). „URDA oder Historisch-kritisches Mythologisches Wörterbuch. Hauptsächlich zum Behuf der Erforschung Nordischer Urkunden und alter dänischer Sprache und Geschichte. [N]ebst einigen allgemeinen philosophisch-critischen Untersuchungen. Angefangen von J. J. Baggesen. Kiel, 1812“. Additamenta 2, 2°. Königliche Bibliothek Kopenhagen (zitiert nach der handschriftlichen Überlieferung mit freundlicher Erlaubnis; siehe auch Nägele 1974a: 327 sowie Nägele 1974b).

Grundtvig, N. F. S. (1816). Danne-Virke. Et Tids-Skrift af N. F. S. Grundtvig. Første Bind. Kjøbenhavn: Schiøtz & Mandra.

---------- (1817). Udsigt over Verdens-Krøniken fornemmelig i der Lutheriske Tidsrum, Kjøbenhavn: Seidelin.

---------- (1984). „‘Grenzen der Menschheit‘ Et Grundtvigmanuskript på tysk [datering 1816-1818], med indledning og oversættelse af William Michelsen“. Grundtvig Studier 1984: 9-33.

---------- (1817/18). „Von der jetzigen Sprach-Verwirrung“ [datiert auf 1817/18]. Grundtvig-arkivet, fasc. 168. Königliche Bibliothek Kopenhagen (zitiert nach der handschriftlichen Überlieferung mit freundlicher Erlaubnis).

Peirce, C. S. (1931-58). The Collected Papers of Charles Sanders Peirce, eds. C. Hartshorne, P. Weiss (Vols. 1-6) & A. Burks (Vols. 7-8). Cambridge (Mass.): Harvard University Press (zitiert als CP mit Vol. und Paragraph in arabischen Ziffern, z. B.: CP 2.112).

 

LITERATUR

Jonas, U. (2003). „Poetisk Videnskab. Grundtvigs universitetsdrøm som kosmopolitisk dannelses-projekt“. In: Sanders, H. & O. Vind (2003). Grundtvig – nyckeln till det danska? Göteborg und Stockholm: Makadam, 225-281.

Nägele, Horst (1966). „Die Semiotik von Charles Sanders Peirce“. Manuskript.

---------- (1971a). Der deutsche Idealismus in der existentiellen Kategorie des Humors. Eine Studie zu Jens Baggesens ideolinguistisch orientiertem Epos ‚Adam und Eva‘ (=Skandinavistische Studien 1). Neumünster: Wachholtz.

---------- (1971b). „Das Phänomen ‚kontextualer Interferenz‘ als literaturwissenschaflicher Ansatz. Ein Versuch am Beispiel des bilinguischen Dichterphilosophen Jens Baggesen“. Deutsche Vierteljahrsschrift für Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte 45: 589-626.

---------- (1971c). „Von einem ‚Echten Deutsch‘ und von den ‚Deutschen Sprachen des Herzens‘. Feststellungen des frühen N. F. S. Grundtvig zur Überbaufunktion eines sogenannten Hochdeutsch als übergreifende Institution“. Grundtvig Studier 1971: 74-89.

---------- (1974a). “Jens Baggesen über das Verhältnis des Deutschen Idealismus zur Französischen Revolution. Mit bisher unveröffentlichten [auf deutsch geschriebenen Baggesen-]Texten aus den Jahren 1823-25”. Jahrbuch des Freien Deutschen Hochstifts 1974: 323-343.

---------- (1974b). „Wider die germanische Idealität. Jens Baggesen, ein ketzerischer Poet der Goethezeit“. Matinee im Südwestfunk (Deutschland) vom 29. 09. 1974.

---------- (1992). „Nærhedens realitet. Liv skal kunne leves, sandhed skal kunne begribes“. Kristeligt Dagblad vom 15. 07. 1992.

---------- (1995). „Warum wir uns mit N. F. S. Grundtvigs idealismus-kritischen Abhandlungen beschäftigen“. Grundtvig Studier 1995: 205-216.

Russell, Bertrand (ohne Jahr [© Stuttgart: Belser 1970], englisches Original 1959). Denker des Abendlands. Eine allgemeinverständliche Geschichte der Philosophie. (2., überarbeitete Fassung zur deutschen Lizenzausgabe) Berlin-Darmstadt-Wien: Deutsche Buchgemeinschaft.

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