Kirschenblut
(Leseprobe aus: Kirschenblut,
2001, Hanser - Übertragung
Marlene
Müller-Haas)
Rotznase, was für ein
merkwürdiges Pars pro toto für ein Kind! Ich wurde nicht gern so genannt.
Damals, als ich noch eine Rotznase war, besaß ich ein Bild von einem Mädchen, dessen
Nasenpartie durch eine kleine Kette ersetzt war. Wenn man das Bild vorsichtig bewegte,
nahm die Kette immer wieder eine andere Form an, und das hatte umwerfende Folgen für das
Gesicht. Es war nicht nur die Nase, die sich einem unter den Händen verwandelte, sondern
auch das Herz. Die Verformung machte das Herz sichtbar, brachte es ans Licht, reichte es
dar. So schien es zumindest.
Zu meiner großen Freude konnte ich mir kürzlich ein Replikat dieses Bildes beschaffen.
Und wieder war ich stundenlang damit beschäftigt. Wer war sie, und welche Rotznase war
ich? Wie kam es nur, daß ihr ganzes Wesen mit nur einer einzigen Handbewegung kippte? Wo
sitzen beim Menschen innen und außen, und durch welche Grenzen wird das festgelegt?
Gesichtsverlust, was ist das?
Man kann sich bei allem, Mensch,
Tier oder Ding, fragen, wie viele Stücke man wegnehmen kann, ohne daß sich das Wesen
verändert. Bis zu welcher Höhe kann eine Frau ihren Saum kürzen, ohne sich in in einem
Nichts von Rock zum Gespött zu machen? Ist eine Zwiebel mit nur einer Haut noch eine
Zwiebel? Wann wird der Baum zum Brett und die Kuh zur Maus? Warum meißeln so viele
Bildhauer lieber einen Torso als einen ganzen Menschen? Wäre Tim ohne Haartolle noch Tim?
Und wäre Mijnheer Donselaer2 ohne seine Brauen noch Donselaer? Solche Fragen sind weniger
simpel, als sie auf den ersten Blick erscheinen, weil sie uns direkt mit dem
doppelköpfigen Mirakel Inhalt-Form konfrontieren.
Aber wenden wir uns zunächst den Dingen zu. Geht eine Teetasse zu Bruch, wird niemand auf
die Idee kommen, die einzelnen Scherben wieder auf den Teetisch zurückzustellen. Bricht
man aber nur ein winzig kleines Stück aus dem Porzellanrand, bleibt es eine Tasse. Eine
Tasse bleibt eine Tasse, solange man Tee hineingießen kann, solange sie den passenden
Inhalt fassen kann. Aber Dinge werden nicht jünger. Sie verschleißen, sie werden
beschädigt, sie gehen kaputt. Manchmal leben sie zwar weiter, fallen aber einer
Inhaltsverschiebung zum Opfer. Von einem antiken Teller beispielsweise, von dem sich kein
Hund mehr traut, noch einen Bissen zu essen, kann man viel größere Stücke abbrechen.
Wirf ihn beim Streiten ruhig durchs Zimmer: Es macht nichts, wenn darauf nie mehr
Kartoffeln, Fleisch oder Gemüse Platz haben, es ist kein Drama, wenn die Suppe an allen
Seiten herunterläuft. Es ist ja schon jahrhundertelang kein Teller mehr, sondern eine
waschechte Antiquität. Heb ihn wie deine Wertpapiere in einer Schublade auf. Kaputt ist
Schutt, für Antiquitäten gilt das nicht mehr.
Zu welchen Absurditäten das gelegentlich führen kann, beweisen die Vitrinenreihen in
jedem beliebigen archäologischen Museum. Es greift einem ans Herz zu sehen, daß
Scherben, die schon für die Menschen der Antike jahrhundertelang ausgedient hatten
(außer zur Zeit des Scherbengerichts, wo sie als solide Schmierblätter Verwendung
fanden), heutzutage wie Diamanten auf Samt gebettet werden. Was soll sich ein Philatelist
dabei denken, für den eine Briefmarke schon nicht mehr existiert, sobald ihr nur ein
halbes Zähnchen fehlt? Oder der Zahnarzt, der nicht schnell genug eine Brücke einsetzen
kann, sobald er einen Mund mit einer Zahnlücke sieht?
Erfreuen wir uns an den Gegenständen, die nicht kaputtzukriegen sind. Hüte sorgsam Schwamm und Seife. Das kleinste Schwammteilchen kann immer noch Schaum fabrizieren. Der Splitter einer Seife trägt den Wert des ganzen Stücks in sich, denn schon mit ihm kann man sich die Hände reinwaschen. Oder wie Francis Ponge es in seiner phänomenalen poetischen Prosaskizze Die Seife sagt, in der er die Seife mit einem wundersamen Stein vergleicht, der uns immer wieder wie ein Fisch durch die Finger schlüpft: "Die Seife hat viel zu sagen. Sie sage es mit Begeisterung, lasse ihre Suada hervorsprudeln. Wenn sie aufgehört hat zu sprechen, existiert sie nicht mehr."
Tiere haben nicht weniger zu sagen als ein Stück Seife, aber leider verhindert das nicht, daß sie mannigfach in nichtssagende Stücke gehackt und aufgegessen werden. Die meisten Menschen haben öfter ein Stück Tier im Mund als ein ganzes Tier auf dem Schoß gehabt. Dennoch mag es im allgemeinen niemand besonders, wenn aus den Teilen noch das ganze Tier durchschimmert. Am Osso Buco muß nur versehentlich ein kleines Stück Huf hängen, und der leidenschaftlichste Fleischfresser wird dankend ablehnen. Dasselbe gilt für ein Büschel Schweineborsten auf einer Schinkenschwarte, obwohl man sich mit einem solchen Borstenbüschel auf einer Zahnbürste ohne Probleme zwischen die Kiefer fährt (noch mehr auf die Spitze getrieben, mein Vater hat mir immer erklärt, es gebe nur eine Art, jemandem die Liebe zu erklären: "Darf ich mal deine Zahnbürste benutzen?"). Die Allmacht des Zusammenhangs.
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