Ich träume oft vom Hotel Delfin.
Im Traum bin ich ein Teil davon. Und zwar als eine Art kontinuierlicher Zustand.
Der Traum suggeriert diese Kontinuität ganz deutlich. Das Hotel Delfin ist
verzerrt und schmal wie ein Schlauch. Es wirkt eher wie eine lange, überdachte
Brücke. Eine Brücke, die sich von uralten Zeiten bis in die Endzeit des
Universums erstreckt, von Ewigkeit zu Ewigkeit. Und mittendrin bin ich. Jemand
weint. Weint um mich.
Das Hotel umhüllt mich. Ich kann seinen Puls fühlen, seine Temperatur spüren.
Im Traum bin ich ein Teil des Hotels.
Das ist mein Traum.
Ich wache auf. Wo bin ich? Ich denke es nicht nur, sondern stelle mir die Frage
laut: "Wo bin ich?" Eine sinnlose Frage. Als wüsste ich es nicht: Ich
bin hier. Mitten im Leben. In meinem Alltag, mit allen Dingen, die zu mir, einer
realen Existenz, gehören. Nicht, das ich mich daran erinnern könnte, all den
Situationen und Ereignissen, bei denen ich eine Rolle gespielt habe, jemals
zugestimmt zu haben. Hin und wieder ist da eine Frau, die neben mir schläft.
Doch meistens bin ich allein. Es gibt lediglich die Autobahn direkt vor meinem
Fenster, Ein Glas - mit einem Restschluck Whiskey - an meinem Bett und das
feindselige - oder vielleicht auch nur gleichgültige - diesige Morgenlicht.
Manchmal regnet es. Dann bleibe ich im Bett und träume vor mich hin. Und kippe
den Rest Whiskey. Ich schaue den Regentropfen zu, die von der Traufe rinnen, und
denke dabei an das Hotel Delfin. Irgendwann räkele ich mich, langsam und
wohlig. Das genügt mir, um mich zu vergewissern, dass ich einfach nur ich bin
und nicht Teil von etwas Anderem. Aber das Gefühl im Traum hat sich noch nicht
verflüchtigt. Es ist so plastisch, dass ich meine Hand danach ausstrecken und
es berühren könnte. Dann würde das gesamte Bild, in dem ich mich befinde, in
Bewegung geraten. Wenn ich angestrengt lausche, kann ich hören, wie sich
langsam eine Reihe von Szenen abzuspielen beginnt. Eine nach der anderen, in
Kaskaden. Ich lausche aufmerksam. Höre, wie jemand leise, kaum wahrnehmbar
weint, ein Schluchzen irgendwoher aus dunkler Tiefe. Jemand weint um mich.
Das Hotel Delfin existiert wirklich. Es befindet sich in einem unscheinbaren
Winkel von Sapporo. Vor einigen Jahren hatte ich eine Woche dort übernachtet.
Wenn ich mich recht entsinne, war es vor vier Jahren. Nein, vor viereinhalb, um
genau zu sein. Ich war noch in den Zwanzigern. Die Woche dort verbrachte ich mit
einem Mädchen. Sie war es, die das Hotel ausgesucht hatte. Da übernachten wir.
Sie hatte darauf bestanden. Sonst wäre ich nicht einmal auf den Gedanken
gekommen, in einem solchen Kasten abzusteigen. Das Hotel war eine schäbige
Bruchbude. Während unseres gesamten Aufenthalts haben wir, soweit ich mich
erinnere, keinen anderen Gast gesehen. Ein paar Figuren lungerten zwar in der
Lobby herum, aber wer weiß, ob sie tatsächlich Gäste waren. Es fehlten immer
einige Schlüssel an der Rezeption, was die Vermutung nahelegte, dass außer uns
noch andere hier logierten. Falls überhaupt, konnten es nicht viele sein. Wenn
irgendwo in der Großstadt ein Schild mit der Aufschrift Hotel aushängt und die
Telefonnummer im Branchenbuch steht, sollte man eigentlich davon ausgehen können,
dass sich Gäste einfinden. Doch falls es noch andere außer uns gab, dann
mussten sie extrem schüchtern und leise sein. Man hörte weder den geringsten
Mucks, noch gab es irgendein sichtbares Zeichen ihrer Anwesenheit - außer der täglich
wechselnden Anordnung der Schlüssel am Bord. Vielleicht waren es
Schattengestalten, die mit angehaltenem Atem an den Korridorwänden entlang
schlichen. Gelegentlich hörten wir das quietschende Rumpeln des Aufzugs, doch
sobald er stoppte, herrschte wieder bleierne Stille.
Ein ziemlich skurriles Hotel.
Es kam mir vor wie eine Sackgasse der Evolution, wie ein genetischer Rückschritt.
Eine Missgeburt der Natur, die einige Organismen irreversibel auf die falsche Fährte
gebracht hatte. Der evolutionäre Vektor war aufgehoben. Verwaiste Lebensformen
kauerten im Dämmerlicht der Geschichte, im Tal der ertrunkenen Zeit. Und
niemand war dafür verantwortlich. Keiner trug die Schuld, keiner würde sie erlösen.
Man hätte das Hotel niemals an diese Stelle bauen dürfen. Das war der
Kardinalfehler, der alles weitere zum Scheitern verurteilte. Wie ein zuoberst
falsch geknöpftes Hemd. Jeder Versuch, die Dinge ins Lot zu bringen, führt
lediglich zu einer feinen, aber nicht unbedingt eleganten Unordnung. Alles wirkt
leicht verzerrt, so dass man seinen Kopf jedesmal um einige Grade zur Seite
neigen muss, will man irgendwas anschauen. Die Verrenkung geht nie so weit, dass
man ernstlich Schaden nehmen oder komisch wirken würde. Aber wer weiß? Wenn
man lange genug hier zubrächte, gewöhnte man sich vielleicht daran. Eine ganz
unauffällige Anomalie. Nur wird man die normale Welt dann nie wieder betrachten
können, ohne den Kopf zu verdrehen.
Das also war das Hotel Delfin. Von Normalität keine Spur. Eine Konfusion jagte
die nächste, bis der Sättigungsgrad erreicht war, um bald darauf vom Strudel
der Zeit mitgerissen zu werden. Ein Blick genügte, und man war im Bilde. Ein
erbärmliches Hotel. Erbärmlich wie ein dreibeiniger schwarzer Hund, der
triefend im Dezemberregen steht. Heruntergekommene Hotels gibt es überall, ohne
Frage, aber das Delfin stellte eine Klasse für sich dar. Dieses Hotel war von
Grund auf erbärmlich. Es übertraf sich selbst.
Außer jenen arglosen Menschenseelen, die sich dorthin verirrten, würde natürlich
niemand freiwillig dort absteigen. Doch zwischen seinem Namen (ich würde zu
DELFIN eher ein schneeweißes Kurhotel im Zuckerbäckerstil an der Ägäis
assoziieren) und dem tatsächlichen Eindruck, den es vermittelt, klaffte ein
himmelweiter Unterschied. Ohne das Schild draußen am Portal wäre kein Mensch
auf die Idee gekommen, dass es sich um ein Hotel handelte. Und auch mit dem
Schild sah es kaum danach aus. Es wirkte eigentlich mehr wie ein Museum. Ein
Kuriositätenkabinett, in das sich Leute mit skurrilen Vorlieben hineinstehlen,
um sonderbare Ausstellungsstücke zu betrachten.
Dieser Vergleich, der sich einem bei seinem Anblick aufdrängen mochte, war
keinesfalls so abwegig. Ein Teil des Hotels ähnelte tatsächlich einem Museum.
Ich frage mich allerdings, wer freiwillig in solch einem Loch absteigen würde,
das ein Sammelsurium von Dingen beherbergt: ausgestopfte Schafe und muffige
Felle in düsteren Korridoren, schimmlige Akten und verblichene Fotografien. Ein
Hotel voll unerfüllter Träume, die wie verkrusteter Schlamm in den Ecken
klebten.
Sämtliche Möbel waren verschlissen, jeder Tisch wackelte, kein Schloss
funktionierte. Abgewetzte Korridore in trüber Beleuchtung. Die Stöpsel in den
Waschbecken so verzogen, dass das Wasser im Nu durchsickerte. Das Zimmermädchen,
eine Tonne, die auf Elefantenbeinen durch die Korridore walzte und unheilvoll
hustete. Dann der traurig blickende Besitzer mittleren Alters, dem zwei Finger
fehlten und der seinen Platz an der Rezeption nie zu verlassen schien. Ein Typ,
dem man sofort ansah, dass ihm immer alles schief ging. Ein Musterexemplar
seiner Gattung: nach einem Tag Einweichen in verdünnter blauer Tinte
hervorgezogen, seiner Existenz stigmatisiert von Misserfolg, Versagen,
Niederlagen. Man könnte ihn in eine Vitrine mit der Aufschrift Homo
nihilsuccessus sperren und in einer Naturkundeklasse ausstellen. So ziemlich
jeden würde der Anblick dieser Kreatur mehr oder weniger bedrücken, wen nicht
gar empören. Man könnte auch regelrecht zornig werden. Wer also würde schon
freiwillig in einem solchen Hotel absteigen?
Nun, wir hatten uns dort einquartiert. Da übernachten wir, hatte sie gesagt.
Und auf einmal war sie verschwunden. Hatte mich einfach sitzenlassen. Es war der
Schafsmann, der mir die Nachricht überbrachte. Sie ist weg, hatte er mir
gesagt. Ihm war bekannt, dass sie wegmusste. Inzwischen ist mir das auch klar.
Sie hatte mich absichtlich hierher gelotst. Als wäre es ihr Ziel, ihre
Bestimmung gewesen. So wie die Moldau ins Meer fließt. Die Assoziation kam mir
beim Anblick der Regentraufe. Schicksal.
Als ich anfing, vom Hotel Delfin zu träumen, kam sie mir als erstes in den
Sinn. Sie sucht nach mir, dachte ich unwillkürlich. Weshalb sollte ich sonst
diesen Traum haben, immer und immer wieder?
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