Was ein Volk ausmacht von Horst W. Nägele, 2015, MondialikonHorst Nägele

»Konkrete Bildungsangebote statt quasi-politische Muskelspiele«
(Auszug aus dem Essay: »Was ein Volk ausmacht - Was sich so alles machen lässt und durch die Bürger getragen wird«, erschienen in der Buchreihe MONDIALIKON im Autumnus-Verlag, 2015)

Es werden Strategien unter die Lupe genommen, mit denen man noch immer meint, eine ernsthafte Aufarbeitung der jüngeren deutschen Vergangenheit umgehen zu können. Es handelt sich um das Getriebe in einem stetig sich steigernden Wirtschaftswachstum bis hin zu (erneut) daseinsfremden Spekulationen auf eine deutsche Führerrolle in der Welt, und das unter Zuhilfenahme von (vornehmlich exotisch klingenden) Worthülsen, welche herzuhalten haben, wo es an (bürgernaher) Verantwortlichkeit fehlt.

Viele meinen, mit den so bequemen Schimpfwörtern »Nazis«, »Nazideutschland« und dergleichen über einiges hinwegzukommen, ohne auch nur ansatzweise zu reflektieren, wie durch ein überlegtes eigenes Handeln so manches hätte ganz anders verlaufen können damals. Es ist sehr beliebt heute, die eigene Verantwortung (auch für das, wozu man selbst noch nicht hat verantwortlich gemacht werden können biografisch gesehen) auf die Chiffren »Nazis« oder »Nazideutschland« oder gar auf Termini aus der Psychiatrie zu extrapolieren, um einigen Freiraum zu gewinnen für ein Mitschwimmen in einem (neuerlichen) »mainstream«.

In diese Kategorie kann man mit Bedacht auch die weithin gepriesene so bezeichnete »Große Rede« eines Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker einordnen. Weizsäcker meinte als Staatsoberhaupt verkünden zu müssen, es könne niemals davon gesprochen werden, dass Deutschland sozusagen besiegt worden ist, nein, zu gedenken sei vielmehr einer »Befreiung«. Vorgebracht von jemanden, der aus einer Familie ist, die es vermochte, durch alle Zeiten und über alles hinweg immer noch höher und noch höher hinauf zu gelangen, und die auch in unseren Tagen wieder viel von sich reden macht, ähnlich wie das in der Zeit der Französischen Revolution auf den französischen Politiker Charles-Maurice de Talleyrand-Périgord (1754-1838) zutraf, der für die unterschiedlichsten Regierungen wichtig gewesen ist und zu seinem Vorteil diese alle überlebt hat.

Auch wenn niemals zu bestreiten sein wird, dass durch Eingriffe von außen einiges gerade noch hat abgewendet werden können in den letzten Kriegstagen, wäre dennoch die Frage zu stellen, was ein Berufspolitiker oder ein Bundespräsident mit seinen reichlich deplacierten, zumindest aber überflüssigen Bemerkungen hatte bewirken wollen. Hoffentlich nicht das, was den Schnellschüssen Weizsäckers folgte.

In den deutschen Medien begann es nämlich sogleich zu jubilieren von einer »großen Rede eines Staatsoberhaupts«, fast ohne Ausnahme kann man sagen und in einem schwer noch zu fassenden Gleichklang. Und vor allem auch ohne jeden Versuch einer Definition dessen, was als das »Große« betrachtet wird oder als das »Große« betrachtet werden könnte in dieser Rede, mit welcher ganz deutlich alles andere als eine Kommunikation mit den Bürgern gesucht wurde, sondern im Gegenteil auf mündige Zeitgenossen herabgeredet worden ist, als sollten Schuldgefühle generiert werden.

Besser wäre es, ein Gemeinwesen zu respektieren, das von Individuen getragen ist, die wissen, was ihnen guttut und was nicht, und die darin gefestigt sind, kompetent sich in der Sache auseinanderzusetzen, um zu Übereinkünften zu gelangen, die den Gegebenheiten gerecht werden. Wo ein jeder und eine jede das seine zu sagen hat, ist wenig Raum für Tabuisierungen, die herhalten müssen, wo mangels eigener Kompetenz einer recht fragwürdigen »political correctness« aufgeholfen werden soll. In so etwas wie einer offenen Gesellschaft kommt es auf die Auseinandersetzung in der Sache an, wobei wie gesagt die Gültigkeit eines jeden als seriös zu betrachtenden Standpunkts in seinem eigenen Recht garantiert sein muss, auch und gerade da, wo es sich um die wundesten Stellen handelt, und erst recht wenn etwas ansteht, das mit einer Überschreitung verbunden sein könnte. Was im konkreten Falle zu tun ist, darüber hat das Gemeinwesen, will sagen eine von allen getragene Gemeinschaft zu befinden, in der jeder und jede befähigt ist, die erforderlichen Initiativen zu ergreifen, in Gestalt von Hilfeleistungen auf Gegenseitigkeit oder ganz allgemein indem man lebensnahes Wissen weitergibt.

In der dänischen Sprache von heute zum Beispiel heißt eine solche Ausrichtung »Nærdemokrati« (›Nahdemokratie‹). Gemeint ist eine Demokratie, die selbstredend nicht zu vermengen ist mit den üblichen quasi-parlamentarischen Mal-So-Und-Mal-So-Mehrheitsbeschlüssen, die der Initiator der dänischen (Heim-)Volkshochschulen Nikolaj Frederik Severin Grundtvig (1783-1872) rundheraus verworfen hat. Wie die Benennung »Nærdemo­krati« es sagt, geht es darum, was in einem Miteinander auf Gegen­seitigkeit das Naheliegende ist und was durch jeden und jeder von uns mitgestaltet werden kann.

Zu diesem Grundgedanken bedarf es zum Beispiel in der dänischen Gesellschaft keiner Erörterung. Ganz anders und offensichtlich weitgehend so gewünscht, zudem sehr oft im Unterschied zu einem gewissen euro­päischen Standard, läuft es noch immer im Bereich des Deutschen ab.

So braucht es natürlich nicht zu sein. Es können wie angedeutet Bildungsangebote gemacht werden, von kundiger Seite und entsprechend den Ressourcen, über die man verfügt. Anstatt, wie oben dargestellt, zu posaunen von einer »großen Rede« eines Bundespräsidenten (Richard von Weizsäcker), welcher, wie auch seine Familie, in herausragender Weise kann man sagen über solche Ressourcen müsste bestimmen können. Noch immer hat das Volk sehr viel Unnützes, Destruktives über sich ergehen zu lassen, das eher einer Verdummung, Volksverdummung kann man sagen, dient, als einer Weiterbildung oder der sachlichen Information.

Auf keinen Fall von Nöten sind noch einmal solche zudem mit Drohgebärden gespickten Kraftreden, die einer nach wie vor angeschlagenen, wenn man nicht sagen will kaum jemals real bestandenen deutschen Identität meinen aufhelfen zu müssen. Erst recht nicht gefragt sind so etwas wie mit einer willfährigen Presse kokettierende Bundespräsidenten oder etwa noch immer klingende »Alt«-Kanzler-Blähungen. Ganz dringend gebraucht werden vielmehr konkrete Bildungsangebote, denen der individuelle Gestaltungswille eines jeden von uns ein Anliegen ist.

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