Andreas Münzner

Geographien
(Leseprobe aus: Geographien, Miniaturen, 2005, Verlagsbuchhandlung Liebeskind).

Ronnie und Rita sind Mitte Vierzig und leben in einer großzügigen Stadtwohnung in Freiburg. Hier sind sie aufgewachsen, hier haben sie einander kennengelernt, hier haben sie immer gelebt (Kinder haben sie keine). Eines Tages findet Ronnie, daß die Stelle, die er wie Rita in der Musikbranche innehat, zu bescheiden ist – es ist wirklich nur eine sehr kleine Institution –, und er fängt an, sich zu bewerben. In Hannover ist tatsächlich eine interessante leitende Position ausgeschrieben, fast eine Nummer zu groß für ihn. Er reist mehrmals in den Norden und nach einem letzten entscheidenden Gespräch wird er genommen. Ronnie und Rita müssen sich noch einmal lange besprechen und einiges abwägen. Dann kündigen sie recht schnell ihre Verbindlichkeiten und ziehen nach Hannover. Sie finden eine geräumige Wohnung, ganz ähnlich der alten, und kaufen. Die neue Arbeit ist sehr fordernd und Ronnie kommt nur nach Hause, um sich des Nachts ein paar Stunden Schlaf zu holen. Rita sitzt derweil zwischen den unausgepackten Kartons und schaut in den dichten Schneefall unter der Straßenlaterne vor dem Fenster; hier wird es schon relativ früh dunkel ...

Mara und Sophie sind ein Paar, leben zusammen in einer schönen Altbauwohnung in einem der durchmischteren Quartiere von Hamburg. Eines Tages wollten auch sie Kinder haben, vor allem Mara. Der einzige Mann, der ihr für ein solches Vorhaben einfiel, war Marc, ein alter Schulfreund, der jetzt in Berlin lebte, der einzige, mit dem sie je etwas gehabt hatte. Er wurde gefragt, ob er dazu bereit sei, die elterlichen Pflichten übernähmen die zwei Frauen, ihn bräuchten sie nur ganz am Anfang. Er sagte zu. An einem der wenigen als günstig gemessenen Tage reiste er von Berlin an, die Wohnung war feierlich mit Kerzen erhellt. Er tat seinen Teil im einen Zimmer, reichte den Plastikeierbecher hinüber, die beiden Frauen hatten ihren Spaß im anderen. Es klappte sofort. Die Geburt fand zu Hause statt, und der Junge wurde eins, und zwei, und drei. Dann wollte auch Sophie Mutter werden, leibliche Mutter. Sie hatte keinen solchen Schulfreund. Den beiden fiel nur Marc ein. Der Besuch lief wieder gleich ab, außer daß Marc mit der Küche vorliebnehmen mußte, im anderen Zimmer schlief der Kleine.

Reto träumt seit bald fünfzig Jahren vom Wegkommen aus der Schweiz, von einem anderen Leben und von ungeordneteren Zuständen, aber, so teilte er mir kürzlich vertraulich mit, sein Alltag habe ihm dies bisher noch nicht erlaubt.

Rezension I Buchbestellung I home II12 LYRIKwelt © Liebeskind