Wovon ich rede, wenn ich vom Laufen rede von Haruki Murakami, DuMont, 2008Haruki Murakami

Wovon ich rede, wenn ich vom Laufen rede
(Leseprobe aus:
Wovon ich rede, wenn ich vom Laufen rede, Roman, 2008, DuMont - Übertragung Ursula Gräfe).

Vielleicht wirkt es ein bisschen albern, wenn ein Mann in meinem Alter so etwas immer wieder schreibt, aber um es ganz klarzustellen: Ich bin ein Mensch, der besonders gern für sich ist. Oder noch präziser ausgedrückt: Es bereitet mir keinerlei Unbehagen, allein zu sein. Ich finde es weder schwierig noch langweilig, am Tag ein oder zwei Stunden allein zu laufen und dann vier oder fünf Stunden allein am Schreibtisch zu sitzen. Schon in meiner Jugend hatte ich diese Neigung. Vor die Wahl gestellt, habe ich es immer vorgezogen, ein Buch zu lesen oder allein Musik zu hören, statt mit anderen zusammen zu sein. Mir fiel immer etwas ein, was ich allein tun konnte.
Dennoch habe ich jung geheiratet (mit zweiundzwanzig) und mich allmählich an das Zusammenzuleben mit einem anderen Menschen gewöhnt. Nach dem Studium führte ich ein Lokal und lernte, wie wichtig es ist, mit anderen auszukommen, und dass wir – versteht sich – allein nicht überleben können. So erfuhr ich, wenn auch auf meine etwas unorthodoxe Weise, was es heißt, ein soziales Wesen zu sein. Rückblickend ist mir klar, dass sich in meinen Zwanzigern meine Weltsicht änderte und ich menschlich reifer wurde. Indem ich vieles ausprobierte, erwarb ich die praktischen Fähigkeiten, die ein Mensch zum Überleben braucht. Ohne diese zehnjährige Lebenserfahrung hätte ich womöglich nie einen Roman geschrieben, oder es wäre, selbst wenn ich es versucht hätte, nichts daraus geworden. Dennoch verändert sich der Charakter eines Mensch nie ganz drastisch. Der Wunsch, allein zu sein, ist mir unverändert eigen. Deshalb ist auch die eine Stunde am Tag, die ich schweigend und für mich verbringe, von so großer Bedeutung für mein psychisches Wohlergehen. Beim Laufen muss ich mit niemandem reden und niemandem zuhören. Ich brauche nur auf die vorüberziehende Landschaft zu schauen. Um nichts in der Welt würde ich diese kostbaren Momente eintauschen.
Häufig werde ich gefragt, woran ich beim Laufen denke. Meist haben die Menschen, die diese Frage stellen, selbst keine Erfahrung im Langstreckenlauf. Jedes Mal denke ich angestrengt darüber nach. Was denke ich denn eigentlich so, wenn ich laufe? Ehrlich gesagt, kann ich mich überhaupt nicht daran erinnern.
An kalten Tagen denke ich ein bisschen an die Kälte und an heißen Tagen an die Hitze. Wenn ich traurig bin, denke ich an die Traurigkeit, und wenn ich froh bin, an die Freude. Oder es kommen mir – ich schrieb es schon – irgendwelche belanglosen Erinnerungen an früher. Hin und wieder (ganz selten) taucht eine Idee für einen Roman in meinem Kopf auf. Doch abgesehen davon denke ich wirklich so gut wie nichts.
Wenn ich laufe, laufe ich einfach. Normalerweise in einer Leere. Oder vielleicht sollte ich es lieber umgekehrt ausdrücken: Ich laufe, um Leere zu erlangen. Aber natürlich schlüpft stets der eine oder andere Gedanke in diese Leere. Klar, denn in den Herzen der Menschen kann es keine wahre Leere geben. Der menschliche Geist ist nicht stark genug, um ein echtes Vakuum zu halten, und auch nicht so konsequent. Ich sage nur, das ich die Gedanken (Ideen), die beim Laufen in mein Bewusstsein dringen, dieser Leere untergeordnet sind. Sie haben keinen Inhalt, sie tauchen auf und umkreisen die Leere wie eine Achse.
Die Gedanken, die mir beim Laufen durch den Kopf gehen, sind wie die Wolken am Himmel. Wolken in verschiedenen Formen und Größen. Sie kommen und ziehen vorüber. Der Himmel jedoch bleibt immer derselbe. Die Wolken sind nicht mehr als Gäste auf der Durchreise. Sie tauchen auf und verschwinden wieder. Und nur der Himmel bleibt zurück. Er existiert und existiert zugleich nicht. Er hat Substanz und ist zugleich substanzlos. Wir können nicht mehr tun, als die Existenz dieses grenzenlosen Raumes zu akzeptieren und in uns aufnehmen.
Nun bin ich Ende fünfzig. Als ich jung war, konnte ich mir nicht vorstellen, dass das 21. Jahrhundert wirklich kommen würde und ich allen Ernstes fünfzig werden könnte. Theoretisch war mir natürlich klar, dass irgendwann (wenn nichts Drastisches geschähe) das 21. Jahrhundert heranbrechen und ich fünfzig sein würde. Mir das jedoch konkret vorzustellen, war mir unmöglich. Ebenso gut hätte man mich auffordern können, mir das Totenreich praktisch vorzustellen. Mick Jagger hat sich einmal gebrüstet, er wolle lieber tot umfallen, als mit fünfundvierzig noch Satisfaction singen. Und jetzt ist er über sechzig und singt noch immer Satisfaction. Manche Leute lachen darum über ihn, aber ich kann das nicht. Er konnte sich eben einfach nicht vorstellen, dass er einmal fünfundvierzig sein würde. Mir ging es genauso. Soll ich da über ihn lachen? Ich denke nicht daran.. Da ich kein junger berühmter Rocksänger war, hat sich zum Glück niemand gemerkt, was ich damals an Unsinn geredet habe, also kann es auch nicht zitiert werden. Das ist der einzige Unterschied.
Und nun lebe ich mitten in dieser »unvorstellbaren« Welt. Es ist schon sehr sonderbar, wenn ich darüber nachdenke. Ich durchschaue nicht einmal, ob es für mich als Mensch ein Glück oder ein Unglück ist, hier zu sein. Vielleicht sollte ich die Sache auch nicht zu sehr problematisieren. Es ist für mich das erste Mal - wie vermutlich für die meisten -, dass ich älter werde und die damit verbundenen Gefühle und Veränderungen durchlebe. Hätte ich damit ein bisschen mehr Erfahrung, wäre alles klarer, und ich könnte es besser verdauen. So jedoch bleibt mir vorläufig nicht viel anderes übrig, als damit zu leben, mich eines abschließenden Urteils noch zu enthalten und die Dinge hinzunehmen, wie sie sind. Ebenso wie ich den Himmel akzeptiere, die Wolken und den Fluss. Allerdings hat das Ganze auch eine gewisse Komik, der man sich nicht völlig entziehen kann.

Ich bin, wie gesagt, weder im Alltag noch in meinem Beruf darauf aus, mit anderen zu konkurrieren. Ich weiß, es ist banal, so etwas zu sagen, aber es gibt die unterschiedlichsten Menschen auf der Welt. Andere haben andere Werte und leben danach, ebenso wie ich nach meinen Wertvorstellungen lebe. Diese Unterschiede führen zu Unstimmigkeiten, und wenn sich solche Unstimmigkeiten anhäufen, kann das zu immer größeren Missverständnissen führen. Grundlose Vorwürfe sind die Folge, und natürlich ist es kein Vergnügen, missverstanden und ungerecht getadelt zu werden. Manche fühlen sich dadurch zutiefst verletzt. Eine schlimme Erfahrung. Doch mit zunehmendem Alter gelange ich immer mehr zu der Erkenntnis, dass diese Schmerzen und Verletzungen für den Menschen unerlässlich sind. Im Grunde ist es ja nur die Verschiedenheit der Menschen, die sie zu unabhängigen Individuen werden lässt. Nehmen Sie zum Beispiel mich. Ich kann Geschichten schreiben, weil ich die Fähigkeit besitze, anders zu empfinden, diese Empfindungen anders in Szene zu setzen und andere Worten zu wählen als andere. So entsteht etwas Außergewöhnliches, das von gar nicht wenigen Menschen gelesen wird. Demnach ist der Umstand, dass ich ich bin und keiner anderer, einer meiner bedeutendsten Vorzüge. Emotionale Verletzungen sind offenbar der Preis, den ein Mensch für seine Unabhängigkeit zahlen muss.
Das ist im Großen und Ganzen die Überzeugung, nach der ich lebe. Vielleicht habe ich deshalb in gewissen Bereichen meines Lebens immer die Einsamkeit gesucht. Besonders in meinem Beruf ist dieser Weg vielleicht auch weitgehend unvermeidlich. Einsamkeit kann jedoch auch wie eine Säure, die langsam aus einer Flasche tropft, das Herz verätzen, ohne dass der Betroffene es merkt. Sie ist wie ein scharfes zweischneidiges Schwert. Sie bietet Schutz, kann jemanden jedoch gleichzeitig von Innen durchbohren. Dieser Gefahr bin ich mir – wohl durch Erfahrung – bewusst geworden. Deshalb musste ich die Einsamkeit, die mich umfängt, heilen und ihr entgegenwirken, indem ich meinen Körper ständig in Bewegung hielt und manchmal sogar bis an seine Grenzen trieb, nicht vorsätzlich, sondern eher instinktiv.

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