Schwimmzüge von Horst W. Nägele, 2009, TurnshareHorst Nägele

SCHWIMMZÜGE
(Leseprobe aus: Schwimmzüge, Prosa, 2009, Verlag Turnshare).

In dem morgendlichen Dunst über dem Wasser tauchen zwei grünlich schimmernde Schatten aus einer zittrigen Nussschale. Der links wird kleiner, wird zu einem zarten Rosa, das ins Wasser zischt. Kraul Rücken und mit Schnauben zurück zu dem schaukelnden Nachen, der sich den greifenden Händen entgegenkippt.

Der im Boot Gebliebene hat sich zurückgelehnt, bis der Kletternde ganz aus dem Wasser ist, streift seine grünliche Haut ab, purzelt nach hinten. Der aus dem Wasser Gestiegene richtet sich auf, greift an seine Brüste, ruft etwas und hüpft nach.

Am Ufer ein Radfahrer, der sein Mountainbike an einen Baum lehnt, den roten Helm, seine Schuhe und Kleider dazulegt und sich ins Wasser abstößt. Das Paar im Wasser krault auf ihn zu - ob er Feuer habe, seit langem hätten sie ja so alles entbehren müssen, in ihrem Gummizeug auf dem Wasser.

Nein, da kann er leider nicht dienen, er könne sie aber in die Stadt begleiten.

Wo denke er hin, sie wollen zurück. »Vielen Dank auch noch auf jeden Fall«, rufen sie aus einiger Entfernung.

Und da sind sie auch schon wieder an ihrem Boot. Die Frau stemmt sich aus dem Wasser in das wackelige Schiffchen. Sie ruft dem Mann etwas zu und ergreift eines der beiden Ruder, hält es erhoben und lässt sich ins Wasser fallen. Der Kahn kentert, und nun klettert sie auf die nach oben gekommene Unterseite und legt sich darauf quer zur Längsrichtung, mit ihrem Rücken nach oben. Sie streckt die Arme ins Wasser und versucht, den Mann zu sich hochzuziehen. Der fällt zurück, paddelt ein wenig rückwärts, krault nochmals auf das Umgekippte zu und taucht darunter weg. Taucht auf der anderen Seite des Bootskörpers an den Füßen der Frau wieder auf und zieht sich zwischen die auseinandergestreckten Beine hoch.

Der Radfahrer ist wieder am Ufer, er balanciert über die Steine und stößt sich nochmals ins Wasser, hastig steuert er auf das Paar auf dem gekenterten Boot zu.

»Hallo, how are you«, rufen sie, ob er dieses Mal Feuer habe, seit langem haben sie ja so alles entbehren müssen in ihrem Gummizeug auf dem Wasser!?

Leider leider nicht, er könne sie aber mit seinem Speedboot weiterbringen!?

Wenn das so einfach wär’, sie wollen doch zurück!?

Warum dann nicht einiges einkaufen in der Stadt, meint der Radfahrer.

Das wäre zu verfrüht, sie müssen erst mal sehen. Am besten abwarten, man kann ja nie wissen, wo ja alles so unsicher ist heutzutage und überhaupt!?

Die beiden lassen sich wieder ins Wasser: »Vielen Dank auch noch auf jeden Fall!«

Die Frau hievt sich wieder auf ihr gekipptes Schiffchen und setzt sich darauf, mit auseinandergestreckten Beinen, zwischen die sich der Mann hochzieht.

Der Radfahrer, wieder am Ufer, stößt sich noch einmal ins Wasser und ist dann auch schon wieder bei den beiden. Sie bemerken ihn und rufen: »Das Feuer, das du uns bringen wolltest, wo ist es?«

Der Radfahrer taucht unter den Bootskörper. »Vielen Dank auch noch auf jeden Fall«, kommt es beim Herauftauchen an sein Ohr, »jetzt aber kannst du uns mit deinem Speedboot weiterbringen!?«

Nein nein! – und nun nichts wie zurück an das sichere Ufer, in sein Zeug und auf sein Mountainbike!

Am sicheren Ufer sind das Mountainbike und alle die Sachen verschwunden. Der Radfahrer ist verzweifelt.

Aber hat sich da nicht was bewegt?

Auf einem Fahrrad die Frau vom Schiffchen!? Direkt auf ihn zu. Mit hochgeschlagenen schwarzen Jeans-Shorts!

Ist dies denn nicht sein Mountainbike? - Und auch sein roter Helm? - Auch der braune Ledergürtel!? Und auch die weißen Sportschuhe!? Dann sind das auch seine Jeans-Shorts, sie hat also seine Jeans-Shorts an!?

»Hallo, how are you! Wo ist es denn, dieses Speedboot? Ihr dummes Höschen und das blöde Bike können Sie wieder haben, mir ist gar nicht mehr danach.«

Die hochgekrempelten schwarzen Jeans-Shorts stehen ihr eigentlich ganz gut, die sollte er ihr vielleicht lassen!?

Sie ist abgestiegen und lässt das Fahrrad auf die Erde tanzen, sie schnallt sich den Gürtel auf: »Behalten Sie alles! - Und stell dir vor, heute ginge die Welt unter!? Mir wird kalt, gib mir doch ein Bisschen Wärme, mit der Welt ist es noch lange nicht zu Ende! Hörst du nicht die Vögel, spürst du nicht ihre Stimme?«

Ihre spitzen Nippelchen kommen näher -

»Gut geschlafen?«

Das war eine Männerstimme? Er sieht ein paar müde Wölkchen ziehen, sieht den mächtigen Körper des Schiffchen-Mannes in den Himmel ragen.

Wo aber ist die Frau?

»Wir warten immer noch auf Ihr Speedboot. Es muss uns weiterbringen, es ist keine Zeit mehr zu verlieren. Wollen auch nicht mehr auf den kalten verkehrten Kahn, und so ohne was Rechtes im Bauch. Ihr Speedboot, wo ist es? Geben Sie Ihre Hand, damit ich Sie hochziehe! Kommen Sie ganz an mich heran - ja ja, ich bin kalt. Muss mich im Warmwerden trainieren. - Aber nicht zu nahe bitte!«

Und die Frau?

Und wie lange er da wohl geschlafen hat?

Er fragt nach der Frau.

Sie schlafe, sie wecken, das dürfe man auf keinen Fall.

Nein, er muss sie sehen, augenblicklich muss er sie sehen! Wo ist sie denn? Er sucht auf dem Waldboden seine Jeans-Shorts, den braunen Ledergürtel, den roten Helm zusammen, zieht sich an, nimmt sein Fahrrad und macht sich auf den Weg.

Wohin aber?

Er geht kreuz und quer, bis er sich wieder an der alten Stelle befindet. Von dem Mann vom Boot ist da nun nichts mehr zu sehen?

Er blickt aufs Wasser hinaus und sieht von den letzten Sonnenstrahlen beschienen die beiden nackten Körper auf dem kalten umgekehrten Kahn dicht beieinander liegen.

Ja, diese Frau will er!

Also nochmals hinausschwimmen! Seine Jeans-Shorts behält er an.

Die Sonne versinkt am Horizont, mit einem gelben Feuer, das sich in die Wellen beißt. Ihm ist, als ob die Frau zu ihm herüberschiele.

Der Mann richtet sich auf, zischt ins Wasser und wirft sich auf ihn, verhakt sich mit seinen Fingern in den Gürtel der Jeans-Shorts, kommt wieder los und schnappt mit seinen freigewordenen Händen nach den Fußangeln des abdrehenden Schwimmers.

Dieser steuert auf den in den herumgekippten Bootsleib verkrallten Frauenkörper zu. Der schnell sich abstützt, sich ins Wasser lässt. Die zarten Hände streichen über den schaukelnden Holzbauch, bis er die gewünschte Richtung hat und auf die beiden aneinanderhängenden Männer zugeschossen kommt, denen es vereint gelingt, sich gerade noch vorbeizumanövrieren. Die strampelnde Frau am Heck schubst sich von dort ab und hechtet sich auf den vorderen Kopf dieses in Panik geratenen Männergebildes, beschnuppert Hals und Nacken und greift in dicke Brusthaare und tastet sich die zwei Körperlängen hin zu den Zehen und von da wieder zurück. Aus ihrer Rückenlage nimmt sie mit ihren Füßen den vorderen Kopf in die Zange, um das ganze abzuschleppen.

Sie lässt nochmals los, lässt ihren Körper ein paarmal um sich selber schnalzen, bleibt dann in der Bauchlage und strampelt auf das herannahende Ungetüm zu, das wie erwartet nach ihren Fußangeln greift. Auf diese Weise miteinander verkettet und vorne die steuernde Frau geht es wieder auf den gekippten Bootskörper zu. An diesen hängt sich die Frau hinten an und steuert so mit ihren beiden Männern im Schlepptau zum Ufer hin, bis dann von unten etwas Hartes an ihre Bäuche kommt und das Gespann auseinanderreißt. Es gelingt den dreien, den Kahn in seine richtige Funktion zurückzukippen und ihn aufs Moos zu ziehen.

Wo aber ist denn dieses Speedboot, wo ist das versprochene Speedboot?

Sie legen sich zusammen auf den Waldboden, auf den anlandenden Wellen schaukelt eine schmale Mondsichel.

Ein Motorenrattern ganz in ihrer Nähe scheucht die drei auf, sie erheben sich: wer möchte mit ins Wasser?

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