Heimat
Ihre
Hände waren ganz wund, so wund wie ihre Seele.
Gab es überhaupt etwas zu essen, so aus einer Blechschüssel und man aß mit
den Händen. Die Mutter war nervös und ungerecht und die Schwester sang den
ganzen Tag unsinnige Lieder auf einer Melodie.
Das Haus, in dem sie wohnten, zeigte noch, dass es einst Herrensitz war, nun war
alles verfallen. Es gab kargen Boden, harte Arbeit, im Hause war alles
heruntergekommen. Sie wollte aufräumen, kam sich aber vor als sein sie verdammt
zu einer nie aufhörenden Arbeit.
Sie war das Land nicht mehr gewöhnt und die Menschen.
Nun war sie wieder hier, ihr Stipendium in Mailand war abgelaufen und die Mutter
hatte erwartet, dass sie zurückkommt. Sie hatte sich ja auch gefreut, aber sie
hatte sich alles anders vorgestellt.
Ihr fehlten ihr kleines Studentenzimmer in der WG, wo immer frische Blumen
standen, das Lachen ihrer Freundinnen, die Scala, die Oper, das fröhliche
Bummeln auf der Strasse. Alles fehlte ihr und sie fand sich nicht mehr zurecht.
Die Mutter war ungeduldig und der Vater nicht mehr da. Sie war unschlüssig, sie
wollte Mutter und Schwester nicht ihrem Schicksal überlassen, aber sie war überfordert
und es kam ihr der Gedanke alles dran zu setzen um zurückzukönnen, da wo sie
hingehörte, wo sie sich zurechtfand. Ihr Studium war vielversprechend gewesen,
ihr Examen hervorragend und sie hatte ein Angebot als Assistentin an der Uni.
Das alles hatte sie nun aufgeben.
Die Freundin ihrer Mutter sagte, sie solle ihre Tochter loslassen, gehen lassen,
die Mutter wurde nachdenklich. Sie einigten sich, es noch eine Zeit lang zu
versuchen, es war schwer für alle.
Sie suchte sich einen Freiraum, ging am Rio spazieren und plötzlich stand ein
junger Mann vor ihr, der sie glücklich anlachte. Er kam ihr irgendwie bekannt
vor und sehr vertraut. "Komm", sagte er "ich habe auf dich
gewartet. Du gehörst hierher." Er nahm sie bei der Hand und zu ihrer
eigenen Verwunderung ließ sie es geschehen. Ihre Schritte wurden leicht, sie
liefen am Fluss entlang, er nahm ein kleines Boot und sie fuhren über den Rio.
Er sagte: "Ich zeige dir unser Land, die Bolivianer, Copacabana, den
Glauben der Menschen, wie sie den Erfolg der Ernte feiern. Ich zeige dir
Folklore und die lebendige Tradition in der bedrohten Kultur. Ich habe auf dich
gewartet. Deine Aufgabe ist hier bei uns."
(März 2003)
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