Vielleicht wirkt es
ein bisschen albern, wenn ein Mann in meinem Alter so etwas immer wieder
schreibt, aber um es ganz klarzustellen: Ich bin ein Mensch, der besonders gern
für sich ist. Oder noch präziser ausgedrückt: Es bereitet mir keinerlei
Unbehagen, allein zu sein. Ich finde es weder schwierig noch langweilig, am Tag
ein oder zwei Stunden allein zu laufen und dann vier oder fünf Stunden allein am
Schreibtisch zu sitzen. Schon in meiner Jugend hatte ich diese Neigung. Vor die
Wahl gestellt, habe ich es immer vorgezogen, ein Buch zu lesen oder allein Musik
zu hören, statt mit anderen zusammen zu sein. Mir fiel immer etwas ein, was ich
allein tun konnte.
Dennoch habe ich jung geheiratet (mit zweiundzwanzig) und mich allmählich an das
Zusammenzuleben mit einem anderen Menschen gewöhnt. Nach dem Studium führte ich
ein Lokal und lernte, wie wichtig es ist, mit anderen auszukommen, und dass wir
– versteht sich – allein nicht überleben können. So erfuhr ich, wenn auch auf
meine etwas unorthodoxe Weise, was es heißt, ein soziales Wesen zu sein.
Rückblickend ist mir klar, dass sich in meinen Zwanzigern meine Weltsicht
änderte und ich menschlich reifer wurde. Indem ich vieles ausprobierte, erwarb
ich die praktischen Fähigkeiten, die ein Mensch zum Überleben braucht. Ohne
diese zehnjährige Lebenserfahrung hätte ich womöglich nie einen Roman
geschrieben, oder es wäre, selbst wenn ich es versucht hätte, nichts daraus
geworden. Dennoch verändert sich der Charakter eines Mensch nie ganz drastisch.
Der Wunsch, allein zu sein, ist mir unverändert eigen. Deshalb ist auch die eine
Stunde am Tag, die ich schweigend und für mich verbringe, von so großer
Bedeutung für mein psychisches Wohlergehen. Beim Laufen muss ich mit niemandem
reden und niemandem zuhören. Ich brauche nur auf die vorüberziehende Landschaft
zu schauen. Um nichts in der Welt würde ich diese kostbaren Momente eintauschen.
Häufig werde ich gefragt, woran ich beim Laufen denke. Meist haben die Menschen,
die diese Frage stellen, selbst keine Erfahrung im Langstreckenlauf. Jedes Mal
denke ich angestrengt darüber nach. Was denke ich denn eigentlich so, wenn ich
laufe? Ehrlich gesagt, kann ich mich überhaupt nicht daran erinnern.
An kalten Tagen denke ich ein bisschen an die Kälte und an heißen Tagen an die
Hitze. Wenn ich traurig bin, denke ich an die Traurigkeit, und wenn ich froh
bin, an die Freude. Oder es kommen mir – ich schrieb es schon – irgendwelche
belanglosen Erinnerungen an früher. Hin und wieder (ganz selten) taucht eine
Idee für einen Roman in meinem Kopf auf. Doch abgesehen davon denke ich wirklich
so gut wie nichts.
Wenn ich laufe, laufe ich einfach. Normalerweise in einer Leere. Oder vielleicht
sollte ich es lieber umgekehrt ausdrücken: Ich laufe, um Leere zu erlangen. Aber
natürlich schlüpft stets der eine oder andere Gedanke in diese Leere. Klar, denn
in den Herzen der Menschen kann es keine wahre Leere geben. Der menschliche
Geist ist nicht stark genug, um ein echtes Vakuum zu halten, und auch nicht so
konsequent. Ich sage nur, das ich die Gedanken (Ideen), die beim Laufen in mein
Bewusstsein dringen, dieser Leere untergeordnet sind. Sie haben keinen Inhalt,
sie tauchen auf und umkreisen die Leere wie eine Achse.
Die Gedanken, die mir beim Laufen durch den Kopf gehen, sind wie die Wolken am
Himmel. Wolken in verschiedenen Formen und Größen. Sie kommen und ziehen
vorüber. Der Himmel jedoch bleibt immer derselbe. Die Wolken sind nicht mehr als
Gäste auf der Durchreise. Sie tauchen auf und verschwinden wieder. Und nur der
Himmel bleibt zurück. Er existiert und existiert zugleich nicht. Er hat Substanz
und ist zugleich substanzlos. Wir können nicht mehr tun, als die Existenz dieses
grenzenlosen Raumes zu akzeptieren und in uns aufnehmen.
Nun bin ich Ende fünfzig. Als ich jung war, konnte ich mir nicht vorstellen,
dass das 21. Jahrhundert wirklich kommen würde und ich allen Ernstes fünfzig
werden könnte. Theoretisch war mir natürlich klar, dass irgendwann (wenn nichts
Drastisches geschähe) das 21. Jahrhundert heranbrechen und ich fünfzig sein
würde. Mir das jedoch konkret vorzustellen, war mir unmöglich. Ebenso gut hätte
man mich auffordern können, mir das Totenreich praktisch vorzustellen. Mick
Jagger hat sich einmal gebrüstet, er wolle lieber tot umfallen, als mit
fünfundvierzig noch Satisfaction singen. Und jetzt ist er über sechzig und singt
noch immer Satisfaction. Manche Leute lachen darum über ihn, aber ich kann das
nicht. Er konnte sich eben einfach nicht vorstellen, dass er einmal
fünfundvierzig sein würde. Mir ging es genauso. Soll ich da über ihn lachen? Ich
denke nicht daran.. Da ich kein junger berühmter Rocksänger war, hat sich zum
Glück niemand gemerkt, was ich damals an Unsinn geredet habe, also kann es auch
nicht zitiert werden. Das ist der einzige Unterschied.
Und nun lebe ich mitten in dieser »unvorstellbaren« Welt. Es ist schon sehr
sonderbar, wenn ich darüber nachdenke. Ich durchschaue nicht einmal, ob es für
mich als Mensch ein Glück oder ein Unglück ist, hier zu sein. Vielleicht sollte
ich die Sache auch nicht zu sehr problematisieren. Es ist für mich das erste Mal
- wie vermutlich für die meisten -, dass ich älter werde und die damit
verbundenen Gefühle und Veränderungen durchlebe. Hätte ich damit ein bisschen
mehr Erfahrung, wäre alles klarer, und ich könnte es besser verdauen. So jedoch
bleibt mir vorläufig nicht viel anderes übrig, als damit zu leben, mich eines
abschließenden Urteils noch zu enthalten und die Dinge hinzunehmen, wie sie
sind. Ebenso wie ich den Himmel akzeptiere, die Wolken und den Fluss. Allerdings
hat das Ganze auch eine gewisse Komik, der man sich nicht völlig entziehen kann.
Ich bin, wie gesagt, weder im Alltag noch in meinem Beruf darauf aus, mit
anderen zu konkurrieren. Ich weiß, es ist banal, so etwas zu sagen, aber es gibt
die unterschiedlichsten Menschen auf der Welt. Andere haben andere Werte und
leben danach, ebenso wie ich nach meinen Wertvorstellungen lebe. Diese
Unterschiede führen zu Unstimmigkeiten, und wenn sich solche Unstimmigkeiten
anhäufen, kann das zu immer größeren Missverständnissen führen. Grundlose
Vorwürfe sind die Folge, und natürlich ist es kein Vergnügen, missverstanden und
ungerecht getadelt zu werden. Manche fühlen sich dadurch zutiefst verletzt. Eine
schlimme Erfahrung. Doch mit zunehmendem Alter gelange ich immer mehr zu der
Erkenntnis, dass diese Schmerzen und Verletzungen für den Menschen unerlässlich
sind. Im Grunde ist es ja nur die Verschiedenheit der Menschen, die sie zu
unabhängigen Individuen werden lässt. Nehmen Sie zum Beispiel mich. Ich kann
Geschichten schreiben, weil ich die Fähigkeit besitze, anders zu empfinden,
diese Empfindungen anders in Szene zu setzen und andere Worten zu wählen als
andere. So entsteht etwas Außergewöhnliches, das von gar nicht wenigen Menschen
gelesen wird. Demnach ist der Umstand, dass ich ich bin und keiner anderer,
einer meiner bedeutendsten Vorzüge. Emotionale Verletzungen sind offenbar der
Preis, den ein Mensch für seine Unabhängigkeit zahlen muss.
Das ist im Großen und Ganzen die Überzeugung, nach der ich lebe. Vielleicht habe
ich deshalb in gewissen Bereichen meines Lebens immer die Einsamkeit gesucht.
Besonders in meinem Beruf ist dieser Weg vielleicht auch weitgehend
unvermeidlich. Einsamkeit kann jedoch auch wie eine Säure, die langsam aus einer
Flasche tropft, das Herz verätzen, ohne dass der Betroffene es merkt. Sie ist
wie ein scharfes zweischneidiges Schwert. Sie bietet Schutz, kann jemanden
jedoch gleichzeitig von Innen durchbohren. Dieser Gefahr bin ich mir – wohl
durch Erfahrung – bewusst geworden. Deshalb musste ich die Einsamkeit, die mich
umfängt, heilen und ihr entgegenwirken, indem ich meinen Körper ständig in
Bewegung hielt und manchmal sogar bis an seine Grenzen trieb, nicht vorsätzlich,
sondern eher instinktiv.
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