Daß ich nicht ersticke am Leisesein, Texte (2002, Aufbau, hrsg. von Sonja Hilzinger)

Inge Müller

Jona
(Leseprobe aus:
Jona, Fragment in: Daß ich nicht ersticke am Leisesein, Texte, 2002, Aufbau, hrsg. von Sonja Hilzinger).

»Du sollst zu deinem Großvater kommen«, sagte die Nachbarin, als ich auf ihr Klingeln öffnete»Nein«, sagte ich und schob die Tür zu.»Sags deiner Mutter«, rief die Nachbarin.»Was ist?« fragte Mutter hinter meinem Rücken und schob die Tür wieder auf.»Ihr Schwiegervater ist unten auf der Straße. Die Kleine soll ihm helfen, sagt er. Er hat sein Fahrrad verloren.«»Danke«, sagte meine Mutter und schlug die Tür zu. »Der versoffene Kerl. Es ist eine Schande.« Sie redete weiter, aber ich hörte es nicht mehr. Ich rannte die Treppe hinunter. Ich wußte jetzt, daß es nicht Großvater war, der auf mich wartete.Auf der kleinen Mauer vorm Haus saß Opa Meier.»Ich war gleich gekommen«, sagte ich, »aber sie sagte, es war Großvater. Sie weiß nicht Bescheid.«Opa Meier starrte auf einen Käfer, der auf den Steinen zu seinen Füßen herumkrabbelte. »Ich bin nicht dein Großvater, was?« Er hob den Käfer auf und setzte ihn auf die Hecke neben der Mauer.»Nein«, sagte ich. »Du bist mein Opa Meier.«»Nach der Schrift bin ich dein Großvater. Dein Vater ist mein Sohn. Stimmt doch, was?« sagte Opa Meier und sah noch immer auf den Käfer. »Flieg«, sagte er und stieß ihn mit einem Finger an. »Wer fliegen kann, wird nicht zertreten.«»Nein«, schrie ich. »Du bist nicht mein Großvater. Ich hab nur einen. Du bist mein Opa Meier.«»Schrei nicht«, sagte er. »Du hast recht. Zum Teufel mit dem Großvater.«Ich war zufrieden. »Wo hast du dein Rad verloren?« fragte ich.Opa Meier sah mit einem schnellen Blick zur Haustür. »Ist sie oben?«Ich wußte, daß er meine Mutter meinte. Ich nickte und setzte mich zu ihm auf die Mauer. »Leise«, sagte er und zog mich näher zu sich heran. »Sonst holt sie dich weg. Sie meints gut, aber sie versteht nichts.«Ich sah schnell zur Haustür und flüsterte auch. »Sie schimpft. Ich sag ihr das nicht mit dem Fahrrad. Wir können es im Garten besprechen.«»Ich geh in den Garten. Komm nach, aber sag ihr Bescheid, wo du hingehst«, sagte Opa Meier und stand mühsam auf.»Wo ist dein Fahrrad«, fragte ich und dachte nicht daran, nach oben zu gehen.»Verloren«, sagte Opa Meier. »Auf einmal wars weg. Vielleicht hab ichs verschenkt. Ich muß überlegen. Verdammt. Ich geh in den Garten.«»Verdammt«, sagte ich. »Ich werds schon finden. Ich find es bestimmt.«»Wir gehn zusammen«, sagte Opa Meier. »Ich muß überlegen.«Dann gingen wir in unsern Garten. Es war nicht weit. Nur eine Querstraße weiter.Vor der Gartentür stand Zigeunerfranz, ein Freund von Opa Meier. Neben ihm stand Opa Meiers Rad.»Du bist zu gutmütig«, sagte Zigeunerfranz. »Das ist schon dämlich, wie gutmütig du bist. Hier ist dein Rad. Ich habs dem Bäckerheini abgenommen. Er wollt mirs verkaufen.«»Er hat bloß ein Bein«, sagte Opa Meier. »Und er kriegt noch keine Rente. Ich hab zwei. Ich kann laufen zum Gaswerk, wenn ich mal wieder arbeiten kann. Es war geborgt, bis er ein neues Bein kriegt. Er hat sein Holzbein zerbrochen, beim Kohlenklaun am Bahnhof. Und dann hat ers verheizt. Er muß ein halbes Jahr arbeiten für ein neues.«»Er wollt mirs verkaufen. Er hat dich übers Ohr gehauen«, sagte Zigeunerfranz.»Nein«, sagte Opa Meier. »Er wird das Geld schnell gebraucht haben. Vielleicht könnt er billig ein Holzbein kriegen. Ein gebrauchtes.«»Ich habs ihm abgenommen, das Rad«, knurrte Zigeunerfranz. »Ich hab mir deinetwegen das Geschäft versaut. Bäckerheini ist ein Gauner.«»Sie haben ihm sein Bein genommen im Krieg. Bäckerheini hat mir Brot gebracht, die Hälfte von seinem Lohnbrot, als meine Frau krank war und ich arbeitslos. Verstehst du.«»Du Idiot«, sagte Zigeunerfranz. »Was ist nun mit dem Rad?« Er schneuzte sich und zerrte an seinem schwarzen Knebelbart. »Das bringt mindestens zwanzig Mark.«Opa Meier schloß die Gartentür auf. »Wieviel?« fragte er und ließ Zigeunerfranz den Vortritt.»Zwanzig. Weil dus bist.«Opa Meier sah mich an. Ich'hatte ihn schon dreimal am Ärmel gezogen. »Nein«, flüsterte ich.»Nein«, sagte Opa Meier. »Wir verkaufen nicht.«Zigeunerfranz war böse. »Koch dir dein Rad sauer. Nochmal bring ichs dir nicht.«»Du bist mein Freund«, sagte Opa Meier und nestelte eine kleine Flasche aus seiner Hosentasche. »Du bist mein Freund. Aber du hast keine Menschenkenntnis. Man muß die Menschen kennen. Verstehst du?«Er reichte Zigeunerfranz die Flasche. Der trank einen Schluck.Dann trank Opa Meier einen Schluck und steckte die Flasche wieder ein.»Pastor hältst du werden solin!« sagte Zigeunerfranz und spuckte aus.»Beleidigen laß ich mich nicht«, sagte Opa Meier. »Trink noch einen und nimm das zurück.« Er nestelte die Flasche wieder aus der Tasche und sie tranken beide.»Wir wollten gerade das Rad suchen. Du hast mir geholfen. Sag was du dafür haben willst. Viel hab ich nicht, aber ich halt was auf meine Freunde.«»Ich muß gehn«, sagte Zigeunerfranz.»Komm mal wieder vorbei«, sagte Opa Meier. »Ich machs wieder gut.«»Nicht nötig.« Zigeunerfranz nickte uns zu und ging.Nach ein paar Schritten drehte er sich um. »Unkosten ist erledigt: falls du die Lampe suchst.«»Hat er sie gestohlen?« fragte ich. Ich hatte Zigeunerfranz immer bewundert.»Verrechnet«, sagte Opa Meier. »Er hätte mein Rad verkaufen können. Aber er hats nicht gemacht. Sowas macht der nicht.«Opa Meier sah auf das Rad: die Lampe war nicht mehr da.»Er brauchts ja nur am Tag, der Bäckerheini«, sagte er zu mir. »Der Zigeunerfranz, das ist einer.« Ich sah Zigeunerfranz nach.»Mutter hätte geschimpft«, sagte ich.»Ja. Sie schimpft«, sagte Opa Meier. »Du brauchst nicht mitzukommen.«»Wohin?« fragte ich.»Zum Bäckerheini.«

Rezension I Buchbestellung I home IV10 LYRIKwelt © Aufbau Verlag