Max Havelaar oder die Kaffeestationen der Niederländischen Handelsgesellschaft von Multatuli/Eduard Douwes Dekker, 1891

Multatuli/Eduard Douwes Dekker

Max Havelaar oder die Kaffeestationen der Niederländischen Handelsgesellschaft
(Leseprobe aus: Max Havelaar oder die Kaffeestationen der Niederländischen Handelsgesellschaft, Roman, 12. Kapitel, 1860/1890, Verlag Otto Hendel - Übertragung Karl Mitschke/1901, J.C.C.- Bruns-Verlag - Übertragung Wilhelm Spohr/1972, Paul List Verlag - Übertragung Erich Stück/1998, Bruckner&Thünker - Übertragung Martina den Hertog-Vogt).

Stern fährt fort. Was Havelaar auf Sumatra erlebt hatte.

»Lieber Max,« sagte Tine, »unser Nachtisch ist so knapp ... würdest du nicht ... du weißt, Madame Geoffrin ...?«

»Noch etwas erzählen, anstatt einer Mehlspeise? Ach was, ich bin heiser. Die Reihe ist an Verbrügge.«

»Ja, Mijnheer Verbrügge! lösen Sie Max einmal ab,« bat Mewrouw Havelaar.

Max Havelaar oder die Kaffeestationen der Niederländischen Handelsgesellschaft von Multatuli/Eduard Douwes Dekker, 1972, ListVerbrügge dachte etwas nach und begann:

»Es war einmal ein Mann, der einen Kalekutenhahn stahl.«

»O Bösewicht,« rief Havelaar, »das haben Sie von Padang! Und wie geht es weiter?«

»Es ist aus. Wissen Sie den Schluß?«

»Natürlich. Ich habe ihn aufgegessen, zusammen mit ... jemand. Wissen Sie, warum ich in Padang suspendiert war?«

»Es hieß, es sei ein Fehlbetrag in Ihrer Kasse zu Natal gewesen,« sagte Verbrügge.

»Nicht ganz unrecht, aber wahr ist es auch nicht. Ich war zu Natal infolge vieler Ursachen in meiner Rechnungslegung sehr nachlässig gewesen, und es waren da in der That viele Anstände. Aber das fiel in jenen Tagen so oft vor. Die Zustände im Norden Sumatras waren damals, kurz nach der Einnahme von Baros, Tampanuli und Siboga so verwirrt, alles war so unruhig, daß man es einem jungen Menschen, der lieber zu Pferde saß, als Gelder zählte und Kassenbücher führte, nicht krumm nehmen konnte, wenn nicht alles so in Ordnung und geregelt zuging, wie man es von einem Amsterdamer Buchhalter, der weiter nichts zu thun hat, fordern könnte. Die Battahländer waren in Aufruhr, und Sie wissen, Verbrügge, wie immer alles, was in den Battahs passiert, auf das Natalsche zurückwirkt. Ich schlief des Nachts in meinen Kleidern, um immer schnell zur Hand zu sein, was auch oft nötig war. Dazu hat die Gefahr – einige Zeit vor meiner Ankunft war ein Komplott entdeckt worden, um meinen Vorgänger zu ermorden und einen Aufstand zu machen – die Gefahr hat etwas Anziehendes, besonders wenn man nur zweiundzwanzig Jahre alt ist, und dieses Anziehende macht einen dann noch weniger zu Bureauarbeit oder steifer Genauigkeit geeignet, wie sie zu guter Behandlung von Geldsachen nötig wäre. Schließlich hatte ich allerlei Narrheiten im Kopfe ...«

»Nicht nötig,« rief Mewrouw Havelaar einem Diener zu.

»Was ist nicht nötig?«

»Ich hatte gesagt, sie sollten noch etwas in der Küche fertig machen ... eine Omelette oder dergleichen ...«

»Ah! ... und das ist nun nicht nötig, weil ich von meinen Narrheiten beginne ... das ist unartig, Tine. Mir ist es recht, aber die Herren haben auch eine Stimme. Verbrügge, was wählen Sie? Ihren Teil von der Omelette oder die Geschichte?«

»Eine schwierige Sachlage für einen höflichen Menschen,« sagte Verbrügge.

»Ich würde auch lieber nicht wählen,« fügte Düclari bei, »denn es handelt sich hier um eine Aussprache zwischen Mann und Frau, und zwischen Baum und Borke soll man nicht den Finger legen.«

»Ich will Ihnen helfen, meine Herren, die Omelette ist ...«

»Mewrouw,« sagte der sehr höfliche Düclari, »die Omelette wird doch sicher so viel wert sein ...«

»Wie die Geschichte? Gewiß, wenn sie etwas wert ist. Aber es ist eine Schwierigkeit ...«

»Ich wette, es ist noch kein Zucker im Hause,« rief Verbrügge; »lassen Sie doch bei mir holen, was Sie brauchen.«

»Zucker ist da ... von Mewrouw Slotering. Nein, das ist es nicht. Wenn die Omelette im übrigen gut wäre, sollte das keine Schwierigkeit sein ...«

»Wie denn, Mewrouw, ist sie ins Feuer gefallen?«

»Ich wollte, es wäre wahr. Nein, sie kann nicht ins Feuer fallen; sie ist ...«

»Aber Tine,« rief Havelaar, »was ist sie denn?«

»Sie ist imponderabel, Max! wie deine Frauen von Arles ... sein sollten. Ich habe keine Omelette ... ich habe nichts mehr.«

»Dann in Himmels Namen die Geschichte,« sagte Düclari mit komischer Verzweiflung.

»Aber Kaffee haben wir,« rief Tine.

»Gut! trinken wir Kaffee in der Vorgalerie, und rufen wir Mewrouw Slotering und die Mädchen dazu,« sagte Havelaar, worauf die kleine Gesellschaft nach draußen zog.

»Ich glaube, sie wird danken, Max! Du weißt, daß sie es vorzieht, nicht mit uns zu essen, und ich kann ihr darin nicht unrecht geben.«

»Sie wird gehört haben, daß ich Geschichten erzähle, und das wird sie abgeschreckt haben,« meinte Havelaar.

»Ach nein, das würde sie nicht kränken, sie versteht ja kein Holländisch. Nein, sie hat mir gesagt, daß sie ihre eigene Hauswirtschaft zu führen wünscht, und das verstand ich sehr gut; du weißt doch, wie du meinen Namen erklärt hast: E.H.v.W.?«

»Eigen Herd, viel wert.«

»Darum. Sie hat ganz recht. Außerdem scheint sie etwas menschenscheu. Stelle dir vor, daß sie alle Fremden, die das Grundstück betreten, durch Aufpasser wegjagen läßt ...«

»Ich bitte um die Geschichte oder die Omelette,« sagte Düclari.

»Ich auch,« rief Verbrügge. »Ausflüchte werden nicht angenommen. Wir haben Anspruch auf eine vollständige Mahlzeit, und darum bitte ich um die Geschichte von dem Kalekutenhahn.«

»Die habe ich Ihnen schon gegeben,« sagte Havelaar, »ich habe ihn dem General van Damme gestohlen und mit jemand aufgegessen.«

»Bevor jemand in den Himmel fuhr,« sagte Tine schalkhaft.

»Nein, das heißt Rätsel aufgeben,« rief Düclari, »wir müssen wissen, warum Sie den Hahn gestohlen haben.«

»Nun, weil ich Hunger hatte, und das war die Schuld des Generals van Damme, der mich suspendiert hatte.«

»Wenn ich nicht mehr erfahre, bringe ich das nächste Mal selbst eine Omelette mit,« klagte Verbrügge.

»Glauben Sie mir, es steckt weiter nichts dahinter als dies. Er hatte viele Hühner, und ich hatte nichts. Man trieb die Tiere an meiner Thür vorbei; ich nahm eins und sagte dem Mann, der sich einbildete, darauf aufzupassen: Sage dem General, daß ich, Max Havelaar, diesen Hahn nehme, weil ich essen will.«

»Und das Epigramm?«

»Hat Verbrügge Ihnen davon erzählt?«

»Ja.«

»Das hatte mit dem Hahn nichts zu thun. Das war, weil er so viele Beamte suspendierte; es waren auf Padang sicher sieben oder acht, die er mit mehr oder weniger Recht suspendiert hatte. Viele unter ihnen verdienten es weniger als ich. Der Adsistent-Resident von Padang selbst war suspendiert, und aus einem Grunde, der, wie ich glaube, ein ganz anderer war als der in dem Beschluß angegebene. Ich will es Ihnen erzählen, obwohl ich nicht versichern kann, daß ich alles genau weiß, und allein erfuhr, was man auf Padang für wahr hielt, und was auch wahr gewesen sein kann, besonders in Anbetracht der sonstigen Eigenschaften des Generals.

Er hatte seine Frau geheiratet, um eine Wette um einen Anker Wein zu gewinnen. Er ging daher öfters des Abends aus und lief überall umher. Der Aufseher Valkenaar soll einmal in einem Gäßchen in der Nähe des Mädchen-Waisenhauses sein Inkognito so streng respektiert haben, daß er ihm eine Tracht Prügel verabfolgte wie einem gewöhnlichen Strolch. Nicht weit davon wohnte eine Engländerin. Es lief ein Gerücht, daß die Miß einem Kinde das Leben gegeben hatte, das dann verschwunden war. Gerade war der Adsistent-Resident dabei, sich damit zu befassen, und er scheint dies Vorhaben eines Abends bei einer Whistpartie dem General gegenüber geäußert zu haben. Am nächsten Tage empfängt er den Auftrag, sich in einen bestimmten Bezirk zu begeben, deren amtsführender Kontroleur wegen wahrer oder vorgegebener Unehrlichkeit suspendiert worden war, dort die Sachen zu untersuchen und darüber Bericht zu erstatten. Der Adsistent-Resident war zwar darüber verwundert, daß ihm etwas aufgetragen wurde, was seinem Bezirk überhaupt nichts anging; doch da er, streng genommen, den Auftrag als eine ehrenvolle Auszeichnung ansehen konnte, und weil er mit dem General auf einem sehr freundschaftlichen Fuße stand, sodaß keine Ursache war, an einen Fallstrick zu denken, beruhigte er sich bei der Sendung und begab sich nach ..., ich weiß nicht wohin, um zu thun, was ihm befohlen war. Nach einiger Zeit kehrte er zurück und erstattete einen Bericht, der für jenen Kontroleur nicht ungünstig lautete. Doch, inzwischen, war in Padang durch das Publikum, das heißt durch ›niemand und jedermann‹ entdeckt worden, daß der Kontroleur allein darum suspendiert worden war, um einen Anlaß zu haben, den Adsistent-Residenten vom Platze zu entfernen, um die beabsichtigte Untersuchung nach dem Verschwinden des Kindes zu verhindern oder zu verschieben, bis die Sache schwerer aufzuklären sein würde. Ich wiederhole nun, ich weiß nicht, ob das wahr war, doch nach der Bekanntschaft, die ich später selber mit dem General van Damme machte, kommt es mir glaublich vor, und auch auf Padang war niemand, der ihn, was den Stand seiner Moral betraf, zu so etwas fähig hielt. Die meisten gestanden ihm bloß eine Eigenschaft zu, die der Unerschrockenheit in Gefahr, und wenn ich, der ihn in Gefahren gesehen hat, mich der Ansicht anschließen könnte, daß er trotz allem wenigstens ein tapferer Mann gewesen wäre, würde dies allein mich bestimmen, Ihnen diese Geschichte nicht zu erzählen. Es ist wahr, er hatte auf Sumatra ›viel säbeln‹ lassen, doch man muß das aus der Nähe gesehen haben, um etwas von der Tapferkeit abzuhandeln, und, wie seltsam es scheine, ich glaube, daß er seinen kriegerischen Ruhm größtenteils der Neigung zu Gegenüberstellungen, die uns mehr oder minder beseelt, zu verdanken hatte. Man sagt gern, Peter oder Paul ist dies, dies oder dies, aber das ist er, das muß man ihm lassen, und nie können Sie gewisser sein, laut gelobt zu werden, als wenn Sie einen großen in die Augen fallenden Fehler haben. Sie, Verbrügge, sind alle Tage betrunken ...«

»Ich?« fragte Verbrügge, der ein Muster von Mäßigkeit war.

»Ja, ich mache Sie betrunken, alle Tage. Sie vergessen sich so weit, daß Düclari in der Vorgalerie über Sie stolpert. Das wird er unangenehm empfinden, aber sich augenblicks erinnern, etwas Gutes an Ihnen gesehen zu haben, was ihm doch früher nicht so auffiel. Und wenn ich dann komme, und finde Sie so ... horizontal, dann wird er mir die Hand auf den Arm legen und ausrufen: Ach, glauben Sie, er ist sonst ein prächtiger, braver, famoser Kerl!«

»Das sage ich von Verbrügge auch, wenn er vertikal ist,« entgegnete Düclari.

»Nicht mit dem Feuer und der Überzeugung. Erinnern Sie sich, wie oft hört man sagen: O, wenn der Mann sich um seine Sachen kümmern wollte, das wäre einer! aber, aber ... und dann kommt die Sache, daß er sich nämlich nicht um seine Sachen kümmert und ›also keiner‹ ist! Und ich glaube, ich weiß den Grund davon. Und auch von den Toten hört man immer gute Eigenschaften, die man früher niemals an ihnen bemerkte. Das ist, weil sie keinem im Wege stehen. Alle Menschen sind mehr oder weniger Konkurrenten, wir würden einander gern ganz unterkriegen. Das zu sagen verbietet aber der gute Ton und sogar das eigene Interesse, denn sehr bald würde uns niemand trauen, und sagten wir auch die Wahrheit. Es muß also ein Umweg gesucht werden, und sehen Sie, so wird es gemacht. Wenn Sie, Düclari, sagen: der Leutnant Slobkous ist ein guter Soldat, wahrhaftig, er ist ein guter Soldat, ich kann es nicht genug sagen, was für in tüchtiger Soldat der Leutnant Slobkous ist ... aber von Theorie versteht er nicht viel ... haben Sie nie so gesprochen, Düclari?«

»Ich habe nie einen Leutnant Slobkous gekannt oder gesehen.«

»Gut, schaffen Sie einen und sagen Sie es dann.«

»Schön, ich schaffe ihn und sage es.«

»Wissen Sie, was Sie nun gesagt haben? Sie haben gesagt, das Sie, Düclari, in der Theorie groß sind. Ich bin kein Haar besser. Glauben Sie mir, wir thun unrecht, so böse auf jemand zu sein, der schlecht ist, denn die Guten unter uns sind dem Schlechten so nahe. Lassen Sie einmal die Vollkommenheit Null heißen, und hundert Grad sollen schlecht heißen, wie verkehrt wäre es da, wenn wir, die wir zwischen achtundneunzig und neunundneunzig schwanken, Hallo rufen wollten über einen, der hundertundeins steht. Und ich glaube sogar, daß viele den hundertsten Grad nicht erreichen, weil es ihnen an guten Eigenschaften fehlt, etwa an dem Mute, das, was sie sind, ganz zu sein.«

»Auf wie viel Grad stehe ich, Max?«

»Ich habe eine Lupe nötig für die Minuten und Sekunden, Tine.«

»Ich erhebe Einspruch,« rief Verbrügge – »nein, Mewrouw, nicht gegen Ihren Stand nahe bei Null, – nein, es sind Beamte suspendiert, ein Kind wird gesucht, ein General ist angeklagt ... ich verlange die Geschichte!«

»Tine, sorge doch dafür, daß das nächste Mal etwas im Hause ist. Verbrügge, Sie bekommen das Stück nicht, bevor ich nicht noch ein bißchen auf meinem Steckenpferd herumgeritten bin. Ich sagte: jeder Mensch sieht in seinem Mitmenschen eine Art von Konkurrenten. Man mag nicht immer lästern, was auffalend wäre, darum erheben wir gern eine gute Eigenschaft über das Maß, um eine schlechte, an deren Bekanntwerden uns eigentlich allein gelegen ist, auffalend zu machen, ohne den Schein der Parteilichkeit auf uns zu laden. Wenn jemand sich bei uns beklagt, daß ich gesagt habe: seine Tochter ist sehr schön, aber er ist ein Spitzbube – dann sage ich: wie können Sie darüber so böse werden, ich habe gesagt, daß Ihre Tochter ein nettes Mädchen ist. Sehen Sie, das gewinnt doppelt. Wir sind beide Krämer, ich nehme ihm seine Kunden ab, die bei einem Spitzbuben keine Rosinen kaufen wollen, und gleichzeitig sagt man von mir, daß ich ein guter Mensch bin, weil ich die Tochter eines Konkurrenten lobe.«

»Nein, so arg ist es nicht,« sagte Düclari, »das ist etwas stark.«

»Kommt Ihnen nur so vor, weil ich den Vergleich etwas kurz und grob gemacht habe. Sie müssen sich das ›Er ist ein Spitzbube‹ etwas umschrieben vorstellen. Aber, wenn wir in der That erkennen müssen, daß jemand im Besitz einer Eigenschaff ist, die auf Achtung und Ehrerbietung Anspruch hat, dann macht es uns Vergnügen, neben dieser Eigenschaft etwas zu entdecken, das uns dieses Tributs ganz oder teilweise überhebt. Vor solch einem Dichter, sagen wir, sollte man den Hut abnehmen, aber ... er schlägt seine Frau! Sehen Sie, da benutzen wir gern die blauen Flecke der Frau als Beweggrund, den Hut auf dem Kopfe zu behalten; und und am Ende macht es uns Spaß, daß er das arme Wurm schlägt, was doch sonst recht häßlich ist. Wenn wir erkennen müssen, daß jemand Eigenschaften besitzt, die ihn der Ehre eines Piedestals würdig machen, wenn wir seinen Anspruch darauf nicht länger leugnen können, ohne für unkundig, gefühllos, neidisch zu gelten, dann sagen wir: Gut, setzt ihn hinauf! – aber schon, während wir ihn hinaufheben, wenn er selbst noch meint, daß wir in Begeisterung sind über seine Vortrefflichkeit, haben wir schon den Strick zur Schlinge gelegt, um ihn bei der ersten besten Gelegenheit wieder herunter zu holen. Je mehr Abwechselung unter den Inhabern des Piedestals, desto mehr Aussicht für jeden, auch einmal an die Reihe zu kommen, und das ist so wahr, daß wir aus Gewohnheit und zur Übung, wie der Jäger auf Krähen schießt, die er nachher doch liegen läßt, auch die Standbilder gern herunterreißen, deren Unterbau wir nie werden besteigen können. Wenn Kappelman sein Sauerkraut mit Dünnbier genießt, sagt er gern: Alexander war nicht groß, er war unmäßig – ohne daß für Kappelman die geringste Aussicht besteht, mit Alexander auf dem Gebiete der Welteroberung zu konkurrieren.

Wie dies auch sei, ich glaube bestimmt, daß viele niemals auf die Idee gekommen wären, den General van Damm für so tapfer zu halten, wenn seine Tapferkeit nicht hätte als Vorspann dienen können für das stets hinterher kommende ›aber ... seine Sitten!‹ und ich glaube auch, daß seine Sittenlosigkeit von vielen, die selber in dieser Beziehung nicht so unantastbar waren, nicht so hoch aufgenommen worden wäre, wenn man sie nicht gebraucht hätte, um den Ruhm seiner Tapferkeit dagegen abzuwägen, der viele nicht schlafen ließ.

Eine Eigenschaft besaß er in hohem Maße: Willenskraft. Was er sich vornahm, mußte geschehen, und geschah auch gewöhnlich. Aber – Sie sehen, daß ich wieder sofort einen Gegensatz zur Hand habe – in der Wahl der Mittel war er denn auch etwas ... frei, und wie Palm, ich meine, zu unrecht, von Napoleon sagte: ›moralische Hindernisse gab es für ihn nicht‹ – und dann ist es sicher leichter, seinen Zweck zu erreichen, als wenn man sich an so etwas gebunden erachtet.

Der Adsistent-Resident von Padang also hatte einen Bericht geliefert, der für den suspendierten Kontroleur günstig lautete, und diese Suspension bekam daher eine Färbung von Unrecht. Das Gerede zu Padang dauerte fort. Man sprach fortwährend von dem verschwundenen Kinde. Der Adsistent-Resident sah sich wieder veranlaßt, der Sache nachzugehen. Aber bevor er irgend etwas ans Licht bringen konnte, empfing er einen Beschluß, durch den er wegen ›Pflichtverletzung‹ von dem Gouverneur der Westküste Sumatras suspendiert wurde. Er hatte, hieß es, aus Freundschaft oder Mitleid die Sache jenes Kontroleurs gegen besseres Wissen in ein falsches Licht gebracht.

Ich habe die Akten, die diese Sache betreffen, nicht gesehen; aber ich weiß, daß der Adsistent-Resident nicht im geringsten mit jenem Kontroleur in Beziehungen stand, was schon daraus hervorgeht, daß man gerade ihn gewählt hatte, um die Sache zu untersuchen. Ich weiß ferner, daß er ein achtenswerter Mann war, und daß auch die Regierung ihn dafür hielt. Das ergiebt sich aus der Aufhebung der Amtsentsetzung, nachdem die Sache untersucht war, an anderer Stelle als auf Sumatras Westküste. Auch der Kontroleur hat später seine vollständige Genugthuung erhalten. Diese Suspensionen waren es, die mir das Spottgedicht eingaben, das ich auf den Frühstückstisch des Generals legen ließ, durch jemand, der früher bei mir und damals bei ihm in Dienst stand.

Das wandelnde Suspens-Dekret,
Das suspendierend uns regiert,
Jan Suspensal, der Gouverneur,
Der Werwolf unserer Tage,
Er hätte sein Gewissen schon
Mit Freuden lange suspendiert,
Wär' nicht vor langer Zeit bereits
Der Zapfenstreich geschlagen.«

»Ich finde, das gehörte sich nicht,« sagte Düclari.

»Ich auch; ... aber ich mußte doch etwas thun. Stellen Sie sich vor, daß ich kein Geld hatte, nichts empfing, daß ich von Tag zu Tag fürchtete, vor Hunger umzukommen, welches Schicksal mir nahe genug gekommen ist. Ich hatte keine Beziehungen auf Padang, oder doch sehr wenige, und außerdem, ich hatte dem General gesagt, daß er dafür verantwortlich wäre, wenn ich im Elend umkäme, und daß ich von niemand Hilfe annehmen würde. In den Binnenlanden gab es Leute, die mich einluden, zu ihnen zu kommen, als sie hörten, wie es mir ging, aber der General verbot, mir dahin einen Paß zu geben. Nach Java übersiedeln mochte ich auch nicht. Überall sonst hätte ich mich retten können, und vielleicht auch dort, wenn man nicht so sehr in Angst vor dem mächtigen General gelebt hätte. Es schien sein Plan zu sein, mich verhungern zu lassen. Das hat neun Monate gedauert.«

»Und wie haben Sie sich so lange am Leben gehalten? Hatte der General viele Hühner?«

»Nein, das that ich nur einmal ... ich machte Verse, ich schrieb Komödien ... und so weiter.«

»Und dafür gab es Reis auf Padang?«

»Nein, den habe ich dafür auch nicht verlangt ... ich sage lieber nicht, wie ich gelebt habe.«

Tine drückte ihm die Hand, sie wußte es.

»Ich habe ein paar Zeilen gelesen, die Sie in diesen Tagen auf die Rückseite einer Quittung geschrieben haben sollen,« sagte Verbrügge.

»Ich weiß, was Sie meinen, diese Zeilen schildern Ihnen meine Lage. Damals bestand eine Zeitschrift ›Der Kopist‹, deren Abonnent ich war. Da sie unter dem Schutze der Regierung stand – der Redacteur war ein Beamter des allgemeinen Sekretariats – kamen die Abonnementsgelder in die Landeskasse. Man legte mir eine Quittung über zwanzig Gulden vor. Da dies Geld in den Bureaus des Gouverneurs verrechnet werden mußte, und die Quittung, wenn sie unbezahlt blieb, durch diese Bureaus gehen mußte, um nach Batavia zurückgeschickt zu werden, benutzte ich die Gelegenheit, um auf der Rückseite gegen mein Elend zu protestieren:

Die zwanzig Gulden, welch ein Schatz!
Kopist, wir müssen scheiden.
Es thut mir wirklich herzlich leid,
Doch hab' ich viel zu leiden.
Vor Hunger sterb' ich und vor Frost,
Vor Kummer und vor Schulden,
Zwei Monat' lang ich leben könnt',
Hätt' ich die zwanzig Gulden!
Ich könnte besser kleiden mich
Und besser wohnen, nähren: –
Das Unrecht, doch die Armut nicht
Bringt mich vor Scham zu Zähren ...

Als ich aber später der Redaktion des ›Kopisten‹ meine zwanzig Gulden zahlen wollte, war ich nichts schuldig. Es scheint, daß der General selber das Geld für mich bezahlt hatte, um nicht gezwungen zu sein, die illustrierte Quittung nach Batavia zu schicken.«

»Aber ... was that er nach dem Wegnehmen des Hahns? Es war doch Diebstahl ... und nach dem Epigramm?«

»Er bestrafte mich schrecklich. Wenn er mich vor Gericht gestellt hätte wegen Unehrerbietigkeit gegen den Gouverneur von Sumatras Westküste, was man in diesen Zeiten mit ein wenig gutem Willen hätte auslegen können als ›Untergrabung des niederländischen Ansehens und Aufreizung zur Empörung,‹ oder wegen ›Straßenraubs,‹ so hätte er sich als einen gutherzigen Menschen gezeigt. Aber nein, er strafte mich besser! Dem Mann, der die Hühner hütete, ließ er auftragen, von da ab einen anderen Weg zu nehmen, und mein Spottgedicht, das ist noch schlimmer ... er sagte nichts, und er that nichts. Sehen Sie, das war grausam! Er gönnte mir nicht das geringste Märtyrer- Ansehen ... ich wurde nicht durch Verfolgung interessant gemacht und ich durfte nicht unglücklich werden durch weitgehenden Witz ... es war, um einem für immer die Spottverse und die Kalekuten zu verekeln, So wenig Anerkennung erstickt die Flamme des Genies bis auf den letzten Funken, diesen einbegriffen! Ich habe es auch nie wieder gethan.«

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