Accabadora von Michaela Murgia, 2010, Wagenbach

Michela Murgia

Accabadora
(Zitat aus: Accabadora, Roman, 2010, Wagenbach - Übertragung Julika Brandestini).

Bereits in der 5. Auflage:

Michela Murgia

Accabadora

"Wenn es wahr ist, dass die Erde von denen erzählt, die sie

besitzen, erzählten die Hügel von Soreni eine komplizierte

Geschichte. Die kleinen, unregelmäßigen Grundstücke

sprachen

von Familien mit zu vielen Kindern und Zwistigkeiten,

zersplittert in Einzelteile, die durch kleine Trockenmauern

aus schwarzem Basalt voneinander getrennt waren,

über deren Beachtung jeder Einzelne missgünstig wachte.

Im Weinberg auf dem Hügel, der Pran’e boe genannt

wurde, war es zehn Uhr an einem milden Oktobermorgen,

als sich die Hand Andría Bastíus unbeholfen auf das dünne

Handgelenk Marias legte, um die Bewegungen der Gartenschere

zu bremsen.

»Pass auf, da nicht!«

»Warum, was ist denn da?«

»Ein Netz der Schwarzen Witwe. «

»Ich hab’ keine Angst vor Spinnen. «

»Weil du keine Ahnung hast«, sagte er ernst. »Wenn die

Schwarze Witwe dich beißt, buddeln sie dich in Mist ein

und lassen sieben Frauen um dich herumtanzen, erst Witwen,

dann alte Jungfern und schließlich verheiratete Frauen,

so lange, bis sie den Charakter der Spinne verstehen. «

»Wer erzählt dir denn so einen Unsinn, Andría?« Lachend

schnitt Maria die große Traube ab und legte sie vorsichtig

in den Plastikeimer. Dabei schüttelte sie ihren Kopf

mit dem gelb geblümten Kopftuch, das bereits von den

Ernten der vergangenen Jahre ausgebleicht war. Der Weinberg

der Bastíu bestand aus zweitausend Weinstöcken,

dunkle Trauben mit Beeren groß wie Wachteleier. Wenn

man sie zerdrückte, trat ein schwarzer Saft hervor, der aussah

wie gekochtes Schweineblut und auch genauso süß

war. Die beiden Kinder hatten sich die Arbeit nach ihrem

Kräfteverhältnis aufgeteilt und versuchten, mit den Erwachsenen

in der Reihe nebenan mitzuhalten.

»Hör zu, das stimmt wirklich. Als mein Papa klein war,

ist ihm das einmal passiert. Er hat mir gesagt, dass sie ihn

zwei Stunden lang im Misthaufen schwitzen lassen mussten,

sonst wäre er verloren gewesen. «

»Ist dein Vater nicht auch derjenige, der zweimal im

Krieg gefallen ist? Wirklich, wenn man dich in den Laden

schickte, um hundert Gramm gemahlenes Nichts zu kaufen,

ich bin sicher, du würdest gehen."

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