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Das war am
Schlachtwursttag
auf unsrer Farm bei Dungog.
Das sind mein Vater Reinhard Böttcher
und meine Mutter Agnes und mein Bruder Frank,
der später starb an Hirnbrand, Meningitis.
Und ich steh hier am Fleischwolf.
Gekochtes Fleisch mit Salz und Petersilie
kam rein und wand sich wieder raus, so fein wie Grütze, für die Weißwurst.
Und hier bin ich auf blankem Pferderücken, in dem Sweater,
den ich dann mitnahm auf die See.
Ich lernte nie die alten Seemannsknoten, fuhr immer nur auf Dampfern.
Kaum Tauwerk und kein Klettern in der Takelage,
meistens bloß Fracht-Verstaun. Oft war’s so trocken und so zäh
wie Farmarbeit – doch dann sich sagen können: Mann, Valparaiso!
Oder: Ich bin in Singapur, und es wird lange dauern,
bevor mich hier die Langeweile packt.
Mein Deutsch verhalf mir zu ’nem Job auf einem Hansafrachter,
der Opitz. Die Fahrt ging von New York aus,
und im August dann schmorten wir vor Hitze in Messina, einer Stadt
voll Federbüschen und Bestattungsunternehmern.
Ich merkte erst, daß Krieg war, als ein Offizier,
schwarz im Gesicht, mit einer Kirche
und einer Zielscheibe auf seiner Mütze, ankam und befahl,
die Planken aufzureißen, daß sie an die Kohle unten kämen.
Ich wälzte mich aus meiner Hängematte, um zu protestieren –
und unser Bootsmann drückte mir ’ne Schaufel in die Hand:
Das Schlachtschiff dort! Wir müssen es mit Kohlen füttern.
Die Engländer sind hinter ihnen her!
Es war ein Schuften wie bei einem großen Buschbrand,
der ganze Hafen unter Rauch und braunem Qualm,
und Ladebäume, Leichter, Eimerkräne,
die mörderische Felsenbrocken auf uns kippten.
Sie schickten mich zum andern Schiff hinüber. Das Corps auf Deck
schwitzte und schmetterte sein Umpa-umpa-umpa-Tätärä,
damit wir wie die Irren weiterschaufeln sollten.
Ein Mann fiel neben mir tot um. Sein Schädel krachte an das Schott.
Und als der einzige an Bord, der saubere Klamotten trug,
zu uns herabkam und mit wichtigtuerischer Miene nickte: Genug,
schliefen die meisten von uns mitten auf der Kohle ein.
Als ich erwachte, dampften wir voraus auf hoher See.
Wir hörten später, daß der eine Admiral der Briten,
der her war hinter uns,
per Funk beordert worden war, um ganz Sizilien rumzukurven.
Der andre, der die Adria herunterdampfte, war ausgebüchst,
sobald er unsere Kanonen sah. Ich aber dachte mehr darüber nach,
daß ich erschossen werden mochte als Spion, wenn ich mich muckste
oder zu erkennen gab. Daß ich jetzt nicht mehr auf der Opitz war,
war schon genug. Ich, einer aus den Kolonien, der Südsee –
Heut tut ja jeder Dienstgrad wie ein Offizier – doch damals waren
die kleinen Chargen ziemlich nett zum Unterdeck.
Du bist ein Deutscher? fragte mich der Maat. Mir fehlen zwei, die sind
tot umgefallen. Zieh das hier an. Und stehe vor den Offizieren stramm
und laß dir deine Kaiserklöße schmecken. Ein Kriegsschiff ist
ein Haufen weniger an Plackerei als so ein Frachter. Ich gewöhnte mich
wie alle andern dran, daß man mich Saulump, Aas und Wichser nannte,
und bald schon steuerten wir zwischen kahlen trocknen Hügeln
zu einer Stadt von Türmen und von Kuppeln, Konstantinopel, wo die Männer
sich zur Begrüßung auf den Hintern klapsen und auf offner Straße essen.
Dann kam der Kaiser selbst an Bord mit jeder Menge Stiefelträgern.
Er hatte einen Blick wie’n ärgerlicher Snob, ’nen Zwirbelschnauzer
in seinem rosigen Großvatergesicht, und einen Helm mit einer Spitze drauf
wie auf ’nem Reihenhaus. Wir sollten unsre Mützen gegen Feze tauschen,
sagte er. Wir wären jetzt die Türkische Marine.
Enver Pascha guckte dazu, als ob er Hämorrhoiden hätte.
Die Schlepper brachten uns, getürkte Türken, zu den Mädchen.
Ich war voll Scham und schüchtern, immer, wenn es dazu kam:
der müde Groll, der hinter ihrem klebrigsüßen Lächeln stand,
und die Verachtung, wenn sie augenblinkernd sich zu einem beugten.
Ich sehnte mich nach einer Freundin, weiter nichts.
Dann, ohne türkischen Befehl, schickte der Admiral uns nach Odessa –
und schon war ich dabei, den Kanonieren Seidensäcke hinzureichen,
und die Kanonen machten Donnerschläge, daß der Erdball dröhnte.
Die Türken waren jetzt dabei, und Rußlands letzter Handelsweg
blockiert. Deswegen bloß, merkte ich später, waren wir gekommen.
Wir hingen auf dem Schwarzen Meer herum und zogen unsre Flagge
auf vor der Stadt und spielten Skat und aßen Gulasch.
Als Gallipoli kam, da dachte ich: Wenn’s jetzt auch gegen die Australier geht,
dann hau ich ab. Statt dessen, auf Landgang bei Trabzon,
sahn ich und meine Kumpels schließlich doch noch Frauen,
die ohne Schleier auf der Straße waren.
Entsetzt und weinend drängten sie sich aneinander, sich immerfort
bekreuzigend, umringt von Männern, die wie Wilde brüllten.
Und ihre weiten losen Kleider trieften. Man roch es: Kerosin. Die Männer
stelzten um sie herum, begrapschten sie, stießen sie an: Kommt, tanzt! –
dann – poff! paff! – brannten sie, die Frauen, dunkle Dochte von riesigen
orangeroten Flammen, und heulten. Hätten wir Gewehre mitgehabt,
wir hätten diese Kerle kaltgemacht. Wir hatten Fäuste nur und Stiefel.
Die eine Frau hing sich an einen Mann: auch er fing Feuer und schrie los.
Vom Schiff kam ’ne Patrouille, sonst hätten die uns umgebracht.
An Bord merkte ich innerhalb von Tagen, daß ich Lepra hatte.
Ich rollte mich zusammen in der Hängematte, selber wie verbrannt,
und drehte mich zur Wand. Der DU konnte brüllen, wie er wollte:
Saukerl, du hast bloß Infaulenza, weiter nichts. Als dann
der Offizier der Wache meine weißen tauben Stellen sah, wurde er ernst.
Und fand heraus, daß ich kein Regulärer war. Mein Maat verlor
darüber seine Klappen. Mich setzten sie an Land, so schnell sie konnten.
Das Schiff glitt auf dem Bosphorus davon, so wie ein Bügeleisen
auf einem schimmernd blauen Laken, und ich trieb ab ins Betteln,
dort zwischen Ringern, Pförtnern und Soldaten von den Dardanellen
in Sackleinen, mit braunen Fetzen, dreckverkrusteten, um ihre Stümpfe.
Ich klapperte die Suppenküchen der Moscheen ab:
Hagia Sophia, Süleimaniye, die Blaue Moschee. Und manchmal schlief
ich ganze Tage lang, und meine Sachen – die einzigen, die ich hatte –
die klebten an mir fest. Nicht einer rührte mich oder mein Essen an.
Nachts war es kühl, fast wie zu Hause, aber es gab immer
Müllfeuer, wo man schlafen konnte. Ich wachte manchmal auf
und saß herum, halb da, und alles Hin und Her
von Karren, Hunden, Streit ging ... nicht um mich herum,
sondern durch mich hindurch. Ich war am Grunde wogender Luft,
am Meeresgrund der Vögel, mein Kopf in Brand, und auf Plakaten
in ihrer Kringelschrift stand jilliby und pulmoll. Ein schlimmer Ort
für einen Mann aus Dungog, der drauf wartete, daß er verfaulte.
Der einzige, der zu mir kam, das war ein Mann, der wie ein Backfisch aussah,
ganz ohne Bart. Er fragte mich: Alman? und hielt den Finger über’n Kopf,
wie um ’ne Pickelhaube anzudeuten. Ich nickte. Und da begann
er stundenlang zu reden. Goß seine Worte über mich wie Wasser,
und beinah alle waren sie verschwendet. Versteh’ dich nicht, Kumpel –
aber die Worte purzelten aus ihm heraus, alle wie hochgerafft am Ende,
wie Türkisch nun mal klingt. Dazwischen brachte er mir Bettlerworte bei,
cüzzamlýyým, dokunmayýnýz, ich habe Aussatz, fassen Sie mich nicht an,
sadaka, eine milde Gabe. Allah rýzasý için bir sadaka.
Tes¸ekkür ederim. Ich danke schön. Ich lernte auch, kein Geld zu nehmen,
weil ich es unrein machte und keiner es mehr haben wollte.
Ich hatte mir ein Stück Linoleum verschafft, als Schutzschirm.
Ich weiß noch, wie der karayel, der eisige Nordwestwind, blies und ich
in dem Linoleum drin stak, wie eine Ratte in der Röhre. Ich lag
im Sterben, weiß ich jetzt, als meine Kumpels von der Wache,
Heimo und Lutz und Claasen, mich aus meiner Röhre schälten:
Komm, Junge, auf zu den Berliner Krankenschwestern,
die wärmen dir den kalten Hintern wieder an. Der Fahrschein hier ist deiner!
Die Ringer mit den Lederhosen hatten sich verkrochen, als wir gingen,
und einer kam aus seinem Unterschlupf hervor, der saß auf einem Brett
und schob sich mit den Händen vorwärts und riß Witze,
den Spendennapf an einer Schnur um seinen Hals gehängt.
Das Milchgesicht ging ein Stück mit, doch sprach kein Wort.
Ich kriegte neue Sachen, und ab ging’s dorthin, wo der Himmel weiß ist.
Im Bahnhof von Berlin dann trug man mich auf einer Bahre
durch einen Saal, der gräßlich voll mit Krüppeln war, die greinten,
und schob mich in ein grünes Auto, und ich kam
in einen andern großen Saal – ein Hospitalsaal, kalt von Spiegeln,
die eisig gleißten unter Leuchtern. Die Ärzte waren steif wie Bajonette,
mit Schnurrbärten wie Wachsoldaten, die Schwestern stramm und rosig,
und wir VERSEHRTEN wurden so beflissen in Bandagen eingewickelt,
daß nichts mehr von uns zu erkennen war.
Ich kam vom weitesten her. Aus dem Pazifik, sagte ich. Den Kolonien.
Da war ’ne nette Krankenschwester, die mich draufhin Krämer nannte,
der mußte ich erzählen von den Zebras und den Elefanten, die wir
dort unten in Neupommern aßen. Doch in mir selbst war immer noch
kein Lebensfunken. ›Tuberkulöse Lepra‹ ist ein hartes Urteil aus dem Munde
bärtiger Ärzte im Gehrock. Ich dachte: komme ich nur fort,
solange ich noch Füße hab’, kann meine Flecken immer schön verstecken
und krieg ein Schiff und komm bis zum Pazifik,
komm ich schon irgendwie in Ordnung. Und mein Zuhause, wenn
ich hinkäm’, würd’ mich heilen. Irr. Ich kam bis in die Straßenbahn
in Lichterfelde. Die Polizei stieg ein und kontrollierte die Papiere,
und jeder, auch wer gar kein Krüppel war, sah einsam aus
und wie gehetzt, und wies sich aus. Ich sprang rasch ab – und landete
mit meinem Hintern auf dem schwarzen Eis, so daß mein Nachthemd
zu sehn war unterm Mantel. Da sprangen auch die Polizisten aus der Bahn
und in die Menge, die bereits mit Fingern auf mich wies.
Ich machte meine Kleider auf und zeigte meine Eilande und Kontinente,
weiß, mit krustig roten Grenzen. Lepra. Wollt ihr sie von mir haben?
Die Menge wich zurück, wie Erbsen über’n Küchenboden kullern,
aber die Polizisten hielten mit mir Schritt, der ich hinstolperte
über das Eis, und pfiffen ständig mehr herbei. Darunter war
ein Schlaumeier von Offizier, mit einem blauen Kreuz am Kragen,
der sagte: Meinen Glückwunsch. Sie haben ganz Berlin als Geisel.
Wie lauten Ihre Forderungen? – Ich will nach Hause, knurrte ich.
Das möchten viele, sagte er. Und noch mehr wär’n gern heimgekommen.
Bloß, gibt’s das noch: Zuhause? Zigarette? Nein, ich nehme Sie nicht fest.
Ein Leben lang von Suppe leben und Choräle ohne Lippen singen
reizt mich nicht grade sehr. Mehr hörte ich von seinen Sprüchen nicht:
von hinter einer Ecke fiel ein großes Netz auf mich.
Schnürt ihn zusammen, sagte er. Und hinterher verbrennt das Netz.
Die Schwester, die mich Krämer nannte, Helga, war entsetzt. Sie sagte,
sie brächte mich schon raus, mal eines Sonntags, beim Spazierengehn.
Sie wußte, daß sie das ihr Leben kosten konnte. Unglaublich!
Aber es kam gar nicht so weit. Ich wurde abgeschoben
zu einem Loch mit Mauern drumherum, in der Weserebene,
dem Kaiserlichen Leprosorium. Es war ein gelber Innenfriedhof:
dort drinnen steckten wir, und was im Grab geschieht, das würde dort
sehr langsam vor sich gehn. Von so was wie ’nem leicht zerkratzten Foto
zu bandagierten Stümpfen, halben Ohren, Löchern im Gesicht –
und nicht wie Krüppel draußen, wo es rasch zuendgeht, sondern stets so fort.
Da war ein Hauptmann, mit dem Zeppelin aus Afrika gekommen,
aus Lettow-Vorbecks Truppe: vier Jahre setzten die den Briten zu.
Dort drinnen gab es viele aus den Kolonien: ich mußte wachsam sein.
Der aber war ein ganz Gerissener und gab mir grinsend einen Wink:
Du hast genug von einem Deutschen an dir, Seemann, wo immer du
auch her sein magst, und wirst bestimmt hier nicht viel spioniern.
Das rüttelte mich wach, war meine Rettung, ließ an Flucht mich denken.
Eins hatte ich gelernt: ein Krüppel sein war so gut wie Papiere haben
oder ein Greis sein; fast so gut wie eine Uniform. Ich wartete ruhig ab
und ging an Land. Ich mein’: nach draußen, wo es zwei Geschlechter gibt
und Gras und Kinder. Ich war wie lange Zeit auf See gewesen.
Und diesmal würd’ ich meine Krankheit tarnen. Niemanden anfassen,
aber so tun, als könnte ich’s. Und immer einen Arm verstecken.
Und auch nicht hasten, sondern trotten wie ein deutscher Untertan.
Es klappte! Ich gab mich als Soldat der Kriegsmarine aus, wenn einer kam
und mich, auf Karren oder Kahn, ein Stück in Richtung Holland mitnahm.
In Osnabrück, an einem Frühlingsmorgen vor der Friedenshalle,
sah ich zwei andre Streuner, wie ich selber einer war.
Ein hübsches junges Mädchen kam vorbei, mit einem Aktenkoffer,
ich schätze, daß sie jetzt die Stelle von ’nem Federfuchser hatte,
der in den Krieg war. Da sprang der eine von den Streunern zu ihr hin
und riß den Aktenkoffer von ihr weg. Wirklich. Denn auch ihr Arm ging ab.
Ich blinzelte. Es war wirklich. Und sie schrie. Die Adern und die Muskeln
an ihrem Arm war’n bloße Lederstränge. Und der Gauner
war völlig baff. Er lehnte seinen Kopf an eine Wand,
der Koffer zwischen seinen Füßen noch am Holzarm angekettet.
Die Menge lief zusammen. Der andre Kerl war abgehau’n.
Das Mädchen weinte, der Ärmel war von ihrer Bluse abgerissen,
und ich stand neben ihr. Ich war so blöd vor lauter Schüchternheit,
sie streckte ihre Hand aus, ihre lebendige und warme Hand –
und was mach ich? Ich leg ihr ihren Arm aus Holz hinein.
Hätt’ ich das nicht getan, hätt’ alles anders ausgesehn.
Sie warf mir einen Blick zu, allerseltsamst und ganz still.
Dann waren Frauen neben ihr, um sie zu trösten, und Polizisten kamen
und nahmen sich der Sache und des Gauners an.
Ich tauchte eilig in der Menge unter. Was ist passiert? – Weiß auch nicht.
–
Was haben Sie da im Gesicht? – Oh, der Krieg. – Sie armer Kerl!
Da geht’s wohl nach Paris, he? – Ich ging nach Rotterdam.
Ein paar mehr Nächte noch im Heu, Geschichten von Neu-Mecklenburg,
die Streifen meiden, und über einen Schleichpfad kam ich
nach Holland. Die Sprache auf den Schildern gab mir meinen Arm zurück.
Zwei Jahre lang im Krieg, wie in der Falle. Nun konnte ich Australier sein.
Nord- oder Südamerikaner, der deutsch sprach und neutral war. Zwei Jahre!
Im Fliegenden Engel schrieb ich als erstes einen Brief nach Hause.
Und weinte, als ich schrieb, und auch noch hinterher. Dann schob ich
einen Stuhl unter die Klinke – damals gab’s noch keine Duschen –
und wusch mich ganz und gar. Die tauben Stellen hatten sich verändert,
stachen wie Brandflecke und lösten sich an ihren Rändern ab.
Ich war entsetzt. Nun fiel ich auseinander.
Schneller als jemals einer in dem Leprosarium.
Ich mußte auf ein Schiff. Und fand auch eines, einen Dänen, der
nach Rio ging, an Back- und Steuerbord die Flagge aufgemalt. Ich
brannte, klebte fest an meinen Kleidern, riß mich wieder los, mir fiel
die Rinde ab wie einem Eukalyptus, und ich durfte es nicht merken lassen.
Und was ich nie erwartet hatte: als es nicht mehr weh tat,
spürte ich gar nichts mehr. Aber genau so war’s.
Kein Schmerz und keine Lust. Nur wie ein Schemen von dem Sinn,
der meldet, wo ein Teil von einem ist, und das Bedürfnis drinnen anzeigt,
daß man sich nicht beschmutzt. Es schien, als sollte ich
kein öffentlicher Krüppel werden. Und ich wußte irgendwie, daß ich
nicht sterben würde, und daß die Lepra, oder was es war, jetzt fort war.
Doch andrerseits: ein Lukendeckel, der auf meinen Stiefel krachte,
der hätte mir schon weh tun müssen. Die Jungens sahn mich an.
Gut, diese Stahlbeschläge an den Schuhen, konnt’ ich grad noch sagen.
Ich hörte meine Knochen krachen, aber spürte nichts. Ich würde mir
das Wehleid, wie ich’s nannte, antrainieren müssen. Gedächtnis hilft:
fluch, wenn du dich verbrennst, krümm dich, wenn’s kalt ist, klopf dir
nicht auf die Finger, verdreh dein Bein nicht, bis es knackt. Vergiß nicht,
daß du müde wirst: ich trimmte einmal zwanzig Stunden lang ’ne Ladung,
und hielt dann einfach an. Nichts ging mehr: Die Arme wollten
sich nicht mehr heben, die Zunge nicht die Lippen lecken, der Schlund
nicht schlucken. Ich stand und starb. Das war noch in demselben Jahr.
Ich hatte dies Geheimnis und übernahm drum viele Wachen,
ich schlief nicht gern im vollen Dunkel wegen dieser Art, auf die
mein Körper schwand und mich, ein bloßes Selbst, im Dunkel ließ.
Wie seltsam, selbst noch heut, das zu erzähl’n. Keiner, dem ich es damals
sagen konnte, ein Seemann unter andern, voller Scham, daß ich so anders war.
Und außerdem war’n andre schlimmer dran.
Wir kreuzten im Kanal und sahn die Fähren tief im Wasser liegen,
und Männer drauf in brauner Uniform.
Bist mal dabeigewesen, Sydneyside? fragte mich der Smutje.
Ich sagte, ich wär glücklich drum herumgekommen. Das Beste, sagte er.
Die fahr’n jetzt hin zu Schützengräben, die voll Schlamm und Leichen sind.
Ich fragte nicht, wo er’s gesehen hatte. Rückgrate wie Patronengürtel.
Sein Blick war von dem Grauen wie vergiftet. Die Maden fressen dort
den Boden, sagte er. Ich dachte dran, was jeder wohl gelitten hatte,
bevor er starb, und wie mir jetzt nicht mal der Tod mehr wehtun würde,
mir ganz allein von allen. Blei’m besser auf den Schiffen, was, Sydneyside?
Das hier sind ich und Rosie und Corbeau in der Boca
in Buenos Aires. Könntet ihr unter Rosies Jacke schaun, ihr würdet sehen,
daß er blitzblau ist, überall. Wir hatten einen Stier an Bord, zur Zucht,
aus Galveston. Rosie ging in den Pferch, um auszumisten,
als es den Bullen überkam. Und Rosie, der stand zwischen
ihm und dem Schott. Der Bulle schubberte ihn auf und ab am Stahl
und glotzte dumm, als ihm nicht leichter wurde. Wir schwitzten,
um ihn wegzuziehn. Laß dich von seiner Brunst nicht unterkriegen, Rosie!
Auf dieser Fahrt ging mir zum ersten Mal was schief. Unsre Kombüse
war auf Deck. Der Smutje – ein andrer – war ein Säufer, und er hatte
bei Wind das Feuer ausgehn lassen. Der Junge zündete es wieder an,
mit Kerosin, und es schlug hoch und seine Sachen fingen Feuer.
Er schrie wie wild, als ich dazukam. Die Kombüse brannte auch.
Ich zog ihn raus und merkte nicht,
daß ich selbst brannte, hier, die ganze Wade, ihr könnt’s sehn.
Sie nehmen sich des Jungen an, und ich räum auf – und brenn’ dabei.
Da fängt der Smutje an zu brüll’n, und ich weiß nicht weswegen.
Ich dachte, er säh seine weißen Mäuse. Ich brannte weiter –
seht ihr, wie weit ins Fleisch das geht? Die kleinen Silberzacken?
Der Frachtaufseher schlägt die Flammen aus mit einem nassen Pulli,
und alle starr’n mich an. Der Teufel! kreischt der Smutje,
geht durchs Feuer und brennt nicht. Bleib mir vom Leib, du Teufel! –
Grad du, sag ich. Der Käpt’n aber hörte, daß ich nicht geheuer wär,
und schaßte mich. Sonst hätten sie mich nachts mal schwimmen lassen.
Kein Schmerz im Bein, kein Brand, kein Heilen. Es stank, und ich
kurierte mich nach Farmerweise: Sprit, pur und dampfend draufgetropft.
Als es dann heilte, recht und schlecht, da dachte ich nicht mehr
an Lepra. Ich war wieder jung, in sichrem Hafen, voller Neugier,
ein bißchen läufig. Da war ’ne Kellnerin in ’nem Café,
die merkte das und half mir raus. Peinlich, das zuzugeben. Sie mußte
mir alles sagen. Oh ja, oh ja, du bist soweit, und dann: Hör auf, du bist
gekommen. Du überschwemmst mich ja. Hast du das nicht gemerkt?
Ich schien kein Schiff durch Panama in den Pazifik zu bekommen,
dann aber, spät im Jahre ’17, kriegte ich ’nen Job auf einem Frachter,
der ging von New Orleans nach Kapstadt: von dort aus, dacht’ ich, käm ich
sicherlich nachhaus. Und wir fuhr’n unter der Flagge von Kolumbien.
Jetzt aber war’n die Amis auch im Krieg, und die deutschen
U-Boote machten alles nieder. Wir wurden torpediert, und nur
die gräßlich spitze Zunge unsres schwarzen brasilianischen Kapitäns,
João Teixera de Saint-Adroit, sorgte für einen Rest von Disziplin
im einzigen Rettungsboot. Halten Sie Selbstmitleid für trinkbar,
Mr. Henshaw? Nein? Warum teilen Sie’s dann aus? Sie haßten ihn so sehr,
daß sie der Haß am Leben hielt, sie, die am eignen Leib ihr Elend spürten.
Meines war mehr ein Wissen: zwei Tage noch,
dann sterbe ich an Durst. Oder eigentlich, Es stirbt an Durst.
Es, drin ich stecke. Als die Alcázar de Toledo, unser Schiff,
in Trümmer ging, war unser Bootsmann auf das Deck gerannt
und hatte losgeschrien: The Huns! Die Hunnen wollen uns versenken!
Rezension I Buchbestellung I home III07 LYRIKwelt © Ammann