Andreas Münzner

Stehle
(Leseprobe aus: Stehle, Roman, 2008, Verlagsbuchhandlung Liebeskind).

Wir hatten immer zu viert gewohnt. Die kleine Kammer neben der Wohnungstür mit dem halbrunden Fenster unter dem Bogen hatten wir bei der Aufteilung der Zimmer ausgelassen, und so hatte sie sich schon bald gefüllt mit allerlei Gegenständen: Umzugskartons, Ingrids nie gebrauchte Wanderschuhe, Staubsauger samt Ersatzbeutel, an der Wand mein Spezialrad, Tüten, Farbeimer, eine von irgendwelchen Bekannten vergessene Einkaufstüte mit vier Toastbrotlaiben, verwandelt in weiche, weiße Quader, fast Kunst, dazu mehr Rahmen als Bilder aus Ingrids Malphase, der in der Halbzeitpause eines Länderspiels kaputtgegangene Fernseher, ein Surfanzug von Bert, der wie ein schwarzes Gespenst am Bügel baumelte, und ganz hinten Caths Bücherkisten mit Foucault, Derrida, Barthes, die wir immer schon in den Keller stellen wollten, weil sie aber so selten da war, jedes Mal den Augenblick verpassten. Den Trick, die Tür zur kleinen Kammer so zu schließen, dass sie hielt, beherrschten nur wir Männer: Schulter randrücken, mit der gleichseitigen Hand die Tür an der Klinke anheben und mit der anderen Faust einen Schlag drauf, dann schnell wegspringen. Es gab Monate, meist die wäschebedingt feuchteren im Winter, wenn auch das nicht half; das Holz hatte sich verzogen, und als Türstopper zierte unser alter Fernseher den Flur, bis wieder jemand den Weg die Treppen hinunter zum Container scheute und etwas schnellentsorgte, dabei der Tür einen derartigen Tritt versetzte, so dass sie wider Erwarten einrastete.

Ich war schon seit Beginn in der WG und trug als Programmierer bei einem größeren Unternehmen, das niemand kennt, weil wir vor allem Business-To-Business arbeiten, den Großteil zu den Ausgaben und zur praktischen Organisation bei. Man könnte die Kammer doch nutzen, fand ich eines Tages, vor allem, da sie immer mehr zugemüllt wurde und gar keinen reellen Gebrauchswert mehr hatte. Dagegen hatte niemand etwas einzuwenden, und so hängten wir eines Wintersemesters einen Zettel an der Uni auf, Raum 5m2 in WG als Büro tagsüber, auch wenn wir wussten, dass damit nicht viel Geld hereinkommen würde. Am Telefon merkte ich gleich, dass ich es mit einem Schweizer zu tun hatte; lange genug hatte ich unter dieser singend sprechenden Spezies gelebt und die Jahre in guter Erinnerung behalten. Als wir uns mit dem Kandidaten in die Küche setzten und noch auf Bert warteten, der unter der Dusche stand, hatte der junge Mann das Kämmerchen schon gesehen und sagte: Es ist nicht groß, aber es hat Charme. Schön. Er stand auf, ging von Zimmertür zu Zimmertür und blieb mit gekreuzten Beinen, halb abgewandt, vor dem größten stehen. Hier scheint bestimmt die Sonne herein, ist das Süden? Bert hatte eine ziemliche Unordnung mit seinen Surfersachen, und trotzdem sah man, dass in seinem Reich Platz war. Der potentielle Mitbewohner drehte sich wieder zum Kämmerchen auf der Schattenseite des Gebäudes, die Hände in den Taschen. Es ist wirklich klein, entschuldigte ich mich, das geht nur für jemanden, der mal ein paar Stunden am Tag ungestört etwas arbeiten will. Tagsüber ist sonst niemand da, und billig ist es ja. Er setzte sich wieder zu uns und wiegte den Kopf hin und her. Ich fragte ihn, was er denn arbeite, wo er wohne und ob die Lage für ihn überhaupt günstig sei. Er lachte und sagte, er habe tatsächlich gedacht, es sei ein normales WG-Zimmer. Das ist es doch auch, fügte er nach einer Weile hinzu, oder etwa nicht? Es ist einfach ein Zimmer, ein ganz normales Zimmer, sagte er im Ton einer Feststellung. Du kannst es dir gerne noch mal ansehen, sagte ich, auf fünf Quadratmetern kann man nicht wohnen. Na ja, sagte er und schaute mich mit schief gelegtem Kopf an. Er runzelte wehmütig die Stirn, warum auch nicht? Fragend schaute er in die Runde. Es sei doch eigentlich ein ganz schöner Raum, mit dem Bogen über dem kleinen Fenster. Hört mal, sagte Ingrid, wenn er vorübergehend drin wohnen will, ich meine, bis er etwas anderes gefunden hat. Er zuckte mit den Schultern und sah uns an. Für eine Matratze ist gerade Platz genug, sagte Ingrid, und ein Grinsen zog über ihr Gesicht. Er stand auf und trat in die Tür des Kämmerchens, den Kopf ans Holz der Füllung gelehnt. Auf das Gerümpel blickend sagte er vor sich hin: Es ist schön, es gefällt mir. Du kannst es dir ja noch überlegen, sagte ich, und wir überlegen auch noch mal. Wo können wir dich am besten erreichen? Er hob den Kopf. Oh, das ist schwierig, sagte er lächelnd. Ab wann brauchst du es denn, fragte aus dem Hintergrund Bert, der inzwischen aus der Dusche gekommen war und sich die Haare trocken rubbelte. Ab wann wäre es denn frei? Ich meine, ist es schon frei? Es sieht auf jeden Fall ziemlich frei aus, das heißt, wenn die Sachen weg sind, aber das wäre ja schnell getan. Ich könnte auch helfen, kein Problem. Du würdest es gern sofort nehmen, sagte Bert und baute sich seinerseits vor der Türöffnung auf. Der Neue machte ihm sofort Platz und setzte sich wieder an den Tisch. Wenn es euch nichts ausmacht. Aber ich kann euch verstehen, wenn ihr es nicht vermieten wollt, fügte er schnell hinzu, wenn ihr das niemandem zumuten wollt. Es ist ja wirklich sehr klein. Aber ich bin genügsam, ich komme auch mit wenig aus. Seine Augen leuchteten plötzlich. Wie wär’s, wenn ich in einer Stunde wiederkomme? Er sprang auf. Dann könnt ihr noch einmal überlegen und müsst das jetzt nicht vor mir ausdiskutieren. Ich bin eigentlich schon entschieden; nur ein bisschen mir die Gegend ansehen möchte ich noch. Wir schauten einander mit gesenkten Mundwinkeln an. Ingrid nickte bedächtig und sagte, na dann, ok. Und schon hatte er die Eingangstür hinter sich zugezogen. Nach ein paar Sekunden ging sie wieder auf, sein Kopf erschien, und er sagte: Ich bin übrigens ein leidenschaftlicher Herumstreuner, ihr müsst euch überhaupt keine Sorgen machen. Ich bin gleich wieder da.

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